Niederrheinische Erbsensuppe ist kein Nazi-Eintopf
Veröffentlicht: November 6, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Niederrhein | Tags: ähzezupp, eintopf, erbsensuppe, pott ongereen 11 KommentareSamstag = Waschtag. Früher traf es Mensch und Tier, alle kamen nacheinander, einer gewissen Hierarchie gehorchend, in denselben Zuber. Dann, als die Wirtschaft sich zu wundern begann über eine gekonnte Mischung aus zunehmender Mobilisierung und sich verfestigender Trutzburgmentalität, wurden zunehmend Automobil und Bürgersteig Objekte planmäßigen Reinemachens. Heutzutag, in den Zwanzigzehner-Jahren, kommen zwar noch allenfalls Elektrofahrräder oder der Weinklimaschrank unter den Putzlappen, aber eines ist Konstante: Unüblich mittäglicher Hunger ob ungewohnter körperlicher Betätigung. Und wenn sich dann noch eine Pause findet im wochenendlichen Einkaufswahn, kommt ein Topf auf den heimischen Herd.
Historischer Einwurf: Ernst Pieper beschreibt unter dem Titel Braune Suppe, dicke Brocken eine politische Eintopf-Idee. Tatsächlich war der Begriff vor 1933 kaum bekannt. Grundlegend dazu: Konrad Köstlin: Der Eintopf der Deutschen. Das Zusammengekochte als Kult-Essen. In: Tübinger Beiträge zur Volkskultur, Tübingen 1986. Interessant ist auch dies.
Nichtsdestotrotz ist das, was die Nazis unter dem Begriff „Eintopf“ popularisierten und als Instrument der sozialen Gleichschaltung instrumentalisierten, nichts anderes, als das vielleicht älteste menschliche Kochprinzip. Alles Essbare in einen Topf und nach mehr oder weniger langer Zeit über dem Feuer aus selbigem zusammen speisen – allein dies war tausende Jahre lang kulinarisch möglich.
Ich esse heute Erbsensuppe; rheinischer Art. Also Ähzezupp, nicht Löffelerbsen. Wie das prinzipiell funktioniert, hat Pepinella beschrieben (von der leider seit geraumer Zeit nichts mehr zu lesen ist). Doch wie bei italienischer Tomatensauce jede Mama ihre Eigenheit hat, geht auch die Erbsensuppe in allen niederrheinischen Haushalten etwas anders. Daher heute ausnahmsweise wieder ein ausführliches Rezept, später. Was allerdings solch ein eher bodenständiges „Durcheinander“ (Pott ongereen im Vierscher Platt) zum kulinarischen Wagnis macht, ist diesbezügliches Auswärts-Essen (Ausnahme: Gut Heimendahl). Oder aber – wird auf dem Dorf gerne genommen – der samstagmorgendliche Gang zum Metzger, mit leerem Eimer. Was dann dort hineingegeben wird, ist tatsächlich ursprünglich, in der Regel. Denn bis zum zweiten Weltkrieg war hiesigen Hausfrauen die Verwendung von Würzkraut in der Küche nahezu unbekannt. Salz, Pfeffer und Fett waren einzige Aromaten und Geschmacksträger.
Unsere Familientradition schreibt jedoch reichlich Majoran und ein Lorbeerblatt vor, an mutigen Tagen gebe ich auch ein Stück Ingwer oder etwas Kreuzkümmel hinzu. Heute nicht. Auch die Schweinefüße hatte Metzger Bauten nicht im Kühlhaus. Was vielen Menschen den Zugang zu dieser Leibspeise deutlich erleichtern dürfte, emotional gesehen.
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Uerige Molekularküche
Veröffentlicht: Oktober 28, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Niederrhein | Tags: Altbier, Bierschaum, Espuma, Uerige 5 KommentareNiemals gäbe ich Gerstensaft in einen Sahnesyphon. Wenn ich also letzthin ein „Altbier-Espuma“ kredenzte zu fettgebackener Leber und Gurkengemüs, war damit kein anderer benannt, als der abgeschöpfte Uerige-Schaum. Zur Hinfälligkeit desselben haben die Chemikanten der Universität zu Regensburg Erhellendes beigetragen, ebenso ein Jeveraner Adept (Kinetik des Bierschaumzerfalls). Stabilitätsforschung hingegen wurde im Land der aufgehenden Sonne betrieben. CO2-Reaktionen im Bierglas sind dennoch keine molekularkochtechnischen Hexenwerke, vielmehr moribunde Aromabomben.
Karamellmalzig und hopfenbitter ist nun das Aromaspektrum des zweitbesten Düsseldorfer Altbiers: Das Uerige. Zur Verwendung in der Küche jedoch ist es absoluter Favorit, nicht nur als kongenialer Leber-Begleiter. Auch Saucen zu gebratener Ente (auf Schattenmorellenbasis) oder Sauerbraten kann ein Bierschuss geschmackliche Tiefe und texturelle Lockerheit verleihen. Ein Bierteig zum Gemüseausbacken oder ein Parfait – insgesamt ist die gelegentliche Verwendung von Kochbier auch eine willkommene Reduzierung des Alkoholkonsums bei der Küchenarbeit. Außerdem mag ich keinen Schaumwein, um mal mehr oder weniger elegant wieder zum Ausgangspunkt dieser Überlegungen zu kommen.
Schaumschlagen hingegen mag ich als verbale Disziplin. Auf den Teller kaprizieren Espumas in der Regel aufgeblasene Fatzkes. Zumal der Herbst eher die Zeit für althergebracht sämige Soßen statt für luftige Hauben ist. Wie ich im nächsten Frühjahr darüber denke? Anders, höchstwahrscheinlich.
beat!beat!beat!
Veröffentlicht: Oktober 20, 2010 Abgelegt unter: Musik, Niederrhein | Tags: beat!beat!beat!, Viersen Ein KommentarDer Niederrheiner hat ja eher ein doppeltes Stand- als ein zum Schwingen zu bringendes Tanzbein. Die sich daraus ableitende Erwartungshaltung (ergo: keine) hätte zwangsläufig dazu geführt, den aktuellen Heimat-Hype zu verpassen. Fast. Zugegeben, ein halbes Äon ist gerade popkulturell eine verdammt lange Spanne, um auf derselben Welle Schwingungen zu spüren. So lange ist aber leider her, dass ich die Schulbänke drückte, die nun von den Hintern der Jungs von beat!beat!beat! gewärmt werden. Another boyband, so what?
Lokal-Patriotismus ist kein Kneipensport. „Support your local scene“ nicht eine lässliche Mode, sondern der Glückspfad zu mehr Nachhaltigkeit im täglichen So-Sein. Wenn vier Viersener enigmatisch musizieren und dabei so klingen wie handelsübliche abgebrochene britische Kunststudenten, schmeiße ich gerne einen weiteren Stein in die digitalen Fluten. Und wippe dabei mit dem Lehnstuhl…
INFO:
Das Album „Lightmares“ der Band Beat!Beat!Beat! erscheint übermorgen. Den Song Fireworks bietet der NME schon seit beinahe einem Jahr als Gratisdownload und hat so nicht unmaßgeblich zum Erfolg der Jungs vom Niederrhein beigetragen. Auf der Bühne zu erleben auf dem Westend-Festival in Dortmund am 29.10.2010.
Anmerkung: Der nächste Beitrag, liebe Foodblog-Gemeinde, kümmert sich wieder um Kulinarisches. Mit Musik. Bis dahin esst niederrheinische Tapas im Kempsche Huus.
Bilderrätsel eines betrübten Bloggers
Veröffentlicht: Oktober 9, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Niederrhein | Tags: Grefrath, Niers, Oedt, Süchteln, Zweigkanal 3 KommentareWoher kennen Sie dieses Motiv?
Antworten bitte als Kommentar.
Wenige Meter weiter labte sich meine waidwunde Seele an diesem klassischen Idyll. Ja, werte Fotografenfreunde und -verwandte, das kann man besser auf den Chip bannen. Nein, liebe Leser, ich habe nicht den Zynismus gegen schale Romantik eingetauscht. Bin nur verwirrt.
Freitagsgericht mit anarchistischer Abendunterhaltung
Veröffentlicht: Oktober 8, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Niederrhein | Tags: DAAU, Die Anarchistische Abendunterhaltung, Endivie, Endivien dore-in, Kartoffel-Endivien-Stampf 4 KommentareIch hasse Hesse! Das muss gerade in diesen Tagen allerehrenwertester Nobelpreisvergaben einmal geschrieben werden. Esoterisches Kunsthandwerk, allenfalls, schwäbische Großmannssucht im gefühlsduseligen Gewand; Lesequalen. Fast noch schmerzhafter sind die Folgen der Wirkungsgeschichte, gerade in der Popkultur, der hippiesken zumal. Zumindest war dies meine Überzeugung, bis ich vier Menschen aus Antwerpen kennenlernte. Die wiederum Musik machen als Die Anarchistische Abendunterhaltung. Leicht steppenwölfisch verschroben bisweilen, doch dann wieder von bestechender Klarheit und irrer Genialität. Typische Belgier halt.
In BeNeLux wird übrigens viel Endiviensalat gegessen, prügelte der Autor eine nachgerade zwanghafte Überleitung in seinen Text. So ist er halt, etwas sprunghaft. Endivie gehört zur spannenden Familie der Wegwarten und ist neben ihrer Funktion als herrlich bitterer Wintersalat eine der mit Dressing roh zu verzehrenden Grünpflanzen, die in der Nährwerttabelle nicht auf der gleichen Stufe wie Pappschachteln rangiert. Im Ruhrgebiet ist ein Gericht namens „Endivien dore-in“ verbreitet, ich aß es im niederrheinischen Duisburg, bei Frank Schwarz in der Schifferbörse, in einer ebenso reduzierten wie prägnanten Version.
Und ließ mich dadurch zu folgendem inspirieren: Eine Endivie feinst vorbereiten (äußere Blätter großzügig kompostieren, den Rest gründlich waschen und grob zerkleinern, trocknen) und reichlich Dressing aus Olivenöl, Meersalz, Düsseldorfer Senf, Sherryessig und rotem Johannisbeergelee anrühren. Beides vereinen. Dann Kartoffeln kochen, pellen, leicht stampfen. Wiederum einen Vereinigungsprozess initiieren und prompt servieren. Dazu passt Freitagsfisch, heute mit Salbei aromatisierter Seehecht. Der ist robust genug, um gegen den Endivien-Kartoffel-Stampf zu bestehen. Ist der Fisch aus der Pfanne, lässt sich mit dem Satz, etwas Weißburgunder und einem Stück kalter Butter hervorragend eine kurze Soße ziehen.

Endivien-Kartoffel-Stampf mit Salbei-Seehecht
Zurück zur Abendunterhaltung. Die verspricht der Sonntagabend, in der Sint Joriskerk in Venlo.
Schweine-Sterben mit Kornbrand
Veröffentlicht: Oktober 1, 2010 Abgelegt unter: Niederrhein | Tags: Niederrhein, Panhas-Fest, Pannas, porkcamp, Süchteln, Schweineblut, Stadtschenke, Värkesbloot 6 KommentareDer Herbst ist ja traditionell die Zeit des Abschieds. So ging es vor Zeiten auch dem lieben Vieh, fanden im Oktober und November doch in den niederen Rheinlanden ringsum die Hausschlachtungen statt. Daran anschließend floß der Schnaps und irgendeine Musik spielte auf zum Tanz. „Värkesbloot“ hießen diese Feste zum Beispiel.
„Schweineblut“ findet in manchen Dorfkneipen auch im Jahre 2010 noch statt. Hierbei handelt es sich jedoch in der Regel um nichts weiter als ein mehr oder weniger geselliges Beisammensein (mit viel Schnaps), Kartenspiel und Tombola. Hauptpreis: Ein ganzes, immerhin geschlachtetes, Schwein.
Ebenso verkauft noch heute fast jeder Dorfschlachter in diesen Tagen Pannas (oder westfälisch: Panhas), eine Art Blut-Grützwurst, die cross gebraten mit Schwarzbrot und Rübenkraut gegessen wird. Solcherlei wird gerne mit historisierender Anmut ausgeschlachtet, um sich kollektiv zu betrinken (na klar, mit Klarem!):

Hinweis auf ein Fest zu Ehren der Blutwurst, sinnigerweise im Fenster der Konditorei Rongelraths hängend
Übrigens: Nach backlash riechend finden inzwischen Veranstaltungen wie das porkcamp statt (ein Dank an Frau Evenaar). Aus gegebenem Anlass: Keine Musik.
Liegt Uerdingen in Vietnam oder ein weiterer Grund, warum Vancouver die beste Stadt der Welt ist
Veröffentlicht: September 23, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Niederrhein, Weltweit | Tags: chi sushi, Klezmer, Lẩu, misosuppe, Nem, Niederrhein, Phở, sushi, Uerdingen, Vancouver, Vietnam Hinterlasse einen KommentarSchifferklavier und Fisch passt gut. Und da ich in den letzten Wochen einen fast schon abseitigen Hang zu Akkordeon-Musik habe (vielleicht ist es aber auch nur unterbewusste Vorfreude auf Sonntag), bin ich schließlich beim Klassiker des Klezmer-Punk, Geoff Berner, gelandet. Der „Lucky Goddamn Jew“ aus Vancouver konzertiert übrigens im Oktober hierzulande – hingehen, hören und staunen. Trinken und tanzen.
Eigentlich war heute Zeit für ein weiteres Kapitel meiner unendlichen Suche nach akzeptabler vietnamesischer Kochkunst am Niederrhein. Verwegenes Unterfangen, ich weiß. Dennoch rollte ich zum Rhein hinab, nach Uerdingen, ins Herz industriepolitischer Finsternis. Wo dennoch gastronomische Blüten im Verborgenen gedeihen, wie das La Riva oder das Chopelin im Casino. Und es eine gar vorzügliche Canh Chua gäbe, dies wurde mir zumindest zugetragen.
Familie Nguyen betreibt am unteren Ende der Fußgängerzone ein Lokal namens Chi Sushi. Natürlich habe ich wieder mal keinen Bissen Vietnam genossen, dafür aber die geballte Energie rohen Fischs.
Bei Chinesen, die ne Pizzabude betreiben, hört mein Pioniergeist in der Regel auf. Da ich aber mein bestes Sushi bisher in Bangkok aß (und zwar im Fuji-Restaurant im MBK-Center), und Onkel Ho’s Neffen und Nichten kulinarisch sowieso alles können, wagte ich – und gewann. Ein perfektes Mittagessen (samt sanftrauchiger Misosuppe und Jasmintee). Einen neuen netten Menschen (Besitzerstochter Marie, charmant und kompetent, welch seltene Kombination). Einen stimmigen Ort (welches Lokal kann sich schon einer exzellenten Musikauswahl rühmen, wenn es nicht Club ist, und ist so luftigleicht gestaltet und doch auch klassisch). Schließlich die Gewissheit, wiederzukommen.
Um dann die Phở zu versuchen. Oder die Nem. Ganz bestimmt einen Lẩu. Ich hab’s versprochen.
Solange höre ich Fukui, das neue Album von Stella.





