Kulinarische Reisenotizen Slowakei, Teil 1
Veröffentlicht: Juli 7, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik, Weltweit | Tags: Bier, Bryndza, Fisch, Forelle, Halusky, Karpfen, Kohl, palačinka, Pirohy, Pizza, Slowakei, slowakisch, Suppen, Tatra, Wurst Hinterlasse einen KommentarMit reichlich Erfahrung gesegnet im Umgang mit der osteuropaeischen Kuechenwelt, erstaunen manche Phaenomene dennoch stets aufs Neue. Die Absenz von frisch zubereiteten Gemuesen aller Art auf beinahe saemtlichen Speisekarten – Kohl in vielerlei Variationen einmal ausgenommen – ist nur eine Spielart der curiosa culinaria. Dressing und Salat sind zwei Dinge, die nicht unbedingt zueinander gehoeren. Kuemmel ist hingegen allgegenwaertig. Kellnerinnen waeren in Deutschland haeufig vom Verbot von Kinderarbeit betroffen, wobei „Arbeit“ in den meisten Faellen ein Euphemismus ist. Geschirr scheint in der slowakischen Gastronomie Mangelware zu sein, wird es doch, kaum ist das Besteck abgelegt, dem Gast regelrecht entrissen. Teure Restaurants sind eine Garantie dafuer, dass man mehr Geld bezahlt – ansonsten haben Preise keinerlei Aussagekraft ueber Qualitaet und etwaige Opulenz der Speisen.
Genug der boesen Worte: Die Perlen der slowakischen Kueche wollen einfach nur entdeckt werden. Wahrnehmung im Voruebergehen funktioniert nicht, auch der erste Biss ist oft genug nicht ausreichend fuer ein zielfuehrendes Urteil. Um den werten Lesern eine Vorstellung von der Preisgestaltung der hiesigen Gastronomie zu vermitteln, nun einige Beispiele: Um fuer einen halben Liter meist vorzueglichen Bieres Pilsener Brauart mehr als einen Euro zu bezahlen, muss man schon lange suchen. Einheimische Weine werden offen fuer ein bis zwei Euro das Glas, flaschenweise um die zehn Euro in meist ordentlicher Qualitaet kredenzt. Auch fuer Speisen gilt, ein ungefaehres Drittel des deutschen Preises anzunehmen. Dies wiederum ist auch gut so.
Was positiv im Gedaechtnis bleibt: Die Slowakei ist ein Suppenland. Ein recht gutes zudem. Die formidablen Klassiker sind Knoblauch- (cesnakova polievka) und Sauerkrautsuppen (kapustnica). Doch auch Fisch-, Bohnen-, Kartoffel- und Spinatsuppen wurden probiert und fuer gut befunden. Bei der Zubereitung dienen jeweils hausgemachte Bruehen – meist vom Huhn – als Grundlage und geschmacklich dominiert stets das Namen gebende Produkt. Das ist simpel, aber gut. Tatsaechlich werden fast ueberall, auch in einfachsten Spelunken, frische Produkte verwendet. Der aus der Heimat bekannte uebermaessige Einsatz von Convenience-Food scheint schlicht zu teuer zu sein. Leider fuehrt dies nicht immer zu einem besseren Ergebnis. Fleisch zum Beispiel ist meist jenseits des perfekten Garpunkts. Beilagen muessen – zwar nicht immer, was zu erkennen eigentlich nur Beherrschern der slowakischen Sprache moeglich ist – zusaetzlich geordert werden. Jedoch wird schlicht die gute alte sozialistische Tradition der monokausalen Saettigungsbeilage fortgefuehrt. Spass macht das selten.
Ein anderer Traditionsstrang sind die KuK-Mehlspeisen. Im suessen Sektor wird verlaesslich lecker gestrudelt und auch palačinka schmecken haeufig.
Herzhaft geht es bei pirohy zu. Besonders in der Tatra-Region sind sie eine Delikatesse. Dort werden die Piroggen aus Kartoffelteig zubereitet und haeufig mit Bryndza, einem Schafsfrischkaese, gefuellt. Serviert werden sie mit in Butter gebraeunten Zwiebeln und saurer Sahne. Aehnlich funktionieren die bryndzové halusky. Halusky sind eine Art Gnocchi.
Wie alle Osteuropaeer sind auch die Slowaken Wurstexperten. Immer viel zu fett, doch leider auch oft richtig lecker komme ich selten daran vorbei. Zum Glueck bieten als Ausgleich die unzaehligen Fluesse und Seen reichlich Fisch – von Forelle bis Karpfen – der immer dann gut schmeckt, wenn er frisch vom Grill kommt. Ein weiteres Negativum zum Schluss: Hierzulande ist in den letzten Jahren der Pizzaboom ausgebrochen. Kein Dorf ohne entsprechende Bude, kaum ein Restaurant ohne eine schlechtschmeckende Variation auf der Karte. Italiener gibt es naemlich kaum welche im Land der tausend Berge.
Wie oft musst Du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?
Veröffentlicht: Juni 25, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik, Niederrhein | Tags: Bergbohnenkraut, Blumfeld, Brahms, Butter, Duisburg, Flowerpornoes, Gelbe Bohnen, Kartoffel, m walking on the water, Mahler, Niederrhein, Ruhrgebiet, Tom Liwa, Wachsbohnen Ein Kommentar2007 war kein gutes Jahr. Darin übrigens 2009 ganz ähnlich. Tatsächlich zuviel Wand, ganz selten Himmel. Eine musikalische Überraschung jedoch, etwas gänzlich unerwartetes Großes widerfuhr mir und allen, die in den 80/90ern ihr Herz an deutschsprachige Indie-Musik verloren hatten. Die Flowerpornoes waren wieder da, nach über 10 Jahren Funkstille, mit einem großartigen Album, das ums erwähnte Laufen und Auftun sich drehte. Rock’n’Roll für vegane Ex-Hippies mit ausgeprägtem Vaterkomplex. Oder eben Typen wie mich, die sich nie entscheiden können zwischen Brahms und Blumfeld, Mahler oder m.walking on the water. Übrigens: Alle hier erwähnten haben großartige Kinderlieder im Œuvre.
Und ganz besonders Tom Liwa aus Duisburg, Ruhrgebiet und Niederrhein. Der liebenswürdigste Kauz des hiesigen Popbusiness. Auch ohne die Flowerpornoes im besten Wortsinne ein großer Lieder-Macher. Wie ich überhaupt darauf komme, wirre Gedanken zu seltsamen musikalischen Topoi abzusondern? Bin mal wieder auf Toms Internet-Präsenz gelandet und habe erfreut festgestellt, dass er weiterhin die gute antikapitalistische Tradition des hintergedankenlosen Verschenkens aufrecht erhält. Drei Songs – darunter eben auch eine Kinderliedadaption – sind’s momentan. Anhören! Und wenn er mal in Eurer Nähe auftritt: Hingehen!
Übrigens: Als vor ein paar Jahren für manche musikschaffende Nachgewachsene aus New York (wie CocoRosie oder Animal Collective) die Schublade „Freakfolk“ erfunden wurde, dachte ich sofort, was wohl der Tom darüber denkt. Muss ich ihn mal fragen.
Und: Wenn ich mit Tom Liwa eine Farbe verbinde, dann gelb. Was mich wiederum zu einem Gang auf den Markt animiert (Okay, ich wäre sowieso gegangen.). Nachschauen, ob es endlich die ersten gelben Bohnen (Wachsbohnen) gibt. Jedes Jahr um diese Zeit die gleiche Vorfreude auf eine gleichermaßen einfache wie delikate Sache: Mit wenig gesalzenem Wasser dampfgaren. Dann in Butter und einigen Spitzen Bergbohnenkraut aus dem Garten schwenken. Mit einer neuen Kartoffel zusammen der perfekte mittägliche Imbiss.
Der Sinn des Internets…
Veröffentlicht: Juni 23, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik | Tags: Anonyme Köche, Backen, Brot, Ciabatta, esskultur, Internet, No-Knead-Bread 8 Kommentare… ist es, Glücksgefühle zu erzeugen. Darunter mach ich’s seit gestern nicht mehr! Warum auch sich mit weniger zufrieden geben?
Bisher war ich ja in den bisher bestimmt 15 Jahren mehr oder minder intensiver Nutzung dieses anfangs herrlich anarchischen Mediums stets in erster Linie Zweifler. Als ich vom Konsumenten zum Produzenten wurde, gab es die üblicherweise mit solchen Entwicklungen einhergehende Desillusionierung des vermeintlich Wissenden. Dann lange Abstinenz, kalter Entzug quasi. Und in den letzten Wochen nun ein langsames Herantasten, Wiederentdecken längst vergessener, quasi intuitiver Zugänge und Aneignungsformen. Endlich wieder: Neugier. Was daraus wird? Erst einmal dieser Blog. Und hoffentlich noch viele Momente wie der gestrige.
Intensives Sich-Verlieren in der Welt deutschsprachiger Foodblogs (Essenstagebücher ist tatsächlich kein angemessenes Adäquat für den leidigen Anglizismus.) trieb mich zwei Tage lang um. Viel Buntes, noch mehr Biederes, wenig Tiefgang. Bis ich dann auf „Anonyme Köche“ von Claudio Del Principe aus der Schweiz stieß. Offensichtlich ein Seelenverwandter, nur schon viel weiter auf dem Weg des absoluten Genusses. Wie auch immer, ich las dort von einer wahrlich wunderlichen Brotwerdung. „Das No Knead Bread ist das beste Brot, das jeder zuhause selber backen kann!“ Gut gebrüllt, Löwe. Dachte ich. Und las weiter, unter anderem bei der verlinkten Katharina Seiser von esskultur.at, die eine extrem detaillierte Anleitung bietet.
Als dann irgendwann spontaner Speichelfluss einsetzte, blieb nur der Weg in die Küche. Alles vorhanden, um ein ungeknetes Hefebrot zu backen. Also los: Den Teig angesetzt und 18 Stunden in Ruhe gelassen. Slowfood halt. Dann gefaltet, wieder weggestellt und schließlich im gusseisernen Bräter 40 Minuten gebacken. Als ich den Deckel lüftete, erwartete mich bis zu diesem Moment zugegeben leicht Ungläubigen dies:
Ein wahres Weizenwunder. Ausgetopft noch viel schöner – und nach einer Stunde des Rastens ein einzigartig einfacher Genuss. Mit einem Strich Butter obenauf war schon der erste Biss die Bestätigung, dass das Internet nicht nur Medienfalle und Zeitfresser ist, sondern eben auch das Netz der Guten und des Leckeren.
Fickt das System
Veröffentlicht: Juni 23, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik | Tags: C/O POP, Hamburg, Köln, Stadtgarten, Sterne, System, Tanzbein Hinterlasse einen KommentarHeute morgen mit diesem lieblichen Lied im Ohr die Augen aufgeschlagen und gedacht: Werde ich auf die alten Tage wieder politisch? Doch ich wollte nur: Tanzen! Funktionierte 1992 extrem gut, lachend Tanzen ist vielleicht die gesundheitsförderndste Art der Kulturaneignung. War schon damals nicht sarkastisch gemeint, was der Frank Spilker samt Sternen sang. Warum rockt das heute – oder auch nur annähernd gutes, ähnliches Neues – nicht die Tanzflächen der Republik?
Justament beginnt in Köln die C/O POP, immer erfolgreichere Popkommunisten-Nachfolgerin. In deren Rahmen spielen die Himmelskörper aus Hamburg am Sonntag im Statdtgarten. Hingehen, Tanzbein schwingen, mitsingen:
„Nur kein Pathos, ratlos, harmlos, keinen Pathos.
Tote werfen keine Schatten, keine Parolen, keine Blöden wie die:
Fickt das System!“
ByteFM
Veröffentlicht: Juni 17, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik | Tags: Belle and Sebastian, Byte, ByteFM, Frankfurt, Fußball, Hamburg, Jan Möller, Klaus Fiehe, Klaus Walter, malmö, Popkultur Ein KommentarEs gab da diesen großartigen schwedischen Torwart. Dritter Mann seiner Nationalmannschaft bei der WM 1978 in Argentinien. Mit Malmö FF mehrmals schwedischer Doublegewinner, im Endspiel des Europapokals der Landesmeister 1979. Bestandteil des ewigen Fußballfan-Gedächtnisses. Aber um ihn soll es gar nicht gehen. Sondern unter anderem um Jan Möller, der mit „Von Bullerbü nach Babylon“ auf byte.fm eine der besten Webradio-Sendungen verantwortet. Im Moment läuft die Wiederholung vom Montag, natürlich ein Fußball-Lieder-Special. Anpfiff: Belle And Sebastian / I Don’t Want To Play Football.
Und natürlich – nein, nicht Fritz – Klaus Walter, der große Popkultur-Aktivist aus Frankfurt (und neben Klaus Fiehe, der da in Hamburg natürlich auch mitturnt, der Godfather öffentlich-rechtlichen Musik-Journalismus). Sonntags um 20 Uhr mit seiner Aufklärungs-Show „Was ist Musik“. Die letzte widmete sich der Kolossalen Jugend und was daraus geworden ist. Bessere Zeiten klingt gut. Und nix besser als ByteFM.
Portland, Traumstadt
Veröffentlicht: Mai 6, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik | Tags: Country, Dead Moon, DIY, Freakfolk, Fred Cole, Garage, Greg Sage, Jason Merritt, Oregon, Portland, Punk, Timesbold, Whip, Wipers Hinterlasse einen KommentarPortland, Oregon. Laege dieser musikalische Kulminationspunkt tatsaechlich im land of the free und nicht in den USA – lange schon haette ich mich auf Spurensuche gemacht nach Typen wie Greg Sage, Fred und Toody Cole, Jason Merritt. Die alle Helden sind meines popkulturellen Mikrokosmos – und dortselbst leben und schaffen. Welche Kraft hat wohl derart viele im eigentlichen Sinne unabhaengige kreative Koepfe in diesen Zipfel der Welt getrieben?
Wipers, Dead Moon, Timesbold. 80er, 90er, 00er – musikalische Menschwerdung, Entwicklung wegwohin. Punk, Garage, DIY, Country, Freakfolk. Whip und Pierced Arrows. Wut und Weisheit. Die Holzhuette als Kathedrale des Kritikers sinnlichen Overkills. Das Loblied der kleinen Form wird daselbst gesungen. Immer wieder.

