Lasagna aperta con zucchine mit Isy Blümli

Im Vorhof der Konsumhölle, der gemeinen deutschen Fußgängerzone, hat in letzter Zeit ein neuer Ton Einzug gehalten. Ob an Rhein oder Ruhr – nicht mehr nur graue Anzugmenschen, Labeltüten-Schlepperinnen oder Schulschwänzer ziehen stumm ihrer Wege. Buntes blitzt auf. Infernalische Geräusche wie die Melange aus Kindergeschrei und Elterngebrüll, aus Highheelsgeklapper und Birkenstockgeschlappe, aus Fahrstuhlmusik und Mobiltelefongedröhn werden konterkarriert durch die Anstrengungen aufrechter Musikanten. Und damit meine ich nicht die Andenmafia oder verarmte weißrussische Orchesteroboisten sondern Leute mit einer Idee. Die ihre Musik ganz nah an die Menschen bringen wollen, um berühren zu können. Und Reaktionen zu spüren.

Zum Beispiel Sven Wildöer aus Dortmund, der sein Klavier in die Städte trägt und so seine Musik zu Zuhörern wie mir. Vor einiger Zeit stand ich Stunden in Essen und kam nicht vom Fleck. Er nahm mich gefangen. Riss mich raus aus irgendeinem unwichtigen Alltagstrott. Ein paar Mal hat das auch schon Isy Blümli geschafft. Die eine ganz andere Attitüde hat – Bauwagenmädchen, Powerfrau, Herzdame. Mit Gitarre und Mut zum R’n’B-Krakeel erzeugt sie seit Jahren eine eigentümliche Dynamik.
Dass die beiden sich nun unter dem Namen Sunshinebuskers zusammen getan haben, ist verwunderlich und folgerichtig. Mit einer Coverversion des Kings-of-Leon-Klassikers „Use somebody“ vereinen sie Lo-Fi und ganz große Geste:

Von soviel Pathos inspiriert und von der übermäßigen Ernte unter Druck gesetzt, verkochte ich heute Zucchini. Und zwar eine offene Lasagne, mit in Knoblauchöl gebratenen Zucchinischeiben und Büffelmozarella. Safranisierten Nudelteig hatte ich noch im Tiefkühler, Platten waren schnell gekurbelt und gekocht. Das Gemüse gebraten, der Käse geschnitten, eine Hand voll Basilikumblätter mit dem guten Olivenöl und ein paar Körnern Meersalz gemörsert. Der Rest ist Schichtarbeit.

Lasagna aperta con zucchine e mozzarella di bufala

Lasagna aperta con zucchine e mozzarella di bufala

Ein Sekt von Bardong hätte perfekt dazu gepasst. Ich hatte keinen zur Hand und begnügte mich mit meinem Hauswein: 2010er Riesling Kabinett vom Bopparder Hamm, Mandelstein. Didinger, Osterspai.


Krefeld, Kansas

Es gab Zeiten in meinem Leben, da habe ich pro Woche drei bis vier Konzerte besucht und beschrieben, wurde monatlich mit Dutzenden neuer Alben bemustert. Jeder Abend, der nicht vor und hinter Bühnen verbracht wurde, war angefüllt mit lauter Beschallung in verrauchten Redaktionsräumen bei Kaffee und Bier. Rezensionen, Interviews, Nachrichten, Glossen flossen fließbandartig in die Tasten und stante pede in die weite Welt. Das war großartig. Rock’n’Roll. Und ganz schön armselig. Popkulturprekariat. Gästeliste + 2. Vom Leben der Künstler hatte ich keine Ahnung, wusste  nicht um Leiden und Liebe zum Sujet. Einmal Hören – und schon hatte ich eine Meinung. Die meist saß wie ein Handkantenschlag. Geld gab’s ja keins. Da hielten wir uns mit coolster Arroganz schadlos. Bessere Zeiten klingt gut.

Heute bestelle ich einen Acker. Und schreibe ein öffentliches Tagebuch. Das ist auch ein Stück weit Showgeschäft, zugegeben. Aber weder Form noch Funktion sind definiert. Das gefällt mir gut. Freie Improvisation über nichts. Dazu hin und wieder eine gute Flasche Wein und die Platten kaufe ich jetzt selber. Auch auf Konzerten zahle ich Eintritt. Wenn denn welcher verlangt wird. Gestern war dies nicht der Fall, im Blauen Engel zu Krefeld. Markus Maria Jansen ist musikalischer Motor dieser durch und durch proletarischen Stadt und hatte via Facebook zum Auftritt eines Duos aus Kansas geladen. Truckstop Honeymoon hieß die Kapelle und versprach irgendwas zwischen Folk und Punk, Country und DIY-Indie. Ich hatte keine Ahnung und war gespannt.

Der hier eingebundene Track „Johnny and June“ beschreibt deutlich besser, was gestern in dieser tollen Kneipe passierte, als ich es mit Worten könnte. Ähnlich wie Cash und Carter stand da ein Paar auf der Bühne, das Liebe verströmte. Freund Marcus, mit dem zusammen ich im Takt wippte, brachte noch vor dem ersten Ton seine Befürchtung auf den Punkt: „Hippie-Scheiß?“. Die Haare, der Geruch, die Klamotten. Das Geschrammel und Geknödel und Gequatsche. Straßenmusikanten. Profis mit Do-it-yourself-Attitüde. Songwunder mit durchdringendem Blick und leerem Hut zwecks Kollekte.  Ironiegenies ohne Zynismus. Liebenswertes fahrendes Volk.

Katie Euliss und Mike West feierten einen Truckstop Honeymoon

Katie Euliss und Mike West feierten einen Truckstop Honeymoon

Outlaws. Storyteller. Die vom Grab unterm Magnolienbaum erzählten, in dem sie einst enden werden. Über die Junkie-Mutter scherzten und Diamanten im Asphalt funkeln ließen. 15 Fuß hohes Wasser in New Orleans bewirkte, dass die beiden auf Tour die Häuserzeile, in der sie bis dahin wohnten, auf der Titelseite der New York Times wiederfanden. Seitdem Kansas. Fundamentalismus und Nationalismus und doch ein freies Leben.
Jede Zeile, jeder Takt mehr schuf Nähe. Machte Wildfremde zu Freunden. Für einen Abend, der in Erinnerung bleibt und endete mit vielen kleinen Scheinen im Hut und dem Dank an den Organisator. Der mit seiner eigenen kleinen Band M. walking on the water das nächste Mal am 24. Juli bei Bochum total spielen wird, wie er mir beim Herausgehen sagte.


Resteessen mit Buddy Holly

Ein weiterer Jahrestag dräut. Vor 75 Jahren wurde in Lubbock, Texas, Charles Hardin Holley geboren. Ab 1955 wurde er in knapp vier Jahren zum wichtigsten Erneuerer der populären Musik jener Tage,  zum Versöhner von Rock und Pop (bevor es solche Schubladen überhaupt gab) und zur Referenzgröße für Epigonen wie Beatles oder Stones. Popkulturell ist neben Inventionen wie der Etablierung des 4-Mann-Band-Standards und den vergleichsweise komplexen Kompositionen weit wichtiger, dass er Erfolg hatte. Und jung starb. Am 3. Februar 1959 war The day the music died.

Seine Musik war mein Soundtrack des letzten Wochenendes. Das ansonsten geprägt war von Gartenarbeit und Folkkonzert, Electrodisco und Familienspargel, Freibadsaisoneröffnung und schlechtem Riesling. Am sonntäglichen Ende bereitete kein Gewitter der schwülen Hitze den Garaus, dafür hatten sich allerlei Reste in der Küche angesammelt. Eine Sehnsucht nach Paprika entflammte, dazu schlich sich ein Cajun-Rhythmus samt New-Orleans-Brass in mein bräsiges Bewusstsein. Erstere stillte ich mit einer Art Pörkölt, letzterer wurde evoziert und interpretiert von Florence Welch.

Der Essensrest: Ein gutes Stück Schweinhals (Überbleibsel einer Grilltüte vom Stautenhof), eine Hälfte vom vor drei Tagen selbstgebackenen Baguette, zwei Zucchini. Und eine inzwischen schon ins wahnhafte sich steigernde Paprikalust. Als machte ich mich ganz undogmatisch (Schwein statt Rind, Möhren) ans Gulasch – das keines ist. Sondern Pörkölt. 1 zu 1 Fleischwürfel und Zwiebeln  in unterschiedlichen Gefäßen und jeweils mit Schmalz erhitzen. Das eine mehr, die anderen weniger. Zu den schwitzenden Zwiebeln esslöffelweise scharfes und süßes Paprikapulver und allerlei andere gemörserte Gewürze wie Kümmel, Majoran, Lorbeer. Später, nach der Vereinigung, auch Salz.  Etwas Flüssigkeit zum Bratensatzlösen (hier: Krauße Schwarzer). Eine Tomate. Lange Schmorzeit.

Vanillezucchini, Blütenbrot und Schweineschulterpörkölt

Vanillezucchini, Blütenbrot und Schweineschulterpörkölt

Inzwischen Zucchinischeiben in mildem Knoblaucholivenöl langsam gebraten und mit Vanillechilisalz aromatisiert. (Kein Ingwer!) Dann in derselben Pfanne mit purem Öl die Weißbrotscheiben geröstet und mit Fleur der Sel bestreut.
Weich, cross, saftig zart. In dieser Reihenfolge ist der Genuss sinnvoll und die Aromen können sich entfalten. Leichtes Gemüse, kräftiges Brot, deftigfeines Fleisch.

In den nächsten Wochen wird unter dem Titel Rave On Buddy Holly ein Tribute-Album veröffentlicht werden. Eine ganze Reihe aktueller Popartisten interpretieren die wichtigsten Kompositionen des Meisters als Tracks und Tunes und schlicht perfekte Songs. Neben Indiepop-Marktführern wie Modest Mouse oder My Morning Jacket sind auch Altvordere wie Sir Paul oder Lou Reed beteiligt. Supermodel, Jack-White-Muse und Retromusikantin Karen Elson huldigt genauso wie Patti Smith und Herr Casablancas (of The Strokes fame). Aber meine Favoritin ist die oben schon erwähnte Florence and the Machine mit ihrem Gruß aus Louisiana: Not Fade Away!


Vermischtes aus Wok, Musiktruhe, Weinkeller

Als Post zum Sonntag ein lupenreiner „Utecht“. Ein Rezept, ein Song, ein Wein – völlig undogmatisch. Jedoch nicht ohne rote Linie: Euroasiatische Annäherung mit regionaler Verwurzelung als Weg zum schnellen Glück. Doch der Reihe nach:

Gestern war Gartentag. Kritiker behaupten, ich hätte meiner Suchtlatenz nur ein neues Vehikel verschafft, Gärtnern sei nicht nur Ausgleichssport und ich das „fashion victim“ (so hip wie heute waren schwarze Fingernägel und rissige Hände nie) sondern gleichsam Flucht und der erste Schritt zur Einsiedelei. Wenn die wüssten! Ganz neue soziale Ebenen öffnen sich in der Solidarität der Ackerbauern – und ich bin so etwas wie ein versponnener Missionar unter Staunenden. Dem Nachbarn links, der Tauben züchtet, selektierend optimiert und nach jedem „Schicken“ fast verzweifelt über jede einzelne, die den Weg nicht zurück findet, und dem giftspritzenden Gerstelandwirt auf der anderen Seite – beide über 70 –  habe ich gestern die Vorzüge des neuen Neil Young Albums „Le Noise“ schwadronierend ausgebreitet und am Beispiel von Peaceful Valley Boulevard dezibelstark vorgeführt. Überzeugt hat die beiden ehrlicherweise aber erst ein guter Schluck vom kühlen Lambrusco, den ich neuerdings einigermaßen strategisch verkoste – dank dieser Anregung. Ein Landarbeiter- Getränk fürwahr.

Es fehlte jedoch Zeit zum Einkauf (das erste eigene Zeug werden morgen Radieschen sein), zum Kochen eigentlich auch. Also Resteküche. Kohlenhydratreich, Unkrautjäten ist genauso energieverzehrend wie eine Bergetappe nach l’Alpe d’Huez. Doch keine Pasta, keine Kartoffeln, ein Reisrest vom vorabendlichen Riz à la Valenciennes drängte sich auf. Knoblauch, Zwiebeln, Möhren, Ingwer, Shiitake und rote Chili sind stets vorrätig. Ein weiterer Nachbar bot nestfrische Eier. Also gab es eine freie Improvisation zum Thema „Stir-Fried Rice“ mit zweierlei Sojasaucen und einem Hauch Kardamom.

Stir-fried rice, undogmatisch

Stir-fried rice, undogmatisch

Schnell und gut. Was das beste an asiatisch inspirierter Wokküche ist? Dass eigentlich immer ein Glas Riesling dazu passt! Wegen der leichten Süße des Ketjap manis wagte ich mich nicht an eine eigentlich der Hitze entsprechende supertrockene Säureattacke, sondern ging auf Nummer sicher. Zum Glück lag noch eine Flasche meiner Ürziger Lieblingsunikate, der Gebrüder Merkelbach, kühl. So genoss ich die alkoholarme Wucht einer 2006er Riesling Auslese, Erdener Treppchen. Obwohl das eigentlich ein Jahrgang mit (über)schweren Weinen war, schossen bei dieser Flasche nicht nur direkt exotische Fruchtnoten in die Nase – auch nach dem geschmeidigen Abgang hallte noch lange wunderbar sauersüße Ausgewogenheit nach.

Kein pflichtschuldiger Anhang ist der nun folgende Musiktipp. Kaum ein Band hat in den letzten 20 Jahren mehr für die Annäherung zwischen westlichen und östlichen Hörgewohnheiten getan als Cornershop um den Londoner Tjinder Singh. Seit ihrem Überhit Brimful of Asha aus dem Jahre 1997 wurde das Werk deutlich experimenteller, bisweilen marginal, doch es blieb immer: hoch spannend. „Cornershop and the Double ‚O‘ Groove Of“ heißt das aktuelle Album, eine Kollaboration mit dem Musiker Bubbley Kaur aus dem Punjab. Neben einem kostenlosen Stream auf der Bandwebsite gibt es hier das aktuelle Video.


Das sind Geschichten

Das sind Geschichten
in Büchern gelesen
Geschichten aus dem täglichen Leben
Geschichten die mir niemand glaubt
Das sind Geschichten
und sie sind geklaut

Ausgerechnet in der Abfahrt. Godverdomme! Nur unter Aufbietung kaum mehr gekannter Artistik vermochte er im Sattel zu bleiben. Auszurollen, schlingernd. Die Rache der Fahrradhändler, die er seit Jahren nicht mehr frequentierte. Sollten die doch ihren überteuerten Lifestyleunsinn behalten. Das Ergebnis nun: Plattfuß. Absteigen. Schieben. Fluchen.
Landleben fordert eines stets: Die gute Planung. Vor allen Dingen was die Gaderobe betrifft, an Abenden, wenn Ausgehen auf der Agenda steht. Völlig overdressed war schon sein rollendes Erscheinungsbild. Doch das Ziel, die traditionelle Letsch des Kollegen D., der übrigens so irre war, jegliches Detail seiner anstehenden Ehe-Schließung im eigens dafür aufgesetzten Blog einer nicht zu unterschätzenden Provinzöffentlichkeit zu offenbaren, rechtfertigte dies. Gefreut hatte er sich auf einen rheinischen Ritus, eine Initiation, eine Wehmutsabwehr, ein emotional reinigendes Gewitter, ein wildes Fest. Daher kein Auto, den Körper sportlich auf die Party bringen, Verfettungsvorbeugung. Nun hatte er die italienischen Treter an den Füßen und sein Lieblingsseidenhemd am Leib und litt mit jedem Schritt. Kurz hinter einem Ort, der tatsächlich Dornbusch hieß.
Radfahren, schnell radfahren, richtig schnell radfahren ist immer auch Gedankenflucht. Da stand er hier im niederrheinischen Nirvana und konnte sich kaum auf den Beinen halten beim Aufprall des wuchtigen Nichts. Es dämmerte, zurück bedeutete viele Kilometer Qual, der einzige Höhenzug seiner heimatlichen Tiefebene lag ja gerade hinter ihm. Sein eigentliches Ziel jedoch war per Pedes kaum erreichbar. Bei Ankunft lägen Leichen schon im Gras und der Rest vom Fest im heimischen Bett. In gedanklicher und athletischer Schlagdistanz jedoch, das blitzte ihm durch’s alternde, bald 40jährige Hirn, war doch der Sehnsuchtsort einer randglücklichen Landjugend. Gab es doch in einer jeden Provinz Kneipen in Dörfern, die Schüler anzogen meilenweit, weil dorthinzugehen Distanz zu legen bedeutete zwischen sich und das Elternhaus, das finstre. Kickern, Kiffen, Konfligieren. Auf’s Maul gab’s oft, Livemusik auch. Und 50 Biersorten aus aller Herren Länder. Tresentanzen, Gesangsimulieren, Fraternisieren. Später, in der Stadt, hieß solcherlei dann Clubbing und war doch niemlas mehr so sinnlich wie zur erfolgreich verschwendeten Jugendzeit.
Conny war also erreichbar. Und hatte er nicht am Morgen, beim Frühstück im Hause seiner Mutter, im lokalen Presseorgan mit Faschismuslatenz irgendwas gelesen von einem Gig einer Kapelle aus einer anderen Zeit? Janie in Boisheim? Mit dem Sektchef? Vor dem dritten Kaffee des Tages nahm er kaum etwas für bare Münze und das Zurückgeworfensein auf Erziehungserfolge entsprechend Berechtigter, die nie kapierten,  beanspruchte seine intellektuelle Überlebensfähigkeit zudem. Aber auf einen Versuch kam es nun an. Damit einem Abend, der sich entwickelte wie ein veritabler Griff ins Klo, das Grauen genommen würde, zum Blauen vom Himmel würde es ohnehin nicht mehr reichen.
Weiter mit der Zitaterevue: Conny war tot, kein Freispiel drin. Dafür war der Laden inzwischen von LOHAS-Jüngern und Öko-Unternehmern luxussaniert worden, um dem Klischee vom alternativen Dorfgasthaus zu entsprechen. Er setzte sich unter die Linde im Garten, trank vom dunklen Bier, inspizierte das bäuerliche Mauerwerk und das riesige Loch im kieseligen Boden. Bierkeller und Außenklo, Bratkartoffelgeruch und Männer mit Bäuchen, über denen sich Trikots von Borussia Mönchengladbach spannten. Daneben eine Gruppe von Auffälligen. Das typische Käppi, die schwarze Lederjacke auf weißer Kluft, dunkle Anzüge. Ein Schwarm Lippenleserinnen. Die Familie war tatsächlich angereist, agierte kordial hermetisch, war Avantgarde vor über 25 Jahren und immer noch verdammt gut. Doch hier? Weißgefleckter Landstrich zwischen der Hauptstadt der Bewegung und holländischer Verheißung, Ursuppenkessel des Gedankens wegwohin. Der Mecki Türk entstammte dem Nachbardorf, fiel ihm ein, langsam machte dieser wiedergeborene Surrealismus Sinn.
Janie bei Conny

Janie bei Conny

Es fogten zwei kriminell kurze Sets im Schankraum, den allenfalls vier Hand voll Leute füllten. Das Publikum trank Fanta, die Band Bier. Zumindest Janie, der singt, als wär er immer noch Anfang 20 und der beste Popmusikant der Welt. 1980 war er es und es gibt Menschen, die bezeichnen Monarchie und Alltag als das Fundament, auf dem sich Musiker hierzulande entwickeln konnten. Er hielt die Scheibe damals schon für den Gipfel. Aber live war die Familie immer besser. Mit ihrer Lust an der Vehemenz, dem Bekenntnis zur Könnerschaft. Punk war tot, bevor er jemals atmen konnte. In Düsseldorf oder anderswo war Tanzen jetzt wichtiger. Auf Rock’n’Roll und Ska und Funk und Soul. Dazu peitschte Janie als Fleisch gewordene Herablassung allen Zaudernden seine affirmative Poser-Poesie um die Ohren.
Der Mann konnte singen. Immer noch. Und die Band war auf den Punkt. Druckvoll. Powerpop 2.0. Arbeiteten als Profis mit Spaß an der Freude.
Neben ihm saß irgendwann Jochen und sagte ‚Wohlsein‘. Er glaubte inzwischen alles an diesem Abend schwärender Wunder. Jochen war immer zwei Jahre älter gewesen – nun sah er aus wie der eigene Opa. Seit kurz vorm Abitur hatten sie sich nicht mehr gesehen. Beide machten ja irgendwas mit Medien, keine Zeit, alles klar. Früher war Jochen der Kutscher. Sein klappriger gelber Lada brachte sie an alle verruchten Orte im Zollgrenzbezirk. Und immer dann, wenn sie mit neuen Tracks im Ohr und bierseelige Welteroberung im Sinn aus Connys Tür traten, waren die Jungs von der Trachtentruppe schon da mit ihren schalen Witzen vom Blasen. Jetzt aber: Zeitmaschine.
Und dann haute der Sektchef noch einmal in die Seiten, Mecki blies ins Horn und Peter, den alle nur Janie nennen, weil er es so wollte, hat geweint, bei jedem zweiten Satz, weil er extra aus Wien angereist war und jetzt so wenige Leute und er, scheiße,  schon Mitte 50 und irgendwovon muss man ja auch leben seit die tolle Geschichte mit dem Brotjob den Jordan hinunter und überhaupt: Warum waren da heute keine Groupies mehr? Nur die grüne Landtagsabgeordnete. Und Jochen, der das kaputte Rad in seinen Familienvan warf, kurz zurückblickte und losfuhr in den rheinischen Grauschleier. Aus der Kühlbox unter der Handbremse zog er zwei Grolsch, die er ihm zum Öffnen gab und sagte: Wohlsein.

Fotos, Musik und Anmerkungen
Family 5 sind seit 1981 eine weltberühmte Düsseldorfer Band, die Punk mit Hilfe von Soul und Funk zu Grabe trug.
Peter (Janie) Hein singt. Er tat das vorher und nachher und immer mal wieder auch bei Fehlfarben.
Xao Seffcheque spielt Gitarre. Und schreibt Filme. Und komponiert.
Markus (Mecki) Türk ist ein großartiger Trompeter.
Connys Come In war mal ein verrufener Laden in Boisheim am Niederrhein.
Jochen heißt eigentlich anders.
Er bin ich.
Family 5: U.a. Xao Seffcheque, Peter hein, Markus Türk (v.r.n.l.)

Family 5: U.a. Xao Seffcheque, Peter hein, Markus Türk (v.r.n.l.)


Bottermelksprenk, Meatyard und die Motte Horbes Bergske

Ralph Eugene Meatyard war ein amerikanischer Fotograf, der aus einem Städtchen in Illinois mit dem bemerkenswerten Namen Normal stammte und genauso lange in den ewigen Jagdgründen weilt, wie ich auf dieser Erde wandele. Bisweilen lichtete er Menschen mit Tiermasken ab – wovon sich wiederum eine noch vergleichsweise taufrische Band aus der gleichen neuen Welt inspirieren ließ. Von der biestigen Verkleidungskleinkunst ebenso wie vom Namen. Meatyard machen Americana , würden gerne so klingen, als hätte Leonard Cohen ein Countryband und bestechen doch durch herzallerliebsten Harmoniegesang samt Slidegitarren sowie den unbedingten Willen zum Kitsch. Den All-American-Standard „Hard times“ interpretierten sie auf ihrem 2010er Album „Sweet old green world“ und visuell ganz aktuell hier.

Etwas versponnen ist diese Musik, zugegeben. ‚Same here‘ möchte ich ausrufen, nicht nur mit Blick auf den – dank Klimakatastrophe – Hochsommer im April. Denn eigentlich war Teil 4 der niederrheinischen Frühlingskocherei geplant. Doch dazu ist es zu warm. Also erwähne ich nur ein der heißen Jahreszeit vorbehaltenes Süßspeisenrezept. Rheinische Küche für Hartgesottene, ausgegraben aus unteren Schichten des kulinarischen Provinzgedächtnisses. Oma Franken sei Dank. Bilder erspare ich uns, denn schön ist sie nicht, die Bottermelksprenk. Aber lecker.

Als Abfallprodukt bei der Butterherstellung ist die Buttermilch mit ihrem leicht säuerlichen und fast fettfreien Geschmack perfekte Erfrischung bei Hitze. Milchsuppen wiederum gehörten immer schon auf den Speiseplan der hiesigen Arme-Leute-Küche. Diese Kombination macht satt, ist verführerisch süß und kühl genossen himmlisch leicht.
Ein paar Scheiben Schwarzbrot zerbrechen und mit wenigen Dörrpflaumen (alternativ Rosinen) mit Wasser bedecken und einige Stunden einweichen. Dann mit reichlich selbstgemachtem Vanillezucker verfeinern und einmal aufkochen. Einen Liter Buttermilch mit zwei Esslöffeln Stärke erhitzen und mit etwas Honig süßen. Dann beide Komponenten zusammenführen und zehn Minuten kochen. Abkühlen lassen und in der Mittagshitze essen, eventuell mit etwas Zimt. Klingt komisch, sieht fürchterlich aus und schmeckt altmodisch gut.

Der bisher unerklärte Begriff in der Überschrift bezeichnet übrigens eine wenige Kilometer entfernte Fluchtburg. Dort gibt es ein ordinäres Ausflugslokal mit einer für diese Art von Etablissements formidablen Küche. Wir hatten Spargel, selbstredend.

Spargel in der Fluchtburg

Spargel in der Fluchtburg


Grüne Paste, schwarze Hände und Donna Regina

Ist das jetzt der Niederrheinische Frühling, Teil 3? Entscheidet selbst – kurz und knackig wird dieser Text garantiert, denn der Garten ruft. Und das Pflanzencenter. Sowie der lokale Spargelverchecker. Doch der Reihe nach.

Noch nicht mal 40 und schon voll retro? Lebensreformer und Begründer der rheinischen Rohkostrevolution? Autarkie rulez? Wie auch immer – seit zwei Wochen bestelle ich einen Acker. Gestern brachte ich Kartoffeln und Zwiebeln unter die Erde. Heute werden Buschbohnen und gelbe Möhren folgen. Noch glaubt niemand aus meiner Peergroup, dass dies ein nachhaltiger Zeitvertreib wird. Meine von Mutterboden verfärbten Hände und der krumme Gang nach ungewohnt körperlicher Arbeit werden belächelt, allenfalls. Vom Blumenhasser zum Kleingärtner? Rock’n’Roll goes Guerillagardening? Wird Anarchie zu anstrengend blüht der gemeine Spießertraum? Was ich jetzt schon sagen kann: Wie jede Kunst ist Gärtnern schön, macht aber viel Arbeit.

Niederrheinische Bärlauchpaste

Niederrheinische Bärlauchpaste

Bilder und Hintergründiges dazu an kommenden Regentagen – heute sei nur noch erwähnt, dass ein Bekannter mit einem Stück Land in Buchenwaldrandlage einen Haufen Bärlauch mir in die Spüle kippte. Ich habe es verpastet – da ich aus Prinzip keinen Salat esse und noch nicht in den Kaninchenzüchtermodus degeneriert bin. Sieht hübsch aus und Pastepasta schmeckt auch. Niederrheinische Bärlauchpaste geht so: Das Grünzeug gründlichst waschen, der wildpinkelnden Wildtiere wegen. Mit der Schere kleingeschnitten und samt hiesigem Rapsöl und etwas Meersalz stabgemixt. Ich habe das Ganze zweigeteilt und eine Hälfte mit Haselnusskernen gepimpt. Noch weiß ich nicht, was mehr mundet. Übrigens: Kein Käse! Der Farbe wegen.

Die Eheleute Janssen aus Köln machen seit nunmehr 20 Jahren sympathischste musikalische Elektrofrickelei unter dem Namen Donna Regina. Auf Karaoke Kalk ist auch ihr letztes Album mit frühlingshaftem Geplucker samt sphärischem Frauensingsang erschienen: „The decline of female happiness“.
Doch hier nun das großartige, 2002 in Oberhausen ausgezeichnete, Video zu „Why“ vom 99er Album „A quiet week in the house“.