Gemüse des Monats: Bundknoblauch

Das Grün von der jungen Knoblauchpflanze ist mild im Geschmack und ähnelt nicht nur optisch den Frühlingszwiebeln. Eine leichte Schärfe und ein feines Knoblaucharoma sind ihm genauso zu eigen wie eine knackigfrische Konsistenz. Fein geschnitten bereichert dieses Frühlingsgemüse jeden Salat. Wird der Knoblauch mitgegart, entwickelt er lauchähnliche Nuancen und gibt schwereren Komponenten wie Hülsenfrüchten eine beschwingte Leichtigkeit.

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Linsen-Knoblauch-Salat

  • 2 Bund Knoblauch
  • 150 g Berglinsen (aus Puy oder von der schwäbischen Alb)
  • 2 Möhren
  • Piment d’Espelette (alternativ: Cayennepfeffer)
  • Rapsöl
  • Trockener Riesling
  • Weißer Balsamico
  • Salz

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Bei diesem puristischen Rezept kommt es unabdingbar darauf an, von allen Zutaten nur die bestmöglichen Produktqualitäten zu verwenden.
Die Linsen in schwach kochendem, ungesalzenem Wasser 20 Minuten garen. Währenddessen die Möhren und das Weiße vom Knoblauch fein würfeln und in Rapsöl fünf Minuten dünsten. Mit dem Wein ablöschen, kurz einkochen lassen und kräftig würzen. Die abgegossenen Linsen und das feingeschnittene Knoblauchgrün hinzu und mit Essig abschmecken.
Lauwarm als Salat genießen oder mit Spätzle als Hauptmahlzeit servieren.


Dieser Beitrag ist der sechste in der Reihe “Gemüse des Monats”, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht.


Gemüse des Monats: Porree

Einer der ältesten, bis heute existenten Blogs ist Scripting News. Seit 1997 erscheinen dort Notizen zu technischen Entwicklungen und Leseempfehlungen verschiedenster Provenienz. Sein Autor Dave Winer ist ein umtriebiger Geist, Nerd, Entwickler, Entrepreneur. Weitläufig verwandt mit der großartigen Hedy Lamarr (aka Hedwig Eva Maria Kiesler) und Großneffe des vielleicht verkopftesten deutschen Schriftstellers, Kritikers Liebling Arno Schmidt. Letzterer hatte nicht nur Zettels Traum, sondern auch ein Büchlein herausgegeben mit dem schönen Titel Rosen & Porree. Schmidt wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden – als intellektueller Eremit lebte er mit seiner Frau im niedersächsischen Bargfeld und hatte doch neben der schöpferischen Schreiberei eine weitere Leidenschaft: seinen Garten.

Ob er dort je einmal im März Lauchgewächs hat ernten können, ist nicht verbrieft. Unwahrscheninlich ist es allemal. Medienmenschen schreddern gerne einmal die Vokabel „historisch“ durch inflationären Gebrauch. Doch dass nach dem Kohlrabi im Februar nun im Märzen der Bauer kein Pferde anspannt zum Pflügen, sondern erst einmal erntet, was an zweijährigem Gemüse vom Vorjahr übrig blieb, ist für mich genauso Küchensensation wie hoch erfreulich. Ein grüner Winter ist zu Ende, das neue Grün sprießt ja schon. Und ich verarbeite 2013er Porree, frisch und knackig und mit grünzwiebeligen Aromen.

lauch

Zugegeben, dass das Lauch gut überwintern kann, ist altbekannt. Und selbst wenn sich dann im Laufe des Frühlings der Blütenschaft im Porree ausbildet, lässt er sich noch gut verwenden, denn dieser Schaft ist jung saftig und zart. Roh im Salat oder fein geschnitten auf ein dickes Schmalzbrot quasi alternativlos. Allium porrum gehört zu den Zwiebelgewächsen – und das schmeckt man auch. Gegart jedoch tauscht er seine Schärfe gegen eine feine Milde,  bleibt er lange auf dem Herd, wird die Konsistenz cremig. Das lässt sich auch ausgebacken hinbekommen, ähnlich wie beim Chicorée.  Wie bei jedem Gemüse gilt: alle Teile sind zu verwenden, nicht nur die feinen, zarten. Gerade, wo es dunkler wird und fasrig, lagern potentielle Geschmackseruptionen. Sie wollen nur gezündet werden.

Porree-Kartoffelkuchen

3 Porreestangen
5 große, mehlige Kartoffeln
1 altbackenes Brötchen
3 Eier
1 Becher saure Sahne
Milch
Muskat, Salz, Pfeffer

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Die Kartoffeln auf der groben Reibe raspeln und mit Semmelbröseln und einem Ei zu einem festen Teig vermengen. Wenig Salz und reichlich Pfeffer und Muskat hinzu, in eine Springform füllen und 20 Minuten bei 180° blindbacken. Inzwischen den Porree zubereiten: Von den äußeren beiden Schichten befreien und in dicke Ringe schneiden. Wasser mit den Lauchabschnitten zum Kochen bringen und die Ringe 2 Minuten blanchieren, dann gründlich abtropfen lassen. Aus den restlichen Zutaten einen Guß zubereiten und diesen kräftig würzen. Porreeringe farblich abgestimmt auf dem Teig verteilen und den Guss einfüllen. In 20 Minuten fertig backen.

Wäre jetzt nicht Fastenzeit, ich tränk‘ dazu einen  Riesling „Vom Kies“ von Georg Forster von der Nahe.


Dieser Beitrag ist der fünfte in der Reihe “Gemüse des Monats”, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht.


Gemüse des Monats: Superschmelz

Zugegeben, im Februar ist so gut wie alles abgeerntet auf niederrheinischen Äckern. Auch wenn der Winter bisher einzig mit wenigen Nachtfrösten seine Existenz allenfalls vage angedeutet hat, ist neben vereinzelten Grünkohlpflanzen kein frisches  Gemüse mehr zu haben. Was jetzt im Bauernladen liegt, sind entweder Gewächshauskulturen oder es handelt sich um Importware. Und doch wird eine Varietät des gemeinen Gemüsekohls (Brassica oleracea) noch verkauft und schmeckt wie frisch vom Feld: der Superschmelz.

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Hierbei handelt es sich um eine seit Jahrzehnten erfolgreich angebaute Zuchtform des Kohlrabi (Kohl- oder auch Oberrübe), die im Frühsommer ausgesäät und im späten Herbst geerntet wird. Die Rüben können mehrere Kilogramm an Gewicht auf die Waage bringen und sind noch bis Ende März lagerfähig. Wie der Name schon vermuten lässt, bleiben die Knollen wunderbar zart und werden auch ausgewachsen nicht holzig. Nur ist leider das Kohlrabigrün kaum mehr verfügbar.

In der Zubereitung verhält sich der Superschmelz wie „normaler “ Kohlrabi – ein ganz klein wenig kompakter vielleicht – ist also sowohl als Rohkost wie auch gedünstet ein aromatisches Gedicht. Geschmacklich kommt er eine Nuance wuchtiger daher und ist daher gern gesehener Bestandteil in allerlei Eintopfgerichten. Aber auch fein auf der Brotmaschine aufgeschnitten und mit einer Marinade aus momentan ebenfalls verfügbaren Bitterorangen und Rapsöl ergibt er eine herrliche Wintergemüsevorspeise.

Auch wenn der Name „Kohlrabi“ im englischen Sprachraum häufig Verwendung findet, ist sein Vorkommen doch in weiten Teilen der Welt nachgewiesen. In Indien heißt das Gemüse beispielsweise Knolkhol (English) or Nookal (Hindi). Aus Sri Lanka stammt die Idee zu folgendem Gericht:

Knol Khol Curry

1 Superschmelz, geschält und gewürfelt
1 Zwiebel, in feine Ringe gehobelt
1 kl. Dose Kokosmilch
1 Zweig Curryblätter
etwas Butterschmalz (oder Ghee)
Kurkuma, mildes Currypulver, Zimt
1 grüne Chilischote
Bockshornkleesaat, Kardamomkapseln, Nelke

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Die Gewürze mörsern und in etwas Butterschmalz erhitzen. Dann alle Zutaten (bis auf die Kokosmilch) mit etwas Wasser zugeben und zehn Minuten mit Deckel dünsten. Kokosmilch und etwas Salz dazu und offen in wenigen Minuten fertig garen. Mit Basmatireis servieren.


Dieser Beitrag ist der vierte in der Reihe “Gemüse des Monats”, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht.


Gemüse des Monats: Grünkohl

//Zur besseren Einordnung: Alle im GdM-Kontext publizierten Gedanken und Anregungen entstammen und dienen dem alltäglichen Hausgebrauch. Hochküche und Gourmandisen beschreibe und genieße ich gerne – hier dreht es sich aber ums Basale.//

Schon mal den Begriff „kale“ gegoogelt? 18 Millionen Treffer sind ein kleiner Hinweis, dass es sich hierbei um etwas Bedeutendes handeln muss. Ein veritabler Hype – vor drei Jahren war die Zahl der Suchergebnisse noch sechsstellig. Woran das liegt? Bei „kale“ handelt es sich um die im amerikanischen Englisch gebräuchliche Bezeichnung für den ordinären Grünkohl (eigentlich: curly kale, borecole). Und der war der vorletzte Schrei unter den Gesundheitsessern der neuen Welt (aktuell hat ihm der Rosenkohl wohl den Rang abgelaufen). „Superfood“ ist dort alles, was grün ist und eine hohe Anzahl an wichtigen Inhaltsstoffen wie Vitamine und Spurenelemente aufweist. Geschmack spielt in diesem Zusammenhang eine eher untergeordnete Rolle – daher nehme ich diese Moden zwar wahr, aber nicht ernst. Was im Falle des Grünkohls (Brassica oleracea convar. acephala var. sabellica) aber ein grober Fehler wäre.

gruenkohl

Denn er kann ja nix dafür, dass sein Vitamin-C-Gehalt höher ist als der von Zitrusfrüchten  (105 Milligramm je 100 Gramm, roh). Und dass er seit Generationen mit grober Gewalt totgekocht oder -geschmort auf die heimischen Teller kam, ist nicht dem Kohl anzulasten. Ehrlicherweise sei zugegeben, dass auch erst jüngere Züchtungen des Gemüses den Verzehr als Rohkost (etwa in den ebenfalls sich ohne kulinarische Gründe immer weiter verbreitenden so genannten Smoothies) oder kurz blanchiert zum Genuss werden ließen. Früher waren die robusten Strünke von grober Faser und im Mund doch recht sperrig bis kratzbürstig. Und die Frostlegende ist ebenfalls lange widerlegt.

Apropos Blanchieren: Dies erscheint mir die angemessene Behandlung der von der groben Rippe befreiten Blätter der „Friesischen Palme“ zu sein. Zumindest dann, wenn eine Weiterverwendung als Salat, als Gemüse zum Beispiel zu gegrilltem Fisch oder zur Pasta beabsichtigt ist. Doch wer Pasta denkt, kann auch Pesto machen. Was sich erst einmal wenig erquicklich liest, entpuppt sich aber bei sorgfältiger Zubereitung und überlegter Auswahl der Zutaten als herrliche Alternative zu den im Winter nicht vorhandenen Gartenkräutern.

gruenkohlpesto

Grünkohlpesto

300 g Grünkohl, entrippt
50 g Walnusskerne
50 ml kaltgepresstes Rapsöl (alternativ Distelöl)
30 g geriebener alter Ziegenkäse (alternativ: Pecorino)
Salz, Pfeffer (nach Gusto)

Grünkohl 1 Minute blanchieren und in Eiswasser abschrecken. Auswringen und grob gehackt in den Mixer geben. Alle anderen Zutaten (bis auf den Käse) hinzu und zu einer homogenen Paste pürieren. Zuletzt den Käse einrühren und  ggf. würzen.

Das Pesto besticht als Aufstrich auf Scheiben von geröstetem Sauerteigbrot. Zu Dinkelnudeln. Oder pur gelöffelt.


Dieser Beitrag ist der dritte in der Reihe “Gemüse des Monats”, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht.


Gemüse des Monats: Rosenkohl

Die Küchenlegende besagt, dass die Kohlsprossen erst geerntet und verarbeitet werden sollten, nachdem der erste Frost den Acker heimgesucht hat. Dann erst sei der Geschmack angenehm, eine süßliche Aromatik biete besseren Zugang zm Kohlgenuss. Das ist allerdings Humbug: Der Spruut braucht nur die Kälte des Herbstes zu einer gewissen Zuckeranreicherung. Dazu reichen aber beständige Temperaturen von unter 10° C , Minusgrade wären dauerhaft eher kontraproduktiv. Es gibt den Rosenkohl aber auch schon ab September auf hiesigen Feldern, längst sind entsprechende Sorten mit natürlich hohem Zuckergehalt gezüchtet.

rosenkohlfeld

Weiters wird Rosenkohl in rheinischen Küchen gemeinhin totgekocht. Nicht nur dort, auch die klassische französische Zubereitung bis hin zu Bocuseschen Rezepten sehen eine Gesamtgarzeit von über 30 Minuten vor. Roh kam der Minikappes nie auf den Tisch – doch gerade als Krautsalat kann er mit seiner feineren Textur und einer ausgeprägteren Würzigkeit als beispielsweise Weißkohl punkten.

Der ursprünglich aus Belgien stammende Rosenkohl (Choux de Bruxelles) ist ein reichlich vielseitiges Gemüse: Auch asiatische Experimente verträgt er locker. Doch wir nehmen den Weg zurück gen Westen und landen schließlich im Elsass. Der klassiche Flammkuchen ist ein extrem dünner, kurz und heiß zu backender Hefeteig, belegt mit einem Creme-fraiche-Quarkgemisch und Schalotten und Speck. Wir variieren leicht und bringen Farbe ins Spiel.

Flammkuchen mit Rosenkohl
(Vorspeise für 4, Hauptmahlzeit für 2 Personen)

200g Weizenmehl
5g frische Hefe
120 ml Milch-Wasser-Gemisch (hälftig)
etwas flüssige Butter
je eine Prise Zucker und Salz

Alle Zutaten in eine Schüssel geben, 5 Minuten kneten und gehen lassen. Idealerweise über Nacht im Kühlschrank. Ansonsten mindestens zwei Stunden bei Raumtemperatur.

rosenkohl2

20 Rosenkohl
2 Schalotten

Sprossen vorbereiten und zwei Minuten blanchieren. Im Eiswasser abschrecken und halbieren. Schalotten in feine Ringe schneiden

150 g Saure Sahne
Salz
Muskat
Pfeffer

Die Sahne kräftig würzen und glattrühren. Dann den Teig halbieren und zwei sehr dünne Fladen ausrollen. Diese mit der Sahnemischung bestreichen, die Schalotten und den Rosenkohl darauf verteilen. Nach Geschmack eventuell etwas Pecorino darüber reiben. Im vorgeheizten Ofen (250°) 5 bis 6 Minuten backen.

Variante: Statt des vorgegarten Rosenkohls rohen verwenden und fein hobeln. Auf die Fladen dünne Birnenscheiben legen und darauf den Kohl und gegebenenfalls einige Walnüsse und/oder Schimmelkäse verteilen.


Dieser Beitrag ist der zweite in der Reihe “Gemüse des Monats”, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht.


Rosenkohl als Wokgemüse

Als Hobbydogmatiker liege ich stets im Clinch mit dem Foodie in mir, der genießerische Neugier als wichtigste Tugend lebt, wichtiger noch als die Wertschätzung eines überkommenen Kulinarikkanons. Natürlich gibt es keinen Anlass, klassische Rezepte zu verfremden, wenn sie über Jahrhunderte perfektioniert wurden, nur um sie leichtfertig denen zum Fraß vorzuwerfen, die eine Fusion-Küche mögen, weil sie nicht über lukullischen Sinn und Verstand verfügen. Doch wird häufig aus umgekehrtem Ansetzen Erkenntnisgewinn, wenn also beispielsweise Produkte einem Verfahren unterworfen werden, das ihnen wesensfremd scheint.

Da ich mich aktuell intensiv mit dem Rosenkohl auseinandersetze, lese ich mich also queer durch die Welt der Foodblogs – und bekomme als Futter zu 99 % langweilig Altbekanntes. Kaum einer wagt ein Spiel mit Konsistenzen oder Aggregatzuständen, mit Temperatur oder wildem Geschmack. Der Rosenkohl ist die Stiefmutter aller Gemüse, belgisch dazu. Und doch fand ich in einem augenscheinlich von einer Amerikanerin asiatischen Ursprungs verfassten Artikel eine interessante Idee, die ich hier kurz vorstellen möchte: Rosenkohl pfannengerührt, „crispy“ und mit Aromen von Fischsauce, Zitrone und speziellem Pfeffer.

Dazu muss man wissen, dass Rosenkohl im „land of the free“ der Vorgänger war des aktuell gehypten Grünkohls als Wundergemüse und „natural functional food“. Schmeckt immer und hilft gegen alles. Was natürlich kompletter Humbug ist und schlussendlich mehr über die Bewohner der neuen Welt verrät als über den Kohl. Dennoch scheint mir diese Form der Zubereitung die Potenz zu haben, den Hype zu überleben, zumindest in der Gesindehausküche.

rosenkohl

Die Sprossen werden äußerlich entblättert, halbiert und sodann in Erdnussöl (alternativ: Gänseschmalz) im heißen Wok auf der Schnittfläche  ein bis zwei Minuten geröstet, dann gewendet. Nach kurzer Zeit wird mit einem Spritzer Fischsauce und wenig Wasser abgelöscht und gewürzt mit: Rohrohrzucker, etwas Knoblauch und langem (bengalischem) Pfeffer. Circa eine Minute weiterrühren, bis die Flüssigkeit nahezu verdampft ist. Mit Zitronenzesten garnieren und genießen. Das Ergebnis nimmt dem Kohl alles Dumpfe und ist zwar kochtechnisch halbgar, geschmacklich jedoch wunderbar.


Gemüse des Monats: Spinat

Es gibt heimische Gemüse, die treffen selbst bei ausgeprägten Kulinarikern und Allesessern auf gleichsam manifeste wie objektiv unbegründete Vorbehalte. Bei vielen Menschen gehört zum Beispiel die gemeine Möhre zu diesen schwierigen Genüssen. So viele Liebhaber die orangene, gelbe oder gar violette Karotte auch hat – es gibt mindestens genauso zahlreiche Genussverweigerer. Oft liegt ein entsprechender negativer Beigeschmack in der Kindheit begründet. Wurdest Du, werter Leser, als Kleinkind regelmäßig mit undefinierter Pampe aus 125g-Gläschen eines Schweizer Lebensmittelmultis traktiert? Wen wundert da eine reflexhafte Abwehrreaktion im Alter genießerischer Bewusstwerdung? Als Niederrheiner ist die Wurzel zudem eine Art „Volksgemüse“ und kam/kommt nicht nur viel zu häufig als Muurejubbel oder ähnlich fader Eintopf auf den Tisch. Einmal geprägt, alles zersägt.

Das Zeug mit dem Blubb ist ähnlich fatal in manch kindlicher Entwicklung. Spinat ist grün und fad und macht noch nicht mal stark. So lässt sich das Image des zur Familie der Gänsefußgewächse gehörenden Blattgemüses zusammenfassen. (Alle Fakten zu spinacia oleracea im lebensmittellexikon.de) Zudem schrecken der relativ hohe Nitratgehalt (allerdings nur bei Treibhausware) sowie ein leicht metallischer Geschmackston (vgl. Adstringenz). Letzterer lässt sich allerdings durch Blanchieren minimieren. Dass er als Tiefkühlware gerne passiert und mit „Sahne“ versetzt in den Handel kommt und den Massengeschmackshorizont prägt, ist fatal.

Denn tatsächlich ist der Spinat ernährungsphysiologisch wertvoll und aromatisch hochinteressant. Und richtig zubereitet, einfach lecker. In der ersten Jahreshälfte kommt er zarter daher und ist eine Zierde so manchen Salats oder Pestos und allgemein als Rohkost zu bevorzugen. Der Herbst-/Winterspinat ist deutlich robuster in Wuchs und Geschmack. Neben nussigen und erdigen Aromaten gewinnt seine Bitterkeit an Prägnanz. Hier bieten sich Rezeptvarianten an wie Gemüsekuchen, Strudel oder Flammkuchen – gerne in Kombination mit Blauschimmelkäse. Zur Pasta und auf Pizza passt er genauso wie in den Kartoffelpuffer. Gewürze mag er viele – nur nicht zuviel.

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Auf dem Foto ist ein Teil des aktuell auf den Äckern des Lenßenhofs in Mönchengladbach angebauten Bestands zu begutachten. Biobauer Joachim Kamphausen freut sich über die bisher gute Ernte und ist zuversichtlich, noch mindestens bis Ende November die grünen Blätter anbieten zu können. Ich mag die Kombination aus fester Struktur und filigraner Textur – und das samtige Mundgefühl, dass sich nach Blanchieren und Abschrecken einstellt. So drängt sich fast zwangsläufig eine Lieblingszubereitungsart auf, Spinat auf japanisch. Auch wenn der japanische Horensu eigentlich süßlicher ist im Geschmack, lässt sich auch mit niederrheinischem Biofreilandspinat ein vorzügliches Horensu gomae bereiten. Zumal der Ursprung der Pflanze in Asien liegt.

Spinat. Sesam. Soja: Horenso no goma-ae
(Vorspeise für vier Personen)

800 g Wurzelspinat
50 g Sesamsaat
50 ml Sojasauce
1 Tl brauner Zucker
1 El heißes Wasser

Den Spinat gründlich waschen und tropfnass in einen weiten, heißen Topf geben und in nicht länger als einer Minute zusammenfallen lassen. In Eiswasser abschrecken, abtropfen und leicht ausdrücken. In Streifen schneiden. Für das Dressing in einer Schüssel den Zucker im Wasser lösen und mit der Sojasauce verrühren. Den Sesam in einer beschichteten Pfanne trocken rösten und anmörsern. In die Schüssel geben und einige Samen zur Dekoration aufbewahren. Gut verrühren, dann mit dem Spinat vermengen. Mindestens eine Stunde lang durchziehen lassen.

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Optional ist die zusätzliche Verwendung von Sesampaste (Tahina) bei diesem Vorspeisenklassiker. Dogmatisch ist das nicht, hilft aber der eigentlich intendierten Ursprungssüße auf die Füße.


Dieser Beitrag ist der erste in der Reihe „Gemüse des Monats“, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht.