Portland, Tamarindenmuscheln und eine Ziege im Schnee

Zu Zeiten, als meine Peergroup (und ich, zugegeben) im Selbstfindungsstadium reichlich volatil in den Epochen der Musikgeschichte forschte, mit dem eigenen Aussehen experimentierte und das Mäandern zwischen protorevolutionären Gedankengebäuden zum guten Ton gehörte, damals, in den ideell eigentlich vakuumisierten 80ern, gab es wenig, was juvenil Suchende auf Linie hielt. Struktureller Eklektizismus, der sich in meinem Musikgeschmack – sich zwischen Bob Mould, Branford Marsalis und Bob Marley zu entscheiden, war mir nicht möglich – wie im Outfit – Irokese oder Hippiematte wechselten geschmeidig – und im Denken niederschlug, war Lebensprinzip. Von allem zuviel und doch nie genug.

Hunger nennt man das wohl, Unersättlichkeit. Eine Stadt ist mir seit dieser Zeit musikalischer Sehnsuchtsort, dies teile ich mit einem Freund, der sich gestern für heute zum Essen einlud. Spontan, er ist auf der Durchreise. Garagenrock dröhnt aus den Boxen, während ich nach Inspektion der Vorräte ein experimentelles Sonntagsmenue zusammenstelle. Er erwartet solcherlei von mir. Ich auch. Folgendes soll es also geben:

Farinata di ceci
Muschelsuppe asian fusion
Zicklein mit frittiertem Chicorée
Johannisbeerparfait mit Zimtchips

Den Rest vom gestrigen Kichererbsenfladen werde ich kurz kross ausbacken und mit Aprikosenmus reichen. Miesmuscheln, die ich gestern mit einer völlig anderen Absicht kaufte,  werden zu einer Suppe werden, in die ich meine gesammelten südostasiatischen Erfahrungen einfließen lasse. Zumindest werde ich das erste Mal das Tamarindenmark verwenden, welches mein fotografierender Neffe mir zu Weihnachten schenkte. Von ihm stammt übrigens das Bild der halben Ziege im Schnee, die mir Grundlage für den dritten Gang sein wird.

Halbe Ziege im Schnee

Halbe Ziege im Schnee

Das Dessert ist von der großartigen Mestolo inspiriert, wobei ich ein noch ärgerer Feind von Kaffeearomen in Süßspeisen bin. Daher die Beeren, in Form von gottgleichem Gelee verarbeitet. Damit habe ich angefangen – die Ergebnisse werde ich zu gegebener Zeit veröffentlichen.


Nach einer langen Nacht

Als Herzensitaliener bin ich ja eigentlich kein Frühstücksfreund. Ein schneller Caffè mit einer kleinen, süßen Schweinerei reicht meinem Organismus, um nach einer normalen Nacht auf Touren zu kommen. Zu besonderer Leistungsfähigkeit – wenn ein Termin drängt, ein Konzept oder Text noch allzu sehr im Vagen oszilliert, äußerer Druck also den naturgegeben unzuverlässigen Kreativprozess in’s Prekäre drängt – verhilft eine halbstündige Körperertüchtigung vor der ersten Nahrungsaufnahme. Neben Koffein und Kalorien wird so die Sauerstoffzufuhr promoviert.

An manchen Tagen ist dies jedoch gänzlich kontraindiziert. Wenn also entweder der ökonomische Druck oder der Hang zur Selbstausbeutung zu stark waren und die Schlafenszeit deutlich unter den sonst durchschnittlich üblichen sechs Stunden geblieben ist oder aber als Rückgriff auf juvenile Gewohnheiten irgendwas aus dem Dunstkreis von Sex’n’Drugs’n’Rock’n’roll eine Rolle spielte in der letzten Nacht – dann ist ein ausgiebiges, entschleunigtes Frühstück das einzige, was hilft. Am besten mit zwei bis drei Qualitätstageszeitungen zum Festhalten und irgendeinem passenden musikalischen Seelenbalsam, skandinavische Singer-Songwriter beispielsweise.

Functional food: Frühstück

Functional food: Frühstück

Hamburgs Drittbeste sind ja auch Nordländer und haben im letzten Jahr bekanntermaßen ein Album mit dem wenig tiefsinnigen Titel Schall und Wahn publiziert. Ich war nie ein großer Freund von Dirks Parolen, doch ab und an gelingen Tocotronic gute Songs. Auch dieses Mal war immerhin einer dabei, der zudem gut zu der oben beschriebenen wenig sattelfesten Verfasstheit passt.


Mir war klar, was zuerst da war

Bildergeschichte in drei Teilen: Warum mich so genannte Lebensmittelskandale eher selten berühren

Bildergeschichte in drei Teilen: Warum mich so genannte Lebensmittelskandale eher selten berühren


Ehrenwertes Schneeballsystem

Kann der Zweck die Mittel heiligen? Ich habe zu lange in Köln gelebt, als dass ich diese Frage ethisch-theoretisch mit einem eindeutigen NEIN beantworten könnte. Eher mit dem rheinisch-typischen „Ja, aber“ – wenn ich nicht gar dialektisch-idiomatisch ausholte. Das spar ich Euch, werte Leserinnen und Leser, und bekenne schlicht und kurz, dass es mich gefreut hat, dass Peggy und Pamela in ihren Blogs bekannten, mein Geschreibsel leidlich zu mögen.

Ich bewege mich schon zu lange im Umfeld von Journalismus, PR und Kommunikation, als dass ich nicht wüsste, was ich hier tue. Tagebuchschreiben extended. Intellektuelle Selbstbefriedigung mit Gedankenscharmützeln. Ein reiner Foodblog hingegen sollte dies nie werden. Doch hat mich die Begeisterung und Professionalität von Menschen wie Claudio oder Robert ab einem gewissen Punkt derart beeindruckt, dass ich neben der Musikmission nun auch ein kleines Koch- und Ess-Notizbuch pflege.

Und an der richtigen Stelle die reine Vernunft ausschalte und hiermit die Bälle weiterschmeiße, bevor sie schmelzen.

Welche Blogs ich regelmäßig lese und wirklich mag, ist meiner Blogroll zu entnehmen. Vier hebe ich nun hervor.

evenaar … trifft Längengrad
Weil Afra stets zwischen Mythos und Moderne changiert. Stilvoll und individuell.
Esszimer
chickofprey und queenofsoup heißen sich die Autorinnen – was schon fast als Begründung reicht.
Kraskas Staunmeldungen
Der Ghetto-Magister kocht zwar selten, isst aber gerne gut und leidet auf hohem Niveau.
Azestoru
ist ein Hacker, der bloggt. Oder so.

Bunzel und Peppinella wurden kürzlich anderweitig bedacht, so dass ich sie nur erwähne.

Meine Entschuldigung an die hier Verlinkten: Ich war doch nur Befehlsempfänger! Diesen hier befolgte ich kadavergehorsamst:

„Erstelle einen Post, indem du das Liebster-Blog-Bild postest & die Anleitung reinkopierst (= der Text den du gerade liest). Außerdem solltest du zum Blog der Person verlinken, die dir den Award verliehen hat & sie per Kommentar in ihrem Blog informieren, dass du den Award annimmst & ihr den Link deines Award Posts da lassen.

Danach überlegst du dir 3- 5 Lieblingsblogs, die du ebenfalls in deinem Post verlinkst & die Besitzer jeweils per Kommentar – Funktion informierst, dass sie getaggt wurden und hier ebenfalls den Link des Posts angibst, in dem die Erklärung steht.

Liebe Blogger: Das Ziel, dieser Aktion ist, dass wir unbekannte, gute Blogs an’s Licht bringen, deswegen würde ich euch bitten keine Blogs zu Posten, die ohnehin schon 3000 Leser haben, sondern talentierte Anfänger & Leute, die zwar schon ‘ne Weile bloggen, aber immer noch nicht so bekannt sind.“


Füllhorn

Handwerkszeug

Handwerkszeug

Reiseapotheke; Speicher für angewandte Dichtung.
Und ewig lockt die Ferne. Nur ihr erliege ich gerne.


Ein Märchen

Mein Xmas-Post erinnert an einen großen Songwriter der 80er, der mit seiner kleinen Folkpunkband so manchen Klassiker schuf und performte. Er tut das immer noch, längst ein Schatten seiner selbst. So wankte er wohl auch gestern in Brixton auf die und auf der Bühne – so dass ich uns den Soundtrack zur Jahresendfeier von Billy Bragg und Florence and the Machine vortragen lasse. Feiert schön (hoffentlich auch Du, Shane MacGowan)!


Spundekäs, Silvaner und eine halbe Ziege oder Kulinarisches Kabarett

Heute abend Silvanerverkostung, meine Aufgabe: Eine Kleinigkeit zum Knabbern, Geschmacksneutralisieren und Kalorienspeichern kreieren. Zur Traube war die gedankliche Rheinhessen-Verknüpfung nicht beschwerlich und die Idee  „Spundekäs mit Brezeln“ ward geboren. Nur halt auf meine Art: Nicht aus langweiligem Quark und Frischkäse  von Schwarzbunten, sondern ebensolches von hiesigen Ziegen. Der Weg zu Konnen ist nicht weit – außer mit Milchprodukten fuhr ich mit einem halben Zicklein vom Hof. Doch davon in den nächsten Tagen mehr.

Bööscher Ziegenkäse

Bööscher Ziegenkäse

Spundekäs ist simpel: Zwei Teile Quark und einen Teil Frischkäse vermengen und mit etwas Meersalz ausdauernd cremig rühren. Dazu dann eine ordentliche Menge edelsüßes Paprikapulver von Szegedi und in feine Würfel geschnittene Schalotten, fertig.
Das säuerlich-kräftige Ziegenaroma gefällt mir ausgesprochen gut und wird den Wein gefällig begleiten.

Übrigens: Kulinarik und Kabarett passen nicht zusammen. Doch einige wenige Ausnahmen bestätigen diese Regel:
Der Diplom-Puppenspieler Rainald Grebe aus Frechen/Rheinland spielt bisweilen Klavier auf Bühnen, erzählt dazu und fabriziert landläufig Kleinkunst genanntes. Ziel seines Spottes sind neben den Ureinwohnern „Mitteldeutschlands“ in der Regel andere Mitleidende seiner (und meiner) Generation. Über unsere Eltern formuliert er treffend:
„Roher Fisch auf kaltem Reis mit Algen – tun die doch in den Müll!“

Dann gibt es da noch einen Dunkelhaarigen, der beiläufig zum Pianoforte schwadroniert. Er ist Siebenbürge aus Essen (sic!), besitzt einen Baseballschläger und heißt dazu noch Hagen. Rether.

Schließlich dieser Kanake aus Neuss, der so hübsch „Hitler“ sagt. Serdar Somuncu ist Hassprediger aus Leidenschaft.

Ansonsten ist mir Kabarett zu spießig.