Buttermilch
Veröffentlicht: Januar 28, 2013 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik | Tags: bottermelksprenk, buttermilch, PR, Selbstvergewisserungstagebuch, tagebuch 8 KommentareVor Jahren habe ich böse Sachen gemacht. Grauzonen-PR für die Pharmaindustrie beispielsweise. Seitdem sind Haifischbecken naturgemäß idyllische Orte der Entspannung für mich. Es gibt da auch noch andere dunkle Flecken – pietistischer Glaubenseifer in der Jugendzeit, das Livealbum von Peter Maffay, eine Bildungsreise mit den jungen Liberalen, der Hass auf den elterlichen Gemüsegarten (um nur einige wenige zu nennen) – aber meine vorgeblich dem Kampf gegen die größte mitteleuropäische Volkskrankheit gewidmete Karrierephase ist nicht nur deshalb so prägend gewesen, weil sie mit einem biographischen Bruch samt angekokeltem Gewissen zu Ende gegangen ist. Auch war die Ansammlung verkorkst skuriler Charaktere, die sich mir damals in den Weg, an die Seite oder in den Dunstkreis stellten, vorher und nachher nie größer. Weder das Popkulturbusiness noch die Food- oder Weinszene reichen da heran.
Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir einer, der ein leidlicher Meister war in der Leidvermarktung. Ehemals Marketingmanager für führende deutsche Wirtschaftsmedien war er nach seiner Diagnose nur noch Manager seiner selbst, Beherrscher der Krankheit und Prophet der schwungvollen wie verblendeten Do-it-yourself-Heilung. Erst hat er die Symptome totgelaufen, dann die Ursachen aufgegessen. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall ist inzwischen ein veritabler Haufen an Ratgeberliteratürlein aus seiner und seiner Geisterschreiber Hände enstanden. Natürlich war er begabter Menschenfänger, Rampensau, Spesenritter, Blender. Die Industrie liebt solche Typen und lässt sie gerne durch die Welten Segeln auf ihrem Ticket. Wenn denn hin und wieder Strahlen abfallen, Glanzlichter wenigsten Schatten werfen auf das kranke Image der Healthcareindustrie.
Mir kam dies in den Sinn, weil ein übles Schlagwort, mit dem damals schon operiert wurde, das so genannte „natural functional food“ war. Und ich heute ein Loblied auf die Buttermilch singe. Allerdings auf ihren Geschmack, und nicht auf angeblich gesundheitsfördernde Wirkungen dieses formidablen Lebensmittels. Wenn ich aber zu Buttermilch recherchiere, denke ich, mein Genuss- ist eigentlich ein Arzneimittel. Ist es nicht – aber offensichtlich so unpopulär, dass es eine quasi-pharmakologische Verpackung benötigt. Dabei ist für mich als Niederrheiner Butter- fast wie Muttermilch.
Die Erdbeerbuttermilch aus Kindertagen war ein prägendes Geschmackspanoptikum. Süßes Glück mit einem Rest an Ekelpotential. Bei der Buttermilchsuppe der Altvorderen kehrte sich dieses Verhätnis erst einmal um. Als Zutat für allerlei Backwaren – süß wie deftig – kommt sie regelmäßig zum gesindehaushaltlichen Einsatz. Zum Beispiel beim Klabauterkuchen (an Astrid angelehnt):
Das ist ein herber Schokoladenkuchen aus relativ simplem Rührteig mit eben Buttermilch und versunkenen Trüffeln. Ein weiteres Highlight in unserer allsonntäglichen Kaffee-und-Kuchen-Reihe (zur Erinnerung die Regeln: immer Gäste, keinen Kuchen zweimal).
Liebling ist aber ein Dessert, dass ich schon einmal im Rahmen des rheinischen Rundumschlags vorgestellt habe. Meine Variante der Bottermelksprenk ist eine Buttermilchcreme mit Kompott vom Weinbergspfirsich samt Schwarzbrotkrokant.
Mit Eiern und Sahne und eigentlich Gelatine. Nach einer Idee von Nils Henkel. Von mir weiterentwickelt, wobei weder Agar-Agar noch Johannisbrotkernmehl befriedigende Substitute für das Tierprodukt sind. Aber auch das ist ja keine neue Erkenntniss.
Buttermilch passt auch in mancherlei Salatdressing, Mischgetränk oder Eis. Beim Einkauf ist jedoch darauf zu achten, dass „Reine Buttermilch“ auf dem Etikett steht. Nur dann ist es tatsächlich die Flüssigkeit, die beim Butterschlagen übrigbleibt. Außerdem ist sie eines der seltenen Zwitterprodukte, die entweder mit Volumen- oder mit Gewichtsangabe ausgewiesen werden dürfen. Bei 500 g Flüssigkeit macht das bestimmt einen Unterschied von 30 ml aus. Die böse Lebensmittelindustrie verdient nicht schlecht an solch Kundenfreundlichkeit. Doch davon ein andermal mehr, in diesem Blog, der mir gerade als kulinarisches Erinnerungs- und generell Selbstvergewisserungstagebuch ziemlich gut in den Kram passt.
Kreative Ursuppe
Veröffentlicht: Januar 23, 2013 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik, Wein | Tags: blattmachen, inutition, reflexe, sommergerichte, Wein 2 KommentareWenn der kulinarische Alltag ganz intuitiv vonstatten geht, weil das Leben vorwärtsgewandt energiegeladen ist, Neues sich anbahnt, kreative Ursuppe brodelt und alles fließt, kann mir die Dogmatik mal den Buckel runter rutschen. Regional, saisonal, nachhaltig – alles gut und schön und richtig. Eigentlich und als ob. Ich kaufe dann aber im Januar Paprika und Tomaten und Kräuter und des Meeres letzte Fische. Koche sonnigkitschige Sommergerichte, weil mir so blümerant ist. Das ist herrlich rückwärtsgewandt und zur Feier dieser Tatsache drücke ich im favorisierten Bildebearbeitungsprogram eine verbotene Taste.

Intuition, übrigens. Reflexhaft bin ich heute in eine Diskussion eingestiegen. Ein verbotenes Thema wurde behandelt. Von Menschen, die seltsame Beweggründe kaschieren mit Herzblut. Eigentlich kenne ich mich da aus: Bei Intuition. Herzblut. Und verbotenen Themen: Es ging ums Blattmachen. Ich habe mir beinahe die Finger verbrannt, weil ich mich ja entschied, vor Jahren, keinen Göttern mehr zu dienen als diesen: Lust und Laune. Ich kämpfe jeden Tag um die dazu nötige Leichtigkeit.
Sie wäre mir also beinahe abhanden gekommen, wie gesagt. Denn ich machte mal ein Blatt. Das war großartig. Professioneller Hormonüberschuss. Wurzel der Hybris. Ich bin dann weg von der Droge. Und seitdem ein vegetarischer Wolf. Das ist sprachlich unpräzise und zeigt damit das ganze Dilemma: der Spaß an deviantem Verhalten kollidiert zu häufig mit Professionalitätsreflexen.
Ich schreibe in Rätseln?
Es geht im sozialen Netz seit 24 Stunden um die Idee, ein Printmagazin zumThema Wein zu machen. Quasi um die Neuerfindung der genussjournalistischen Welt. Ich wär da gern dabei. Und weiß doch, dass es niemals funktionieren wird. Aus Gründen. Und doch ist es leider gut so.
Erbsensuppe, Muurejubbel mit Schweinebäckchen, Buttercremetorte, dazu Weinschorle
Veröffentlicht: Januar 14, 2013 Abgelegt unter: Gedankenstrom | Tags: Bloggen 8 KommentareNachdem ich den Jahresendblues noch kreativ zu kanalisieren vermochte, hat mich nun mit umso größerer Wucht eine neujährliche Orientierungslosigkeit erwischt. Zugegeben, nur auf diesen Blog bezogen – der ganze große Lebensrest verläuft in herzensguten Bahnen. Aber immerhin: Das Ding hier – meine kleine Internetshowbühne, kulinarischer Tanzflur, das Überflutungsbecken niederrheinischer Selbstreferenzialität, feierabendlicher intellektueller Ausgleichssport, Netzwerkanbahnungsmaschine – ist mir über die Jahre wichtiger geworden, als es alle tagebuchartigen Notizbücher aus den vergangenen Dekaden je waren. Irgendwann vielleicht werden, geschenkt – aber das Internet ist ja nichts weniger als vor allem Hier und Jetzt. Und ich helfe seit Anbeginn mit, es vollzuschreiben. Seit drei Jahren nun schon als dissoziativ identitätsgestörte Bloggerpersönlichkeit. Essen, trinken, tanzen – ich kann mich nicht entscheiden, alles so schön bunt hier!
Letzten Samstag saß ich inmitten halbgefüllter Weingläser, pochierter Eier und eingeschweißter Kochbücher an einem Küchentisch in rheinhessischer Einöde; ich war gekommen als personifizierter Musikexpress und fachsimpelte späteren Abends dann über die Vorzüge veganer Nahrungszufuhr mit der Crème de la Crème der deutschen Foodbloggerprominenz. Nicht, dass ich Essentielles zu der Unterhaltung beigetragen hätte – mein diesbezügliches Wissen speist sich einzig aus der sporadischen Lektüre der Schrot und Korn sowie aus abgrundtiefer Tierliebe. So wurde mir irgendwann langweilig und müde zumute. Ich war leicht angetrunken, zugegeben. Und dachte doch den klaren Gedanken: So bist Du nicht, lieber Herr Utecht. Du isst gerne und kochst jeden Tag. Schreibst darüber, weil Du eher denk- als maulfaul bist. Aber Foodblogger? Viel zu anstrengend…
Da inzwischen mein liebster Musikbeschreiber nun wieder bloggt, nach Monaten des Zwangsschweigens, wird dies hier auch kein Popblog in Reinform mehr. Versprochen! Was ich ebenfalls weiß: Weinschreiber werde ich sowieso keiner. Ist mir schlicht zu lustfeindlich. Um dieser komplexen Materie auch nur annähernd gerecht zu werden, bedürfte es jahrelangen, trockenen Studierens. Mit schnoddriger Flapsigkeit würde ich meinen Lieblingsflaschen nicht gerecht. Meinen Ansprüchen schon gar nicht.
Wo liegt denn nun das Problem? Genügt mir die nette kleine Nische, in der sich lesend regelmäßig ein paar Dutzend Leute treffen und mein Geschreibsel zur Kenntnis nehmen, etwa nicht mehr? Zuckt da zeigefreudige Hybris in mir, dem gewesenen Journalisten und Gelegenheitsaphoristiker? Gilt nicht mehr, dass dieser Blog ein veröffentlichtes Perpetuum mobile ist: Geschrieben aus der Lust am Schreiben? Und wieviel war bisher, in welchem Maße soll in Zukunft die hier öffentlich werdende Persönlichkeit mit der Realität abgleichbar (sein)? Ist das Spiel mit Identitäten nun zu Ende und das wahre Leben beginnt?
Schon das Niederschreiben dieser Gedanken, das sich Hineinbegeben in den Strom, schafft Bewusstsein. In den nächsten Tagen wird sich offenbaren, wo die Schreibereise hingeht. Es wird weitergehen, soviel steht fest. Im vorgegebenen Rahmen wird sich jedoch einiges ändern. Für mehr Haltung und mehr Transparenz. Botschaften und Meinung. Emotionen. Fakten eher nicht. Wir lesen uns…
(Die Überschrift „Erbsensuppe, Muurejubbel mit Schweinebäckchen, Buttercremetorte, dazu Weinschorle“ ist nur für Maschinen, übrigens.)
Spielt mehr Guerillakonzerte (und trinkt teuren Riesling dazu)!
Veröffentlicht: Dezember 6, 2012 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik, Wein, Weltweit | Tags: fsk, guerillakonzerte, justin bieber, Riesling, winzerblog 2 KommentareF.S.K. in der Filmwerkstatt. Was klingt wie ein blöder Feuilletonistenwitz ist eigentlich nur ein Kommentar. Das Konzert in einem Düsseldorfer Hinterhof findet tatsächlich statt, samt Diskussion mit den Künstlern, dem einen oder anderen Seidenschal und wahrscheinlich ohne akzeptablen Wein. Das klingt grauenvoll und ist doch nicht weniger als ein Pflichttermin. Schon in den 80ern waren die Münchner im Rhythmus der Zeit:
Das aktuelle Werk „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ ist mein Album des Jahres. Neben Neil Youngs Psychedelic Pill vielleicht. Aber letzteres habe ich ja noch gar nicht gehört. Für den morgigen Gig gibt es übrigens keinen Kartenvorverkauf. Was großartig ist – wirkt es doch mafiösen Strukturen im Musikgeschäft entgegen. Berthold Seliger hat in der Berliner Zeitung eindrücklich beschrieben, wie der Monopol-Kapitalismus die Restkultur aufzufressen droht. Lesen.
Eigentlich sollten also viel häufiger rebellische Akte stattfinden. Guerillakonzerte beispielsweise. Großveranstaltungen zu kapern, deren Umfeld besser gesagt, kann vielerlei Effekte haben. Angenommen, in der Kölnarena spielt ein gewisser Herr Bieber, vor 15.000 12jährigen, die alle mindestens 83 Euro bezahlt haben. Und vor dem Kommerztempel, an der Straßenbahnhaltestelle Bahnhof Deutz / Messe, hält 30 Minuten vor Konzertbeginn ein dunkler Van mit quietschenden Reifen, herausspringen die Jungs von Münchausen oder Clarkys Bacon oder Ecke Schönhauser, hauen zwei batteriebetriebene Verstärker auf’s Pflaster und machen zwölf Minuten lang formidablen Krach. Sorgen für heftige Irritation. Für ungläubiges Staunen, manch Ignoranz und die eine oder andere Heiterkeit. Dann hätte Kunst etwas bewirkt. Und Popkultur am Rande ihres Kosmos lustig bunt geflackert. Ein romantischer Gedanke. Oder?

Vor dem Crystal Ballroom in Portland habe ich im letzten Jahr genau diese Szene erlebt. Es war für mich der Höhepunkt des durch und durch kommerziellen MusicFest NorthWest. Tickets wurden keine verkauft. Ich teilte eine Flasche Riesling von Bernd Schales aus Summerland/Okanagan Lake mit mir bis dahin unbekannten Mithörern, die Freunde wurden für eine Nacht. Auch die Plastikbecher konnten diesem kanadischen Wundertropfen, der neben gehörigem Schmelz genügend Schmackes samt sattsamen Säurespiegel mitbrachte, nichts anhaben. Im Gegenteil: Guter Riesling passt nicht nur zu fast jedem Essen – so meine ganz persönliche Foodpairingregel. (Alternativ geht immer: Rieslingsekt!). Kein anderer Wein ist so körperlich wie ein gutes, lautes, energetisches Konzert. Mit Kribbeln im Bauch und unter der Schädeldecke. Für morgen wünsche ich mir ein paar Flaschen vom roten Hang.
Zum Schluss noch dies: Ich bin gespannt, an welchen Rädern Thomas bald im Weinweb drehen wird. Den Winzerblog will er einstellen. Der älteste und wichtigste deutschsprachige Weinblog ist bald also Geschichte – und wird zum Abschluss noch einmal eine Weinrallye ausrichten. Wichteln für Internettrinker. Ich freue mich, dabei zu sein und werde einen Riesling auf die Reise schicken. Was sonst?
Elysium
Veröffentlicht: November 7, 2012 Abgelegt unter: Gedankenstrom | Tags: arkadien, elysium, paradies, Poison 2 KommentareParadiesische Zustände herrschen dort, wo ich jeden Tag erwache, wo ich koche und trinke, schreibe, genieße und liebe, seit Wochen, Monaten. Dies nur, weil Karu gefragt hat.
Alles ist Gold, was glänzt. Und doch hält das Leben immer eine Miserenoption parat. Der Mensch ist halt ein böses Tier. Davon und über das Liebesleid überhaupt sangen M. walking on the water auf Ihrem 1991er Album „Elysian“ das schöne Lied „Poison“:
Der Moment jedoch, in dem ich ein glücklicher Mann bin, vibriert von großer Beständigkeit. Ich brauche kein Jenseits für mein Arkadien.
Anti αντί
Veröffentlicht: Oktober 31, 2012 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik, Musik | Tags: anti anti, auberginenrezepte, ecke schönhauser, yotam ottolenghi 5 KommentareJenseits aller generationenspezifischer Sozialisation und elitärer wie egalitärer Verfasstheit bin ich wohl ein neumalkluger Pseudnonkonformist. Oder schlicht anti anti.
In der alltäglichen Praxis manifestiert sich dieser Umstand oft in spontaner Ablehnung von erst einmal Allem, was nach Mode oder Mainstream riecht und schmeckt. Doch über’s Hören widerlege ich diesen Reflex regelmäßig, denn Pop ist per definitionem ein Massenphänomen und permanentes Dagegensein mit zunehmendem Alter keine sonderlich stilvolle Haltung. Außerdem macht es nicht nur klammheimlich Spaß, eine Welle zu surfen, die andere gar nicht mehr spüren, so seicht verläuft sie sich.
Ich bin seit Kindertagen ein enthusiastischer Fan deutschsprachigen Liedguts und gesunder Gemüseküche. Mein erstes Openair-Konzert fand im Bochumer Ruhrstadion statt, ich war 13 und besang mit Herrn Grönemeyer Currywürste genauso inbrünstig wie ich Nina Hagen verehrte. Dass ich Westernhagen schon damals doof fand, beruhigt mich heute sehr. Zum Glück war die rumänische Wanderwarze nicht im Aufgebot der mit „Deutschrockfestival“ genügend gruselig titulierten Veranstaltung. Ich aß zum ersten Male Couscous und dachte, die Erde sei ein guter Ort zum Leben.
Alle meine Freunde fanden solcherlei doof. Sie waren Popper oder Waver oder Endzeitpunks und favorisierten mehrheitlich halbe Hähnchen. Später hab ich mit den Sternen das Tanzen gelernt und niemals vergessen, zu essen. Ich war immer offen für alles, nur manchmal zu früh und oft zu spät. Wär ich Autonarr, kaufte ich nur Jahreswagen. Zu lange dagegen sein, ist nämlich schlecht für die Libido. Wenn Säue durch Dörfer getrieben werden, höre ich das Quieken wohl. Reagiere aber erst einmal vegetarisch und schnappe mir den Ringelschwanz so gerade noch mit einem Hechtsprung in den Matsch.
Das Eigentliche: Vor ein paar Wochen habe ich mir ein Kochbuch gekauft. Weil behauptet wurde, darin stünde ein Rezept mit Soba, Mango, Aubergine, Koriander. Schon der Gedanke daran ließ mich durchdrehen. Nur: Weil ALLE dies Werk und seinen Schöpfer zu verehren schienen und sämtliche Foodblogfrauen mit entsprechender Nachkocherei beschäftigt waren, musste ich warten. Über ein Jahr. Ich kaufe selten noch Bücher, doch es wird wieder Winter und schon gewisse spanische Detektive wussten um die Heizkraft… – doch davon später einmal mehr.

Das Buch ist großartig. Die Auberginenrezepte genauso simpel wie genial. Der Einband ekelhaft. Doch da all dies schon hundertfach beschrieben wurde, will ich nur noch erwähnen, dass der Deutschrock lebt. Wahrscheinlich ist es Post-Deutschrock. Auf keinen Fall Punk oder Indie. Die Band kommt aus Berlin, macht herrliches Schweinegeschrammel mit hektischem Gesang fast ohne Botschaft und nennt sich Ecke Schönhauser. Auch hier ist das Cover eine ästhetische Zumutung und der Inhalt von Input anbetungswürdig. Kaufen, beides. Oder noch etwas warten, Großmutters Haushaltsbuch sortieren und alte Caterina-Valente-Platten hören. Das ist auch sehr schön.
Ein Buch, mit Liebe bereitet
Veröffentlicht: September 2, 2012 Abgelegt unter: Gedankenstrom | Tags: Hamburg, schlaraffenland, stevan paul 3 KommentareIm Kreise der vielen lieben, spannenden, absonderlichen, egozentrischen und hyperkreativen Menschen, die ich in den letzten beiden Jahren über diesen Blogbetrieb und meine damit verbundene Netzexistenz kennengelernt habe, nehmen zwei, drei, vier Verrückte Sonderrollen ein. Weil da Nähe ist ohne eine gemeinsame Geschichte. Über Geschichten aber, die wir alle ähnlich erfahren und weitergeben, entsteht Solidarität. Bekanntschaft. Freundschaftlichkeit. Schreiben verbindet, so sehr, dass die Themen austauschbar scheinen. Egal ob in Köln, Berlin oder Ingelheim, am Niederrhein oder in LA – am Anfang war es der „Foodie-Hype“, schnell wurde es permanente Selbstversicherung gemeinsamer kultureller Grundlagen. Oft einfach nur Rock’n’Roll.
Wenigen habe ich noch nicht ins Antlitz gelacht.
Doch in Hamburg, der zweitbesten Stadt der Welt, war ich schon seit vielen Jahren nicht mehr. Es hat sich einfach nicht ergeben. Obwohl kaum ein Ort mehr Anziehungskraft auf mich ausübt seit Zeiten. Kulinarisch, popkulturell. Und der Menschen wegen. Gut, Portland vielleicht, aber dieser Traum wurde ja wirklich wahr, im letzten Jahr. Die Hansestadt hingegen war Wallfahrtsort, viele wilde Jahre lang. Irgendwann war ich satt.
Hunger verspüre ich aber nach meiner Lektüre der letzten Tage. Stevan hat mir sein neues Buch geschickt. Es heißt Schlaraffenland. Und der Offbeatkönig der deutschen Foodblogprominenz parliert darin 15 Geschichten lang beiläufig pointiert, farbenfroh und sinnenreich, zischend heiß und wohltemperiert. Mit Herrn Paul würde ich schon mal gerne die eine große Wassermasse schwimmend durchschneiden. Denn „Wellenreiter“ heißt die Sieben-Seiten-Geschichte, die mich am tiefsten berührt. Da findet einer zurück in sein Element und weiß doch nicht warum. Trinkt mittags Bier in südlicher Sonne und labt sich an deliziösem Strandbudenkram. Urlaub scheint erst kein erholsames Konzept für ihn. Bis er wieder Kind wird, ganz leise und unvermittelt. Ist das Leben ein Traum, wenn es gelingt?
Diese Frage war mir Lesequintessenz. Ich spüre ihr nach, als gerade Fisch und Calamares und Kichererbsen und Lorbeer in Pfannen brutzeln – die Rezepte im Buch erscheinen auf den ersten Blick mehr Pflichterfüllung und Verlagsbefriedigung. Erst das Schmecken gibt dann aber den Blick frei auf die zweite Ebene dieser Gaumenliteratur. Da ist einer mit sich im Reinen und lässt uns teilhaben an seinem Blick auf die Dinge. Nicht alles ist mir gleicher Kitzel, manche Idee verfliegt zu schnell im Abgang. Und doch ist das ein gutes Buch. Denn es ist mit Liebe gemacht. Lasst es Euch schmecken!
(Über Wodka wollte der Autor schon nicht im sozialen Netz mit mir streiten – diese Dinge seh ich fürwahr anders. Doch: Geschenkt.)
Stevan Paul
Schlaraffenland
mairisch verlag, 2012
Mehr von Herrn Paulsen: nutriculinary.com

