Hunger

Das Internet kann sinnvoll sein, glücklich machen, Euphorie-Bremsen lösen. Aber satt machen?

Zum Glück gibt es seit etwas länger als einem Jahr Abhilfe aus Hamburg: Konspirative Küchenkonzerte. Einmal monatlich im Regional-TV und zu jeder Zeit im Netz macht Marco Antonio Reyes Loredo Kunst im ganzheitlichsten Sinne. Kocht und bildet und unterhält sich und lässt unterhalten. Durch lustige Musikanten, die in der Kantine in Wilhelmsburg auftreten, wie z.B. Begemann, Stereo Total, schon wieder Station 17, Nils Koppruch und die weltbeste Bernadette la Hengst.

Bernadette la Hengst bei den Konspirativen KüchenKonzerten

Bernadette la Hengst bei den Konspirativen KüchenKonzerten

Habe ich jetzt weniger Hunger? Ich schrieb schon mal an andrer Stelle über die Bedeutung von Soulfood im Wortsinne. Wenn ich Frau la Hengst Hunger performen sehe und höre, habe ich den eigentlichen Nahrungszufuhrzwang glatt vergessen.


BootBooHook oder Nicht schon wieder Hannover

Die weltbekannteste Stadt, in der noch niemand war. Bielefeld 2. So sexy wie die von der Leyen. Oder der Wulff. Jan Delay hat die City mit einem Halbsatz schon vor Jahren erledigt – hannoveranischer Rock’n’Roll. Ohrmuschelgänsehaut. Und nun dies: Reiselustig und musikbesessen habe ich ein Ticket gekauft. An die Leine. Zum BootBooHook.

Offensichtlich haben die lustigen Leute von Tapete-Records nun schon zum dritten Male daselbst ein Festival organsiert, zusammen mit dem Kulturzentrum Faust. Alles immer noch nicht erheblich, ich erwähne es nur, weil lauter Lieblingsbands spielen. Z.B. The Wedding Present The Notwist Superpunk Urlaub in Polen Bernd Begemann Die Sterne Hot Chip und: Station 17.

„Ohne Regen kein Regenbogen“ ist die aktuelle Single der Durchgeknallten aus Hamburch, mit fetten Broten. Zu hören im Audioplayer auf der Station-eigenen Zwischennetzseite. Dort sind momentan auch zwei Tracks im Medikamentendownload, für umme. Hin und weg.


Fisch und Fleisch, ganz banal

Im Zeit-Bog nachgesalzen, der inhaltlich qualitativ ja bekanntermaßen großen Schwankungen unterworfen ist und dem mitunter einfach etwas Feuer fehlt, schrieb der Mittermeier aus Rothenburg ob der Tauber gestern einen kurzen Gedankenstrom über wilden und gezüchteten Fisch und Vergleichbares aus der Fleischwirtschaft. Eigentlich fast nur Banalität wohnte seinem Resümee eine zeitlose Wahrheit ist: Schein und Sein sind nicht nur in der Philosophie zwei unterschiedlich ausgelatschte Paar Schuhe.

Er macht das am Beispiel „Fische aus Aquakultur vs. Wildfang“ fest. In der Edelgastronomie verkaufe sich fast nur letzteres, wohingegen beim Fleisch ganz klar die Zucht dem wilden Tier vorgezogen würde. Bigott schimpft er so manche Gourmets.
Wie gesagt, reichlich banal. Hier am Niederrhein, in der absoluten Frischfisch-Diaspora, dafür aber mit reichlich netten und guten Jägern gesegnet, wird sowieso gegessen, was auf den Tisch kommt. Und das ist leider viel zu selten von wettergegerbten Normannen handgeangelter Wolfsbarsch aus dem Atlantik.


Folklore, Provinz und Studentenkultur

Mehr oder minder zufällig stand ich am Sonntag vor einer Bühne in Kezmarok, die dort im Rahmen des alljährlichen Festival Európske ľudové, des „European Folk and Crafts Festival“, in der Innenstadt, direkt neben dem imposanten Rathaus, errichtet worden war. Trotz infernalischer Temperaturen und unchristlicher Uhrzeit zog mich eine Folkgruppe aus Serbien mit ihrem Sound irgendwo zwischen Klezmer und Balkan-Brass in ihren Bann.
Die Gruppe ABRAŚEVIĆ aus Cacak klingt wie das Boban Markovic Orkestar ohne Blechbläser. Nur die seltsamen Tanzeinlagen waren zuviel für das wenige, das immer mehr ist.

Ein paar Worte zum einige Kilometer entfernten Spisska Bela seien hier auch noch erlaubt. Zuzanas Heimat war unser Tor zur Tatra, Basislager und Offenbarungsort zugleich. Soviel nur: Familienfeste in einer goralischen Sippe beginnen früh am Tag und enden irgendwann. Dazwischen gibt es alles, was Leib und Seele zusammen hält. Wen es  dorthin verschlägt und wem die slowakische Sprache erst einmal als eine unüberwindliche Barriere erscheint, der lenke seine Wege erst einmal in die Pension G direkt gegenüber der Kirche.

Die Metropole der Ostslowakei ist hingegen Košice. Neben vielfältigen kulturellen Aspekten – unter anderem ist die gleichermaßen pitoreske wie urbane Altstadt sehr sehr hübsch – bietet ein buntes Studentenleben Ablenkung dem, der einmal genug hat von Natur und Ethnologie. Ultimativer Ausgehtipp: der Bernard Club in der Alzbetina.


9 Uhr abends

Unbaendige Lebensfreude ist ein listig Ding, geht sie doch oft einher mit planerischer Unstetigkeit. Wer jedoch satt werden will, abends in der Slowakei, der achte gut auf den Chronometer. Zumindest in laendlichen Gebieten schliessen die Gasthaeuser ihre Kuechen zuverlaessig um 21 Uhr. Nur die schon abfaellig erwaehnten, einheimischen Pizzabaecker bieten da hin und wieder zweifelhafte Abhilfe.

Bier ist ebenfalls nahrhaft, gut, es fliesst auch zu spaeterer Stunde reichlich. Genauso wie die hiesigen haerteren Getraenke. Goral Vodka (ob Goralisch nun einzig eine Regionalsprache entlang der polnisch-slowakischen Grenze ist oder tatsaechlich Goralen eine Ethnie sind, bedarf noch einer weitergehenden Recherche), Borovička, Spiš original slivka (dazu faellt mir just ein durchgeknallter Musiktipp ein).

Zum Schluss noch ein Lesetipp fuer Reisende im „Neuen Europa“:
Irena Brezná
Die Sammlerin der Seelen
Unterwegs in meinem Europa

Ach ja, wo ich doch eben die Verbindung zwischen Hardstuff-Drinking und Tanzbeinschwingen hergestellt habe, kann ich mir einen Verweis auf das „The Tequila Mockingbird Orchestra“ nicht verkneifen. Here you go.


Welterbe in der Slowakei

Die UNESCO unterscheidet ja gemeinhin zwischen Natur- und Kultur-Welterbestaetten. Die Liste umfasst 890 Orte in 148 Ländern. Acht davon befinden sich in der Slowakei, fuenf habe ich mehr oder weniger zufaellig mit jeweils wenigen Minuten meiner Anwesenheit beehrt.
Allgemein ist ein ziemlich unpraetentioeser, ja fast beilaeufiger Umgang der Slowaken mit ihrem Welterbe festzustellen. Der Status wird kaum beworben, mancher Ort ist tatsaechlich schwer zu finden. Kaum zu glauben fuer westeuropaeische Marketingopfer, wo jeder noch so kleine und manchmal gar nicht mal so alte Stein so lange umgedreht wird, bis seine „antike Geschichte“ werbewirksam ins Bewusstsein der Menschen gepresst wird. Wieviel Tamtam wird um Bruecken in Dresden oder Buerotuerme in Koeln gemacht, weil die Gefahr droht, dadurch einen geldwerten Vorteil zu verlieren?

Slowaken sind pragmatisch und erst einmal gerne unter sich. Daran ist nichts verwerflich. Im Gegenteil – ich mag diesen bisweilen vollzogenen Rueckzug von der grossen Buehne. Das minimiert immerhin Stress.

Also: Das schoene Staedtechen Bardejov mit seiner mittelalterlichen Altstadt und seinem Marktensemble  aus der Renaissance ist ganz schoen beschaulich. Aber nicht unspannend: In den Cafes am Rand des Marktplatzes lassen sich viele Tage verbringen mit Schauen und der Beobachtung des Zeitfortschritts. Auch habe ich dort meinen besten Espresso in der Slowakei getrunken.

Der Marktplatz von Bardejov

Der Marktplatz von Bardejov

Levoča punktet ebenfalls mit einer perfekt erhaltenen Altstadt aus mittelalterlicher Zeit. Zusammen mit dem Werk eines Bildhauers aus dem 16. Jahrhundert gefaellt auch dieses Staedtchen der UNESCO – es war wohl auch eine Menge religioeser Unsinn im Spiel.

Spissky Hrad – was so viel heisst wie „Zipser Burg“, ich spare mir uebrigens ansonsten die leider allueberall zu lesenden deutschen Namen der slowakischen Orte, kein Mensch verwendet sie hier – wirkt wie ein Leuchtturm. Angeblich handelt es sich um die groesste Burganlage Mitteleuropas. Die Festung ragt reichlich imposant aus einer Ebene hinaus. Die naechste Stadt ist Spišská Nová Ves. Das ganze Ding ist leider eine ziemliche Ruine und bei heissem Wetter ein prima Backofen fuer die Besucher.

Holzkirchen in der Slowakei ist der Titel, unter dem acht Kirchen im slowakischen Teil der Karpaten im Norden und Osten des Landes von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurden.“ So beschreibt es wikipedia. Acht so genannte Gotteshaeuser unterschiedlichster Konfessionen gehoeren dazu, unter anderem die tatsaechlich beeindruckende Artikularkirche in Kežmarok. Wo man im uebrigen prima Eis essen oder in der Penzion Jakub vorzueglich speisen kann.

Schliesslich war heute ein Besuch in der Dobšinská ľadová jaskyňa, der groessten Eishoehle der Welt, angesagt. Bei ueber 30 Grad Aussentemperatur eine huebsche Abkuehlung, eine gigantisch beeindruckende Untergrund-Impression. Die Rueckfahrt durch das slowakische Paradies jedoch war eigentlich noch weit spannender.

Nichts war geplant, kein Erbe bewusst angetreten. Doch ganz beilaeufig haben auch solche Orte deutlich zum besseren Verstaendnis dieses doch sehr besonderen Landes beigetragen.


Riesling und Andyho Warhola

Das Leben ist bunt, Gott sei Dank. Wanderer, kommst Du in den hintersten Winkel Europas, lass Dich ueberraschen von Unerwartetem, Schoenem, Gutem, Kunst und Wein. Ersteres offenbart sich in Medzilaborce, wo findige Ureinwohner vom Stamme der Ruthenen einen riesigen, postsozialistischen Betonkasten in die Einoede gesetzt haben, um einen der ihren zu ehren. Gut, Mister Warhol ist nun eigentlich in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und hat das Land seiner Vaeter nie gesehen – was die Sache leicht bizarr macht – und war wohl kaum jemand, der im Leben und in der Kunst viel auf Traditionen gehalten haette, aber das ist den Menschen hier schlicht egal. 15.000 Kulturtouristen lockt der Name des weltberuehmtesten Popartisten Jahr fuer Jahr an diesen Ort. Das Gebotene ist wenig tiefschuerfend, auch nicht kuenstlerisch erhellend, aber zumindest witzig bis absurd. Kongenial setzt dies uebrigens der Dokumentarfilm Absolut Warhola aus dem Jahre 2001 in Szene.

Rizling Rýnsky ist die andere Entdeckung in der Ostslowakei. Zwar wird die Traube im gesamten Land angebaut, doch in der Gegend von Sobrance, in der lustigen Weinfabrik Pivnica Tibava s.r.o. kommt er besonders gelungen in die Flasche. Ansonsten eher industriell gepraegt, bietet die Gegend mit den Orten Tibava und Orechova zwei fast schon anmutige Weindoerfer. Zu einer intensiven Degustation aller 18 verschiedenen angebotenen und natuerlich auch gekauften Weine ist es noch nicht gekommen. Ein entsprechender Bericht folgt.

Die Pivnica Tibava

Die Pivnica Tibava