Heldinnenverehrung
Veröffentlicht: November 17, 2011 Abgelegt unter: Musik | Tags: heroina 3 KommentareAuch wenn ich mir ernsthaft vorgenommen habe, diese Plattform nicht noch mehr zur kleinen, obskuren Musikmission verkommen zu lassen – und dafür seit kurzem zielgruppengerecht regelmäßig einen songoftheday. tumblelogge – komme ich heute doch nicht umhin, eine frohe wie heldenhafte musikalische Botschaft ans eigentlich nach Opium und kulinarischen Kuriositäten lechzende Bloggervolk abzusetzen: Heroina ist wiederveröffentlicht worden! Freut Euch!
Zwar ist damit nicht der Heiland erschienen, aber es wird nun adäquat einem der besten Alben deutscher Provenienz der frühen 90er Jahre des letzten Jahrhunderts gehuldigt. Doch alles auf Anfang:
Seit ich vor ein paar Tagen in einem genauso beliebten wie umstrittenen sozialen Netzwerk den Sisters-of-Mercy-Song This Corrosion in der grenzgenialen Variante von Kurt Wagners Lambchop postete und dazu bemerkte, dass es sich dabei um eine der drei besten Coverversionen der Popmusikgeschichte handele, entspann sich nicht nur eine fruchtbare Diskussion mit einem Bloggerfreund. Mir wurde wieder einmal bewusst, dass ich die Sparte „Interpretation“, die von kritischen Geistern mehrheitlich eher dem Bereich Handwerk denn der wahren Kunst zugeordnet wird, ungemein mag. Immer schon haben mich selbstbewusste Anverwandlungen vorhandener Stoffe fasziniert. Im Idealfall sind die Ergebnisse – mit kraftvoller wie nonchalanter Geste vorgetragen – evolutionäre Zeichen. Musikalische Fortschrittsgläubigkeit. Oder schlicht ‚Spass an der Freud‘.
Heroina war ein reines Studioprojekt, das drei Musiker als Ausgleichssport zu ihren jeweiligen Hauptbands initiierten:
Der kastrierte Philosoph Matthias Arfmann (macht den shit tight) experimentierte immer schon auf der Schnittstelle von alternativem Musikstil und digitaler Produktionsform. Am erfolgreichsten war und ist er als Produzent, u.a. für Jan (Eißfeldt) Delay und die Absoluten Beginner.
Leider viel zu früh gestorben ist der alte Schlingensief-Buddy und Die-Erde-Mastermind Tobias Gruben. Sein Hang zum Dunklen prägte den Heroina-Sound.
Schließlich Günther Janssen (Gün Yan Sen), der mit seiner Frau seit 1996 Donna Regina ist und herrlich sphärisch musiziert.
Mit wenigen weiteren Unterstützern wurde 1991 in kurzer Zeit und mit bewusst limitierten Mitteln ein Album eingespielt, dass nur aus Coverversionen bestand. Ein wilder Mix unterschiedlichster Herkünfte – doch am Ende entstand eine ganz eigene Soundfarbe, ein dichtes Netz an Rhythmen. Das funktionierte formidabel auf den Tanzflächen der Welt, in den bekanntesten Clubs liefen Tracks dieser Scheibe. Vieles, was zehn Jahre später unter „Disco Punk“ firmierte und womit New Yorker Größen wie Radio 4 oder das LCD Soundsystem viel Geld verdienten, klang hier schon an.
Ob der oben eingebettete Patti-Smith-Hit oder Skin Deep von den Stranglers, ein unbekannteres Stück von Prince oder der Edith-Piaf-Chanson Dans ma rue: Sie alle wurden in industrielles Brackwasser getaucht, kräftig durchgeschüttelt und mit stumpfen Beats und freakigem Geschrei oder Genöhle in Hirne und Beine getrieben. Selbst die von mir eigentlich fast verachteten REM erhielten so Relevanz. Zugegeben: Mit dem einzigen Lied, das mir aus dem Œuvre der Kappelle aus Athens je wichtig war. In diesem Sinne bekommt mein Text am Ende gar eine Botschaft: This one goes out to the one I love!
Dazu tranken alle meist eine wilde Mischung aus Sekt und Wodka, aßen Unmengen Carbonara und koksten sich die Nasen wund. Damals. Getanzt wird heute noch.
Raus aufs Land
Veröffentlicht: Oktober 17, 2011 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik, Niederrhein | Tags: andre von borstel, anrath, beezy bastards, Krefeld, münchausen, roland rolshoven, Viersen, westdeutsche zeitung 7 KommentareBack in the days: Meine ersten journalistischen Gehversuche unternahm ich Anfang der 1990er Jahre in der für Krefeld und den Kreis Viersen zuständigen Lokalredaktion der Westdeutschen Zeitung. Die üblichen viel zu kleinen Brötchen wurden dort gebacken, unambitioniertes Widerkäuen des Offensichtlichen, die Pflege von banalen Traditionen. Immer nur die sichere Nummer, Wagnis: nie. Keine investigative Recherche, keine Reportagen von Tiefgang und Bestand. Das rächt sich heute – weil es überall so war und ist, dass Lokaljournalismus seine Seele verkauft hat an die Langeweile und das Wertkonservative. Wo die Mantelredaktionen sich Reporter leisten und wenige Rechercheure, sind die Redakteure vor Ort zu 90 % Erfüllungsgehilfen mikrokosmischer Macht. Das Ergebnis dieser Rechnung ist das Entschwinden ins Marginale.
Ich – und ja, das ist bestimmt einer der Hauptgründe zu bloggen: die Befreiung von der so genannten professionellen Distanz – ich also war bestimmt nie ein hoch begabter Schreiber. Eher schon habe ich ein Talent zur Nische. Die Beherrschung des Handwerks ist mir Grundlage für den Mut zum Abseitigen. Und doch sind mir die Region, die Provinz, die Heimat wichtig. Ich kenne alle Abgründe des Niederrheins, durfte ich doch allsonntagabendlich Nachrichten schreiben aus den Polizeiberichten des Wochenendes. Für mein Schreiben war die Etablierung des Internets in den Jahren vor der Jahrtausendwende Katalysator, Raketenantrieb, Lustgewinn. Der ewige Versuch der Versöhnung von Struktur und Anarchie, das dem Medium innewohnende Vagantentum setzte kreative Kräfte frei. Und tut dies noch heute, da ich nach Jahren als Redakteur und Leiter von Webzines, als Schöpfer von Netz-Kampagnen und klassischer Blattmacher frohen Muts meine Seele verkauft habe und PR mache.
Schreiben ist sinnliches Tun. Da dies auch schon ganz am Anfang die in mir schwingende Saite bestens beschrieb, focht ich für Freiräume. Meine liebste Disziplin war eine Mischform aus Interview und Reportage, ein stilistischer Bastard, der mir wie geschaffen schien – zwischenzeitlich hielt ich mich selbst für den Schöpfer, juvenile Hybris das – Menschen in den Mittelpunkt meiner Artikel zu stellen, die zu beschreiben sich lohnte. Schon immer bildeten dabei vor allem Musiker und Bewohner der kulinarischen Welt meine Achse der Guten. „Support your local scene“: Die erste Band, die ich im Lokalteil der WZ porträtierte, waren Freunde aus Anrath, die sich damals Beezy Bastards nannten, oder Session of Confusion.
Womit ich beim Anlass dieser Ego-Retrospektive, die im letzten Absatz ganz in den Dienst der guten Sache gestellt wird, bin: Denn sie sind wieder da! Mit frischen Songs, funky, dreckig, geradeaus. Mit Ende 30 wissen sie um die Usancen der Branche und die latente Perversion der Szene. Und stellen sich gerade deshalb wieder auf die Bühnen der wenigen noch verrauchten Clubs, irrlichtern zwischen Metropolen und Provinz und klingen dabei: frisch. Die Jungs sind richtig heiß, sind bereit für die ganz große Nummer, dieses Mal. Ich hab das Spüren können am letzten Wochenende, beim Konzert, beim Feiern. Gitarre, Schlagzeug, Bass. Klasse Riffs, tighte Beats (um mal in die Fachterminologie abzugleiten). Roland Rolshoven hat nicht nur an Volumen, sondern auch an Präsenz zugelegt und singt folgerichtig auch. Andre von Borstel besticht wieder als: Der Gitarrengott aus der Gosse. Hans Kopinski fehlt leider, dafür trommelt Florian Dreher (Ex-Capricorn). Der Dreier heißt jetzt Münchausen, spielt sich in den kommenden Wochen die Finger blutig, veröffentlicht ein Album und drängt: Raus auf‘s Land.
Liebe zu Dritt
Veröffentlicht: Oktober 10, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Wein | Tags: arthurs tochter, Erdmöbel, ingelheim, laurenziberg, love, ochsenbacken, sylvaner, teschke 12 KommentareNein, kein Stereo Total. Frau Kaktussens trashiger Unernst und ihre lockere Verspieltheit nötigen mir zwar seit Jahr und Tag Respekt, ja Bewunderung ab – aber Liebe ist ein ungleich weitreichenderer emotionaler Aggregatzustand. Kochen zum Beispiel ist Liebe – das steht zumindest auf der Fensterbank von Arthurs Tochter, irgendwo über den Dächern der rheinhessischen Rotweinmetropole Ingelheim. Diese Frau ist mit jeder Faser von Körper und Geist eins mit dem Genuss. Und mit P. (danke für die Fotos). Das ist gut. Und schön.
Wir waren zu dritt bei Michel Teschke auf dem Laurenziberg. Der Mann ist Sylvaner. Mit Leib und Seele. Er liebt seine Reben, seinen Wingert. Ein Einzelkämpfer, ein rheinhessisches Original. Ein Marionettenspieler, der seine Puppen tanzen lässt – nach gründlicher, ganzheitlicher Behandlung im Keller fließt alle seine Liebe in die Flaschen. Ob der kräutrige 2009er Blauer Sylvaner, der cremig leichte 2010er Sylvaner „primus inter pares“ oder die vollkommene Cuvee aus grünem und blauem. Auf 7 Hektar lässt er seit 1995 nicht nur komplett magische Handarbeit wirken, heiliges Wasser mit „gewissem Verderb“ aus der eigenen Zisterne zur überirdischen Vollkommenheit inklusive, sondern ist auch bauernschlauer als die meisten anderen. Als im Frühjahr 2011 eine Frostnacht benachbarten Weinbauern große Teile der Erträge raubte, saß er auf dem Bock und zog die Spritze durch die Reihen. Wirbelte Luft auf, bannte die Gefahr – kein Trieb wurde kampflos preisgegeben.
Ein 2003er Sylvaner war der Höhepunkt der Verkostung. Auch wenn dieser Kredenz naturgemäß das sortentypisch Leichte, Erdverbundende abging, erfüllte sich ein wuchtiges Kellerversprechen. Schmelz und Wucht und Klarheit vermählten sich im Glas, in Nase, am Gaumen. Das ganzheitliche Vorgehen jenseits aller Bio-Label ist das Markenzeichen dieses Weinverrückten. Ich verneige mich in Demut und reserviere die erworbene Kiste für Freunde, die solch Qualität zu würdigen wissen.
Später dann, in der Küche in Ingelheim, wurde das Gefühl zur Religion. Ein völlig zu Recht gestorbener Ochse. Auch Korken, Waffen einer mafiösen Struktur angeblich, spielten irgendwie eine Rolle. Ein veritabler Gleichklang aus Können, Lust und Magie gipfelte in einem furiosen Finale aus eisigem Orangenpfeffer – mit einem Chocolate Block als Katalysator – und rosig mariner Panna Cotta.
Eigentlich war ich mir sicher, dass abschließend nun die vielleicht wichtigste amerikanische Band der späten 60er – Love – eine Würdigung erfahren soll. Als Manifestation meiner dreifaltigen Liebe aus Wein, Essen und Musik. Ihr Song „Alone again or“ ist mir einer der wichtigsten. Doch die mexikanische Attitüde samt Trompetentrauer passt nicht hierher. „Wort ist das falsche Wort“ fällt mir dazu ein. Die Rezension, die ich zur Best-Of-Compilation der größten kleinen Kölner Band Erdmöbel immer noch nicht fertig geschrieben habe, das intellektuell Glitzernde und emotional Fantastische, die Verwirrtheit in mir und das Wissen um den Sinn, die Liebe: Dieser Tag war wie das „Polarlicht von Palermo“.
Sexy Cupcakes
Veröffentlicht: September 24, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: bacon, Buttercremetorte, cupcakes, Erin K & Tash, seattle 4 KommentareZugegeben, ich betreibe mit diesem samstagmorgendlichen Kurzbeitrag digital frivole Bauernfängerei. Kein Rezept, keine nackten Tatsachen. Das passt aber zum Landleben und wird zudem entschuldigt durch den Umstand, dass es heute mit den Jungs in den Park geht. Da fehlt schlicht die Zeit zum Selberkochen, geschweige denn Fotografieren und Verbloggen des Ergebnisses. Und mit elf Männern vom Niederrhein mit allzu dicken Waden will ich hier niemanden langweilen.
Bei Simone in Seattle aß ich vor ein paar Tagen Zuckerbomben. Wer wie ich allerdings bei Tassenkuchen bisher nur die Form als stilprägend dachte, ist leicht provinziell und bestimmt diabeteslatent. Denn diese Tortenähnlichen sind schlicht die Form für mehr oder weniger einen einzigen Inhalt: Saccharide in jeglicher Ausprägung. Oder: Die Definition von Süß. Eigentlich esse ich solcherlei nie, schon gar nicht kunterbunt ausdekoriert und mädchentraumwandelnd. Doch was machte mich wanken? Als homme de lettres war es selbstredend die Namensgebung: French toast cupcakes with maple frosting and bacon sprinkles. Diese barocke Bezeichnung führte direkt in in einen hartnäckigen Lachkrampf. Selbiges blieb mir allerdings umgehend im Halse stecken, als ich von diesem Teufelszeug aß. Ich weiß heute noch nicht, was genau mir meine Geschmacksknospen signalisierten, es hatte auf jeden Fall mit Überforderung zu tun. Schon wenn ich jetzt „Buttercremetorte mit Schinken“ niederschreibe, wird mir schlecht. Aber soviel stimmt auch: Schlecht war es nun gerade nicht. (Im übrigen bin ich nicht der erste, der dies deutsch bloggt.)
Wie die Faust auf’s Auge oder eine satte bass drum auf eine frische Magen-OP-Narbe passt dazu, was ich gestern im Guardian las. Paul Lester empfahl mir dies: „Make a meal – and get a song – out of moist muffins.“ Er schrieb dies in einem Beitrag über Erin K & Tash, zwei böse Frauen, die anzügliche Liedchen trällern. Vordergründig. Beim zweiten Hören erweist sich die Chose als handwerklich sauber gearbeitet, folkige Überraschungseier mit Lust am Sex. Aber nicht unbedingt mit Männern. Gendermusic zum Lachen und Mitwippen. Perfektes Pausenprogramm für weibliche Foodblogger, darauf wette ich mein Y-Chromosom.
Erin K & Tash – The Sexy Cupcake Ditty
Jazzfestival und Abstinenz
Veröffentlicht: September 21, 2011 Abgelegt unter: Musik, Niederrhein | Tags: Abstinenz, Jazzfestival, Lisa Bassenge, Viersen 10 KommentareMorgen beginnt es, das 25. Internationale Jazzfestival Viersen. Eigentlich nicht weiter einer Erwähnung wert, Provinz probt Urbaneskes, reichlich vergeblich großen Teils. Musik alter bärtiger Männer, Blechblasinstrumente, weichgespült, Kontrabassisten und Kehlkopfvokalisten, um Standards und Traditionals bemüht und umweht von selbstgeschneiderter Avantgarde-Klamotte. Kontemporäre Koryphäen zeichnen sich vornehmlich durch Biederkeit, Überkommenes und Hüftsteifheit aus. Nach dem Hard-Bop fiel diese Musik in ein übertiefes Loch, an dessen Grund Bedeutungslosigkeit fleckig schimmert.
Nun ist Viersen aber meine Vaterstadt. Und neben allerlei anderen Randsport- und Mainstreammusik-Events an kulturellen Darbietungen eher arm. Also kaufe ich mir keine Karte, stehe auch nicht plus X oder Y auf der Gästeliste – weise aber immerhin hier darauf hin, dass mit Lisa Bassenge eine Künstlerin, die mit ihrer Stimme zu faszinieren vermag, auf der Festhallenbühne stehen wird, am kommenden Wochende.
Ich also werde Abstinenz betreiben, vielleicht dem Unterschichtenvergnügen frönen und ins Stadion gehen. Endlich die Geschichte über den deutschen Winzerssohn in der kanadischen Provinz fertigstellen. Der Frau, die ich lieben könnte, ein Gedicht schreiben. Mal wieder Rad fahren, so lange, bis ich aus dem Sattel kippe. Den Kampf mit dem Finanzamt aufnehmen. Ein Rezept kreieren. Essen, allein.
The rest of the fest
Veröffentlicht: September 13, 2011 Abgelegt unter: Musik, Weltweit | Tags: ash street saloon, chicks do wine, Dead Moon, Fred Cole, MFNW, Pierced Arrows, Portland, the country cat, toody 4 KommentareVerzweifelte Versuche der Selbstverleugnung. Denn eine Stadt ist ein lebendiger Organismus, faehig zur Gefuehlsaeusserung, zur Selbstreflektion, zur Willensbildung. Als von Menschen geschaffene Kreatur ueberholt die Siedlung ihre Goetter oft mit Vollgas auf der Ueberholspur der systemimmanenten Fehlkonstruktion. Zu sehen zum Beispiel in einem Haufen totglobalisierter Moloche wie Bangkok, Saigon, Kuala Lumpur. Bei sich selbst zerstoerenden Krebsgeschwueren wie Mexico City oder Moskau. Vielen in Agonie verfallenen europaeischen Metropolen. Allesamt aus dem Ruder gelaufene, planlose Konstrukte, deren ganz eigene Dynamik nurmehr ein Ziel zu haben scheint: Den Menschen als Witz der universalen Geschichte zu entlarven. Als Geschoepf den Schoepfer zu ueberleben, in einer transzendenten Form, weit weg von jeglicher Intention.
Die nordamerikanische Stadt war ueber ein Jahrhundert lang exemplarisch fuer technikglaeubige Energie, und auch wenn es bisweilen aesthetische Ueberhoehungen gab, folgte generell jegliche Form einer einzigen Funktion: Der Manifestation des Groesser Hoeher Schneller Weiter. Wie der Backlash dazu aussieht, atme und beobachte ich seit ein paar Tagen in Portland, Oregon. Als Klischee des anderen, des linken, des gruenen Amerika wird seit ueber 10 Jahren Kultur inhaliert und Gegenkultur ausgespieen. In Tourismusbroschueren kommt davon an: Vorbildlicher oeffentlicher Nahverkehr (die Realitaet ist allenfalls medioker), der ganze Organismus eine gruene Lunge (relativ wahr – aber eine absolute Luege), kulturelle Speerspitze (was fuer die Popmusik zutrifft ist fuer bildende Kunst eine Vorspiegelung falscher Tatsachen und Theater und Film bleiben weit unter meiner Wahrnehmungsschwelle), kulinarische Avantgarde des zurueck zur Natur.
Hierbei wird – wie an so vielen Orten auf der Welt – bewusst das Kleine, das Langsame gesucht und reanimiert. Local is the new global. Microbreweries, urban wineries, artisan cheese, regional beef, organic vegetables. Und viele Lokale, die ihrer besser verdienenden, stets grausig casual gewandeten Klientel all dies bieten. Gekocht wird immerhin auf breiter Front auf akzeptablem Niveau. Als ein Beispiel mag die Gegend um die Southeast Stark Street dienen: Alternative Cafes, ein Programmkino, Second-Hand- und ein Bioladen, Fahrradbastler, Designerkindermode. Und The Country Cat, Dinnerhouse and Bar. Schoener Laden, der Innenarchitekt war sein Geld wert, denn man sieht nicht, dass einer gewirkt hat. Grossartig lautes und taetowiertes Personal, feiner Kaffee und eine gute Oregon-Weinauswahl. Mobiltelefonverbot, offene Kueche, gute Musik, meist Northern Soul. Alles verdammt relaxed. Einfache und gute Kuechenleistung: Legendaer ist das Chicken with mashed potatoes. Eine festfleischige Haehnechenkeule entbeint, pankopaniert und in Butterschmalz sanft ausgebacken. Eine zwiebligsuesse, weinsaure Sosse. Das Purree einer weltweiten Mode folgend mit Einsprengseln von den Kartoffelschalen serviert, dadurch erdig vehement. Ein Berg blanchierter und kaum aromatisierter, feiner Mangoldblaetter dazu. Ein simples, perfektes Mittagessen, jenseits aller Fastfoodhistorie aber auch weit entfernt von Hochkuechenhermetik. So oder so aehnlich ueberall zu finden in der Stadt.
Am Fluss ist das city center wie Koeln. Genauso wirr, grau und gruen und bunt. Da der Abend meines dritten und letzten Tages auf dem MusicFestNW dem Rock’n’Roll gewidmet war – und zwar seiner dreckigen, verschwitzten, sehr koerperlichen Variante – schlenderte ich in Richtung „old town“, wo es neben dem kleinen Chinatown tatsaechlich noch alte Bretterbuden-Patrizierhaeuser aus dem spaeten 19. Jahrhundert gibt. Und den aehnlich heruntergekommenen Ash Street Saloon.
Hier schloss ich Fred und Toody vor deren Soundcheck als Pierced Arrows in die Arme, hatte zuviel schlechtes Bier und gute Zigaretten, durchlebte in 5 Stunden grosse Teile meiner musikalischen Sozialisation wieder, bis das ganze in einem wilden Pogo eskalierte. Um 2 Uhr in der Nacht und nach einem sich seiner selbst versichernden It’s okay und der affirmativen Botschaft 54 40 or fight standen wir noch lange auf der Strasse in einer Stadt, die die beiden seit 45 Jahren musikalisch praegen. Avantgarde in den spaeten 60ern – heute sind sie es wieder.
Spielen sie doch den Soundtrack des Kampfs von Herz gegen Hirn. Ein verlorener zwar, halbtaub und gelenksteif. Doch wo die ganze Welt auf der Suche ist nach der Bedeutung des schlimmen Wortes „Authentizitaet“ – und diese Stadt sich dabei selbst verleugnet – haben die beiden nie gesucht. Neben allem Wissen um das absurd Abseitige des Lebens waren sie immer ganz im Hier und jetzt: This is the day!
Portland Pastrami
Veröffentlicht: September 10, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Weltweit | Tags: Chrystal Ballroom, Deli, MFNW, Pastrami, Portland, Weinland 4 KommentareIch war noch niemals in New York. Schon wegen der ruhmreichen Delis, die in eurojuedischer Tradition aus kulinarischen Kleinigkeiten Lifestyle kreierten, wuensche ich mich bisweilen in den grossen Apfel. Das muss gerade zu diesem irren Datum erwaehnt werden, bin ich doch in Hassliebe entbrannt fuer das lustig-depressive „land of the free“. Nun weile ich jedoch momentan in Portland, Oregon, bei den surfenden Holzfaellerbaerten und taetowierten Hippiemaedchen, um bei 35 Grad im Schatten die aktuell spannendste Musikszene der Welt zu geniessen. Und ass gestern das erste Pastrami-Sandwich meines Lebens – nicht bei Katz’s.
Das erste Pastrami, das diesen Namen verdient, praezise formuliert. Was genau Pastrami ist, haben andere ausfuehrlichst beschrieben, hier und hier zum Beispiel. Bei Kenny & Zuke’s Delicatessen kommt es folgendermassen auf den runden Tisch: Zwischen mit erstklassigem Senf bestrichenen, hausbackenen Roggenbrotscheiben schimmert prall und rot das zarte Glueck. Dazu selbstverstaendlich Krautsalat (cole slaw) und richtig saure Gurken. Das gute Fleisch besteht aus 8 Tage lang eingelegter Oregon-Rindsbrust, die danach 10 Stunden kaltgeraeuchert und anschliessend 3 Stunden gedaempft wird. Die Marinade ist Kennys Geheimnis, ich werde zu Hause direkt die Versuchskueche in Gang setzen. So ein herrlicher Geschmack muss doch reproduzierbar sein.
Nach dem Genuss kam der Gang in den legendaeren Chrystal Ballroom, wo des Nachts Weinland (formidabel wuchtig), die singende Sommeliere Sharon van Etten (ueberzeugend ruhig) und die lokalen Superhelden Blitzen Trapper (selbst mir zuviel Americana) spielten.
Da ich vorzeitig den Saal verliess, kam ich auf der Strasse noch in den Genuss einer Konzertperformance im Guerillastyle. Eine Bande Ninjamusikanten sprang aus einem Van, baute ihr mobiles Set auf und haute den erstaunten Passanten heftigen Hardcore um die Ohren. Nach zehn Minuten war der Spuk vorbei, die Fuenf huepften wieder in den Wagen und entschwanden mit quietschenden Reifen in die Nacht. Bisher der spannendste Musikgenuss auf dem MFNW.








