Cyprus: Twelve points
Veröffentlicht: Dezember 25, 2011 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Weltweit | Tags: cyprus, heiligabend, weihnachten, zypern Hinterlasse einen KommentarWer warnblinkend und 20 km/h über dem Tempolimit auf dem Highway unterwegs ist, geht sehr souverän mit Problemen um und hat ein mediterranes Herz. Sublimation wahrscheinlich für die ansonsten wohlfeil ignorierte Verkehrskulturtechnik des eindeutigen Lichtzeichensetzens, beim Links vor Rechts zumal. Die Scheinwerfer sind halt kaputt. Außerdem ist Weihnachten und vielerorts alle Lampen an. Willkommen in der Beleuchtungs-Anarchie, Cyprus: twelve points.
Dank gewohnter Hybris bin ich mir absolut sicher, dies Land zu erkennen, zumindest den südrepublikanischen Teil, nach immerhin 26 Stunden. Das Ganze ist eine gemeine griechische Insel, nur ohne pittoreskes Blauweiß. Etwas zu groß geraten und wohlhabend bedürftig. Proletarisch auf eine fast nordenglische Art und doch beileibe nicht arm. Zumindest an Industrie nicht. Wenn ich schöne Strände will, fahre ich ohnehin nach Holland.
Sitze hier gerade in einer Art Bahnhofshalle ohne Gleisanschluss, die sich als Self-Service-Restaurant tarnt. Bedient werde ich dennoch, aufmerksam, freundlich, kompetent. Konversation findet übrigens leider stets in englischer Sprache statt. So wird das nie was, mit der Transformation meiner altgriechischen Relikte an den marginalen Rand der Eurokrise. Ich wollte Lamm mit Artischocken und bekomme formidables Ziegenstiffado. Dazu guten Feta und zum Glück nicht den allgegenwärtigen Gummihalloumi. Altes Brot, Oliven aus dem Glas. Gurken-Tomaten, eingelegten Sellerie, ranzige Kartoffeln, Wasser, säuerlichen Roten, sanften Ouzo. Ein blinkender Baum, den Blick auf eine neolithische, zum Welterbe gegrabene Siedlungsstätte, zwei Großfamilien, ein paar Fernfahrer, die Dorfsäufer. Heiligabend.

Ich mag diesen Teil der Levante. Den Wechsel von Sommersonne und Gewitter im Winter. Die wenigen Plusgrade im Troodos und den Schweiß auf der Stirn in der Markthalle von „little Moscow“ Lemesós. Tochni, wo ich mich in diesen Tagen in einem beiläufig luxoriösen Countryhouse verschanze , ist ein vom Tourismus nur flüchtig auf die Wange geküsstes Vorgebirgskaff. Empfehlenswert auch für die, die Resterampemromantik suchen. Mir passt das perfekt in den unsortierten Kram. Marmor und Pool trifft globalisierten Kramladen, ein polyglott perfider Priester weist den Weg in die einzige Taverne. Absacken. Erschreckend hell, dieser Sternenhimmel. Da drüben blinkt Israel. Davor: Berge und Meer. Das Paradies. Die Vorhölle. Eine Einsiedelei. Schön hier, auf Zypern, zwischen den Jahren.
The rest of the fest
Veröffentlicht: September 13, 2011 Abgelegt unter: Musik, Weltweit | Tags: ash street saloon, chicks do wine, Dead Moon, Fred Cole, MFNW, Pierced Arrows, Portland, the country cat, toody 4 KommentareVerzweifelte Versuche der Selbstverleugnung. Denn eine Stadt ist ein lebendiger Organismus, faehig zur Gefuehlsaeusserung, zur Selbstreflektion, zur Willensbildung. Als von Menschen geschaffene Kreatur ueberholt die Siedlung ihre Goetter oft mit Vollgas auf der Ueberholspur der systemimmanenten Fehlkonstruktion. Zu sehen zum Beispiel in einem Haufen totglobalisierter Moloche wie Bangkok, Saigon, Kuala Lumpur. Bei sich selbst zerstoerenden Krebsgeschwueren wie Mexico City oder Moskau. Vielen in Agonie verfallenen europaeischen Metropolen. Allesamt aus dem Ruder gelaufene, planlose Konstrukte, deren ganz eigene Dynamik nurmehr ein Ziel zu haben scheint: Den Menschen als Witz der universalen Geschichte zu entlarven. Als Geschoepf den Schoepfer zu ueberleben, in einer transzendenten Form, weit weg von jeglicher Intention.
Die nordamerikanische Stadt war ueber ein Jahrhundert lang exemplarisch fuer technikglaeubige Energie, und auch wenn es bisweilen aesthetische Ueberhoehungen gab, folgte generell jegliche Form einer einzigen Funktion: Der Manifestation des Groesser Hoeher Schneller Weiter. Wie der Backlash dazu aussieht, atme und beobachte ich seit ein paar Tagen in Portland, Oregon. Als Klischee des anderen, des linken, des gruenen Amerika wird seit ueber 10 Jahren Kultur inhaliert und Gegenkultur ausgespieen. In Tourismusbroschueren kommt davon an: Vorbildlicher oeffentlicher Nahverkehr (die Realitaet ist allenfalls medioker), der ganze Organismus eine gruene Lunge (relativ wahr – aber eine absolute Luege), kulturelle Speerspitze (was fuer die Popmusik zutrifft ist fuer bildende Kunst eine Vorspiegelung falscher Tatsachen und Theater und Film bleiben weit unter meiner Wahrnehmungsschwelle), kulinarische Avantgarde des zurueck zur Natur.
Hierbei wird – wie an so vielen Orten auf der Welt – bewusst das Kleine, das Langsame gesucht und reanimiert. Local is the new global. Microbreweries, urban wineries, artisan cheese, regional beef, organic vegetables. Und viele Lokale, die ihrer besser verdienenden, stets grausig casual gewandeten Klientel all dies bieten. Gekocht wird immerhin auf breiter Front auf akzeptablem Niveau. Als ein Beispiel mag die Gegend um die Southeast Stark Street dienen: Alternative Cafes, ein Programmkino, Second-Hand- und ein Bioladen, Fahrradbastler, Designerkindermode. Und The Country Cat, Dinnerhouse and Bar. Schoener Laden, der Innenarchitekt war sein Geld wert, denn man sieht nicht, dass einer gewirkt hat. Grossartig lautes und taetowiertes Personal, feiner Kaffee und eine gute Oregon-Weinauswahl. Mobiltelefonverbot, offene Kueche, gute Musik, meist Northern Soul. Alles verdammt relaxed. Einfache und gute Kuechenleistung: Legendaer ist das Chicken with mashed potatoes. Eine festfleischige Haehnechenkeule entbeint, pankopaniert und in Butterschmalz sanft ausgebacken. Eine zwiebligsuesse, weinsaure Sosse. Das Purree einer weltweiten Mode folgend mit Einsprengseln von den Kartoffelschalen serviert, dadurch erdig vehement. Ein Berg blanchierter und kaum aromatisierter, feiner Mangoldblaetter dazu. Ein simples, perfektes Mittagessen, jenseits aller Fastfoodhistorie aber auch weit entfernt von Hochkuechenhermetik. So oder so aehnlich ueberall zu finden in der Stadt.
Am Fluss ist das city center wie Koeln. Genauso wirr, grau und gruen und bunt. Da der Abend meines dritten und letzten Tages auf dem MusicFestNW dem Rock’n’Roll gewidmet war – und zwar seiner dreckigen, verschwitzten, sehr koerperlichen Variante – schlenderte ich in Richtung „old town“, wo es neben dem kleinen Chinatown tatsaechlich noch alte Bretterbuden-Patrizierhaeuser aus dem spaeten 19. Jahrhundert gibt. Und den aehnlich heruntergekommenen Ash Street Saloon.
Hier schloss ich Fred und Toody vor deren Soundcheck als Pierced Arrows in die Arme, hatte zuviel schlechtes Bier und gute Zigaretten, durchlebte in 5 Stunden grosse Teile meiner musikalischen Sozialisation wieder, bis das ganze in einem wilden Pogo eskalierte. Um 2 Uhr in der Nacht und nach einem sich seiner selbst versichernden It’s okay und der affirmativen Botschaft 54 40 or fight standen wir noch lange auf der Strasse in einer Stadt, die die beiden seit 45 Jahren musikalisch praegen. Avantgarde in den spaeten 60ern – heute sind sie es wieder.
Spielen sie doch den Soundtrack des Kampfs von Herz gegen Hirn. Ein verlorener zwar, halbtaub und gelenksteif. Doch wo die ganze Welt auf der Suche ist nach der Bedeutung des schlimmen Wortes „Authentizitaet“ – und diese Stadt sich dabei selbst verleugnet – haben die beiden nie gesucht. Neben allem Wissen um das absurd Abseitige des Lebens waren sie immer ganz im Hier und jetzt: This is the day!
Portland Pastrami
Veröffentlicht: September 10, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Weltweit | Tags: Chrystal Ballroom, Deli, MFNW, Pastrami, Portland, Weinland 4 KommentareIch war noch niemals in New York. Schon wegen der ruhmreichen Delis, die in eurojuedischer Tradition aus kulinarischen Kleinigkeiten Lifestyle kreierten, wuensche ich mich bisweilen in den grossen Apfel. Das muss gerade zu diesem irren Datum erwaehnt werden, bin ich doch in Hassliebe entbrannt fuer das lustig-depressive „land of the free“. Nun weile ich jedoch momentan in Portland, Oregon, bei den surfenden Holzfaellerbaerten und taetowierten Hippiemaedchen, um bei 35 Grad im Schatten die aktuell spannendste Musikszene der Welt zu geniessen. Und ass gestern das erste Pastrami-Sandwich meines Lebens – nicht bei Katz’s.
Das erste Pastrami, das diesen Namen verdient, praezise formuliert. Was genau Pastrami ist, haben andere ausfuehrlichst beschrieben, hier und hier zum Beispiel. Bei Kenny & Zuke’s Delicatessen kommt es folgendermassen auf den runden Tisch: Zwischen mit erstklassigem Senf bestrichenen, hausbackenen Roggenbrotscheiben schimmert prall und rot das zarte Glueck. Dazu selbstverstaendlich Krautsalat (cole slaw) und richtig saure Gurken. Das gute Fleisch besteht aus 8 Tage lang eingelegter Oregon-Rindsbrust, die danach 10 Stunden kaltgeraeuchert und anschliessend 3 Stunden gedaempft wird. Die Marinade ist Kennys Geheimnis, ich werde zu Hause direkt die Versuchskueche in Gang setzen. So ein herrlicher Geschmack muss doch reproduzierbar sein.
Nach dem Genuss kam der Gang in den legendaeren Chrystal Ballroom, wo des Nachts Weinland (formidabel wuchtig), die singende Sommeliere Sharon van Etten (ueberzeugend ruhig) und die lokalen Superhelden Blitzen Trapper (selbst mir zuviel Americana) spielten.
Da ich vorzeitig den Saal verliess, kam ich auf der Strasse noch in den Genuss einer Konzertperformance im Guerillastyle. Eine Bande Ninjamusikanten sprang aus einem Van, baute ihr mobiles Set auf und haute den erstaunten Passanten heftigen Hardcore um die Ohren. Nach zehn Minuten war der Spuk vorbei, die Fuenf huepften wieder in den Wagen und entschwanden mit quietschenden Reifen in die Nacht. Bisher der spannendste Musikgenuss auf dem MFNW.
97 south
Veröffentlicht: September 8, 2011 Abgelegt unter: Weltweit | Tags: Canada, Chelan, Ellensburg, Fred Cole, Highway 97, Okanagan, Portland Columbia 2 KommentareInkonsequenz ist die neue Stetigkeit. Daher wird die angekuendigte Urlaubsruhe ignoriert und geschrieben. Das Ding heisst ja auch nicht „Utecht macht blau“. An den fehlenden Umlauten und anderen huebschen Sonderzeichen ist unschwer zu erkennen, dass ein weiterer Rueckfall zu verzeichnen ist: Nicht Niederrhein sondern neue Welt. Utecht reist mal wieder.
Folgend also ein Tag im Leben des stets recherchierenden und niemals, neverever, abschaltenden Esskulturbloggers:
Ein stechender Sonnenstrahl versprach einen weiteren Hochsommertag im noch fernen Indianersommer, und bevor die zuletzt ueblichen 30 Grad erreicht waren, wurde der haesslichste aller Mietwagen – ein nachtkatzengrauer Honda – beladen und gesattelt und gen Sueden getrieben. Boomtown Kelowna verlassend erreichte ich nach kurzem Gasgeben den Ort mit dem pittoresken Namen Summerland. Das Okanagan Valley zieht sich dutzende bis hunderte Kilometer gen Sueden. Hatte ich schon erwaehnt dass ich in Kanada bin, auf Verwandtenbesuch?
In den letzten 20 Jahren ist sie hier zur Hauptattraktion fuer Touristen und gelangweilte Renter geworden: Die Weinindustrie. Derart romantisch verklaert der Nordamerikaner meinen zweitliebsten Zeitvertreib. Und ehrlich gesagt: Die allermeisten Weine schmecken auch so.
Voellig ueberteutert – im Durchschnitt 20 Dollar die Flasche – und reichlich „gleichgeschaltet“. Da ich mir ueber das Boese dieses Wortes bewusst bin, darf ich es als treffende Umschreibung einer Mode der vordergruendigen Wucht, der Eichenschnipselei, des snobbistischen Blendertums verwenden. Wenn der Schein das Sein bestimmt, gebiert der Teufel Vanille- und Beerenbomben. Aber es gibt Ausnahmen.
Die heissen dann zum Beispiel Bernd Schales und stammen aus Floersheim-Dalsheim. Die morgendliche Probe auf seinem Gut „8th Generation“ machte Schilder wie „Don’t drink and drive“ oder die fast permanente 90 km/h Massgabe einigermassen ertraeglich. Hatte ich doch noch einige Stunden Strasse vor mir.
Nach der Grenze ins „Land of the free“ kommt es zu einer Lautverschiebung und das Tal heisst nun Okanogan. Wahrscheinlich hat irgendein politisch korrekter Provinzpolitiker im Abendkursus „Native Languages“ nicht richtig aufgepasst. Ist auch nicht weiter schlimm, leben doch fast nur noch Mexikaner in den folgenden Orten. Die essen neben Obst und Weintrauben – zu deren Ernte sie eigentlich herbestellt wurden – nur ihr eigenes, bohnen- und maislastiges, grossartiges Essen. Wenn immer gefaselt wird, es gaebe keine amerikanische Kueche, die gourmandisen Anspruechen genuegt: Bullshit, motherfucker, bullshit. Ich ass in Brewster vorzuegliche Enchilladas und Teile vom Rindviech, durch deren Zubereitung dessen Tod mehr als gerechtfertigt wurde. Aber besonders bemerkenswert war die Fusion von „coleslaw“ mit Koriander. Fein.

Weiter. Es folgte das Tal des Columbia River, der mich bis an meinen Bestimmungsort Portland viele Stunden begleiten sollte. Looks like Mittelrheintal meets semi desert. Links und rechts explodiert ueber einige hundert Meter Fruchtbarkeit, dahinter das staubige Nichts. Unterbrochen von ausuferndern Oasen wie der Gegend um Chelan. Am gleichnamigen See entdeckte ich die Chelan Estate Winery, deren 2005er Cabernet Sauvignon ich beim Schreiben dieser Zeilen trinke. Austrinke, die ganze Flasche, alleine. Der beste Rote bisher, wuchtig wie immer zwar, aber mit Finesse. Kein Killer, ein Inspirator.

Immer weiter. Durch den Wenatchee National Forest nun. Langsam daemmert es und alles Vergessene wird mir bitter bewusst. Habe ich vollgetankt? Genug Wasser? Einen Baerentoeter? Reichlich Ersatzreifen? Lach nicht, Leser. Vor Jahren sind mir tatsaechlich 2 auf einen Streich geplatzt, in des Nirgendwo Mitte.
Jetzt: Ellensburg. Universitaetsstadt im Irgendwo. Ein Motel am 97. Der Nachbar ist mobiler Firefighter und macht mir Angst vor morgen. Der Rezeptionist erzaehlt von seinem dreijaehrigen Europaaufenthalt, mit dem Rad, quer durch. Das waere auch was fuer mich, the other way round. Denn dies ist eine weitere Sache, die sich entwickelt hat in den letzten Jahren. Amerikaner fahren Rad. Viele und oft. Auf eigenen Wegen. Doch davon spaeter mehr. Ich muss jetzt weiter, gen Portland, Fred und Toody besuchen.
Unphew kulinarisch: Gebratene Nudeln +
Veröffentlicht: Juli 16, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Weltweit | Tags: banh pho, Bánh phở, fischsauce, mangold, unphew, Vietnam 5 KommentareWarum hier zum wiederholten Male eine Variante des vietnamesischen Klassikers – gebratene Bánh phở mit Gemüse und Fleisch – beschrieben wird? Weil es Felder gibt, auf denen selbst ich als bekennender Improvisateur und Kochkonventionskritiker nach Perfektion strebe. Die niederrheinische Adaption klassischer nordvietnamesischer Küche gehört unbedingt dazu. Wenn dann noch der Mensch zu Besuch ist, mit dem zusammen ich das alles dereinst an Originalschauplätzen aß und der mir meine Erinnerungen bebilderte, komme ich nicht umhin, den Wok zu schwingen.

Mangold, Rindfleisch, eingelegte Zwiebeln auf gebratenen Nudeln (Banh Pho)
Unphew hieß das Team aus schreibendem Onkel und fotografierendem Neffen, das 2008 eine gute Zeit lang zwischen Hanoi und Saigon unterwegs war, um alles zu essen, was ihnen an Straßenrändern angeboten und auf edel gedeckten Tischen serviert wurde. Der Blog, der damals als kulinarisches Reisetagebuch entstand, ist inzwischen offline – aus Gründen, die zu erzählen mehrere Geschichten ergeben wird. Bald, hier. Ein paar Fotos immerhin sind noch verfügbar.
Hilfreiche Unterstützung bei aromatischer Erinnerungsarbeit bietet immerhin Bunzel mit ihrem Blog, aus dem auch das nunmehr zu bereitende Rezept stammt: Phở xào truyền thống – Gebratene Reisbandnudeln auf traditionelle Art.
Meine Liebe zur vietnamesischen Küche gründet nicht zuletzt darin, dass sie leicht, einfach und prägnant ist. Beim Selbstversuch sind jedoch ein paar basale Hinweise zu beachten: 1. Ohne präzise Vorbereitung ist alles nichts. 2. Kein Salz. 3. Der Kräutergarten ersetzt das Gewürzregal. 4. Es muss nicht immer Fischsauce sein; aber fast immer. 5. Schärfe ist völlig überbewertet. 6. Der Wok im Haus ersetzt den Chinamann. 7 ist eine angeblich heilige Zahl, und da mir transzendentale Vorgänge nur beim Wechsel der Aggregatzustände während des Garprozesses geheuer sind, beende ich an dieser Stelle das Theoretisieren und komme zur Sache.

Eingelegte Zwiebeln mit Zitronenaroma
Von einer Art Zwiebelsalat balanciert der Vietnamese zu jedem Bissen dieses Gerichts ein paar Schnitze auf den Stäbchen. Feine halbe Ringe schneiden und in einem Sud aus dem Abrieb und Saft einer Zitrone (zugegeben, hier verwendet der gemeine Südostasiate eher Essig), etwas warmem Wasser, wenig Zucker und Chili marinieren. Für die Hành tây giầm dấm habe ich übrigens die ersten eigenen Zwiebeln (Stuttgarter Riesen) geerntet.

Koch- und Essensbegleiter
Für den Fleischteil des Gerichts habe ich mir von Manfred Bauten dünnste Scheiben aus der Oberkeule eines netten Rinds schneiden lassen, wie ich sie auch für Rouladen verwende. Diese wiederum werden in 3 cm breite Streifen geschnitten und mit Fischsauce, Pfeffer, Knoblauch und Zwiebelwürfeln mariniert. Je länger, desto zarter wird das Ergebnis. Portionsweise in heißem Öl und wiederum unter Zugabe von Knoblauch und Zwiebeln pfannenrührend garen. Nach höchstens 30 Sekunden ist der Drops gelutscht. Beiseite stellen, die ausgetretene Flüssigkeit aufheben.
Die Reisbandnudeln kommen nun in den Wok, nachdem sie zuvor mindestens eine halbe Stunde im warmen Wasser eingeweicht wurden. Zusammen mit den beliebten Begleitern Zwiebel und Knoblauch werden die Bánh nun unter häufigem Bespritzen mit Fischsauce bewegt gegart, immer mal wieder einen Schluck Wasser hinzu – das vermeidet das Ansetzen.
Schließlich Gemüse: Weder Pak Choi, noch vietnamesischer Rapa, sondern heller Mangold. Das Beet ist nun leer; schade. Waschen, klein schneiden und zusammen mit den üblichen Verdächtigen im Wok garen. Mit dem Bratensaft aromatisieren.
Ich habe Thaibasilikum, Minze und das noch knackigfrische Grün der Zwiebeln zur Hand. In Ringe und Streifen geschnitten wird je eine Hand voll über die angerichteten Teller gestreut. Und dass Moselriesling das perfekte Getränk zu vietnamesischem Essen ist, erwähnte ich bereits. Heute habe ich eine besonders passende Flasche geöffnet.
Ach ja: Die Photos machte der Neffe – es hat ihm geschmeckt.
Lüttich, Luik, Lîdje? Liège!
Veröffentlicht: Juni 3, 2011 Abgelegt unter: Weltweit | Tags: calatrava, Lîdje, Lüttich, Liège, Luik, outremeuse 10 KommentareKlischee gefällig? Nördlichste Stadt Frankreichs. Frittenursprung. Krimikapitale. Was aber auch stimmt: Dahinsiechendes, montanindustrielles Opfer eines naturgewaltigen Strukturwandels. Maasmetropole mit Ghettoattitüde. Kulinarischer Fluchtpunkt aller an teutonischer Einfalt leidenden Grenzgänger. Ich bin in Lüttich.
Das ich fortan nur noch Liège nenne, erobert doch die französische Attitüde alle meine Sinne unausweichlich und umgehend. Das Grau der Industriestädte Nordfrankreichs. Die kaputten Straßen. Cafes. Die Sprache. Die vor allem. Obwohl es ein mit germanischen Härten angereichertes Idiom ist, das sich Wallonisch nennt, denkt mein Herz, immer in der Lage, meinem Philologenhirn ein Schnippchen zu schlagen: Paris. Mindestens. Es dennoch weiß um die korrekte Bezeichnung Lîdje. Und dass die Holländer es Luik heißen. Aber für die heißt die Meuse auch Maas (wallonisch Moûze, limburgisch Maos).
Einer der größten Binnenhäfen der Welt erstreckt sich über 50 km entlang von Maas und Albertkanal rund um die cité. Als städtischer Flaneur, der sich dem Reiz industriellen Siechtums nicht entziehen kann, genieße ich es, zwischen gewaltigen Schubverbänden und den das Ufer säumenden Plattenbauten mir die Füße und den Geist wund zu laufen. Die eigentliche Innenstadt mag ich nur wegen des in der Nähe der Kathedrale (auch in dieser Stadt betrete ich kein so genanntes Gotteshaus – als urbane Wegweiser immerhin sind die Monumente überkommener Herrschsucht und Leidenslust häufig hilfreich) gelegenen Käseladens. Ein Fachgeschäft im eigentlichen Sinne, ein Hort des Wissens und der Liebe. Beides kann man mit nach Hause nehmen. Und parken im Schatten der großen Kirche – wer nichts anderes will als Rohmilchpretiosen, ist in etwas mehr als einer Stunde wieder zurück am Niederrhein.
Mich zieht es nun über’n Fluss ins Viertel Outremeuse. Dort ist es flach und einfach. Da Liège im engen Maastal sich ansonsten über eine weite Strecke an Hängen und Hügeln entlangmaterialisiert, gibt es berühmte Treppen und Ebenen und allerlei barockes Bauwerk zwischen marodem Beton. Jenseits der Meuse sind die Straßen zwar genauso löchrig, doch alte Bürgerhäuser wechseln sich ab mit Industriebrachen, das Araberviertel mit Klein-Vietnam. Die Insel ist zwischen Boulevard Saucy und der Rue des Bonnes Villes städtisch im besten Sinne. Obwohl Belgier häufig reichlich hässlich sind – das Fluidum von Paris ist doch noch weit, die Mode proletarisch bis deutsch – legen alle, ohne Ausnahme, eine Gelassenheit an den Tag, die beinahe mediterran ist. Und freundliche Menschen überall, es wird mir Angst und Bange.
Wenig Konkretes vermag ich zu beschreiben. Vielleicht den Duft der Merguez, den die überfüllten nordafrikanischen Metzgereien verströmen, das urdemokratische Laissez-faire des buntestgemischten Publikums im und vor allem vorm Café Randaxhe. Den Blick von dort in die beiden Lust verströmenden Lebensadern Rue Puits-en-Sock und Rue Surlet. Die formidablen, dampfgegarten Banh Cuon im Mekong, serviert vom vielleicht großartigsten Asia-Maître in BeNeLux. Die Sirenen. Die leichte Luft, das schlechte Bier und inspirierende Baulücken.
Die halben Schiffswracks am Quai de la Dérivation sind der perfekte Kontrast – nach ausgiebigem Bootsspotting und Ohrenzuhalten – zur letzten Stipvisite des Tages. Dem Hafen für Züge. Architekturfanal des Fiktionärs Santiago Calatrava Valls: der Bahnhof Liège-Guillemins.
Ein Pott, Fisch und Käse
Veröffentlicht: Mai 18, 2011 Abgelegt unter: Weltweit | Tags: boerenkaas, colijnsplaat, dishoek, schellach, vismijn, zeeland 6 KommentareWas den Münchnern die italienische Adriaküste, ist für uns die holländische Nordsee. Der Niederrhein liegt am Meer, Zeeland ist semiteutonisch, mindestens. Zwei Stunden mit dem Auto und schon scheißen mir keine Tauben mehr sondern Möwen auf den Kopf. Es rauscht die Brandung und stürmt die See. Die Nase frei und salzverkrustet allerlei Körperfalten. Sand in den Schuhen ist nur was für gnadenlose Romantiker. Ich laufe barfuß. Thermometer werden ignoriert.
Drei Lieblingsorte für alle, die mich lesen. Die Wein- und Foodblogger, Musikfreaks und Familie, Freunde und Verirrte. Wenig Worte, Bilder.

Den ersten Blick auf’s Meer gönne ich mir und meiner geschundenen Internetjunkieseele meist am Strand in Dishoek. Weil da die Pötte von und nach Antwerpen mir fast über den dicken Zeh schippern. Schon mal mit nem 10.000 TEU Containerschiff um die Wette geschwommen?
In Colijnsplaat an der Oosterschelde befindet sich der letzte noch lebendige Fischereihafen der südlichen Niederlande. Daher komme ich stets nach Nord-Beeveland, kaufe Fisch bei „Johns Zeevishandel“ und setze mich ein paar Biere und Stunden lang in die Vismijn. Mit Blick ins Hafenbecken lässt sich mit dem Wirt in niederländischer, italienischer und deutscher Zunge so manch Garn spinnen.
Dann wird dem Klischee gehorcht und Käse gekauft. Was wir hierzulande als Gouda kennen, kommt ja meist geschmacklicher Nötigung gleich. Dass aber in so mancher Kaasborderij veritable Rohmilchdelikatessen bereitet und feilgeboten werden, ist nur wenigen bewusst. Boerenkaas ist das Codewort. Familie Kwekkeboom auf ihrem Hof Schellach in St. Laurens bei Middelburg macht das Beste aus Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch.

Dreierlei Boerenkaas-Pretiosen vom Hof Schellach









