In den Kölner Pilzen
Veröffentlicht: Dezember 9, 2024 Abgelegt unter: lebensmittel | Tags: Köln, Ostfriedhof, Pilze, Pilzling, Pilzwanderungen 4 KommentareWas haben der dramatische Rückgang gastronomischer Mittagsangebote, der Hype um das häusliche Backen mit eigenem Sauerteig und die deutliche Steigerung der Inanspruchnahme von Lebensmittellieferdiensten gemeinsam? Von allen diesen Phänomenen lässt sich eine mindestens mittelbare Verbindung zur inzwischen ansonsten erfolgreich verdrängten Covid-Pandemie herstellen. Die Folgen von Lockdowns und Kontaktverboten werden inzwischen zwar auf breiter Front wissenschaftlich evaluiert, auch psychosoziale Langzeiteffekte rücken mehr und mehr in den Fokus der interessierten Öffentlichkeit. Der kulinarische Kontext bleibt in diesem Zusammenhang jedoch leicht unterbelichtet.
Ebenfalls ins Bewusstsein von Menschen, die ab 2020 auf einmal im Homeoffice festsaßen und schnell unter Bewegungsdefiziten und an mangelndem sozialem Austausch litten, gerieten diverse Frischluftaktivitäten. Ob ordinäres Spazierengehen, elaboriertes Wandern oder Klein-Gärtnern: Vieles, was zuvor als altmodisch und uncool galt, war nun als Alltagsflucht aus den eigenen vier Wänden hochwillkommen. Dazu zählte recht schnell auch der Gang „in die Pilze“. Denn neben der Bewegung an der frischen Luft lockte dieses Unterfangen mit dem Versprechen, archaische Triebe zu befriedigen.
Das Jagen und Sammeln war in früheren Menschenzeitaltern bitter notwendig und einzige erfolgversprechende Möglichkeit der Nahrungssuche. Aber auch heute noch genügt die Aussicht auf Beute, auf ein potenziell schmackhaftes, nicht-tierisches Lebensmittel, das mehr oder weniger frei verfügbar irgendwo da draußen gefunden werden will, um interessierte Laien in die Botanik zu locken. Allerdings nicht, ohne zuvor einige der vielen einschlägigen Podcasts zu hören oder Youtubekanäle zu abonnieren, die klassische Ratgeberliteratur zu Rate zu ziehen, sich Facebookgruppen anzuschließen, Instagramaccounts zu folgen und an geführten Pilzwanderungen teilzunehmen. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich schreibe.
Und in Köln so? Ist der Pilzhype auch in der kleinsten deutschen Millionenstadt eingeschlagen? Und wenn ja, mit welchen Folgen? ich habe nachgeschaut in einem Wald an der Grenze zu Leverkusen, auf dem größten Kölner Friedhof und in einem Keller im Eigelsteinviertel. Das Ergebnis ist eindeutig: Es gibt sie, die schmackhaften, urbanen Pilze. Ob Reizker oder Röhrling, Judasohr oder Schwefelporling, Speise-Täubling oder Kräuterseitling: Alle diese Arten können hier gefunden werden. Wo, wann und wie genau, werde ich im Folgenden berichten. Nur das gängigste Objekt der Begierde, den Gemeinen Steinpilz, konnte ich unter keiner kölschen Eiche oder Buche finden. Erwähnenswerte Fichtenbestände, mit denen dieser Mykorrhiza-Pilz meist in Symbiose lebt, sind allerdings auch Mangelware im Stadtgebiet.
Am besten mal den Fachmann fragen
Wer ganz am Anfang der persönlichen Pilzreise steht und sich mangels Kenntnissen und praktischer Erfahrung das eigenständige Sammeln noch nicht zutraut, ist bei Reinhard Wegner bestens aufgehoben. Der Diplom Geograf mit Schwerpunkt Geo-Botanik und Vegetationsökologie sowie einer Promotion im Fach Bodenkunde ist geprüfter Pilzsachverständiger und bietet Pilzwanderungen durch Wälder im Kölner Umland an, die er als mykologische Schulungsveranstaltungen für Laien und Fortgeschrittene anlegt. Am Ende einer vierstündigen „Ökologischen Pilzwanderung“ in der Nähe von Dünnwald, an der ich Anfang September teilgenommen habe, lagen zwar nur zwei Semmelstoppelpilze, ein Pfifferling und einige lila Lacktrichterlinge in meinem Korb. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt in ganz Deutschland aufgrund von Regenmangel noch die Pilzpausetaste gedrückt.
Aber mein persönliches Pilzwissen hatte sich am Ende dieser Tour vervielfacht. Reinhard („Wir Pilzfreunde duzen uns.“) ist ein wandelndes Pilzlexikon, logisch. Auf ganz unnachahmliche, ruhige und äußerst zugewandte Art hat er zudem die Fähigkeit, Menschen zu begeistern und komplexe Zusammenhänge anschaulich darzustellen. Dass dabei durchs Unterholz gewandert wird, Bäume und Böden sprichwörtlich unter die Lupe genommen werden, alle möglichen, auch teils ungenießbaren Pilze in die Hand genommen, gerochen und auseinandergenommen werden, ist ein sinnliches Spektakel. Wichtige Lektion für Anfänger: Die Fixierung auf den Speisewert von Pilzen ist hinderlich beim Begreifen der Gesamtthematik. Oder anders ausgedrückt: Wer nur nach Maronenröhrling, Pfifferling und Co. Ausschau hält – und enttäuscht ist bei ausbleibendem Erfolg – benimmt sich der wunderbaren Faszination, die das Universum der Pilze in seiner Gesamtheit ausmacht. Sich beispielsweise erstmals am Leuchten des Kirschroten Saftlings zu erfreuen, bleibt unvergessen.
Bevor ich Reinhard verlasse und von Dünnwald nach Dellbrück wechsle, sei aber noch darauf hingewiesen, dass er allen Teilnehmern seiner Touren anbietet, bei Bedarf persönliche Pilzkontrollen vorzunehmen. Denn in den ersten Jahren wird bei Anfängern regelmäßig eine latente Unsicherheit vorherrschen, wenn sie mit einem gefülltem Korb aus dem Wald kommen. Viele Pilzsachverständige können dann zur Freigabe der essbaren Exemplare kontaktiert werden. Auch ich alleine traue mir eine relativ sichere Bestimmung nur bei vier bis fünf Arten zu. Doch einige Merksätze haben sich in den letzten drei Jahren „in den Pilzen“ in mein Bewusstsein gebrannt. Wer sie befolgt, landet sicherlich nicht so schnell auf der Intensivstation: 1. Neben den Bestimmungsmerkmalen der (wenigen) Pilze, die ich sammeln und essen möchte, muss ich auch diejenigen ihrer mitunter häufigeren Verwechslungspartner sicher kennen. 2. Bei Unsicherheit: Finger weg! 3. Die meisten gesundheitlichen Probleme treten nicht bei giftigen, sondern bei zu alten Pilzen auf. Also immer nach jungen, frischen Exemplaren Ausschau halten. 4. Fotografiere Dein Essen! Das macht es dem Krankenhauspersonal und Leuten wie Reinhard, der nebenbei auch noch den Pilznotruf unterstützt, leichter, gezielt zu helfen. 5. Viele kleine weiße – alle scheiße! Dieser von einem anderen Pilzpapst stammende Warnhinweis ist zugegeben etwas plakativ und unpräzise. Ich würde formulieren: Champignons bitte lieber im Supermarkt kaufen.
Kölns grüne Lunge
Aber nun geht es auf den Ostfriedhof. Es handelt sich dabei um eine der größten Grünanlagen im Stadtgebiet – und um einen Waldfriedhof. Das 59 Hektar große, nach dem zweiten Weltkrieg angelegte Areal ist nur zu einem Zehntel ausgelastet, so dass sich in vielen Bereichen kleine Mischwaldparzellen finden. Aber auch dort, wo Gräber angelegt sind, wachsen interessante Bäume, die sonst in Köln eher selten vorkommen. Wegen der Kiefern bin ich heute, Anfang Oktober, mit meinem Pilzkorb und mit der Fotografin Franzi hier.














Wir spazieren anderthalb Stunden über das abwechslungsreiche Gelände – und finden wenig. So trösten wir uns mit Pilzplattitüden wie „Es heißt Pilze suchen – und nicht finden.“ und rufen uns in Erinnerung, dass neben mykologischem Kenntnisreichtum buddhistischer Gleichmut die wahrscheinlich wichtigste Eigenschaft ist, die Pilzmenschen mitbringen müssen. Denn es muss so vieles passen: Neben den richtigen Bäumen und der passenden Bodenbeschaffenheit spielen wie erwähnt die klimatischen Verhältnisse eine wichtige Rolle fürs Pilzwachstum. Und natürlich sind da immer auch die anderen Menschen, die gegebenenfalls schneller waren als man selbst. In einer Großstadt soll das vorkommen.
Immerhin finden wir – neben einem leckeren kleinen Goldröhrling und einem noch schmackhafteren Kiefern-Reizker – eine ganze Reihe verschiedener Täublinge. Ganz bestimmt kein Anfängerpilz, aber doch eine der faszinierendsten Gattungen hierzulande, nicht zuletzt wegen der großen farblichen Vielfalt der Hüte der mehr als 700 Unterarten. Viele davon sind richtig leckere Speisepilze, einige aber auch ungenießbar. Ich traue mir inzwischen die Anwendung der so genanten „Täublingsregel“ zu und so bleibt der Korb nicht ganz leer. Und weil das Habitat generell vielversprechend ist, werde ich in einigen Wochen wiederkehren.
Startup unterm Eigelstein
Doch liegen nicht alle Kölner Pilzvorkommen an der Oberfläche und sind frei zugänglich. Deshalb verabreden wir uns zwei Tage später mit Trevor Weiss im Hinterhof eines Hauses an der Plankgasse. Hier betreibt der Kanadier zusammen mit Christian Vetter unter dem Namen Pilzling Kölns erste urbane Pilzfarm. Die Idee dazu entstand ebenfalls zu Beginn der Pandemie. Die beiden wollten eine nachhaltige, landwirtschaftliche Produktion in der Stadt aufbauen und dabei möglichst die Ideen einer Kreislaufwirtschaft befolgen. Aber warum haben sie sich ausgerechnet für den Anbau von Pilzen entschieden? „Pilze benötigen weder große Flächen noch viel Wasser, was sie zu einer idealen Kulturpflanze für Städte macht. Sie gedeihen in kleinen Räumen, zersetzen organische Stoffe und verwandeln sie in köstliche Lebensmittel.“ Trevors Augen leuchten, als er uns die einige hundert Quadratmeter große, unterirdische Produktionsfläche zeigt. Hier wachsen auf einem selbst entwickelten Substrat aus Holzspänen und Roggenbruch prächtige Kräuterseitlinge, Klapperschwämme oder Pompon-blancs, auch Igel-Stachelbart oder Lion`s Mane genannt.















Jeden Freitagnachmittag öffnet die Farm im Eigelsteinviertel ihre Tore zum Pilzverkauf. Ansonsten verkaufen die beiden ihre Produkte vor allem an die Gastronomie. Außerdem haben sie auch „Growkits“ im Angebot, Komplettsets für die Hobby-Pilzzucht daheim. Und weil natürlich immer wieder Restpilze übrig bleiben, haben die Pilzlinge auch daraus etwas Spannendes entwickelt. Seit Anfang November verkaufen sie „Shroom Boom“, eine fermentierte Pilzessenz. Wir durften diese Würzsauce, die sich geschmacklich und von den kulinarischen Verwendungsmöglichkeiten her irgendwo zwischen Fisch- und Worcestersauce einordnet, vorab probieren. Ein Umami-Booster und gleichzeitig ein Stück Wald im Mund. Toll, was Pilze alles können.
(Fotos: Franziska Klein)
Pizza bianca alle melanzane
Veröffentlicht: Dezember 21, 2020 Abgelegt unter: Weltweit | Tags: aubergine, melanzane, Pizza, pizzabianca 9 KommentareZu keinen Zeiten war dieser Blog eine reine Rezepteschleuder. Entweder frönte ich abseitigen Kombinationen aus DIY-Popkultur und hausgemachter Besseresserei oder – je länger ich hier schreibe, desto häufiger – ich wandele auf semi-journalistischen Pfaden und hinterfrage kritisch die Praktiken hiesiger Lebensmittelproduktion. Das Abfeiern guter Produzenten und das Teilen noch besserer Ideen meiner kleinen Welt gehörte immer schon dazu, wenn Utecht schreibt.
Die gewiefte Leser*innenschaft weiß natürlich längst, um was es heute geht. Denn wenn er schwurbelt, hat es wohl geschmeckt. Und richtig: Passend zur jahreszeitlichen Endstimmung möchte ich verkünden, dass ich die nächste Evolutionsstufe der Pizzabäckerkunstfertigkeit erklommen habe. Zugegeben: Das hat wenig zu tun mit nachhaltiger, regionaler Biobauernschaft, meinem eigentlichen Fetisch. Mit der Erforschung von kulinarischer Heimattümelei auch nicht. Aber es ist Soul-food. Und das muss an dieser Stelle einmal reichen.

Es gab also eine Pizza bianca in der Gesindehausküche. Mit Auberginen und Büffelmozzarella. Alle Zutaten erlesenster Provenienz, die Zubereitung folgte neuesten Erkenntnissen. Und doch wäre dies kein Grund für einen eigenen Blogeintrag, zumal es sich um den ersten seit über einem halben Jahr Funkstille handelt. Was also war und ist der Clou? Zuerst einmal dies: Um eine richtig gute Pizza beurteilen zu können, muss man 24 Stunden warten. Denn nur was anderntags, kalt und auf die Faust, noch so schmeckt wie Manna und dabei saftig ist und nicht wie Gummi, ist wirklich gut.
Das liegt natürlich am Teig – sehr gutes Mehl, wenig Hefe, viel Wasser – und an der langen Gare (24 h Minimum) und an der höchsten Hitze, die der Haushaltsofen hergibt. Fragt nach bei Schelli oder Torsten oder Claudio. Mehr als die halbe Miete bringen diese Faktoren. Aber im speziellen Fall kam der Kick durch den Belag. Präziser durch das, was ich nicht getan habe: die Aubergine vorbehandelt. Also weder gesalzen, noch gebraten oder gedünstet oder sonstwas. Einfach nur geschält und fein aufgeschnitten und die Scheiben nebeneinander auf den mit Mozzarella belegten Fladen drapiert. Mit reichlich Olivenöl bestrichen acht Minuten in den Ofen, dann mit einigen Rosmarinnadeln verziert, noch etwas Pasta filata und grobes Salz aufgeworfen und fertig gebacken. Vor dem ersten Biss ein paar Tropfen Knoblauchöl und zum Genuss ein Glas Doldensud aus Riedenburg.
Buon Natale!
Praxistipps zur Hühnerhaltung
Veröffentlicht: Juli 15, 2020 Abgelegt unter: Selbstversorger | Tags: Archehof, Bünghausen, biokreis, Eier, hühner, Hühnerhaltung, klosterhof, seminar Hinterlasse einen KommentarErst einige Jahre nachdem wir ins Gesindehaus gezogen waren, diskutierten U. und ich das erste Mal die Frage, ob wir eigene Hühner halten möchten. Anlass dazu war eine Entdeckung: Unser Geräteschuppen ist ein von einer alten Scheune abgetrennter Bereich – die wiederum Teil des als Vierkanthofs angelegten Landguts ist, auf dessen Gelände wir das Privileg haben, leben zu dürfen. In diesem Schuppen gibt es eine etwas versteckt angebrachte Klappe in Bodennähe, die einen Zugang zu unserem Garten ermöglicht. Unzweifelhaft diente diese Vorrichtung in vergangenen Zeiten einmal der Hühnerhaltung.
Wir erwogen also ganz ernsthaft, ob dort wieder geeignetes Federvieh einziehen solle. Weil wir Eier essen (und ich auch Hühnerfleisch), weil wir in dieser Phase unseres Lebens den Gedanken der weitestmöglichen Selbstversorgung sehr attraktiv fanden – und nicht zuletzt, weil ich in einem Haushalt aufgewachsen bin, in dem es immer Hühner gab. Das alles war übrigens weit vor der aktuellen, Pandemie-bedingten Zurück-aufs-Land-Welle und auch weit vor durchromantisierten, Insta-tauglichen Versuchen der überbordenden Selbstinszenierung. Wir entschieden uns letztendlich dagegen, aus vielerlei praktischen Gründen, die alle irgendwie mit fehlenden Zeitkontingenten zu tun hatten.
Allerdings beobachte ich seit kurzem wieder ein Aufflackern solcher Bedürfnisse (nicht nur Hobby-Imkern ist ein Trend) im weiteren Bekanntenkreis – aus naheliegenden Gründen. Am Ende geht es oft um die absolut nachvollziehbare Frage der Produktprovenienz.
Und hier kommt ein Angebot ins Spiel, dass der Gummersbacher Klosterhof Bünghausen zusammen mit dem Biokreis Erzeugerring NRW macht. Am Sonntag, den 2. August 2020, bieten sie ein Praxisseminar Hühnerhaltung an (Link zum Veranstaltungs-PDF). Diese Veranstaltung richtet sich explizit sowohl an Menschen, die Hühner im Privatgarten für die Eigennutzung halten möchten, wie auch an die, die eine weitere Vermarktung von Eiern und Fleisch in Erwägung ziehen.

Im dreistündigen Seminar werden Grundlagen zur Hühnerhaltung ebenso vermittelt wie wichtige Tipps von Praktikern, die man nicht online nachlesen kann. Es geht weiterhin um die Wahl der passenden Hühnerrasse, um Stallsysteme, Futter, Tipps zur Gesunderhaltung und vieles mehr.
Der Klosterhof ist übrigens auch an und für sich einen Ausflug wert. Auf dem Archehof werden alte, vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen (Rinder: Rotes Höhenvieh; Schafe: Bergschafe; Hühner: Mechelner Hühner; Pferde: Noriker vom Abtenauer Schlag) gezüchtet und deren Produkte vermarktet.
Vegetabile Transformation 3: Stielmus (Rübstiel)
Veröffentlicht: April 20, 2020 Abgelegt unter: Gemüse, Niederrhein | Tags: cime de rapa, orecchiette, rübstiel, stängelkohl, stielmus, streppmaut 3 KommentareVorher:

Nachher:

Wenn Speiserüben (Brassica rapa ssp. rapa) auf rheinischen Äckern sehr eng gesät werden, bilden sie zwar keine Wurzeln (also Rüben). Auch nicht im Mai. Aber dann ist es meist sowieso zu spät – denn die wenigen noch traditionell anbauenden Landwirte und Gärtner haben es einzig auf die Blätter abgesehen. Der Italiener kennt das, vor allem in Apulien isst man eines meiner absolut liebsten Pastagerichte: Orecchiette con le cime di rapa. Grüner Hauptdarsteller ist hier wie dort ein Stängelkohl. Wobei in Italien eine etwas andere Varietät (Brassica rapa subps. sylvestris var. esculenta) Verwendung findet. Geschmacklich liegen beide ganz nah beieinander: leicht bitter, mit Senfölnoten und einer gewissen Säure versehen.
Rübstiel heißt am Niederrhein Stielmus; wohl weil die Kohlblätter traditionell verkocht wurden zu einem homogenen Matsch, allenfalls mit Salz, Pfeffer und Kümmel gewürzt. Wenn ich ihn dieser Tage auf dem Markt finde, knüpfe ich also ausnahmsweise einmal nicht an die Küchentraditionen meiner Mutter an, sondern erinnere mich an Francesca aus Monopoli. Vor bald schon 15 Jahren erklärte sie mir in ihrer kleinen Küche folgendes Vorgehen:
Die Stiele werden fein geschnitten und zusammen mit einer zerdrückten Knoblauchzehe, 2-3 Sardellenfilets und einer Peperoncino in reichlich Olivenöl zehn Minuten gebraten. Dann ein halbes Glas kräftigen Weißweins hinzu und einkochen lassen. In der Zwischenzeit die Pasta garen, eine Minute vorm Abgießen die Kohlblätter hinzugeben. Dann alles in einer weiten Pfanne oder im Wok – den ich für solcherlei stets verwende – gründlich durchschwenken und genießen. Viel Kochwein dazu trinken. Wohlsein.
Abends in Düsseldorf
Veröffentlicht: Januar 29, 2020 Abgelegt unter: Gedankenstrom | Tags: battera, düsseldorf, Fischhändler, makrele, Michelin, osaka, sushi, tokyo Ein KommentarUnd dann gibt es diese Zufälle im Leben eines Foodies:
Abends, an der Theke meines zweitliebsten Sushi-Restaurants, in der Landeshauptstadt, komme ich ins Gespräch mit meinem Nebenmann. Weil mich interessiert, was er da gerade isst. Battera-Sushi, meint er, Osaka-Style. Makrele mit Reis, gepresst. Und dann gerät er ins Schwadronieren, über Fischqualitäten und Fangmethoden und fragt nach meinen liebsten Adressen. Es entspinnt sich eine überbordende Fachsimpelei mit strahlenden Gesichtern auf beiden Seiten. Irgendwann lässt er fallen, dass er Fischhändler sei und in Japan gelernt habe. Und nicht nur dieses Lokal beliefere – sondern „alle, die Wert auf guten Fisch legen“. Das scheint zu stimmen, wenn man sich seinen Internetauftritt so anguckt.

Toko-Jo-Sushi im Kikaku, Düsseldorf
Ein wirklich inspirierendes Gespräch, in dem ich viel lerne über Netze und wie man sie flickt, über den Fischmarkt in Tokyo und dass neben Düsseldorf ausgerechnet München die deutsche Stadt sei, in der es die besten Fischqualitäten gebe. Und dann erreicht mich auf dem Nachhauseweg in der S8 eine Nachricht vom Guide Michelin via Instagramm. Ob sie ein Foto von mir nutzen dürften für ihre Veröffentlichungen. Why not?
Tage gibt’s…
Biogemüse-Anteil steigt auf über 8 %
Veröffentlicht: Januar 8, 2020 Abgelegt unter: Gemüse | Tags: Ökolandbau, Biogemüse, Landwirtschaft, Naturkostfachhandel, NRW Hinterlasse einen KommentarGenau 8,1 Prozent der Einkaufsmenge an Frischgemüse stammt in Deutschland im ersten Halbjahr 2019 aus ökologischer Landwirtschaft. Diese Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen. Das Bundesland mit der größten Bio-Anbaufläche ist dabei Nordrhein-Westfalen. Insgesamt circa 2.500 Hektar Freilandfläche bewirtschaften ökologisch arbeitende Gärtnereien und Gemüsebauern hierzulande. Das berichtet die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI). Ergänzend gehen die Experten bei der Landwirtschaftskammer NRW davon aus, dass sowohl im Gemüsebereich wie auch bei ökologisch erzeugten Milchprodukten die Nachfrage weiter wächst. Dies hat wiederum zur Folge, dass es für bisher konventionell arbeitende Landwirte weiterhin attraktiv bleibt, auf Ökolandbau umzustellen.

Auf Ökolandbau NRW ist nachzulesen, dass in Deutschland jeden Tag durchschnittlich fünf landwirtschaftliche Betriebe auf bio umstellen. „In Nordrhein-Westfalen waren es im letzten Jahr etwa alle drei Tage ein Betrieb mit durchschnittlich circa 50 Hektar pro Betrieb, das meiste davon Ackerland.“ Zwar wachse der Absatz bisher nicht im selben Tempo, aber die Experten sind vorsichtig optimistisch, weil auch das Handelssegment „Bio“ hochdynamisch ist. Circa 11 Milliarden Euro ist das jährliche Volumen des Bio-Lebensmittelmarkts, was knapp sieben Prozent des gesamten Lebensmittelmarktes entspricht.
Interessante Randnotiz: Obwohl inzwischen 60 Prozent der Bioprodukte im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel (inklusive Discounter) verkauft werden, wächst auch der Naturkostfachhandel weiter – und zwar besonders in NRW. Die Experten der Landwirtschaftskammer erläutern: „Laut Branchenanalysen haben die hiesigen Naturkosteinzelhändler im ersten Halbjahr 2019 mit neun Prozent das stärkste Umsatzwachstum aller Regionen erreicht und damit hält NRW bereits im dritten Jahr in Folge diese Vorreiter-Rolle. In NRW ist also nicht nur die Dichte an Marktunternehmen, die ausschließlich mit Ökolebensmitteln handeln groß, sondern auch die Nachfrage nach Ökoprodukten.“
Brudertier-Initiative widmet sich ethischen Fragen der Tierhaltung
Veröffentlicht: Dezember 11, 2019 Abgelegt unter: Gedankenstrom | Tags: bid, bruderhahn, brudertier, kälber, küken, lämmer, ziegenkitze Hinterlasse einen KommentarVergangene Woche hat sich die bisher sehr erfolgreich arbeitende Bruderhahn Initiative (BID) entschlossen, sich fortan mit möglichst allen ethischen Fragestellungen der Nutztierhaltung auseinanderzusetzen. Bisher standen besonders das Schreddern oder Vergasen von männlichen Hühnerküken im Fokus des Vereins, der ursprünglich von norddeutschen Bio-Produzenten und -Händlern gegründet und von Bioland und Demeter unterstützt wird. Über 40 Millionen Legehennen-Brüder werden laut BID in Deutschland kurz nach dem Schlüpfen getötet. Betriebe mit dem Bruderhahn-Logo hingegen schlagen 4 Cent auf den Preis eines jeden Hühnereis auf – und stecken diese Mehreinnahmen komplett in die Aufzucht der männlichen Tiere.

Bruderhähne im Freien (Quelle: BID)
Ähnlich nachhaltige und pragmatische Lösungen sollen nun u.a. für folgende Problemfelder erarbeitet werden: So können Bullenkälber aus Biolandwirtschaft im deutschen Biomarkt bisher nur unzureichend vermarktet werden. Ganz ähnlich sieht es bei männlichen Ziegenkitzen und Lämmern aus – mit ethisch bedenklichen Folgen. Überzählige männliche Tiere werden einer nicht akzeptablen Resteverwertung zugeführt (detaillierte Infos dazu folgen hier in Kürze). Daher sollen mit allen Beteiligten – Produzenten, Handel und Verbrauchern – neue Absatzmöglichkeiten und Vermarktungskonzepte erarbeitet werden. Darüber hinaus stehen aber auch Themen wie die muttergebundene Kälberaufzucht und die Ferkel-Kastration auf der Agenda des BID. So dürfen Ferkel hierzulande bis zu ihrem siebten Lebenstag ohne Betäubung kastriert werden. Die Einführung verschärfter Tierschutzbestimmungen wurde bisher von der Lobbyarbeit der Agrar-Verbände unterminiert.
Die neu formierte Initiative lädt nun weitere landwirtschaftliche Betriebe, vor allem aus dem Bereich Rinderhaltung, ein, sich ihr anzuschließen. Diese sollten sich „mit dem Ziel der Brudertier Initiative identifizieren und sich dafür engagieren, jegliche unethische Praxis bei der Haltung, dem Transport und der Schlachtung von Nutztieren zu beenden“.