Talking to turtles

Ich bin dann mal wegwohin. Recherchereise und Sommerfrische. Hier und hier. Aber nicht, ohne Euch vorher noch diese Nu-Folk-Combo aus dem wilden Osten ans Herz zu legen. Die klingen wie Portland oder Seattle, mindestens und nicht ohne Grund. LoFi-Herzensbrecher. Allein für’s Bären-Umarmen verehre ich die beiden:

Talking to turtles – Grizzly hugging

Meine ganz persönliche Grizzly-Geschichte verrate ich ein andermal, vielleicht. Wenn Ihr brav seid, in den Plattenladen Eures Vertrauens geht und dieses Album kauft. Vertraut mir, es ist gut. Und heißt nicht umsonst „Oh, The Good Life“.

C u soon.


Weiches und Bitteres von Ziegen

Schwätzer und Elster. Im amerikanischen Englisch gibt es für beide Begriffe ein Wort: magpie. Zu essen ist das nichts, wobei ich mal wieder schleudernd die Kurve zu kriegen versuche und auf den gleichnamigen Song von John Darnielle verweise, der seit Jahr und Tag die bittersten Popsongs – über Missbrauch und Drogenabusus und allerlei andere Traumata – im schillernden Gewand präsentiert. Ich wiederhole mich gerne, nenne mich lieber Schwadroneur, und verrate, dass er inzwischen eine Band ist, die sich aber immer noch The Mountain Goats nennt.

Womit wir bei der Ziege wären, einer meiner Lieblingslieferantinnen für Küchenprodukte. Die oben erwähnten Bergziegen durfte ich bisher noch nicht verarbeiten – deren bisher bestes Album war übrigens das 2005er The sunset tree samt dem tollen Track This year – meine stammen sämtlich aus hiesiger Landwirtschaft, vom Konnenhof.  Der heutige Einkauf bereicherte den Inhalt meines Kühlschranks – neben allerlei Käsespezialitäten – um einen Liter euterwarmer Milch und Ziegenquark. Für den Nachtisch: Ein Becher Vanilleeis. Von der Ziege. Klingt seltsam, schmeckt aber. Vorzüglich.

ziegenmilch vom konnenhof

Die Milch wird zur Bechamel, der Quark kommt zusammen mit Mangold und einem Ei auf just gekurbelte Nudelplatten. Nach der Art von Cannelloni ricotta e spinaci, nur regional-saisonal.

Der vielleicht letzte Gartenmangold der Saison wird zweigeteilt: Das zarte Grün kurz blanchiert, eiskalt abgeschreckt und im Sieb jeglicher Flüssigkeit beraubt. Die Stiele gestückelt und beiseite gestellt. Quark, ein Ei, Salz, Pfeffer, Muskat cremig geschlagen und mit dem inzwischen mit dem Wiegemesser traktierten Gemüse vermengt. Parallel entsteht eine Bechamel, rührend. Der Pastateig aus 1oo g Hartweizendunst, 50 g Mehl, einem Ei, einem Eigelb und etwas Olivenöl war schon morgens geknetet worden und wandert nun aus dem Kühlschrank zwischen die Rollen der Nudelmaschine. Die Blätter nicht kochen, sondern gefüllt rollen und in eine flache Auflaufform, mit Sauce übergießen und einen Rest steinharten, alten italienischen Ziegenkäse, dessen Namen ich vergessen habe,  drüber reiben. Während die Cannelloni im Ofen brodeln, Mangoldstrünke in Knoblaucholivenöl anschwitzen, mit reichlich Weißwein ablöschen und einkochen. Einige Löffel vom Basis-Tomatensugo dazu, kurz köcheln.

Mangold-Ziegenquark-Cannelloni mit Tomaten-Mangold-Gemüse

Mangold-Ziegenquark-Cannelloni mit Tomaten-Mangold-Gemüse

Ja, ich weiß, dass dies nicht dogmatisch italienische Küche ist. Eier im Pastateig. Ziegenquark. Frevel. Doch ich wollte das absolut Weiche, Cremige. Und ich liebe Ziegen. Das einzige, was wirklich nicht passte, war der Weißburgunder von Scheidgen. Mit dem 2010er hatte er ein Problem, der Wein kann die gewohnte Spitzenqualität überhaupt nicht erreichen.

Mehr Tiere, Monster, Wahnsinn gefällig? Das Video zu „Estate sale sign“ vom aktuellen Mountain Goats album „All eternal desks“ hilft weiter. John Darnielle hat inzwischen in den USA veritable Berühmtheit erlangt, der New Yorker nennt ihn einen der besten lebenden Lyriker weltweit. Das neue Album wurde in fast allen Mainstreammedien gefeiert, es ist gut. Dennoch hat es nicht mehr die gleiche Intensität wie die Publikationen aus Johns Solozeiten. Zu Kleinkunstwerken wie diesem reicht es aber allemal:


The Lollipop Shoppe

Es wurde erst meine Küche und wird nun dieser kleine Blog zum Lolliladen. Kunterbunt und knatschsüß. Präpotent und popartig. Frei nach dem Motto: Lieber gut geklaut als schlecht selbst erdacht. Mein Dank geht in die rheinhessische Rotweinmetroploe für Inspiration und Affirmation. Arthur ist bestimmt sehr stolz auf seine Tochter; ich bin froh, dass ich kosten durfte von solchen Früchten. Karamellisierte Kirschtomaten klingen knackig. Und munden nicht nur Alliterationsjunkies formidabel.

Doch vor den Genuss hat weiß Gott wer stets erst einmal die Arbeit gesetzt. Schwitzen muss allerdings nicht ich, sondern die werte Leserschaft.  Komme ich doch dem selbst erteilten Bildungsauftrag nach und starte eine weitere Folge  meiner beliebten kleinen Musikmission. Here we go:
Eine wichtige Spielart amerikanischer Populärmusik der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts trägt den richtungsweisenden Titel GarageRock und wird von Nachgeborenen bisweilen auch als Protopunk tituliert. Zwar fehlte ihnen die politische Komponente britischer Beatband-Kollegen, aber vom Mainstream und auch von anderen Undergroundströmungen wie Flowerpower oder SurfsingSound setzen sich Garagebands durch eine raue Attitüde, dreckigverzerrten Sound und den Willen zum DoItYourself (DIY) ab. Bands hießen Kingsmen, Sonics, Pandas, Squires, Benders. Meine Favoriten aber waren und sind The Lollipop Shoppe.

Im nächsten Monat werde ich Fred Cole in Portland, Oregon treffen. Ein Held meiner frühen Jugend und meiner immer noch währenden späten Adoleszenz. Just Colour ist eines der besten Alben der 60er, ein Meilenstein in der Entwicklung psychedelischer Rockmusik. Eigentlich hieß die Combo The Weeds, doch ein süßer und bunter Namen wie The Lollipop Shoppe versprach größeren Verkaufserfolg. Ab den 70ern machte Cole dann zusammen mit seiner Frau Toody, der charismatischsten DIY-Bassistin der elektrifizierten Welt, Musik in lustigen kleinen Formationen wie Zipper, The Rats und ab 1987 mit Drummer Andrew Loomis als Dead Moon. Heute heißt die Band Pierced Arrows und spielt: Garage Rock. Auch mit Anfang 60 noch so kraftvoll und derb wie vor 45 Jahren.

Karamellisierte Tomaten am Stiel

Karamellisierte Tomaten am Stiel

Endlich essen. Und zwar Fingerfood am Stiel. Aufgespießte Häppchen. Tomatenlollies. Wie solche Pretiosen zuzubereiten sind, haben andere hinlänglich beschrieben. Perfektes Festeessen. Für die Sommerparty am Pool, die wir heute gefeiert hätten. Wenn es denn einen Sommer gäbe. So ruht das Becken still und wir genießen ebenso. Bis ein krachendes Gitarrenriff uns aus einem Kalorientraum erlöst und uns die Hookline den Verstand raubt. Fred würde sagen: Nimm dies. Lutscher!


Psychedelika und Soetelsche Muhre

1969 fand in Dschalalabad ein Musikfestival statt. Dabei wurden aber nicht etwa religiöse Naa´d oder traditionelle, indisch beeinflusste Ragas zur züchtigen Aufführung gebracht. Vielmehr hätte das Ganze eher unter dem Motto „Drogenhölle in der Drogenhölle“ aus heutiger, fundamentalistisch korrekter Sicht und Diktion firmieren können. Hippiegesocks, FlowerPowerPeople und Nudisten feierten, als wären sie am Ende der Welt und ein Morgen unmöglich. Für Nachgeborene ist dies heute die verbreitete Betrachtungsweise: Afghanistan ein Land ohne Zukunft, Sammelbecken für Unbelehrbare und Lebensmüde. Doch Urlaub am Hindukusch? Freizeitvergnügen Paschtunistan?

Steht heute im Haus der Geschichte in Bonn: Der Hippie-Bulli

Steht heute im Haus der Geschichte in Bonn: Der Hippie-Bulli

Damals wie heute ist die Stadt das Tor zum Chaiber-Pass, auf dem Weg von Kabul nach Peschawar. Der jedoch war immer schon nur eine winzige Etappe der Pilgerfahrt von West nach Ost, genauer: Von Europa nach Indien. Ende der 60er waren Kolonnen von bunten Bullis unterwegs, Destination Goa. Freie Liebe, LSD, Batikhemden. Eine weitere Kolonialisierungswelle, eine Art Grundsteinlegung für das „global village“? Wie auch immer, bevor man über’n Berg war, wurde Rast gemacht inmitten von bunten Mohnfeldern in der erwähnten afghanischen Stadt. Auch Lionel Foxx, ein junger französischer Drummer, war mit seiner Band Crium Delirium im Sommer 69 vor Ort. „Wir landeten mit einem psychedelischen Bus der Hog Farm inmitten von Kamelen, fünf Mädels an Bord und widmeten uns Sex und Drogen und der Musik.“

Selbst an einem verregnet-nüchternen niederrheinischen Sonntagmorgen lässt sich einiges dieses Zeitgefühls nachempfinden beim Wummern der Boxen, aus denen ein Mix namens Power to the carottes dröhnt. Der gleichnamige Track von Crium Delirium ist ein Musterbeispiel für psychedelischen Progrock. Und gleichzeitig der perfekte Soundtrack für einige Gedanken zum Thema gelbe Möhren.

Auf meinem Acker widme ich mich dem Erhalt der „Süchtelner Möhre“ (Soetelsche Muure/Muhre). Dass diese die Hauptzutat bildet für den traditionellen Muhrepruchel (Muurejubbel), erwähnte ich bereits. Doch immer seltener ist sie dank esskultereller Gleichschaltung und Globalisierungswahn auf hiesigen Märkten zu kaufen. Also selber säen – dies war auch der eigentliche Grund, warum ich unter die Gemüsegärtner ging. Arche-Ackern quasi. Der Spaß kam erst später.

Zu erkennen sind die Karottenähnlichen am typischen grünen Kopf. Und geschmacklich an der Milde, der geringeren Süße als die orangenen Kollegen. Der Ertag ist gut, der Wuchs wild, die Zubereitung einfach.
Zum Beispiel ein Möhrensalat: Zusammen mit der ebenfalls abgebildeten Zwiebel raspeln und mit einem guten Sonnenblumenöl, Zitronensaft und -abrieb, saurem, frühzeitig vom Baum gefallenem Apfel, wenig Salz und Pfeffer vermischen und mindestens 30 Minuten ziehen lassen. Die Ingwer-/Sesamöl-Variante passt besser zur Purple Haze.

Auf dem Foto ebenfalls zu sehen ist die Gurkenblüte. Eine Idee für Schmorgurken-Pasta folgt bald. Ebenso wie diese von Bloggerfreundin Afra Evenaar ironisch als „Beängstigend kreativ!“ bezeichnete Zubereitung: Rösti von gelben Möhren, safranisiertes Pflaumenkompott, gedämpfte Blutwurst. Es bleibt spannend.


Auf Saftsuche mit Herrn Paschulke

Das gastronomische Angebot bei musikalischen Großveranstaltungen medioker zu nennen wäre ebenso  euphemistisch, wie der aktuellen Jahreszeit die Bezeichnung Sommer angedeihen zu lassen. Dieses Grundwissen fand ich gestern wieder einmal bitter bestätigt und nehme daher Abstand vom ursprünglich investigativen Plan, diesen kleinen  Blog aufzuwerten durch eine Recherche zur Getränkequalität auf einem Musikfestival in Dortmund, welches sich irreführend Juicy Beats nennt.

Wolken überm Ruhrgebiet: Ein abendlicher Blick auf die vernebelte Hauptbühne des Juicy Beats.

Wolken überm Ruhrgebiet: Ein abendlicher Blick auf die vernebelte Hauptbühne des Juicy Beats.

Also Rock’n’Roll – denn durch die Kehlen floss Bier, ziemlich ausschließlich. Gegessen wurde Papppizza. Aber jetzt folgt Werbung:
Wer Musik mag, populäre zudem, möglichst bunt gemischt, wen das Ruhrgebiet nicht an Sibirien gemahnt, wenn genügend Kondition vorhanden, stundenlang durch die grüne Lunge Dortmunds zu lustwandeln und wer schließlich latente Überforderung eher schätzt als lähmende Langeweile: Kommt auf’s Juicy Beats, beim nächsten, dann 17. Mal. Ursprünglisch ein Treffen für Freunde von Electronica und Open-Air-Clubbing, Clicks und Scratches, Bytes und Beeps, ein lebendiger Beweis für die Qualität von elektronischer Tanzmusik jenseits von Techno und House, ist die Veranstaltung über die Jahre zu einem Marktplatz und Laufsteg geworden für alles Interessante im kontemporären Pop. Auch wenn die als diesjähriger Headliner gebuchte Beth Ditto kurzfristig absagen musste, tat das dem Hörgenuss und der Schaulust keinen Abbruch.

Zwischen sechs Bühnen und über 20 Dancefloors lief ich mir die Füße wund und ertanzte mir blutige Blasen. Meine subjektiven Highlights in Ein-Satz-Kritiken:
Ce’Cile gab die sexy Dancehall-Bitch und sorgte samt deutscher Backingband für jamaikanische Sonne und wackelnde Hintern. Saalschutz bewiesen, dass schweizerischer Ravepunk auch unter freiem Himmel knallt. Von Pferdeliebe (My horse likes you – Song des Tages!) schwärmten Bonaparte, die mit Abstand durchgeknallteste Combo des Jahres. Susanne Blech ist ein lustiger Kindergarten, Partypeople mit Presslufthammer, eine Art Scooter + Niveau. Der Grund, warum tausende Indieboys und -girls ins östliche Ruhrgebiet gepilgert waren: Die beste und einflussreichste deutsche Alternative-Band aller Zeiten, The Notwist.

Die Weilheimer Gebrüder Acher spielten mit ihrer Band The Notwist Songs aus dem Album Neon Golden.

Die Weilheimer Gebrüder Acher spielten mit ihrer Band The Notwist nach dem Soundcheck Songs aus dem Album Neon Golden.

Und dann war da noch Herr Paschulke. Auf der leider viel zu kleinen und abseits gelegenen „Funkhaus Europa Worldbeat Stage“ feierten die Lokalmatadoren mit allen, die sich von solch einem unsäglich miefigen Wortungetüm nicht abschrecken ließen, ein schweißtreibendes Fest.

Herr Paschulke heizt ein.

Herr Paschulke heizt ein.

Es durfte, es sollte, es musste getanzt werden. Ein krasser Stilmix aus Ska und Funk und Balkanbeat und Mariachi und Klezmer und Reggae krachte zusammen mit einem riesigen Frontmann in fünf Sprachen voll auf die Zwölf. Ich mag Schweiß ohne Hintersinn, die Lust am Feiern, Kampf dem Verkopften. Den ganzen dreckigen Rest gibt’s ja jeden Tag.


Aprikosenallerlei

Kann man Obst hören? Wie tanze ich zu süßen Sachen? Und überhaupt: Ist Musik zum Essen nicht wie Malen nach Zahlen? Reichlich konstruiert? Nun, alle mit Ohren hören sich jetzt  bitte diesen Song der australischen Hobbyhippies von Apricot Rail an und stimmen mir umgehend zu. Dieses Glockenspielinferno, ein herrlicher Sommerflow der Instrumentalpopper aus Perth, dringt in jedes noch so verhärtete Herz. Und hinterlässt einen Nachgeschmack, evoziert Aprikosen. Bestimmt.


Damit dies ein herrlicher Vierfachpost wird, der in die Kategorien Musik, Kulinarik, Wein und Niederrhein passt, komme ich ohne große Umschweife zum Mundgefühl. Schlimmes Wort, ich weiß, inflationär ausgespien von Menschen, die auch von Texturen reden und schreiben. Besonders amüsant war meine erste Begegnung mit einem hiesigen Gastrokritikaster, der sich der englischen Variante bediente und selbstredend nicht in der Lage war, speichelarm ein „th“ auszusprechen. Mausfeeling, tut mir leid, ich schreib das jetzt hin – und lache wie ich es auch einstmals tat. Herr D. aus M. mag mich nicht seitdem.

Ach ja: Ich buk Aprikosenblechkuchen, aus einem Sahneteig, mit Eier-Mandelguss und regionalen Früchten. Schmeckt herrlich, besonders ohne die empfohlenen Amarettini und den Likör. Kauen und Schlucken wandelt sich dann in selbstvergessenes Schmatzen, so herrlich saftig-weich ist der Genuss. Die Wasseraktivität im Mund ist hoch, um es doch noch professionell verkostend auszudrücken.

AprikosenmarmeladeDass es am Niederrhein nicht nur gelbe Möhren oder Zuckerrüben gibt, sondern seit kurzem auch ertragreiche Aprikosenplantagen, erradelte ich zufällig und lud mir gleich ein paar Kilo in die Satteltaschen. Der Hofladen des St.Töniser Obsthofs ist übrigens einer der exquisitesten, bestsortierten und am liebvollsten gestalteten im Landkreis. Ich habe auch einige Gläser Marmelade gekocht, die mir häufig als Aromalieferant für persische Experimente oder zur Füllung einer Stripkestaat dient.

Abschließend zum passenden Getränk, dem mir bisher völlig unbekannten Pineau des Charentes aus der Gegend um Cognac. Im eigentlichen Sinne handelt es sich gar nicht um einen Wein, sondern um eine Mischung aus Brand und unfermentiertem Traubenmost. In der Herkunftsregion, der Charente, wird er wohl meist als Aperitif genossen, ich halte ihn jedoch für einen nahezu perfekten Dessertwein. Besonders wenn es zum Nachtisch irgendetwas mit Aprikosen gibt. Denn der Dunkelgoldene von „La part Desangle“ beginnt mit einer Nase von gerösteten Mandeln und Rosenwasser, wird zu Obst im Mund und folgerichtig Marzipan im Abgang. So schließt sich der Kreis.


In Liebe: Locas In Love

Als Popkulturaktivist, Kunstpessimist, Rockist und Herzenskölner liebe ich Locas In Love, immer schon. Da ihre Kreaturen noch keine Saurier oder Lemminge waren, sondern sie selbst in Resonanzkörpern von Dackeln durch die Landschaft streunten. Sonnenberg und Schrank sind genauso zwei Fachtermini aus der Weinwelt – die mir neuerdings bloggerischer Zweitwohnsitz ist – wie die Namen des Protagonistenpaars, das zusammen mit Jan Niklas Jansen nun eine neue Langspielplatte beim hauptstädtischen Kreativpool Staatsakt veröffentlicht hat. Um ihre Stellung zu untermauern als einzige konstant relevante Stimme im deutschsprachigen Pop mit Mut zur Nische und Liebe zur Pose.

Alles bleibt anders auf Lemming. Lieder haben Namen wie „Die zehn Gebote“, „Über Nacht ist ein ganzer Wald gewachsen (Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug)“ oder „Manifest“ – und genauso funktionieren sie auch. Die Musik schmeckt nach Kraut und Rüben und riecht nach Revolution. Prägnanz im Unterschwelligen auf der Textebene lädt ein zum Paarungstanz mit performantem Understatement und kompositorischer Altklugheit. Kein Kritikergeschwurbel wird der Attitüde und dem Ergebnis gerecht – Herr Pfeil hat es immerhin versucht mit seiner Waschzetteldichtung und eine Annäherung geschafft.

Locas in Love (Foto: Katja Ruge - www.katjaruge.de)

Locas in Love (Foto: Katja Ruge - http://www.katjaruge.de)

Der Begriff Hermetik überträfe das Werk an Wucht. Doch selbst der affine Hörer bewerkstelligt die Transzendenz von Interesse zu Begeisterung erst mittelbar. Jetzt: Könnte ich schreien vor Glück! Zugegeben: Es handelt sich bei der emotionalen Nähe, die in mir beim Hören wächst, vermutlich um ein Generationenphänomen. Ich kenne die besungenen  Bilder, Gefühle, Schlussfolgerungen. Ich weiß um die Macht der Ohnmächtigen und die rasante Fallgeschwindigkeit zwischen Übermut und Depression und das solche Wege niemals Einbahnstraßen sind. Hermeneutische Musikalienbildnerei mag ich sehr. Nicht aus Lust am Leid. Sondern mit Mut zur Botschaft samt rhythmischer Selbstvergewisserung.

„“Da ist kein Widerspruch, Liebeslieder zu singen und trotzdem nichts aus den verliebten Augen zu verlieren von der Angst und der Wut und dem Hass auf die Dinge. Kein Mensch und kein System kann diese Liebe zerstören.“ (Manifest)

Aus:

Locas In Love – Lemming
(Staatsakt / Rough Trade)
VÖ: 01.07.2011

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