Ohrensausen und Banh mi

Die Vorbereitungen waren getroffen, alle wirkten fokussiert. Pünktlich verschwand die Sonne. Ein leichter Niesel setze ein, später dann wuchs sich dies wohl aus in einen prasselnden Landregen. Adrenalinüberschuss und Kammerflimmern ließen jedoch solch Banalitäten nicht über die Wahrnehmungsschwelle schlüpfen. Ich liebe erste Male, ständig etwas Neues tun. Therapeuten schimpfen dies Flucht vor der Beständigkeit, mein Name dafür ist Leben. Nun also: Ein Musikfestival.

Dabei sein zu dürfen in den Wochen der Planungen, Entwürfe und Verwerfungen war ein als kreativer Feldversuch getarntes Geschenk. Die Initiatoren und Gastgeber stellten alles zur Verfügung: Ihre Köpfe, Herzen, Haus und Hof. Immer das Machbare ausloten, an die Grenzen gehen und einen Schritt darüber treten: So wurde verfahren und Voraussetzungen geschaffen, dass alles, wirklich alles zum Besten geriet. Auch meine eigene, kleine Überforderung: Nicht nur helfende Hand und offenes Auge, auch ein paar Minuten auf der Bühne mit Trompete und Mandarinen – und die Verantwortung für das leibliche Wohl (zumindest für Teile davon).

Von 1 Uhr mittags bis 3 Uhr nachts kamen über 300 Menschen. Alle Planungen gingen auf. Aufgegessen wurde beinahe, ausgetrunken restlos alles. Vor allen Dingen aber gab es sechs Bands, die sämtlich ohne Gage spielten, angereist aus Osnabrück und Düsseldorf, Antwerpen und Brüssel, Italien und Schweden. Ein Satz für jede Kapelle, denn Worte können das Gehörte kaum transportieren:
Zuerst also die rheinische MANDARINE mit irgendwas zwischen sphärischem Artpop bis Wüstenrock, Improvisationsmut und LowFikonzept, irrer Gesang, tighte Beats und funky Geschrammel, gewürzt mit fünf Trompetentönen. Dann wurde es richtig verrückt, MIM & LES VOSGIENS, Kunsthochschulelektropunk mit Soundkaskaden, Rhythmusfrakturen und Gesangseskapaden, Belgier halt. TRUE CHAMPIONS RIDE ON SPEED klangen exakt so, wie der Name vermuten ließ. Seit langer Zeit standen die Indiehelden von PENDIKEL wieder mal auf einer Bühne und ließen Hoffnungen keimen, dass legendäre Alben wie „Don’t cry, Mondgesicht“ oder „Phantasievoll (aber unpraktisch)“ noch nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten. HUMMEL (und der Bär) kommen aus Umea oder München und sind die Diddi Hallervordens des Hardcore. Das grandiose Finale bot schließlich ein Trio aus Verbania, Italien, die Moschusochsen des Poststonerrock, tight as fuck: MUSCHIO.

Wir haben noch getanzt, in der Porreewaschhalle, die Muskeln wieder locker geschüttelt und die Nervenbahnen frei. Wir waren satt und müde und betrunken und frei. Glücklich. Und dankbar, allen und für alles. Gingen, mit einer leisen Ahnung, einem Gedankenfunken an ein nächstes Mal.

mim
Auf vielfältigen Wunsch hier noch die Bauanleitung für die vietnamesisch inspirierten Baguettes:

Ein gutes Baguette (ca 20 cm Länge) aufschneiden und auf der Unterseite mit Bohnen-Tofupaste und oben mit Mayonaise bestreichen. Belegen mit Scheiben von in Fischsauce mariniertem und gedünstetem Schweinefilet, feinen, mit Zitronensaft, Chilies und Minze gewürzten Zwiebelringen, in Nuoc mam eingelegten Möhrenhobeln, Gurkenscheiben, Frühlingszwiebelstückchen und Korianderzweigen.

(Die Paste habe ich gemixt aus einem Teil Räuchertofu, einem Teil Kidneybohnen und einem Teil Erdnussöl und mit Zimt gewürzt. Die Mayonaise habe ich eifrei aufgeschlagen wie hier. Für die fleischlose Variante wurde das Schweinefleisch ersetzt durch eine Art Rührei.)


Letzter Aufruf: Sommersause

sause

Sechs Bands zwischen Krach und Kammerpop auf einer selbstgebauten Bühne, Hummeln, Bären und Mandarinen, die beste DJane der Welt, Vinylshop, Hautbemalung, Klamottentuning, eine überaus ambitionierte Klofrau sowie mein Beweis, dass gutes Festivalessen möglich ist: All das erwartet Euch am Samstag in Viersen-Dülken am linken, unteren Niederrhein. Kommet zuhauf, bringt ein Zelt mit und feiert mit uns, bis der Morgen graut.


Exotik in der Hobbyküche schmeckt oft wie ein Heimporno aus der DDR

Aus popkultureller Sicht ist Vietnam ein Jammertal. Totglobalisiertes Asiapopgedudel präsentiert von gitarrenschreddernden Covercombos. Auch wenn theoretisch die weite Verbreitung  von Livemusik – kaum ein Club kommt ohne Hausband aus – glimmernd glänzt, ist die Realität Ohrenqual. Amerikanisches Mainstreamrepertoire wird gerne durch die Grungemühle geschickt und trifft dann frischfrommfröhlichfrei als Ausgeburt des Dilettantenstadels auf das Publikum.  Soviel Cobrawhiskey kann kein Mensch trinken, dass er solcherlei ertrüge. Aber wer reist auch schon der Musik wegen gen Südostasien? Eher doch, um Moped zu fahren.

hanoi

Oder des Essens wegen. (Ansatzweise gelungen verbunden ist jedoch die Befriedigung ganzheitlichen Kulturstrebens auf dem Hue Festival in der alten Kaiserstadt. Übermorgen beginnt dort eine Ausgabe zu asiatischer Handwerkskunst. Ich wurde daselbst aber auch schon von einem belgischen Fanfarencorps um den Schlaf gebracht. Muss man mögen.)

Bei der Kulinarik fremder Länder verliert der mitteleuropäische Gourmand gerne den Verstand. Was für ihn in heimischen Gefilden oberste Priorität hat – Produktqualität, Ökologie, Regionalität, das ganze basalbewusste Brimbamborium – spielt auf einmal überhaupt keine Rolle mehr. Zu Hause wird der Biobauer nebenan geplündert und auf dem wöchentlichen Ökomarkt das Sortiment abgegrast, doch bei der „exotischen Zutat“ stoppt die Hirnfunktion. Oder wer hat schon eine biologische nước mắm im Kühlgerät?

Zunehmend lehne ich diesen ganzen Asiakram ab, aus Gründen.  Nehmen wir eine mittelprächtige deutsche Großstadt, Köln zum Beispiel. Genauso wenig, wie auch nur einer von tausenden Türkenläden Biodöner feilbietet, finden sich hier China- oder Thaischmieden mit Produktherkunftstransparenz. Anders als beim anatolischen Drehspieß werde ich zwar regelmäßig schwach in vietnamesischen Garküchen, arbeite aber am Reflexvermeidungsmechanismus.

Um es noch einmal klar zu sagen:
Ich kenne aus aromatischer, konzeptueller und prozessualer Sicht keine überlegenere Nationalküche als diejenige (Nord-)Vietnams. Nur die Produktqualität vor Ort ist hundsmiserabel. Und was in hiesige Asialäden gelangt, ist um keinen Deut besser.  Daher starte ich dieser Tage ein neues Forschungsprojekt, suche nach guten Produkten, alternativen Bezugsquellen und eventuellen hiesigen Derivaten. Und werde davon berichten. Auch darüber, was der eigentliche Anlass dieses Artikels war, der da heißen sollte „Die Rettung des Banh Mi mit Musik“. Warum ich also das Catering für ein kleines niederrheinisches Noisefestival übernahm, warum es dort vietnamesisch anmutende Baguettes geben wird, wie die Dinger genau gebaut werden und welcher Riesling wohl dazu passt?


Über Flamboyanz, ein überkommenes Kunstverständnis und postmodernes Kochen

Seit Zeiten mal wieder ein dröhnender Überschriftendreiklang, wie geschaffen, um am evozierten Anspruch zu scheitern. Das lustige an selbst kreierten Vorgaben ist die emotionale Antizipation des Flugs: beim Absturz von übertriebener Fallhöhe. Nimm es, werte Leserschaft, als gewohnt permanente Rebellion gegen wissenschaftliche Sozialisation und allzu sauberes Skribentenhandwerk. Am Ende bin ich nur ein wurmiger Brechtadept, der Ent-Täuschung als pubertäres Prinzip betreibt und Erwartungen weckt, nur aus Lust am eigentlichen Scheitern.

Wolfsmilchernen Pflanzen gleich wabert die Musik einer süddeutschen Band durch’s Esskulturzimmer, mal mehr im Magen zu spüren, dann Synapsenverschwurbelnd das Hirn verklebt. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass am Ende jeder einzelne Track des Albums „Heart Mutter“ einfach nur gewaltig die Ohren frei macht. Ästhetisch anspruchsvoll ist dabei das weibliche Geschrei in deutsch und englisch. Gitarrengeschredder wird unterlaufen von Pianopassagen, die nur solange romantische Ruhe versprechen, wie der Umschwung in Krach weh tut. Alles schon mal da gewesen? Rriot, Girlgrime, Postpunk? Klar doch! Eklektizismus ist der Wesenskern von Popkultur. Jeden Ruf nach genialischem Schöpfertum veruteile ich als latent feierabendfaschistoid, zumindest doch als Relikt überkommener humanoider Überheblichkeit. Lang leben die Amöben!

Candelilla sind vier Frauen und die neue Platte gefällt mir gut. Sie nummerieren ihre Stücke und auch dieses Zitat passt und sitzt.
Ebenso wie fast alles, was diese beiden aus Jerusalem stammenden, schwulen Londener Gastronomen so von sich geben in den letzten zehn Jahren. Weil sie ja eigentlich im Alltag schüchtern und zurückhaltend sind, weder in politischen Diskussionen – die sich auf Grund ihrer beider Herkunft geradezu aufdrängen – noch im grellen Mediengeschäft die große Pauke verdreschen. Als Helden aller Couscous köchelnden Mittelstandsmuttis haben sie gewisse Pseudo-Rock’n’Roll-Köche inzwischen locker von den vorderen Rängen der Hitlisten verdrängt. Womit? Mit Flamboyanz. Herr Ottolenghi sagt es so: „Wir nutzen den Umgang mit Essen als unsere Art, schrill zu sein.“

flamboyant

Er nutzt im Englischen den Begriff „being flamboyant„. In der Kunstgeschichte handelt es sich dabei um eine extrem verspielte Spielart der Spätgotik, wie hier am Beispiel der Fassade der Capella de Sant Jordi in Barcelona zu sehen ist. Im Szenesprech der Gay-Community ist damit allerdings das typische bis klischeehafte  Verhalten gemeint, dass Außenstehende als grell, schrill, überdreht wahrnehmen (sollen).

Warum ich das hier thematisiere? Mir gefallen die Bücher der Herren Tamimi und Ottolenghi außerordentlich gut. Weil ich ihren beiläufigen Ton mag und das nonchalante Voraugenführen von kulinarisch Selbstverständlichem im oft unvermuteten Zusammenhang. Wie das aktuelle Werk „Jerusalem“ aufgemacht ist, mit einer lässigen Foodknipserei und bisweilen typischem Geschwafel: Das fühlt sich an wie eine  Neil-Young-Platte. Zum 37. Male hat der Kanadier sich und seinen Sound neu erfunden und klingt doch so altbekannt wie eh. Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit und handwerkliche Präzision sind vielleicht nicht Ausdruck überbordender künstlerischer Schaffenskraft, jedoch mindestens gehobenen Kunsthandwerks. Und das ist im popkulturellen Segment Kochbuch schon eine ganze Menge.

In unendlich ermüdenden Diskussionen unter Hobbykulinarikern werden immer wieder zwei Argumente gegen den Ottolenghihype ins Feld geführt. Zum einen, dass ja nix Neues geboten würde, alles schon mal da gewesen, alter Wein in neuen Schläuchen. So what? Wenn der Tropfen doch allzu exzellent mundet?
Zweitens wird mit einer gewissen Moderesistenz kokettiert. Wenn alle den gut finden, kann ja kaum Substanz vorhanden sein. Bornierter Mist, so eine Einstellung! Auch wenn ich selber dazu neige, vorzugsweise in Nischenbädern zu plantschen, ist das Schwimmen im Mittelmeer doch eine feine Sache. Wenn man nur die coolen, kleinen Buchten kennt.

blumenkohlsalat

Solche Pretiosen habe ich nachgekocht in den letzten Tagen. Wie diesen Salat von geröstetem Blumenkohl und gebrannten Mandeln mit Koriander. Im Originalrezept wurden Haselnüsse und Petersilie vorgeschlagen, beides langweilt mich zu Tode – und in meiner Variante ist es eine schlüssige Weiterentwicklung. Die Rezepte der Beiden laden immer ein zum eigenen Experiment. (Originalgetreu umgesetzt wurde es bspw. hier.)

Weiters gab es Clementinenkuchen mit Mandeln

orangenkuchen

der etwas gepimpt bestimmt noch einmal hier vorgestellt wird. Außerdem die Gemüsepaella aus „Genussvoll vegetarisch“

gemüsepaella

sowie das vielleicht simpelst anmutende, aber in seiner geschmacklichen Perfektion bestechendste Rezept der bisher umgesetzten: Röstkartoffeln mit Karamell und Backpflaumen.

kartoffeln

Und doch geht es weiter, hinterm rheinischen Kartoffelhorizont. Als nächstes gibt es den Anlauf auf ein Festivalcatering, mit vietnamesischen Baguettes, Industrial Blues und Hippiegedöns. Bald, in diesem Theater.


Holland – und was von Hamburg übrig blieb

Ein paar Eindrücke gilt es noch zu schildern, damit Farbe kommt in das bisher monochrom graue Bild. An Elbe und Alster ist nicht alles trist, das Wetter vielleicht, doch. Kultur und Kulinarik hingegen funkeln prächtig. Es gibt ein Leben nach dem Völlegefühl, welches durch zu schnell zu viel entsteht. Essen kann man diese Entschleunigung in Eimsbüttel beispielsweise, im Lokal von Oliver Trific.

Karoviertel

Als seltsamer Mensch war ich vor dem Besuch am Eppendorfer Weg reichlich reserviert. Zu viel lobendes Geraune waberte da seit Monaten in der Szene der Internetesser. Kaum ein Foodblog kommt noch ohne lobende Erwähnung des kleinen Restaurants aus, der Koch ist längst freundschaftlich eingemeindet ins soziale Kulinariknetz. Warum? „Natürlich. Frisch. Von Hier.“ Das machen andere auch und ich doch jeden Tag.

Aber nicht so konsequent und gut gelungen – ein dauerhaftes Glücksgefühl hielt uns umfangen auf dem langen Fußweg zurück in die Sternschanze. Dabei hatten wir noch nicht einmal einen der roten Naturweine getrunken, die auf der tollen kleinen Weinkarte brillieren. Zum nordischen Mahl wollten mir genauso banal wie passend nur Silvaner, Weißburgunder und Veltliner ins Glas. Da wir zu viert tafelten, kamen zwölf verschiedenen Gänge auf den Tisch (je drei zu dreißig), von fast allen kostete ich und sie waren durchweg auf den Punkt. Ob „Zweimal gegarter Pulpo auf herben Salaten, Verjus- Rapsöl-Vinaigrette“, der vor simpler Finesse, feiner Aromatik und schmelzender Bissigkeit am Gaumen fast platzte, oder die in Buchweizenmehl gebratenen Stinte, bester Elbebeifang und regionales Lieblingsessen schon immer – jetzt schon war klar, dass in der Küche mit Bedacht und Ruhe fokussiert gearbeitet wird, herrliche Tiere und Gemüse durch durchdachte Zubereitung einer höheren Bestimmung zugeführt werden.

Kein Schnickschnack, Einfaches perfekt. Wie der formidable „Ostsee-Wildlachs auf Sellerie-Kartoffelpüree mit Speck, Blumenkohl und Meerrettich“. Die saftig triefende „Perlhuhnbrust auf Rahmlinsen mit Majoran-Kartoffel-Plätzchen“. Die fetten Semmelstoppelpilze. Selbst Desserts sind kein obsolet süßes Beiwerk, sondern abrundender Nachklang. Kurz bevor wir gingen, nach über vier Stunden, kam Oliver Trific an den Tisch, sehr zurückhaltend, interessiert, offen. Erkannte mich und ich in ihm den Geistesverwandten. Für den Kochen und Essen mehr ist als nur Genuss. Sondern pralles, handfestes, alltägliches, freudiges Leben. Ich wünsche mir in jeder Stadt, in die ich reise, eine solchen Laden. Die Welt wär eine bessere.

Ein guter Mensch ist höchstwahrscheinlich auch der schon lange in Kolumbien lebende und arbeitende britische Musiker und Produzent Will Holland. Besser bekannt als Quantic. Oder Los Miticos Del Ritmo. Ondatropica. Mir ist er erst vor genau zehneinhalb Monaten auf den Plattenteller geraten, durch die wunderbaren Hände eines geliebten Menschen. Seitdem bin ich infiziert. Der ich immer immun zu sein glaubte gegen Salsakursromantik und Buena-Vista-Social-Mist. Nun bringt mir ein britischer DJ originäre lateinamerikanische Sachen bei. Lehrt mich Cumbia. Und lässt mich sicher sein: Mein zweiter Name ist nunmehr Alfredito:


Das Essen verlorener Tage – eine Blitzumfrage

Am klassischsten aller Erbsensuppentage, der allerorten großenteils zu Zwecken der Logistikoptimierung und Leerstelleneliminierung in der Lagerhaltung genutzt wird, kommen auch im Gesindehaus einzig Reste auf den Mittagstisch. Immerhin handelt es sich dabei um das Beste, was man spontan aus kaum aromatischen weißen Zuchtchampignons machen kann. Zumindest in meiner begrenzten kulinarischen Erfahrungswelt – und der Tatsache geschuldet, dass eben Einkäufe und Putzerei prioritär zu behandeln sind an einem Samstag in Deutschland.

Nun muss ich aber einschieben – so viel Zeit ist immer – dass auf dem Plattenteller sich gerade die unbestritten beste Scheibe des noch jungen Jahres dreht. Manchestermusik aus dem Konsensfach einerseits. Andererseits seit über zehn Jahren meine Lieblinge des britischen Popsongs: I Am Kloot. „Let it all in“ ist schlicht das einzige melancholische Opus magnum, zu dem sich die Herren Feierabendtrinker, Bewahrer proletarischen Charmes und Melodienmeister fast zwangsläufig in die künstlerische Lage versetzt haben. Alle zehn Songs sind einfach nur sympathisch und, ja, schön. Zum Heulen. Ich freue mich so, die Band in Köln zu sehen – also Album kaufen und selber hingehen.

Eine kurze Frage in die Runde – an zehn ausgewählte Genussmenschen im sozialen Netz – förderte Uneinheitliches zu Tage. Foodblogger, Winzer, Gastronomen – sie alle frug ich, was sie heute Mittag essen. Und warum. Das prägnanteste Ergebnis: Nur ein Eintopf ist geplant. Das Spektrum der Antworten ist ansonsten so bunt wie die Charaktere der Angesprochenen.

In der Eidgenossenschaft steht demnach Biodöner auf dem Speiseplan, als Einkaufsbummelstärkung. Im hohen Norden hingegen wird die Stintsaison gefeiert – und gleichzeitig damit die Teilnahme an einem entsprechenden Blogevent realisiert. Im Kölner Umland gibt’s Backofenschwein, weil es sich bäuerlich anbietet.

Die aufwändigste Kreation wird von der anderen Rheinseite her angekündigt:
Orangen-marinierter Fenchel mit flambierter Chorizo
Rumpsteak vom Pferd vom Grill mit Mangold und Kartoffelselleriepüree
Karamellisierte Ananas mit Rum und Tasmanischem Pfeffer und Vanilleeis
dazu Rodrigo Leao € Cinema Ensemble im CD-Player

Düsseldorf halt.

Der letzte Tag des Winterschnitts in einem einsamen, französischen Weinberg wird folgendermaßen kulinarisch untermalt:
„Ein hart gekochtes Ei auf einer Scheibe Baguette – mit Quellwasser runtergespühlt und dann ein Stück Schokolade in meinen Milchkaffee aus der Thermosflasche getunkt.“ In Wien hingegen wird um diese Uhrzeit noch das Frühstück geplant. In Rheinhessen ist das immerhin schon klar: Naturjoghurt mit Obst. Oder Gesternreste zum Wein: Kartoffelsuppe.

Wer samstags allerdings Mama besucht, bekommt unter Garantie seine Kinderzeitenleibspeise aufgetischt. Das geht auch Cheffoodbloggern so: Kartoffel-Möhren-Suppe und einen Ring Fleischwurst – Lieblingsessen. Da, wo Kinder Mitesser sind, bestimmen diese gerne mal den Speiseplan zum Wochenendauftakt und verlangen Süßes: Dampfnudeln mit Vanillesauce! Noch so ein Klassiker. Genauso wie kalte Pizza vom Vorabend, als Katerfrühstück, wenn die Zuordnung der Tageszeiten noch schwerfällt.

pilzpolenta

Ich esse gleich also Pilze mit Polenta, weil es schon gestern abend so gut schmeckte. Als Aromaten eine Kombination aus Thymian, Balsamico, Zitronenabrieb. Pecorino in den Maisgriesbrei. Und dann: Frühjahrsputz.

Nachtrag:
Antworten kamen u.a. aus folgenden Richtungen – nur wer gab welche?

Nachtrag 2:

„Brot & Käse. Weil ich heute im Weinberg die erste Arbeit für den ’13er gemacht habe.“
Allem Anfang


Hamburg, ein Völlegefühl (Teil 1)

Natürlich ist Hamburg mehr als der Kiez. Es gibt ja noch das Schanzenviertel.

außenklo

Den ganzen dreckigen Rest kehre ich unter den dicken Teppich subjektiver Ignoranz. Denn deutsche Städte sehen großenteils sich zum Verwechseln ähnlich, wenn man sie von innen heraus betrachtet. So fahre ich gern an ihre Enden, will die Außenhaut samt Pickeln und Geschwüren und bizarren Blüten. Die blühen in der Schatzstadt nicht nur im Loki Schmidt Garten – auch wenn es da im Winter herrlich trist ist.

loki schmidt garten

Entgegensetzlich liegt das absurd hässliche Kraftwerk Tiefstack. Der Bus fährt ewig durch unendliche Autoschieberhöfe und spuckt einen aus ins Nichts. Urbane Mondlandschaft; nimmt man die Linie 3 retour,  offenbart sich das Paralleluniversum der Trabrennbahn Bahrenfeld , doch davon hier ebenfalls nichts.

Wir wohnen an der Schilleroper, mittendrin, hier haben Boy Division ihre erste Platte aufgenommen, vor Jahr und Tag. Doch das erzählt mir Bernd Kroschewski erst am Telefon, als ich schon wieder rheinischen Smog atme. Insgesamt lässt sich sagen, dass Völlerei ein Feind der Kultur ist, Fressen und Moral liegen ja auf einer Zeitachse auch an verschiedenen Enden. Wir haben leider überhaupt nicht vergessen zu essen – und darüber ist das Tanzbein eingeschlafen. Das ist jammerschade, atmet doch keine Weltengegend mehr persönliche Musikhistorie als die Schanze.

schilleroper

Morgens fiel der Blick also dreimal in Folge zuerst auf diesen kaputten Bau, der ursprünglich, Ende des 19. Jahrhunderts, für den Zirkus Busch erbaut wurde und über tausend Zuschauer fasste. Theater, Seemannsheim, Auffanglager, Spekulationsruine, seit Jahrzehnten. Zwischendurch mal, in den 90ern, als Popmusik noch ein König aus Deutschland war, in einer hanseatischen Schule, wichtiger Club. Alle haben sie hier gespielt. Der Blick auf die Ruine erfüllt mich mit dem Stolz der zu früh geborenen Nachgeburt. Kann keinen Odem spüren, wohl aber die Pisse riechen und die Sinnbildlichkeit sehen für ein überkommenes Geschlecht. Der Mensch ist ein doofes Tier und wir feiern uns in den Abgrund.

Der Völlerei gefrönt haben wir u.a. in Eimsbüttel bei Oliver Trific (Stinte und Doppelpulpo = Spitzenklasse), bei Pauline (Frühstücksparadies mit netten Köchen), mit Herrn Paulsen im Lokal1 (deliziös: Schanzenschweinerei), nicht im Nil, mit Fischköppen (1A Räucherwaren), leider auch nicht bei Muttern im Kimzen (dafür gab’s die beste Abfuhr ever), Süßes im Transmontana.

stint im trific

Fidel Bastro ist ein gutes Label, Bernd ist der Chef und gleichzeitig Teil der Boy Division, altgediente Hamburger Coverband. Deren Sänger Oliver Hörr betreibt den Saal II, wo sich gut Bier trinken lässt. Dort nahmen die Jungs auch mal eine Single auf, im Keller. Schulterblatt heißt die Straße, an der auch die Rote Flora liegt. Zwei Ecken weiter, nachts, fast schon wieder bei der Schilleroper angekommen, lockt noch die Mutter. Denn hier ist zu Hause, Mama.

mutter

Es folgen noch ein paar Geschichten. Begegnungen. Eindrücke. Von drei Tagen Schatzstadt. Bis dahin: Musik.

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