Warum biodynamischer Wein aus Italien Blätterteigbäckerei zum Nachteil gereicht
Veröffentlicht: März 25, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik, Wein, Weltweit | Tags: acamante, cascina degli ulivi, nibio, sfogliatelle riche, valdibella 12 KommentareDas Wetter. Die Fastenzeit. Der Wurzelmonat März.
Wenn das Herz sich zerreißt und die Seele schreit nach feuerroter Sonne und schweren, saftigen Weinen und Glücksgenüssen, führen mich Fluchtreflexe verlässlich gedanklich gen Italien. Sehnsuchtsland historischer Romantiker und kontemporärer Postrocker. Ethnokitsch und Melodienschmalz und sicherer Hafen für Genusssimpel.
So ersann ich mir ein Wochenendprojekt mit Namen Sfogliatelle riche. Neapolitanische Blätterteigtüten mit Ricottagries. Kramte in Kisten nach einem Soundtrack, angesiedelt zwischen Polen wie Lucio Battisti und Giardini di Miro’. Und ging zwischendurch auf eine Weinprobe. Das war dumm.
Denn im Industrieclub zu Düsseldorf fand im Rahmenprogramm der diesjährigen ProWein am Samstag zur Mittagszeit die Präsentation dreier Topgruppierungen biodynamisch arbeitender Winzer statt. „Haut-les-Vins“ und “VinNatur“ und „La Renaissance des Appellations“ haben zwar alle einen französischen Schwerpunkt – aber mich interessierten naturgemäß die zwölf Vertreter vom Apennin. Neben bekannten Namen wie Foradori oder Emidio Pepe haben mich vor allem zwei mir bis dahin völlig unbekannte Betriebe begeistert und schließlich rote Wangen erzeugt. In Camporeale auf Sizilien ist die Kooperative Valdibella beheimatet. Tief beeindruckt hat mich deren 2011er Acamante aus 100% Perriconetrauben. Diese autochthone sizilianische Rebsorte ist eigentlich nicht für Topqualitäten berühmt – aber in diesem Falle schlicht eine Geschmacksgranate.
Ähnliches gilt für den Nibiô (Dolcetto) der Cascina degli Ulivi aus der Nähe von Alessandria im Piemont. Auch der Lagrein von Loacker ist toll, aber das ist keine Neuigkeit. Wegen des herzhaften Säurespiels auf gar keinen Fall ein Morgenwein, übrigens. In der Dämmerung dann wurde die heimische Küche eingemehlt – Blätterteigbäckerei. Was werte Kolleginnen detailverliebt oder aber lockerleicht beschrieben, sollte mir doch auch gelingen. Knusprigknackendes Backwerk, das mich schon beim Darandenken sonniger Durchflutung preisgab.
Es gab Probleme, und die waren nicht dem Alkohol geschuldet. Teigbahnen, meterlang, mit der Nudelmaschine dünnst gekurbelt, über den Tisch gespannt, ohne Strudeltuch, zum Zerreißen gespannt beim Auseinanderdehnen. Zu wenig Hände. Ein zu steifer Pinsel. Dadurch Risse beim Butterschmalzen. Kleberei beim Rollenrollen. Das waren nur die Fallen des ersten Tages. Schwindende Geduld bei aufkommender Nüchternheit. Beim Ausbalancieren dieses Zustands leicht die Kontrolle verlieren. Nicht dünn genug der Teig und nicht dick genug die Rollen.
Der Gries klumpte am anderen Tag. Die Füllung war dann dennoch gottgleich, auch weil ich besten Quark statt doofem Ricotta nahm und feine Vanille und der Eieroma Ei und zusätzlich noch das Abgeriebene einer gelben Zitrusfrucht. In der Töpferkunst werde ich kein Meister mehr in diesem Leben – das wusste ich schon vor dieser Konfrontation. So wurden keine Trichter geformt, sondern Platten auf Händen und gefüllte Halbmonde schließlich in Form von Panzerotti.

Das Krachen beim Beißen entschädigt für alles. Und gibt der Gewissheit Raum, die Blätterteiglein nicht den Tod der Einmaligkeit sterben zu lassen. Es wird wieder gekurbelt und gepinselt und gerollt werden. Ausufernder noch und penibler. Für die feinere Form. Und das transzendentale Element in der Backkunst.
Hamburg, ein Völlegefühl (Teil 1)
Veröffentlicht: Februar 25, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Weltweit | Tags: boy division, Hamburg, schanzenviertel, schilleroper, st. pauli 3 KommentareNatürlich ist Hamburg mehr als der Kiez. Es gibt ja noch das Schanzenviertel.

Den ganzen dreckigen Rest kehre ich unter den dicken Teppich subjektiver Ignoranz. Denn deutsche Städte sehen großenteils sich zum Verwechseln ähnlich, wenn man sie von innen heraus betrachtet. So fahre ich gern an ihre Enden, will die Außenhaut samt Pickeln und Geschwüren und bizarren Blüten. Die blühen in der Schatzstadt nicht nur im Loki Schmidt Garten – auch wenn es da im Winter herrlich trist ist.

Entgegensetzlich liegt das absurd hässliche Kraftwerk Tiefstack. Der Bus fährt ewig durch unendliche Autoschieberhöfe und spuckt einen aus ins Nichts. Urbane Mondlandschaft; nimmt man die Linie 3 retour, offenbart sich das Paralleluniversum der Trabrennbahn Bahrenfeld , doch davon hier ebenfalls nichts.
Wir wohnen an der Schilleroper, mittendrin, hier haben Boy Division ihre erste Platte aufgenommen, vor Jahr und Tag. Doch das erzählt mir Bernd Kroschewski erst am Telefon, als ich schon wieder rheinischen Smog atme. Insgesamt lässt sich sagen, dass Völlerei ein Feind der Kultur ist, Fressen und Moral liegen ja auf einer Zeitachse auch an verschiedenen Enden. Wir haben leider überhaupt nicht vergessen zu essen – und darüber ist das Tanzbein eingeschlafen. Das ist jammerschade, atmet doch keine Weltengegend mehr persönliche Musikhistorie als die Schanze.

Morgens fiel der Blick also dreimal in Folge zuerst auf diesen kaputten Bau, der ursprünglich, Ende des 19. Jahrhunderts, für den Zirkus Busch erbaut wurde und über tausend Zuschauer fasste. Theater, Seemannsheim, Auffanglager, Spekulationsruine, seit Jahrzehnten. Zwischendurch mal, in den 90ern, als Popmusik noch ein König aus Deutschland war, in einer hanseatischen Schule, wichtiger Club. Alle haben sie hier gespielt. Der Blick auf die Ruine erfüllt mich mit dem Stolz der zu früh geborenen Nachgeburt. Kann keinen Odem spüren, wohl aber die Pisse riechen und die Sinnbildlichkeit sehen für ein überkommenes Geschlecht. Der Mensch ist ein doofes Tier und wir feiern uns in den Abgrund.
Der Völlerei gefrönt haben wir u.a. in Eimsbüttel bei Oliver Trific (Stinte und Doppelpulpo = Spitzenklasse), bei Pauline (Frühstücksparadies mit netten Köchen), mit Herrn Paulsen im Lokal1 (deliziös: Schanzenschweinerei), nicht im Nil, mit Fischköppen (1A Räucherwaren), leider auch nicht bei Muttern im Kimzen (dafür gab’s die beste Abfuhr ever), Süßes im Transmontana.

Fidel Bastro ist ein gutes Label, Bernd ist der Chef und gleichzeitig Teil der Boy Division, altgediente Hamburger Coverband. Deren Sänger Oliver Hörr betreibt den Saal II, wo sich gut Bier trinken lässt. Dort nahmen die Jungs auch mal eine Single auf, im Keller. Schulterblatt heißt die Straße, an der auch die Rote Flora liegt. Zwei Ecken weiter, nachts, fast schon wieder bei der Schilleroper angekommen, lockt noch die Mutter. Denn hier ist zu Hause, Mama.
Es folgen noch ein paar Geschichten. Begegnungen. Eindrücke. Von drei Tagen Schatzstadt. Bis dahin: Musik.
>>> Zur Hamburgfortsetzung.
Spielt mehr Guerillakonzerte (und trinkt teuren Riesling dazu)!
Veröffentlicht: Dezember 6, 2012 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik, Wein, Weltweit | Tags: fsk, guerillakonzerte, justin bieber, Riesling, winzerblog 2 KommentareF.S.K. in der Filmwerkstatt. Was klingt wie ein blöder Feuilletonistenwitz ist eigentlich nur ein Kommentar. Das Konzert in einem Düsseldorfer Hinterhof findet tatsächlich statt, samt Diskussion mit den Künstlern, dem einen oder anderen Seidenschal und wahrscheinlich ohne akzeptablen Wein. Das klingt grauenvoll und ist doch nicht weniger als ein Pflichttermin. Schon in den 80ern waren die Münchner im Rhythmus der Zeit:
Das aktuelle Werk „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ ist mein Album des Jahres. Neben Neil Youngs Psychedelic Pill vielleicht. Aber letzteres habe ich ja noch gar nicht gehört. Für den morgigen Gig gibt es übrigens keinen Kartenvorverkauf. Was großartig ist – wirkt es doch mafiösen Strukturen im Musikgeschäft entgegen. Berthold Seliger hat in der Berliner Zeitung eindrücklich beschrieben, wie der Monopol-Kapitalismus die Restkultur aufzufressen droht. Lesen.
Eigentlich sollten also viel häufiger rebellische Akte stattfinden. Guerillakonzerte beispielsweise. Großveranstaltungen zu kapern, deren Umfeld besser gesagt, kann vielerlei Effekte haben. Angenommen, in der Kölnarena spielt ein gewisser Herr Bieber, vor 15.000 12jährigen, die alle mindestens 83 Euro bezahlt haben. Und vor dem Kommerztempel, an der Straßenbahnhaltestelle Bahnhof Deutz / Messe, hält 30 Minuten vor Konzertbeginn ein dunkler Van mit quietschenden Reifen, herausspringen die Jungs von Münchausen oder Clarkys Bacon oder Ecke Schönhauser, hauen zwei batteriebetriebene Verstärker auf’s Pflaster und machen zwölf Minuten lang formidablen Krach. Sorgen für heftige Irritation. Für ungläubiges Staunen, manch Ignoranz und die eine oder andere Heiterkeit. Dann hätte Kunst etwas bewirkt. Und Popkultur am Rande ihres Kosmos lustig bunt geflackert. Ein romantischer Gedanke. Oder?

Vor dem Crystal Ballroom in Portland habe ich im letzten Jahr genau diese Szene erlebt. Es war für mich der Höhepunkt des durch und durch kommerziellen MusicFest NorthWest. Tickets wurden keine verkauft. Ich teilte eine Flasche Riesling von Bernd Schales aus Summerland/Okanagan Lake mit mir bis dahin unbekannten Mithörern, die Freunde wurden für eine Nacht. Auch die Plastikbecher konnten diesem kanadischen Wundertropfen, der neben gehörigem Schmelz genügend Schmackes samt sattsamen Säurespiegel mitbrachte, nichts anhaben. Im Gegenteil: Guter Riesling passt nicht nur zu fast jedem Essen – so meine ganz persönliche Foodpairingregel. (Alternativ geht immer: Rieslingsekt!). Kein anderer Wein ist so körperlich wie ein gutes, lautes, energetisches Konzert. Mit Kribbeln im Bauch und unter der Schädeldecke. Für morgen wünsche ich mir ein paar Flaschen vom roten Hang.
Zum Schluss noch dies: Ich bin gespannt, an welchen Rädern Thomas bald im Weinweb drehen wird. Den Winzerblog will er einstellen. Der älteste und wichtigste deutschsprachige Weinblog ist bald also Geschichte – und wird zum Abschluss noch einmal eine Weinrallye ausrichten. Wichteln für Internettrinker. Ich freue mich, dabei zu sein und werde einen Riesling auf die Reise schicken. Was sonst?
Goldrausch
Veröffentlicht: März 3, 2012 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik, Weltweit | Tags: chilkoot, Duisburg, Goldrausch, klondike, Tom Liwa, yokon 4 KommentareJetzt hätte er mich fast soweit gehabt! Zum Glück erinnerte ich mich aber rechtzeitig an Dawson City.
Tom Liwa hat ein neues Album veröffentlicht. Vielleicht sein bestes. Wie immer schon wünschte ich ihm eine wahre Flutwelle an medialer Reaktion, Fanstürme, platinfarbene Schallplatten gar. Er singt aber schlicht vom Leben, immer im Fluss, in 891 Songs zum Goldrausch. Ich muss weinen, wenn ich diese Lieder höre: Yoyo, Günther geht – Anna kommt, Heideblume. Die Stimme von Tom aus Duisburg, eine Ukulele – Seelenmusik. Seit nunmehr 25 Jahren schon liebe ich diesen Mann.
Aber nein! Eine Albumrezension schreibe ich ihm nicht. Das Kapitel ist beendet, das Buch zu. Gerade für Lieblingsmusiker will ich nur noch Fan sein – Kritikaster nimmermehr. Plattentesten tun Leute wie Oliver, zuverlässig und gut. Wo der Klondike in den Yukon mündet, besser gesagt ein paar Meilen entfernt, am Bonanza Creek, stieß Skookum Jim Mason (Keish) am 16. August 1896 auf Gold, wahrscheinlich zusammen mit seiner Schwester, Shaaw Tláa; beide vom Volk der Tagish Khwáan. Vor 20 Jahren lief ich ein Stück des legendären Chilkoot Trails, der die Pazifikküste bei Skagway/Alaska mit den Schürfgründen verband. Auf über 3525 Fuß Höhe türmen sich die Coast Mountains auf – in den drei Jahren der legendären „stampede“ quälten sich über 100.000 Glücksritter über den Pass, unzählige blieben dabei auf der Strecke.
Heute ist das ganze leider etwas profanisiert. Outdoortourismus boomt. Sowohl die US-Amerikaner wie die Kanadier haben das Gebiet zur National Historic Site erklärt und die Marketingmaschinen laufen heiß. Schon am ersten Goldrausch haben nicht die Leute verdient, die am Ende glücklich waren, einen jämmerlich kargen Claim abzustecken um sich hernach monatelang durch den Permafrost zu quälen. Sondern das Kapital: Whiskeyfabrikanten, Dosenbohnenhersteller, fliegende Händler und Zuhälter. Und wer heute durch Dawson läuft, hält Disneyland wahrscheinlich für eine Konsumwüste.
Dann doch lieber wie Tom Liwa von Honig und Laub singen, Krähen zählen, einem verlorenen Wochenende nachspüren. Seine goldenen Räusche sind wie fliegende Teppiche der kleinen Kunst. Vielleicht was leuchtendes dazu kochen? Gülden? Musik auf dem Teller könnte so aussehen:
Pirohy, Mannwerk und kein Calvadoshuhn
Veröffentlicht: Februar 21, 2012 Abgelegt unter: Kulinarik, Wein, Weltweit | Tags: Bryndza, Bryndzové Pirohy, mannwerk, mosel, Pirohy, Riesling, Slowakei, Spisska Bela, st. aldegund, Tatra 3 KommentareMal wieder Schneeregen. Und Karnevalskälte. Daher schafft es weder das gestrige Calvadoshuhn noch der Couscous nach Arthurs Tochter Art vom Samstag in diesen Blogpost. Obwohl beides formidabel war, keine großen kochtechnischen Herausforderungen, aber Gerichte mit Soulfoodpotential. Doch mit eben zuviel Sonne im Herzen. Seelenbalsam ist mir bei der momentanen Witterung eher Bergvolkskost. Ein Gericht, dass so oder so ähnlich auch in der östlichen Alpenregion oder längs der Karpaten zubereitet wird. Ich jedoch aß das Kalorienkonzentrat erstmals zu Füßen der Hohen Tatra im slwowakisch-polnischen Grenzgebiet: Pirohy mit Bryndza, braunen Butterzwiebeln und saurer Sahne (Bryndzové Pirohy).
Kein ausgelassener Speck obenauf, dafür reichlich Schnittlauch in die Füllung. So habe ich es bei der Mutter von Z gesehen, in Spisska Bela. Und wie andere slowakische Kulinaria auch schon beschrieben – aber eben nicht zubereitet.
Der Teig besteht je zur Hälfte aus gekochten Kartoffeln und Weizenmehl, dazu ein Ei. Die Füllung kann purer Schafsfrischkäse sein oder eine Mischung mit noch mehr Kartoffel und eben Schnittlauch. So hielt ich es und war vom Ergebnis begeistert. Die Zwiebeln werden in reichlich Butter und bei nicht zu großer Hitze ganz langsam gebräunt. Die saure Sahne etwas gesalzen und aufgeschlagen.
Zurück zum Huhn:
Gestern probierte ich zusammen mit A den 2010er Mannwerk. Dank nochmals an Marqueee für die Flasche Riesling Alte Reben aus dem St. Aldegunder Himmelreich!
Mir gefiel das dominante Säurespiel ausnehmend gut – weil auf der anderen Seite Leichtigkeit und Wucht einen hübschen Zweikampf ausgefochten haben. Ich könnte nicht sagen, wer als Sieger das Glas verlassen hat. Gewonnen haben aber auf jeden Fall die Trinker. Verloren hingegen ein spontanes Foodpairing. Das Calvadoshuhn starb zum zweiten Male. Da noch ein Glas in der Flasche ist, gibt es heute einen zweiten Anlauf. Gegner: Grühnkohl, klassisch! Obwohl ich eigentlich schon weiß, dass der Männerwein ein Sologetränk ist.
New Year’s Eve Investment Tip
Veröffentlicht: Dezember 31, 2011 Abgelegt unter: Weltweit | Tags: cheers, cyprus, larnaca, neujahr, new year's eve, prosit, silvester, sylvester 3 KommentareCheers folks!
Zygi
Veröffentlicht: Dezember 26, 2011 Abgelegt unter: Weltweit | Tags: Fisch, hafen, zygi, zypern 3 KommentareEine ganze Reihe kraftvoll schöner, am Stück gewachsener Orte sah ich in Zyperns Bergen beim heutigen Autowandern. Lageiea, Farmakas, Odou, Sykopetra. Dort wohnen Menschen, die an den Küsten ihr Geld verdienen als Motoren der touristischen Infrastruktur oder in der Fabrik. Wahrscheinlicher noch als Handlanger des globalisierten Großkapitals aus Russland oder dem Libanon in einem der grauen Büotürme von Lefkosia. Zypern ist Euro-Steueroase und Sprungbrett wirtschaftlich ambitionierter, mittelprächtiger Schurkenstaaten. Doch davon nicht mehr, keinerlei Ambition, diese Reportage zu schreiben über einen Riss im Fundament des windschiefen Freudenhauses Europa. So viel nur: Es lässt sich aushalten in den trutzigen Bergdörfern. Gediegen geht’s zu in wildromantischer Natur. Hermetisch auch – in keinem Kaff fand ich ein mich erwartendes Gastgewerbe. Nur Mauern, Wald und Wild, Orangen und Wein, Menschen nie, dafür steinschlaggesäumte, herrlich haarnadelige Serpentinen. Auf über 1000 Metern dann rief das Meer.
Eine verdammt lange Einleitung, um ein paar Worte über Zygi in die Blogosphäre abzusetzen. Ich erwähne diesen Namen, weil ich das Fischerkaff allen ans Herz lege, die je die Zwischenjahreszeit in glücklicher Klausur auf diesem Eiland verbringen. Irgendwann werdet auch Ihr essen müssen! Zwar könnte ich in meinem Landhausappartment kochen, tue es aber nicht. Ein Land in wenigen Stunden zu erkennen, ist das eine – die Erkundung vertrauenswürdiger Lebensmittelanbieter aber ist bisweilen eine Sache von Jahren.

Essen gehen ist anders, in fremden Ländern. Da spielt der Spaß an der Projektion eine große Rolle. In Zygi am Kai beispielsweise liegen etwa 20 Fischerboote, ähnlich viele Tavernen säumen die Küste. Ich habe noch niemals ein Wort gehört von Überfischung, Schleppnetzen oder Artensterben. Ich bin ganz Reiz-Reflex-Schema. Zum dritten Mal schon esse ich hier, in immer anderem Lokal, aber eigentlich stets dasselbe. Aktuell gegrillten Octopus. Mit einem richtig guten Weißen im Glas. Zuvor hatte ich frittierte ganze Fische, Meerbarben wohl. Auch unbekanntes Gekröse. Ganz einfach alles in der Zubereitung, ohne Fremdaromen. Mit Salat, der als einzige Extravaganz auch mal mit frischem Koriander gepimpt ist, und frittierten Kartoffeln. Wichtig: Das Meer in der Nase und im Blick. Dann am Gaumen. Im Magen. Die Füße ins Wasser halten, noch eine Zigarette zum Ouzo am Pier.
Der Zyniker verliert heute gegen das Klischee.



