Gelbe Tomaten, grüner Wein und grauenhaftes Wetter
Veröffentlicht: September 14, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Wein | Tags: arturo Fiesta Circo, Bacharach, Bastian, Bopparder Hamm, Didinger, Fässerlay, Feuerlay, Frutti di Mare, Kabinett, Osterspai, Posten, spaghetti 2 KommentareNachmittagsmusik: Arturo Fiesta Circo – Il tango dei temporali.
Inzwischen zwingen Sturm und Regen die verbliebenen Sommerreste in die Knie. Am letzten Wochenende schlug das Wetter noch einmal Funken, die sich auch in unseren Gläsern spiegelten. Und kommunizierten mit den vorzüglichen Tropfen, die Friedrich Bastian auf seiner Insel präsentierte: Der 2009er ist ein fordernder Jahrgang, süffig schmeckt anders; Herausforderung pur. Naturgemäß waren die Varietäten aus dem Posten, mit ihrer Klarheit und Frische und Apfelsäure, meine Favoriten – wobei sich diese Bastian-Spezifik noch verstärkt hat. Mut zur Andersartigkeit ist dem freundlichen Bariton offensichtlich in die Wiege gelegt. Was sich wiederum besonders am Insel-Riesling manifestiert. Aus den 2 ha Rebenfläche resultierte zum ersten Mal nicht nur die gewohnt starke feinherbe Variante, sondern auch eine nachhaltige süße. Weiterhin Lieblinswein.
Was passt dazu besser als eine Meeresfrüchte-Pasta? Die gab es Sonntag abends, weil alle Zutaten getrocknet (Nudeln), gefroren (Frutti di mare) oder konserviert (gelbe Tomaten aus Kampanien) vorrätig waren. Nur die Kräuter (Salbei, Petersilie, Minze) kamen tropfnass aus dem Garten.
Übrigens war vor dem Nudelgenuss die Rückfahrt zu bewältigen – die führte von Bacherach über Osterspai. Zwischenstopp Didinger. Mit Blick auf den Bopparder Hamm (Feuerlay) war recht schnell klar, dass auch hier der 2009er zur Wiederkehr zwingt, besonders die Kabinett-Stückchen. Leider war der aus der Fässerlay schon ausgetrunken.
Rezept: Spaghetti frutti di mare …
Roter roter Wein; kulinarischer Sprachterror
Veröffentlicht: August 23, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik, Wein | Tags: Frühburgunder, Red wine, Rudolf Fauth, Spätburgunder, Tony Tribe, UB40, Udenheim Hinterlasse einen KommentarEin Song, ursprünglich vom unsäglichen Neil Diamond geschrieben und zur Gitarre gesungen, der unendlich oft interpretiert wurde, um dann schließlich in den 80ern durch die UB40-Performance auf dem Free-Mandela-Festival in London für immer in mein popkulturelles Langzeitgedächtnis gebrannt zu werden: Red red wine. Knarziger, handfester, sperriger und dennoch mit mehr Tiefgang ist dagegen die Version des Jamaikaners Tony Tribe aus dem Jahre 1969. Quasi der Frühburgunder unter den Coverversionen.
Komme darauf, weil ich gestern einen 2007 Frühburgunder Spätlese trocken vom Udenheimer Winzer Rudolf Fauth getrunken habe, drei Sterne und Barrique ohne Ende, angenehm inspirierender Duft direkt nach dem Entkorken – dann jedoch akute Brustschwäche im Mund. Schade, hatte mir viel erhofft von diesem weithin unbekannten Rheinhessen, doch eventuell war ich einfach nur zu früh. Habe eine weitere Flasche in den Keller gelegt und werde in 2-3 Jahren nochmals nachschmecken.
Dennoch war ich beschwingt, der Musik sei Dank. Möchte diese Stimmung nutzen, um eine kleine Serie zu beginnen. Meine werten Leser teilhaben lassen an Fundstücken sprachbarbarischer Art. Gerade im kulinarischen Bereich tummeln sich allerhand Menschen mit dem Drang, ihre pseudotiefschürfenden Erkenntnisse und küchenphilosophischen Glücksbotschaften auf unsäglich unterirdische Art und Weise zu verschriftlichen. Weinbeschreibungen bilden da nur die Spitze des Wortterrors. Erstes Beispiel gefällig?
„Dezente Töne von Unterholz. Am Gaumen fast fleischig. Ein Wein, den man essen möchte.“
Armer Spätburgunder aus Baden, dem hier derart ungehobelt der poetische Garaus gemacht wurde. Das tönende Gehölz, tollwütiger Fuchs trifft auf rohen Gaumen. Der dichte Dichter mit Schluckbeschwerden.
Fortsetzung folgt.
Musik-Theater mit Mini-Rosamunde
Veröffentlicht: August 19, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik, Wein | Tags: Anthony Robert Hammond, Botanica, Dortmund, Krefeld, m walking on the water, Mini-Rosamunde, Oestrich-Winkel, Wallfisch Hinterlasse einen KommentarEs gibt nichts schlimmeres als Musical – die Fortsetzung von Operette mit noch fieseren Mitteln. Doch Musik im Theater muss nicht automatisch Folter sein. Dies will das Schauspiel Dortmund am 26. September beweisen (und wird es auch) – wenn es nämlich seinen neuen musikalischen Leiter auf die Bühne stellt. Der Paul darf seine Band aus Manhattan mitbringen und sich seine Freunde Mike und Markus-Maria aus Krefeld einladen. Um an einem Abend dieses ganze seltsame Kulturhauptstadt-Ding in den Schatten zu stellen, avangardistisch an die Wand zu spielen. Meine Damen und Herren, es treten auf Paul Wallfisch und Botanica sowie M. walking on the water.
Botanica vs. the truth fish war meine Lieblingsplatte im Jahr 2005. Auch live funktioniert die Band als energiegeladener Zwitter zwischen osteuropäischer Hochzeitskapelle und rotweinabhängigen Neopunks. Immerhin dies haben sie mit den Herren vom Niederrhein gemeinsam: M. walking feierten im letzen Jahr ein vielbeachtetes Live-Comeback und haben für den Herbst gar ein neues Album angedroht. Short-Distance-Psycho-Folk revisited, um es mal kryptisch auszudrücken. Zu einer Feier auf dem Friedhof wird es allemal reichen. Oder einer heiligen Nacht mit Rosemarie.
Dazu mache ich eine Flasche von Anthony Robert Hammond aus Oestrich-Winkel im Rheingau auf, eine 2009er Mini-Rosamunde. Rock’n’Roll-Wein, Spätburgunder-Rose, etwas plüschig im Geschmack, optisch einzigartig.
Bacharach, Bastian
Veröffentlicht: August 18, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Wein | Tags: Alde Fritz, Bacharach, Bastian, Grüner Baum, Heyles'en Werth, Insel-Riesling, Orion, Posten, Riesling, Toni Jost, Wein, Wildschweinsülze Hinterlasse einen KommentarFangen wir mit der Musik an: Einer der letzten großen Songs, die der Mann mit dem übergroßen Easy-Listening-Stempel – Burt Bacharach – geschrieben hat, war „Walking Tall„, hier in einer superben Art und Weise interpretiert vom überaus liebenswerten Lyle Lovett.
Wer jedoch an Bacharach am Rhein denkt, hat klischeebehaftet in der Regel eher solch Absurdes wie James Last im Ohr. Zu tief sitzt die Ahnung von der Kegelclubhölle, die sich mit Mittelrhein-Romantik assoziiert. Natürlich nicht ganz unberechtigt sind solcherlei Reflexe; wer den Ort an einem verregneten Montag im August besucht, findet nichts als marodierende Rentnerbanden in den kopfsteinigen Gassen. Und doch hat hier – neben dem Top-Winzer Toni Jost und seinem Ausschank in der Oberstraße, seit über 500 Jahren ein Gebäude seinen Platz, dass alle Moden überdauert hat und dessen Besitzer, die Familie Bastian, einer über 300 jahre alten Weingut-Tradition verpflichtet sind.
Der Erbhof „Zum grünen Baum“ ist eine aus der Zeit gefallene Weinstube. Gastronomische Orte, an denen ich mich traue, Schweinssülze zu essen, existieren nicht viele. Wenn sie dann noch vom Wildschwein kommt und begleitet wird von einem Glas vom Alde Fritz – also einem Riesling, der sich anfühlt wie der Biss in einen fast reifen Boskop-Apfel, säuerlich frisch und lebendig und leicht – weiß ich, wie Wohlbefinden sich anfühlt.
Perfektes Handwerk, ohne Schnickschnack. So schmecken fast alle Weine hier, seit Jahren. Orion und Posten, beides trockene Spätlesen, sind naturgemäß nicht ganz so scharf geschliffen wie der Fritz, gefälliger, voluminöser.
Lieblingswein jedoch ist ohne Frage das „Alleinstellungsmerkmal“ des Hauses: der Insel-Riesling. Zitat aus dem Hausprospekt: „Auf der im Rheinstrom liegenden Insel Heyles’en Werth, die sich seit 1797 im Besitz der Bastians befindet, gedeiht auf sandigem Löss ein nicht alltäglicher Riesling.“ Wohl wahr. Auch wenn ich ansonsten beim Riesling eher ein Fan „salziger Mineralität“ (lustiger Modebegriff der Weinwortverdreher) bin, wie Schiefer-, Kalk- und Quarzit-Böden es versprechen, gefällt mir diese feinherbe Löss-Variante außerordentlich. Ein eleganter Wein für Regentage, wie alle anderen getrunkenen aus dem Jahre 2008.
www.weingut-bastian-bacharach.de
Riesling und Andyho Warhola
Veröffentlicht: Juli 10, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Wein, Weltweit | Tags: Andy Warhol, Medzilaborce, Orechova, Rizling Rýnsky, Ruthenen, Tibava Hinterlasse einen KommentarDas Leben ist bunt, Gott sei Dank. Wanderer, kommst Du in den hintersten Winkel Europas, lass Dich ueberraschen von Unerwartetem, Schoenem, Gutem, Kunst und Wein. Ersteres offenbart sich in Medzilaborce, wo findige Ureinwohner vom Stamme der Ruthenen einen riesigen, postsozialistischen Betonkasten in die Einoede gesetzt haben, um einen der ihren zu ehren. Gut, Mister Warhol ist nun eigentlich in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und hat das Land seiner Vaeter nie gesehen – was die Sache leicht bizarr macht – und war wohl kaum jemand, der im Leben und in der Kunst viel auf Traditionen gehalten haette, aber das ist den Menschen hier schlicht egal. 15.000 Kulturtouristen lockt der Name des weltberuehmtesten Popartisten Jahr fuer Jahr an diesen Ort. Das Gebotene ist wenig tiefschuerfend, auch nicht kuenstlerisch erhellend, aber zumindest witzig bis absurd. Kongenial setzt dies uebrigens der Dokumentarfilm Absolut Warhola aus dem Jahre 2001 in Szene.
Rizling Rýnsky ist die andere Entdeckung in der Ostslowakei. Zwar wird die Traube im gesamten Land angebaut, doch in der Gegend von Sobrance, in der lustigen Weinfabrik Pivnica Tibava s.r.o. kommt er besonders gelungen in die Flasche. Ansonsten eher industriell gepraegt, bietet die Gegend mit den Orten Tibava und Orechova zwei fast schon anmutige Weindoerfer. Zu einer intensiven Degustation aller 18 verschiedenen angebotenen und natuerlich auch gekauften Weine ist es noch nicht gekommen. Ein entsprechender Bericht folgt.
Lieblings-Weingüter: Scheidgen, Wagner
Veröffentlicht: Juni 15, 2010 Abgelegt unter: Wein | Tags: Edition Pinot, Emilie, Essenheim, Grauburgunder, Hammerstein, Jean, Mittelrhein, Niederrhein, Rheinhessen, Riesling, Scheidgen, Spätburgunder, Wagner, Weißburgunder, Weingut Hinterlasse einen KommentarNoch ist der Niederrhein kein Weinanbaugebiet. In naher Zukunft bestimmt, dem Klimawandel sei Dank. Doch bis es soweit ist, kann ich diesen Prozess nur beschleunigen, indem ich CO2 produziere – also ins Auto steige. Um die eigene Ironie ein wenig zu brechen, geht die Fahrt nicht ins Markgräflerland oder gar in französische oder italienische Provinzen mit Hügeln und Hängen und passenden Reben. Erst einmal müssen 130 km reichen, um zu Georg Scheidgen nach Hammerstein zu gelangen.
Ich scheue mich nicht, hier mit Superlativen zu operieren. Also: Eines meiner Lieblingsweingüter hat nicht nur einen gleichermaßen bodenständigen wie zuvorkommenden und hochkompetenten Winzer, was jeden Besuch dort wie ein Zusammentreffen mit einem Freund gestaltet, sondern ist sicherlich das beste nördliche Burgunderweingut. Womit nicht rote Tropfen gemeint sind, sondern die exquisiten Grau- und noch mehr die Weißburgunder. Wobei auch der 2009er Leutesdorfer Gartenlay, Riesling Hochgewächs, zu gefallen weiß. Knackig frisch, mit ausreichend Säure und nicht zu viel Alkohol, das passende Getränk für sonnige Nachmittage. Doch die Weißburgunder aus der Hammersteiner Hölle sind gewiss olfaktorische wie geschmackliche Eindruckschinder erster Güte. Seit Jahren schon kommt mir kein besser gelungener Wein dieser Preiskategorie ins Glas. Der „einfache“ ist ab Hof für 4,80, die Edition Pinot für 7,10 EURO zu haben.
Ins Rheinhessische nun verschlug es mich am letzten Wochenende – was zwangsläufig einen Freitag-abendlichen Besuch im Weingut Wagner in Essenheim zur Folge hatte. Seit Jahren Lieblings-Straußwirtschaft im Dreieck Mainz-Bingen-Worms, fast schon ein Gesamtkunstwerk. Herrlicher Innenhof im Ortskern, mediterranes Flair, bei gutem Wetter stets rappelvoll, über hundert Menschen freuen sich hier am Leben. Kinder spielen lachend, leckere Kleinigkeiten wie die Wingertsknorze mit Spargel und der immergute Spundekääs laben, gute Gespräche mit den Brüdern Wagner oder dem alten Herrn. Alltagstaugliche Hochkultur scheint eine treffende Bezeichnung zu sein, literarisch, kulinarisch. Und natürlich der Wein.
Die Emilie ist Jahr für Jahr ein immerguter roter Alltagswein, der süffiger kaum sein kann. Eine Cuvée aus Spätburgunder, Merlot und Dornfelder, zwar im Holzfass ausgebaut, dennoch leicht-fruchtig. Von den aktuellen Weinen probierten wir den 2009er Silvaner trocken, ein regionaler Klassiker, leicht und duftend nach weißem Obst. Und aus der Jean-Linie den grauen und den weißen Burgunder sowie den Riesling vom tertiären Mergel. Letzterer überraschte, da mir die Wagners bisher nicht als Rieslingspezialisten aufgefallen waren. Auch werden sie zukünftig nicht meine persönliche Moselpräferenz konterkarieren, doch ist dieser Riesling gut gelungen: Ausreichend mineralisch, mit nüchterner Wucht.
Der weiße Burgunder gefällt wie eh besser als der graue, da letzterer stets zu wuchtig-fruchtig ausgebaut wirkt. Das Filigrane, das der 2009er ”Jean” Weißer Burgunder trocken, Essenheimer Domherr, aufweist, bleibt beim grauen auf der Strecke.
Um in Bälde einen weiteren Besuch zu rechtfertigen, wurde die Spätburgunderprobe ausgespart.









