Ohrensausen und Banh mi
Veröffentlicht: August 26, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Niederrhein | Tags: banh mi, hofaufart, sommersause 6 KommentareDie Vorbereitungen waren getroffen, alle wirkten fokussiert. Pünktlich verschwand die Sonne. Ein leichter Niesel setze ein, später dann wuchs sich dies wohl aus in einen prasselnden Landregen. Adrenalinüberschuss und Kammerflimmern ließen jedoch solch Banalitäten nicht über die Wahrnehmungsschwelle schlüpfen. Ich liebe erste Male, ständig etwas Neues tun. Therapeuten schimpfen dies Flucht vor der Beständigkeit, mein Name dafür ist Leben. Nun also: Ein Musikfestival.
Dabei sein zu dürfen in den Wochen der Planungen, Entwürfe und Verwerfungen war ein als kreativer Feldversuch getarntes Geschenk. Die Initiatoren und Gastgeber stellten alles zur Verfügung: Ihre Köpfe, Herzen, Haus und Hof. Immer das Machbare ausloten, an die Grenzen gehen und einen Schritt darüber treten: So wurde verfahren und Voraussetzungen geschaffen, dass alles, wirklich alles zum Besten geriet. Auch meine eigene, kleine Überforderung: Nicht nur helfende Hand und offenes Auge, auch ein paar Minuten auf der Bühne mit Trompete und Mandarinen – und die Verantwortung für das leibliche Wohl (zumindest für Teile davon).
Von 1 Uhr mittags bis 3 Uhr nachts kamen über 300 Menschen. Alle Planungen gingen auf. Aufgegessen wurde beinahe, ausgetrunken restlos alles. Vor allen Dingen aber gab es sechs Bands, die sämtlich ohne Gage spielten, angereist aus Osnabrück und Düsseldorf, Antwerpen und Brüssel, Italien und Schweden. Ein Satz für jede Kapelle, denn Worte können das Gehörte kaum transportieren:
Zuerst also die rheinische MANDARINE mit irgendwas zwischen sphärischem Artpop bis Wüstenrock, Improvisationsmut und LowFikonzept, irrer Gesang, tighte Beats und funky Geschrammel, gewürzt mit fünf Trompetentönen. Dann wurde es richtig verrückt, MIM & LES VOSGIENS, Kunsthochschulelektropunk mit Soundkaskaden, Rhythmusfrakturen und Gesangseskapaden, Belgier halt. TRUE CHAMPIONS RIDE ON SPEED klangen exakt so, wie der Name vermuten ließ. Seit langer Zeit standen die Indiehelden von PENDIKEL wieder mal auf einer Bühne und ließen Hoffnungen keimen, dass legendäre Alben wie „Don’t cry, Mondgesicht“ oder „Phantasievoll (aber unpraktisch)“ noch nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten. HUMMEL (und der Bär) kommen aus Umea oder München und sind die Diddi Hallervordens des Hardcore. Das grandiose Finale bot schließlich ein Trio aus Verbania, Italien, die Moschusochsen des Poststonerrock, tight as fuck: MUSCHIO.
Wir haben noch getanzt, in der Porreewaschhalle, die Muskeln wieder locker geschüttelt und die Nervenbahnen frei. Wir waren satt und müde und betrunken und frei. Glücklich. Und dankbar, allen und für alles. Gingen, mit einer leisen Ahnung, einem Gedankenfunken an ein nächstes Mal.

Auf vielfältigen Wunsch hier noch die Bauanleitung für die vietnamesisch inspirierten Baguettes:
Ein gutes Baguette (ca 20 cm Länge) aufschneiden und auf der Unterseite mit Bohnen-Tofupaste und oben mit Mayonaise bestreichen. Belegen mit Scheiben von in Fischsauce mariniertem und gedünstetem Schweinefilet, feinen, mit Zitronensaft, Chilies und Minze gewürzten Zwiebelringen, in Nuoc mam eingelegten Möhrenhobeln, Gurkenscheiben, Frühlingszwiebelstückchen und Korianderzweigen.
(Die Paste habe ich gemixt aus einem Teil Räuchertofu, einem Teil Kidneybohnen und einem Teil Erdnussöl und mit Zimt gewürzt. Die Mayonaise habe ich eifrei aufgeschlagen wie hier. Für die fleischlose Variante wurde das Schweinefleisch ersetzt durch eine Art Rührei.)
Industriesuppe
Veröffentlicht: August 20, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik, Niederrhein | Tags: düsseldorf, heerdt, suppenwerk 7 KommentareAm Rande der Landeshauptstadt, da wo das Schillernde schon längst ausgelaufen ist in Industriebrachen und versetzt wird mit dem ein oder anderen niederrheinischen Acker, im Niemandsland zwischen Neusser Rheinhafen, stinkenden Ölmühlen und Oberkasseler Schickeria, blüht seit über zehn Jahren im Heerdter Gewerbegebiet eine kulinarische Wildblume: Das Suppenwerk. Nach einer Phase der Wucherung und des Absterbens einiger Schösslinge (Filiale in Bilk, Fabrik im Bergischen) besinnt sich Alexander Teymurian wieder auf das Eigentliche: Frische und Fond zu vereinen in der perfekten Suppenschüssel. Gelingt ihm ganz gut, die Gyuniku Udon machen auch die Japaner in der Düsseldorfer Innenstadt nicht besser. Dazu ein schmelziges Horenso Gomaae, Spinat in Sesamsoja, und die Handschrift des Chefs wird deutlich, der Gast genießt zufrieden.
An den zweieinhalb Tischen können kaum zwei Hände voll Menschen Platz nehmen, zur Mittagszeit ist der Laden wohl immer noch samt Vorplatz zum Bersten gefüllt. Auch an Abenden passiert’s, dass man unverrichteter Nahrungsaufnahme wieder von dannen zieht, Reservieren hilft. Verwunderlich ist das kaum, denn auch das marrokanische Harrira ist herrlich, kraftvoll würzig, ohne den sonst so verbreiteten Süßetünch. Selbst Simpelsachen wie der Tomatensalat werden zu Geschmacksgranaten, nicht zuletzt wegen des fruchtigscharfen Olivenöls aus Nizzas letzter Ölmühle. Dies kann man hier genauso kaufen, wie Hollands Gewürze, französischen Tee oder Martellipasta. Gute Produkte allenthalben.
Insgesamt stehen zehn Suppen und Eintöpfe auf der Weltkarte, Klassiker internationaler Regionenküche zumeist. Das Finishing der vorbereiteten Komponenten findet in der offenen Thekenküche statt, die Gästenasen schwelgen also in allerlei Aromen. Dazu ein Nudelgericht und der Tapasteller – hungrig und unglücklich muss hier niemand zurück ins Industriegrau.
Klassische französische Bistrorezepte, literarisch
Veröffentlicht: Juli 13, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik | Tags: bistrorezepte, Lüttich, maigret, simenon Ein Kommentar
Im Rahmen der Genussbuchwoche erläuterte Julia von German Abendbrot dieser Tage, dass Georges Simenon mit seinem Kommissar Maigret quasi den Urvater aller kulinarophilen Krimiprotagonisten (auf meinen anderen Liebling weist Christoph von originalverkorkt hin) geschaffen hat. Er lässt ihn von Lüttich aus die gesamte französischsprachige Welt bereisen, wobei die Gasthöfe und Restaurants, vor allem aber die Küchen von Opferfamilien, Verdächtigen und Zeugen eine bedeutende Rolle spielen. Er isst und trinkt sich durch die Fälle – und wenn er zu Hause ist in Belgien, bekocht ihn Madame Maigret mit klassischen französischen Bistrorezepten.
Robert J. Courtine hat sich 1992 die Mühe gemacht, viele der literarisch verewigten Köstlichkeiten in einen Kochbuch festzuhalten und die jeweiligen Geschichten zu erzählen. Auf 40 einleitenden Seiten bringt er uns zudem die Lebensgeschichte eines Gourmets nahe: Wie Maigret zu dem wurde, was er war, wird deutlich: ein Meister der einfach guten Küche auch im wahren Leben.
Die Rezepte sind deftig und altbacken, bisweilen; langweilig nie. Da es sich fast durchweg um Klassiker handelt, hat sich nichts erübrigt über die Jahre. Manches, wie das Fricandeau à l’oseille gehört schon lange zu meinem Repertoire. Manches, wie der Kalbskopf nach Schildkrötenart, erschließt sich nicht direkt. Dafür erfreut mein Herz natürlich die Tarte aux pommes bas-rhinoise.
Das Buch ist im schweizerischen AT Verlag erschienen und leider vergriffen. Wer es antiquarisch bekommen kann, sollte keine Sekunde zögern. Schon das Lesen ist ein Genuss.
Die Insel des zweiten Gesichts oder: Über den besten Roman der Welt
Veröffentlicht: Juli 8, 2013 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik, Niederrhein | Tags: Albert Vigoleis Thelen, Insel des zweiten Gesichts, Krollhai, Mallorca, Süchteln 3 KommentareMeine erste Idee: Jeden Tag dieser Woche die Rezension eines der Bücher, die ich nie schrieb. Doch das Ergebnis eines solchen Ansinnen wäre ein gleichermaßen breiter wie tiefer und sommerlich träger Bewusstseinsstrom geworden – selbst Lesern dieses Blogs unzumutbar. Zumal die Aufgabe ist: Genuss. Astrid bat um Beiträge über Gedrucktes. Eine große Bande von Internetessern und -vollschreibern sagte zu. Ich auch – und stehe nun da ohne ein Werk, das zu empfehlen sich lohnt. Kochbücher sind beinahe ausnahmslos langweilig und beleidigend. Die wenigen Ausnahmen stammen von schwulen Londonern oder aus mittelalterlichen Klöstern und sind hinlänglich bekannt. Kulinarikgeschreibsel kommt über den Status von Metaebenengeschwurbel selten hinaus. Bei Genussprosa wird mir schlecht. Was tun? Die Frage anders stellen. Was bereitet mir Genuss, obwohl es zwischen zwei Buchdeckeln steckt? Ich muss nicht lange überlegen und empfehle meinen Lieblingsroman. In mehreren Etappen und zitiere dazu Stellen, in denen Fraß und Spaß sich zwar nicht reimen, aber eine einprägsame zweite Geige spielen. Mindestens.
Albert Vigoleis Thelen ist der unbekannteste aller bedeutsamen deutschsprachigen Autoren des letzten Jahrhunderts. Ich las Die Insel des zweiten Gesichts mit Anfang 20 und war fortan infiziert und beseelt. Ich hatte den großen Schelmenroman der Neuzeit in den Händen und wollte werden wie er, Vigo, mit dem mich immerhin die Herkunft verband: Ein Schwadroneur. Wer weder Autor noch Werk kennt, lese zum Einstieg einen Artikel, der am 2. Dezember 1953 im SPIEGEL erschien und, welch großes Glück, online abrufbar ist. Überschrift: Kampf gegen die Kartoffel.
Thelen hat nie das eine Wort, er muss immerzu alles umschreiben. Er schreibt über das Leben, das pralle, saftige, den Wildwuchs. Und dies aus der Warte eines weitgereisten Stubenhockers. Er vegetiert zur Zeit der Machtergreifung durch die Nazis auf einer damals schon touristischen Topdestination: Mallorca. Er kämpft gegen Windmühlen und Häscher des Systems. Er schlägt sich rum mit Hunden und Huren und scheitert an Geistesblitzen. Am Genuss hat er nur Teil mittels Beobachtung. Diese wiederum beschreibt er präzise.
Ich werde in den kommenden Tagen einige Einblicke gewähren in den fetten Schinken samt meiner eigenen Rezeptionsgeschichte. Schon bei der ersten Lektüre und sich steigernd bei jeder Wiederholung waren mir die Passagen, in denen es ums Essen und Sterben ging, die eindrücklichsten. Zum Einstieg verlinke ich eine Leseprobe aus dem 4. Buch, II. Kapitel, 1. Abschnitt. Wie er einer Rotte Herrenmenschen einen Finsterfisch als „Krollhai mit ganz penetrantem Wildgeschmack“ schmackhaft macht, sucht seinesgleichen.
Was man also lesen kann, schon in diesen wenigen Sätzen, ist das archetypisch Niederrheinische des Don Vigo. Er weiß nichts, kann aber alles erklären. So umschrieb Hanns Dieter Hüsch dies Jahre später. Wir alle drei, Thelen, Hüsch und ich, haben lange Jahre im selben Ort zugebracht, sind großenteils gar daselbst geboren. Ein Zufall ist das nicht.
Auvergne 1: Linsen aus Le Puy
Veröffentlicht: Juni 25, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik, Weltweit | Tags: Auvergne, La Lentille Verte du Puy A.O.C, Le Puy-en-Velay, Puy-Linsen 2 KommentareLe Puy-en-Velay (Fotos) ist die Hauptstadt des Départments Haute-Loire am Rande der herrlichen Auvergne und ein reichlich pittoresker Flecken Erde. Da wir dort die erste Berührung hatten mit unserer Zielregion im französischen Massif central, beginne ich meine Reihe von Auvergne-Berichten mit der leckersten Tochter der Basaltkuppenstadt. Auf vulkanischem Untergrund wird in circa 10 Kilometer Umkreis um den Ort – bis zum Fluss Allier – eine kleine, feste, grüne Linse angebaut: La Lentille Verte du Puy A.O.C. Enge Verwandte werden auf der Schwäbischen Alb kultiviert.
Puy-Linsen benötigen nur eine kurze Garzeit, da sie über eine ziemlich dünne Schale verfügen. Die kernige Konsistenz und der nussigerdige Geschmack sowie die relativ große Produktionsmenge haben für eine weite Verbreitung in den gehobenen Restaurantküchen dieser Welt gesorgt. Ich verwende sie gerne in Kombination mit Pasta oder als Einlage in klaren Suppen. Als klassische Salatlinse ist sie der Star in folgendem Rezept, für die Linsensuppe ist die Frucht jedoch ungeeignet. In der Auvergne sieht man das bisweilen übrigens anders, dort existieren Zubereitungsformen, deren Ergebnis ein sahnig-matschiger Hülsenbrei ist.
Linsen-Ananas-Reis: Ein Klassiker der Gesindehausküche. Warm oder kalt zu genießen, mit reichlich frischem Koriander und einer Blüte desselben. Ich lasse dazu feine halbe Zwiebelringe in Erdnussöl karamelisieren und füge dann Knoblauch und einen geeigneten Langkornreis hinzu (kein Basmati). Dann wird mit dem anderthalbfachen Volumen Wasser aufgegossen, kaum gesalzen, und das ganze ausquellen lassen. In der Zwischenzeit gare ich Puylinsen 15 Minuten in ungewürztem Wasser und weniger rote Linsen fünf Minuten in Gemüsebrühe. Eine nicht zu reife Ananas wird geschält und in feine Würfel geschnitten. Kurz vorm Servieren wird alles samt Koriander vermengt und gegebenenfalls mit weißem Balsamico am Säurepegel nachjustiert.
Dazu passt vorzüglich das eine oder andere Glas Sauvignon Blanc von Robert Boudier und Elmar Koeller aus Stetten vor dem Donnersberg. Die Hypemaschine hat die Winzer auf der Schnittstelle von Pfalz und Rheinhessen im sozialen Netz über meine Wahrnehmungsschwelle gehievt – zum Glück. Die ganze Kollektion ist empfehlenswert, Punkt.
Juniaroma: Garten-Senfrauke und Erdbeeren
Veröffentlicht: Juni 21, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik | Tags: Angeline Morrison, Erdbeeren, Eruca sativa, Garten-Senfrauke, Rucola 4 KommentareAktuelle wissenschaftliche Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass die in Gartenrauke/Rucola enthaltenen Senföle (Isothiocyanate=ITC) zur erfolgreichen Krebsprävention beitragen können. Siehe hierzu bspw. die Dissertation von J.F. Schröder vom Institut für Innenraum- und Umwelttoxikologie der Uni Gießen. Die Erforschung naturheilkundlicher Verfahren steckt bisweilen zwar noch in den Kinderschuhen und deren Protagonisten versprühen immer noch einen latenten Kräuterhexencharme, aber Rucola ist gesund und macht glücklich. Das habe ich in einem streng subjektiven Feldversuch eindeutig belegen können – auch wenn ich ansonsten die böswillige oder auch nur beiläufige Vermengung von Kulinarik und Medizin ablehne. Ich esse, um genussvoll satt zu werden und koche nicht nach der in randomisierten kontrollierten Studien belegten Wirksamkeit von Inhaltsstoffen. Meine Evidenzbasis ist der Geschmack.
Derjenige des aktuellen Monats Juni ist eindeutig die banale Kombination von Rauke und Erdbeeren. Müßig zu erwähnen, dass es sich bei den Grundprodukten um solche allerbester Qualität handeln muss. So fand ich in einem vor Zeiten vom mir bebauten Garten einige wildwuchernde Rucolapflanzen, die offensichtlich jedes Jahr wiederwachsen, obwohl die einschlägige Fachliteratur von Einjährigkeit ausgeht. Die Charakterschärfe des Senföls ist absolut dominant, nussige Aromen sind kaum mehr wahrnehmbar. Die Blätter sind dicker als bei handelsüblicher Ware, ohne jedoch grob oder zu fest zu sein. Fleischig fast. Der direkte Genuss macht spürbar die Atemwege frei und ist Derivat für den etwaigen Gebrauch von Pfefferminzpastillen oder Kaugummis.
Etwas Mosto Cotto vom Riesling, wenige Tropfen Rapsöl sowie Meersalz bilden ein leichtes Dressing, das aus diesem Salat einen Hochgenuss macht – weil es das Grün perfekt verbindet zu in Scheiben geschnittenen Erdbeeren vom Lieblingshof. Letztere haben erst jetzt die richtige Reife, durchgerötet und ausbalanciert süßsauer. Sie dürfen wie die Rauke nur kurz marinieren, sonst wird beides matt.
Dazu bildet das aktuelle Album von Angeline Morrison den frühsommerlichen Soundtrack. Soul und Bossa und Latinfunk und akustische Afrobeats bilden das Fundament, auf dem die lockerverlebte Stimme ihre volle Wirkung entfaltet. Alles in allem ein „feeling sublime“.




