Protestessen ist kein Querulantentum

Esst mehr Frühlingsrollen!

Esst mehr Frühlingsrollen!

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, ist einer dieser Sätze, die die veröffentlichte Meinung des angeblich kleinen Mannes in den letzten Monaten verteidigend verbrämen sollten. Mal abgesehen davon, dass Frauen bezeichnenderweise zu kurz kommen in solch verwirrendenden Argumentationssträngen, hängt mir derlei zu den Ohren raus. Glücklicherweise bin ich weder Schwabe, noch Hugenotte – sondern bekanntermaßen Rheinländer. Diese Volksgruppe bedarf keines Schlichters, um Quasi-Konsens herbeizuschwadronieren, ihr ist der Kompromiss Lebensprinzip. Hegelianer im eigentlichen Sinne, dem Logisch-Reellen verhaftet, abstrakt, dialektisch und spekulativ in einem geistigen Rutsch. Mit gehöriger Fatalismus-Latenz – und guter Laune. Der Begriff „bierernst“ stammt mit großer Sicherheit aus einer völlig anderen Weltengegend, obwohl dies etymologisch nicht abschließend zu klären ist.

Der Wortursprung der „Frühlingsrolle“ hingegen liegt offen zu Tage: Hinein kam in die Teighülle alles an Sprossen und Schoten und Blüten, was das sprießende Jahr zu bieten hatte. Am chinesischen Neujahrsfest gegessen wurde kulinarisch der Lenz gegrüßt (wobei ich die reisteigigen nem rán Nordvietnams vorziehe). Allerdings musste ich heute beim Asiamann mit einer Loempia Hollandse stijl vorlieb nehmen. Geschmeckt hat sogar die Süßsauer-Pampe. Nur der Winter ließ sich doch nicht bannen.


Manchmal

muss es eben Schweinebraten sein. Zum Beispiel winters. Oder rote Grütze, bei starker Hitze. Rahmspinat mit Spiegelei – im Mai. Und wenn die bunten Blätter fallen, kommt bisweilen, nein, kein weiterer Reim, sondern einWildragout nach des heiligen Hubertus Art auf den Tisch. Ich habe ein ausgeprägtes Faible für alles, was mit Begriffen wie „Hausmannskost“ oder „gediegene Regionalküche“ geschmäht und gemeuchelt wird. In Blogs wird derlei seltenst beschrieben, bei allem Ethnofood-Brimborium und pseudokulinarischen Selbsterfahrungstripps.

Wer aus Bayern stammt und Schweinsbraten sagt, lernt solch basale Kochkunst höchstwahrscheinlich bis auf den heutigen Tag in schulischer Hauswirtschaftslehre. Doch alle anderen Carnivoren gehen bestimmt davon aus, die rosafarbenen, kringelschwänzigen Quieketierchen taugten einzig zur Schnitzelproduktion. Doch bevor ich mich in Rage schreibe, teile ich Euch, werte Leser, schlicht mit, was ich heute aß. Schweinebraten mit Rosenkohl, Kartoffeln und Soße. Die allerdings eine Sauce war. Ein Schwein vom Stautenhof lieferte mir das obere Ende des Kotelettstrangs (Nacken), mitsamt Knochen. Der Rosenkohl bekam vor allem Eines: Zeit. Und die späten Kartoffeln sind  momentan ganz besonders lecker.

Deutscher Dreiklang: Schweinebraten, Rosenkohl, Kartoffeln

Deutscher Dreiklang: Schweinebraten, Rosenkohl, Kartoffeln

Gewürze spielten wider Erwarten eine dominante Rolle: Muskat für den Kohl ist nachgerade selbstverständlich. Doch dass der aus dem Schnee gerettete Thymian den fetten Braten neutralisierend auf ein hohes Geschmackslevel hebt, muss ausprobieren, wer es nicht glaubt. Der Sauce geben Möhre und Zwiebel Süße und Rückhalt, reichlich schwarzer Pfeffer der ganzen Chose Wucht. Schmoren ist eine grandiose Kulturtechnik. Warum, wird beim Lösen des Fleisches vom Knochen nach locker anderthalb Stunden überdeutlich. Really moist – wie ein amerikanischer Freund bei solchem Anblick zu sagen pflegt. Manchmal muss es eben Schweinebraten sein.

„Irgendwann merkt man, dass manchmal wie Manchester anfängt.“

Bevor ich’s vergesse geht noch ein besonderer Dank an einen gastrophilosophischen Qyper aus Duisburg für den Hinweis auf den Winzer Wolfgang Pfaffmann aus Landau: Da ich darauf vertraue, dass man die guten Weinbauern an ihren einfachen Qualitäten erkennt, der Geschmack im besten Falle Liebe und Sorgfalt widerspiegelt, trinke ich aus einem üppigen Probepaket zuerst den 2009er Spätburgunder QbA (Nußdorfer Herrenberg) : extrem ausgewogen und dicht, freundlich-offener Winterwein, der dennoch lange Wärme schenkt.


Mond-Sucht

Zu Vollmond besuchte mich der schwarze Neger Wumbaba.
Statt mich inbrünstigem Anheulen hinzugeben ist mir in derlei Nächten meist reichlich poetisch. Den Soundtrack dazu liefert alles, was mein musikalisches Langzeitgedächtnis thematisch trefflich anzubieten weiß. Von den Untoten des Garagenrock, den weltbesten DIY-Artisten Fred und Toody Cole aka Dead Moon (inzwischen Pierced Arrows), bis hin zu Schlagerschoten wie dem 30er-Jahre-Kraft-durch-Liebesleid-Schmonz Roter Mond.  Nur dass eine diesbezügliche YouTube-Recherche nun aufdeckte, dass ich seit Jahr und Tag einem mehr oder weniger willentlichen Fehlhören aufgesessen bin. Der Schützengraben-Schlager heißt tatsächlich Roter Mohn,wurde 1938 vom einschlägig vorbelasteten Michael Jary komponiert und dirigiert und eingesungen von der „chilenischen Nachtigal“ Rosita Serano.

Bleibt dennoch Obsessionsklangteppich, trotz braunem Dunst.
Zurück zum Dichterkitsch. Vor Jahr und Tag, ebenfalls in einer Vollmondnacht, flossen mir folgende Verse in den damals noch juvenilen Füller:

blicken verborgen
wolken verhangen
mitternacht.
sanfte sorgen
großes bangen
aufgewacht.

konturen, schräg und schief
am himmel fahl
tiere schlafen wesenlos
irrational.

gut verborgen
tief vergraben
unbewohnt.
keine gedanken
schwache konturen
toter mond.

Dichter Dichter. Reimeschütteln ist meine Lieblingsdisziplin nimmermehr. Wer will schon nochmal 20 sein und so verliebt wie damals. Das lassen wir mal die Profis machen, die gegebenenfalls auch noch schleimlösend dazu musizieren:

D for disaster
E for my eyes
A for my anger
D before I die
M for Mona
O oh good
O oh good
N for the night

Dead Moon Night


Ein Spielplatz in Wien, musikalisch virtuell, Schnell

Christiane Rösinger als die große alte Dame des deutschsprachigen Befindleichkeitspop zu beschreiben, ist weder despektierlich noch lakonisch gedroschene Phrase, sondern ein Eindruck. Die zugegebenermaßen leicht sepiafarbene Formulierung ist das Ergebnis langjähriger Ergebenheit, des Mitleidens, des steten Wiedererkennens. Bei allem Geschwurbel imponiert immer schon der Mut zur Mädchen-Mitsingmelodie. Wie mit Britta auf dem 2006er Album „Das schöne Leben“ (ein 2008 erschienenes Buch heißt ebenso):

Nun erscheint in diesen Tagen nach über 20 Jahren Gruppenmusik (Lassie Singers, Britta) mit „Songs of L. and Hate“ endlich ein Soloalbum. Alle, wirklich alle Indie-Boys-and-Girls des bundesrepublikanischen Popfeuilletons überschlagen sich. Wigger, Volkmann, Eismann, Küppers. In Ermangelung eines Vorab-Rezensionsexemplars betrieb ich eine Online-Recherche und fand an Sound – so gut wie nichts. Eine stümperhaft gebaute, reine Text-Website. Doch keine Myspace-Promo-Maschine. Kein Youtube-Feuerwerk. Konsequentes Abblocken der Bloggosphäre. Find ich gut, Warten steigert die Vorfreude, ab Freitag das Werk dann beim Plattenhändler meines Vertrauens.

Was mich zum eigentlichen Anlass dieses Beitrags führt: Im Rahmen der Suchmaschinenergebnis-Gewichtung stieß ich auf ein mir bis dahin völlig unbekanntes Projekt aus Wien. Videobewehrte Schrammelpop-Aficionados sammeln durchreisende Musikanten ein, verbringen sie an ein Alltagssetting, nötigen die Künstler, akustisch aufzuspielen und sich dabei abfilmen zu lassen. Veröffentlicht werden die bisweilen großartigen Werke hernach auf playgrrround.com und bilden dort als Gesamtheit ein Kaleidoskop untergründiger Kultur-Boheme.

„music is never authentic“ ist ein Leitmotiv dieses Projekts.

Übrigens: Als Gegengewicht zum Rösingerschen Berliner Kulturprekariatspessimismus hier nun die Schweden von Bored Man Overboard mit „The Optimist“ auf playgrrround.com.

Ein Singlemalt-Whisky böte sich dazu als Getränk an. Doch dazu bin ich noch zu jung, ein entsprechender Bart ziert mich momentan auch nicht. Also nicht ganz unvermutet meine Weinempfehlung des Tages:
Einen 2008 Guntersblumer Eiserne Hand Spätburgunder von einem der ältesten deutschen Bio-Weingüter, Weingut Geheimrat Dr. Schnell. Ich habe Johann Schnell dieser Tage in Rheinhessen besucht und befürchte, ein weiteres Lieblingsweingut für mich entdeckt zu haben.


Tamaryn, banh xeo und grüner Silvaner

Der Soundtrack zum ersten Nachtfrost kommt idealerweise aus Kalifornien (All the leaves are brown, ya know?) , aus San Francisco sogar. Tamaryn nennt sich die eigentlich aus Neuseeland stammende Musikerin, deren aktuelles Album „The Waves“ sphärisch tröpfelt wie dereinst die Klänge der legendären Mazzy Star um Hope Sandoval.

Mexican Summer heißt übrigens das Label, welches für die Veröffentlichung verantwortlich zeichnet. Kein Witz. Dessen Heimat wiederum ist Brooklyn.

Im rheinhessischen Hügelland wurde ich also überrascht von Raureif und unterkühlten Extremitäten. Dreierlei (rethorisch geschult an Luthers Predigtlehre) Erste-Hilfe-Maßnahmen wurden eingeleitet:

  • Eine ausgiebige Weinbergswanderung durch eine Lage, die als Udenheimer Sonnenberg bekannt ist, und die schon ziemlich kahlgeschlagen ist. Nur einzelne Rieslingtrauben für Spätlesen oder natürlich Eiswein hängen noch an den Rebstöcken.
  • Antizyklisches Konsumverhalten: Bei Mengel-Eppelmann eine Kiste so genannten Sommerweins gekauft, 2009er grünen Silvaner.
  • Subtropisch schlemmen in Ha Noi. Stand schon lange auf meiner Besuchsliste. Aß vergleichbar gute banh xeo nur in der alten Kaiserstadt Hue.

 

banh xeo in Hue (Foto: phew)

banh xeo in Hue (Foto: phew)

 

Beim Vietnamesen trinke ich reflexartig stets Yasmin-Tee. Ansonsten: Tee nur, wenn Unbill dräut. Jugendherberge. Schweinegrippe. Regulär regulieren ausschließlich Wasser, Kaffee, Wein den Flüssigkeitshaushalt.


Bilderrätsel eines betrübten Bloggers

Woher kennen Sie dieses Motiv?

Zweigkanal, zwischen Oedt und Süchteln

Zweigkanal, zwischen Oedt und Süchteln

Antworten bitte als Kommentar.
Wenige Meter weiter labte sich meine waidwunde Seele an diesem klassischen Idyll. Ja, werte Fotografenfreunde und -verwandte, das kann man besser auf den Chip bannen. Nein, liebe Leser, ich habe nicht den Zynismus gegen schale Romantik eingetauscht. Bin nur verwirrt.

Die Niers zwischen Grefrath und Oedt

Die Niers zwischen Grefrath und Oedt


Gebratene Nudeln mit Rehkitz und Jäger

Mein bestes Nasi-Goreng-Rezept veröffentliche ich heute nicht, muss zuvor noch mit Indonesien telefonieren. Aber wozu in die Ferne schweifen, wenn der nächste Chinamann in der Nähe vereinnahmend pfannenrührt?

Nicht traurig sein, liebe Kinder! Hauptsache, 29 schmeckt.

Nicht traurig sein, liebe Kinder! Hauptsache, 29 schmeckt.

Ich höre „Revival“, passenderweise vom neuen Deerhunter-Album Halcyon Digest.