Freitagsgericht mit anarchistischer Abendunterhaltung
Veröffentlicht: Oktober 8, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Niederrhein | Tags: DAAU, Die Anarchistische Abendunterhaltung, Endivie, Endivien dore-in, Kartoffel-Endivien-Stampf 4 KommentareIch hasse Hesse! Das muss gerade in diesen Tagen allerehrenwertester Nobelpreisvergaben einmal geschrieben werden. Esoterisches Kunsthandwerk, allenfalls, schwäbische Großmannssucht im gefühlsduseligen Gewand; Lesequalen. Fast noch schmerzhafter sind die Folgen der Wirkungsgeschichte, gerade in der Popkultur, der hippiesken zumal. Zumindest war dies meine Überzeugung, bis ich vier Menschen aus Antwerpen kennenlernte. Die wiederum Musik machen als Die Anarchistische Abendunterhaltung. Leicht steppenwölfisch verschroben bisweilen, doch dann wieder von bestechender Klarheit und irrer Genialität. Typische Belgier halt.
In BeNeLux wird übrigens viel Endiviensalat gegessen, prügelte der Autor eine nachgerade zwanghafte Überleitung in seinen Text. So ist er halt, etwas sprunghaft. Endivie gehört zur spannenden Familie der Wegwarten und ist neben ihrer Funktion als herrlich bitterer Wintersalat eine der mit Dressing roh zu verzehrenden Grünpflanzen, die in der Nährwerttabelle nicht auf der gleichen Stufe wie Pappschachteln rangiert. Im Ruhrgebiet ist ein Gericht namens „Endivien dore-in“ verbreitet, ich aß es im niederrheinischen Duisburg, bei Frank Schwarz in der Schifferbörse, in einer ebenso reduzierten wie prägnanten Version.
Und ließ mich dadurch zu folgendem inspirieren: Eine Endivie feinst vorbereiten (äußere Blätter großzügig kompostieren, den Rest gründlich waschen und grob zerkleinern, trocknen) und reichlich Dressing aus Olivenöl, Meersalz, Düsseldorfer Senf, Sherryessig und rotem Johannisbeergelee anrühren. Beides vereinen. Dann Kartoffeln kochen, pellen, leicht stampfen. Wiederum einen Vereinigungsprozess initiieren und prompt servieren. Dazu passt Freitagsfisch, heute mit Salbei aromatisierter Seehecht. Der ist robust genug, um gegen den Endivien-Kartoffel-Stampf zu bestehen. Ist der Fisch aus der Pfanne, lässt sich mit dem Satz, etwas Weißburgunder und einem Stück kalter Butter hervorragend eine kurze Soße ziehen.

Endivien-Kartoffel-Stampf mit Salbei-Seehecht
Zurück zur Abendunterhaltung. Die verspricht der Sonntagabend, in der Sint Joriskerk in Venlo.
Saltimbocca vom Kabeljauloin auf Porzellan aus Freiburg
Veröffentlicht: September 28, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: kabeljau, Kraków Loves Adana, Porcellain, Saltimbocca Ein KommentarDer Plan misslang. Alternativen wurden geschmiedet und führten geraden Wegs zu neuen Ufern. Ohne zu schwimmen – obwohl die dazu benötigten Häute schon gedeihen in den Zehenzwischenräumen, denn es ist Herbst am Niederrhein.
Der Rheinische Edelwels hatte es nicht auf den hiesigen Markt geschafft, heute. Am fehlenden Wasser kann es nicht gelegen haben. Also Kabeljau, nur das mittlere, dicke Stück des Filets, Loin genannt. Übrigens sagt das Kluge-Buch, dass der einzige Unterschied zwischen Kabeljau und bacalao nur eine Interversion sei. Ich hingegen glaube, dass Stockfisch und Dorsch auch noch Konsistenz-Differenzen haben. Wie auch immer, ungetrocknet zeichnet sich das Fischfleisch (sic!) durch einen sehr edlen (Fein-Schmecker) bis neutralen (Aroma-Banausen) Geschmack aus. Da ich die Tagesform meiner Geschmacksknopsen recht präzise einzuschätzen vermag, rekrutierte ich Verstärkung.
Salbei aus dem Garten (auch wenn die Blätter inzwischen beinahe zu fest sind) sowie eine Lage Schinkenspeck vom benachbarten Bioschwein wurden auserkoren, der Kreation eine römische Note zu geben. Dazu den Weißburgunder vom Kalkalgenriff von Wagner und kalte Butter für die Soße sowie ein paar sauersahnige Farfalle mit Freilandgurkenstücken als Bett.
Der Fisch ruhte sanft; erst auf den Nudeln, dann in mir.
Das musikalische Porzellan aus Freiburg dazu liefert das seltsam melancholische Duo Kraków Loves Adana mit ebenjenem Track.
Obergäriger Kulturgenuss, Bohème auf der Baustelle
Veröffentlicht: September 27, 2010 Abgelegt unter: Musik | Tags: Botanica, flowers for the departed, Hövels, m walking on the water, Schauspiel Dortmund, Wallfisch Hinterlasse einen KommentarIm landläufig als Pilstrinkerstadt bekannten Dortmund gab’s gestern obergäriges Hövels als Blitzbier in der Hausbrauerei auf dem Hohen Wall, bevor es wenige Meter weiter ins städtische Schauspiel ging. Dort galt es, den neuen musikalischen Leiter zu begrüßen, den netten Herrn Wallfisch, der zum Einstand seine kleine Band Botanica aus Brooklyn mitgebracht hatte. Wer Paul kennt, wusste bereits vor diesem Abend, dass es hier zu einer verheißungsvollen Liaison gekommen war. Der ganze Mann ist schließlich Theater. Hinter seiner kleinen Wurlitzer zog er also die irisierenden Fäden und hatte anderthalb Stunden lang die Menschen in seiner Hand.
Dann also die Krefelder Legenden, M. walking on the water. Auch Theatermusiker, auf ihre Art. Eher Straßentheater. Die Party auf dem Friedhof war auch im bestuhlten Schauspiel unabwendbar. Von außen Baustelle (Haus und Band), innerer Glanz. Und ein Versprechen: Anfang 2011 ein neues Album mit Namen „Flowers for the departed“, das erste seit dann 13 Jahren (Folkig bis countriesk sind die zu erwartenden Klänge.) und ab März eine Tour. Die bestimmt auch wieder nach Dortmund führt, jedoch dann wohl nicht ins Theater.
Liegt Uerdingen in Vietnam oder ein weiterer Grund, warum Vancouver die beste Stadt der Welt ist
Veröffentlicht: September 23, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Niederrhein, Weltweit | Tags: chi sushi, Klezmer, Lẩu, misosuppe, Nem, Niederrhein, Phở, sushi, Uerdingen, Vancouver, Vietnam Hinterlasse einen KommentarSchifferklavier und Fisch passt gut. Und da ich in den letzten Wochen einen fast schon abseitigen Hang zu Akkordeon-Musik habe (vielleicht ist es aber auch nur unterbewusste Vorfreude auf Sonntag), bin ich schließlich beim Klassiker des Klezmer-Punk, Geoff Berner, gelandet. Der „Lucky Goddamn Jew“ aus Vancouver konzertiert übrigens im Oktober hierzulande – hingehen, hören und staunen. Trinken und tanzen.
Eigentlich war heute Zeit für ein weiteres Kapitel meiner unendlichen Suche nach akzeptabler vietnamesischer Kochkunst am Niederrhein. Verwegenes Unterfangen, ich weiß. Dennoch rollte ich zum Rhein hinab, nach Uerdingen, ins Herz industriepolitischer Finsternis. Wo dennoch gastronomische Blüten im Verborgenen gedeihen, wie das La Riva oder das Chopelin im Casino. Und es eine gar vorzügliche Canh Chua gäbe, dies wurde mir zumindest zugetragen.
Familie Nguyen betreibt am unteren Ende der Fußgängerzone ein Lokal namens Chi Sushi. Natürlich habe ich wieder mal keinen Bissen Vietnam genossen, dafür aber die geballte Energie rohen Fischs.
Bei Chinesen, die ne Pizzabude betreiben, hört mein Pioniergeist in der Regel auf. Da ich aber mein bestes Sushi bisher in Bangkok aß (und zwar im Fuji-Restaurant im MBK-Center), und Onkel Ho’s Neffen und Nichten kulinarisch sowieso alles können, wagte ich – und gewann. Ein perfektes Mittagessen (samt sanftrauchiger Misosuppe und Jasmintee). Einen neuen netten Menschen (Besitzerstochter Marie, charmant und kompetent, welch seltene Kombination). Einen stimmigen Ort (welches Lokal kann sich schon einer exzellenten Musikauswahl rühmen, wenn es nicht Club ist, und ist so luftigleicht gestaltet und doch auch klassisch). Schließlich die Gewissheit, wiederzukommen.
Um dann die Phở zu versuchen. Oder die Nem. Ganz bestimmt einen Lẩu. Ich hab’s versprochen.
Solange höre ich Fukui, das neue Album von Stella.
Pflaumen, melancholisch
Veröffentlicht: September 10, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: Fruchtnaht, Pflaumen, Pflaumenpfannkuchen, Rouenhof, Sufjan Stevens 8 KommentareHocherfreut und nachhaltig satt höre ich Sufjan Stevens „All delighted people“ und lasse mich hinwegtreiben in einen elegischen Tagtraum. Der an Pflaumen und Zimt und Hefeteig gemahnt – ein Nachgeschmack – und die Vorfreude steigert auf das neue Album „The age of adz„.
Mutters Pflaumenpfannkuchen sind der Auslöser für das träge Befinden, welches melancholische Verlustgefühle und Aromastaunen mit sich bringt. Es gibt ja Dinge zwischen Vorratskeller und Küche, die man niemals selber zubereiten würde, weil sie scheinbar einer längst vergessenen Entwicklungsstufe kulinarischer Intelligenz zu entstammen scheinen. Und dann reicht dennoch schon der vage Geruch, um jegliche hart erarbeitete Genussvernunft fahren zu lassen. Wieder Kind sein, Fettgebäck-Sucht, Zuckerschock. Und Ess-Wettbewerbe, die zu gewinnen Ehrensache war – und immer wieder ist.
Denn diese süßen Kleingebäcke werden selbstredend aus Hefeteig gearbeitet. Mit viel Hefe. Was die Lust beim Mahl mit einem gewissen Leiden danach verbindet. Jegliche theologisch-erotische Assoziation ist rein zufällig.
Ein Rezept existiert selbstredend nicht. Die Lust am Freihand-Kochen habe ich geerbt, zum Glück. Ich schätze einmal dies:
Sechs übermäßig gehäufte Löffel Weizenmehl mit etwas Zucker in eine Schüssel geben, in die Mitte eine Mulde für warme Milch und frische Hefe. Nach 20 Minuten verrühren, dann zwei Eier, etwas Joghurt und eine Prise Salz zugeben, wiederum gehen lassen. Dann sollte der Teig blasendurchwirkt und zähflüssig sein. Währenddessen ein gutes Kilogramm Pflaumen waschen und an der Fruchtnaht aufschneiden, entkernen. Schließlich in eine große, mittelheiße Pfanne vier kleine Kellen Teig geben (so ergibt dies ca. 16 Stück), mit Pflaumen belegen. Nach guter Bräunung wenden und nochmal halbsolang backen (zu lange = Zerfall; zu kurz = roh).
Aus der Pfanne auf den Teller, übermäßig zuckern (evtl. auch zimten) und direkt verspeisen. Wer die meisten schafft, hat gewonnen. Zumindest kurzfristig. Bis ein leichtes Unwohlsein sich einstellt.
Pflaumen offeriert momentan fast jeder Hofladen. Besonders empfehlenswert ist der Rouenhof, wo am Sonntag Streuobstwiesenfest ist.
tomorrow or just the end of time (purple haze)
Veröffentlicht: September 7, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: 27, Jimi Hendrix, Karotte, Möhre, Purple haze 5 KommentareLila Möhre. Schmeckt prima, sagt der Biobauer. Karottenurform. Violetter Afghane, sozusagen. Kurz vorm Hindukusch kultiviert, damals. Heute: Nahe der holländischen Grenze.
Schlechtes Foto, zugegeben. Aber prima Salat: Purple Haze gerieben, ebenso etwas Ingwer. Sesamöl, Zitronensaft. Salz, Pfeffer, beides grob. Walnüsse. Perfekt.
Das legendärste Mitglied des „Club of 27“ und gleichzeitig der wohl erste Joboptimierer des Rock’n’Roll (spielte er doch Lead- und Rhythmusgitarre gleichzeitig) veröffentlichte 1967 mit „Are you experienced“ das folgenschwerste Album derjenigen Popkultur-Fraktion, für die Oberfläche nicht zwangsläufig Sinn stiftend war. Und deren Nachkommen Punk, Grunge und Indie spielen, machen, leben. Als ob es kein Morgen gäbe.
The Jimi Hendrix Experience mit: Purple Haze.
Pezzettino, rheinischer Trifle
Veröffentlicht: September 5, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: Brombeeren, Joghurt, Krokant, LubDub, Mascarpone, Pezzettino, rheinischer Trifle, Schwarzbrot 2 KommentareIn diesen Tagen veröffentlicht die in Brooklyn ansässige Musikerin Pezzettino ein neues Album. Es heißt LubDub, rhythmisch ist damit der Weg wohlgewiesen, spannend macht es die Dominanz des Akkordeons. Auch wenn das erste Stück (Replay) ein wenig so klingt, als hätte Kate Nash die Freakfolk-Abendschule besucht, auch so manches andere Lied an CocoRosie und Konsorten gemahnt, macht die aus Milwaukee stammende Margeret Stutt doch sehr vieles richtig. Kindlich verspielt, ätherisch bisweilen, und an der richtigen Stelle ziemlich verstörend. Anspieltipps: Cold hard chick, Where’d ya go und das Titelstück.
Und ja, die Brombeeren wurden nicht vergessen. Eine Art rheinischer Trifle wurde daraus, keine Torte wie ursprünglich gedacht. Wilde Brombeeren sind – im Gegensatz zu Walderbeeren – nicht ganz so aromatisch wie ihre kultivierten Geschwister. Kleiner zudem und selbstredend schwerer zu ernten – aber der Spaß an der Reaktivierung überkommener Jäger-und-Sammler-Gene wiegt das deutlich auf.
Wichtig ist vor der Verarbeitung die gründliche Waschung, um potentiell vorhandene Spuren tollwütiger Fuchspisse zu eliminieren. Dies geschieht nicht unter fließendem Wasser, wie bei fast jedem anderen Obst, sondern in einer großen Schüssel voll stehendem Nass. Zu empfindlich sind die Beeren. Im Durchschlag lange trocknen lassen.
Währenddessen Schwarzbrotkrokant verfertigen. Dazu eine beschichtete Pfanne mit reichlich braunem Zucker erhitzen und drei bis vier Scheiben nicht zu frisches, dunkles Vollkornbrot hineinbröseln. Übrigens: Wer nicht im Rheinland wohnt, kann hierzu eine Menge von Bäcker Süpke lernen.
20 bis 30 Minuten dauert der Prozess, denn zu heiß darf die Pfanne nicht werden, damit der Zucker nicht verbrennt. Als Katalysator nütze – wer mag – den ein oder anderen Stich Butter und als zusätzliches Aroma ganz wenig Zimt. Dann alles auf Backpapier geben und auskühlen lassen.
Nun eine Creme herstellen aus den der jeweiligen Verfasstheit und Verfügbarkeit geschuldeten Zutaten. Bei mir bestand sie aus Mascarpone und Joghurt, zu gleichen Teilen; Puderzucker und Zitronenabrieb.
Schließlich: Schichten. Kühlen.
Vor dem Servieren aus den Restbeeren eine dickflüssige Soße – mehr ein Mus – mixen (und evtl. passieren, der Körner wegen) und damit ausgarnieren.
Das Ergebnis: Ein multisensorischer Kick ohnegleichen!







