Deutschland vegetarisch
Veröffentlicht: Oktober 5, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik | Tags: Deutschland vegetarisch, stevan paul 2 KommentareOb sich ein Kunstwerk ohne seinen Schöpfer denken lasse, ist ein altes, weites Feld kulturtheoretischer und vielmehr noch populärwissenschaftlicher Diskurse. Evident ist diese Problematik immer dann, wenn ein Kreativer negativ beleumundet ist: Darf ich Wagners Ring lieben, obwohl dieser Typ nachweislich ein riesengroßes Arschloch war? Sind Rosemaries Baby und Chinatown keine filmischen Meisterwerke, weil Ihr Regisseur wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen angeklagt und verurteilt wurde? Ist der 1912 erschienene Gedichtband „Morgue“ nicht Poesie der Extraklasse, weil Gottfried Benn am 26. Oktober 1933 das Gelöbnis treuester Gefolgschaft unterschrieben hat?
Ich habe für mich persönlich nur im Umkehrschluss eine Handlungskonsequenz gezogen: Ich versuche immer, die Menschen hinter den Dingen kennenzulernen. Dies war der Grund, warum ich lange Jahre Musiker und Bands interviewt habe. Ein paar Semester Germanistik und Gespräche mit vielen Autoren sind deshalb Teil meiner Lebensgeschichte. Die Fokussierung auf einen überschaubaren Raum, das Loblied auf die Region und ihre Akteure, haben hier ihren Ursprung. Auch das Bloggen und im zweiten Schritt das Heraustreten aus dem Virtuellen folgen diesem Impetus: Über das gegenseitige Lesen lässt sich immerhin eine Nähe ahnen – beim wirklichen Treffen der Erbauer illustrer Internetfassaden gab es bisher keine echte Enttäuschung. Eine handvoll Freundschaften sind sogar entstanden.
Ich liebe, was ich regelmäßig lese. Und begleite es umso kritischer. Stevan Paul zum Beispiel ist unbestritten ein Star in der beschränkten Szene der Foodblogger. Dass er darüberhinaus, in der realen Kulinarik, eine gewichtige Rolle spielt, macht sein Wirken umso komplexer. Er ist ein Mann der Oberfläche und des Hintergrunds (als Foodstylist und Kochbuchentwickler) und ein Profi durch und durch. Das unterscheidet ihn von 99 % all derer, die im Netz über Essen schreiben. Dass er darüber hinaus musikverrückt ist und ein ziemlich sympathischer Mensch, bringt ihn mir nahe. Erst im letzten Jahr hat er ein Buch mit Liebe bereitet. Nun will er den Beweis antreten, dass Deutschland vegetarisch isst.
Und das gelingt ihm. Denn selbstverständlich war die Küche des gemeinen Volkes landauf landab über die Jahrhunderte von allem Möglichen geprägt – nur nicht vom Fleischkonsum. Gerade deshalb war sie zwar häufig darauf fokussiert – weil das Besondere eben erstrebenswert scheint – und der Wunsch zur Alltagsoptimierung dem Menschen innewohnt. Schon daher war beispielsweise Speck so häufig Fett- und Salzersatz – weil er als erschwingliches Substrat Gedanken zuließ an den Sonntagsbraten.
Alle deutschen Eintöpfe funktionieren ohne die heute fast reflexhaften Fleischbeigaben. So braucht der kölsche Pitter und Jupp weder eine hohe Rippe, noch Mettwurstscheiben, um aromatisch zu glänzen und beim Genuss im Mund eine Fülle und im Magen wohlige Wärme zu erzeugen. Die von Stevan empfohlene Zubereitung ist exemplarisch für die Funktionalität des gesamten Werks: Reduziert auf wenige Grundzutaten – hier Wirsing, Möhren, Kartoffeln – und optimiert bezüglich der Garzeiten. Letzteres ist besonders wichtig, da vielen Menschen der Zugang zu diesen simplen Zubereitungsformen in Kindertagen schon verleidet wurde, weil Muttern totgekochten Einheitsbrei servierte. Dass gewürzt wird, war früher nicht selbstverständlich. Und die Verwendung von Sternanis (für den Herr Paul ein offensichtliches Faible pflegt) ist für manch älteren rheinischen Gaumen theoretischer Frevel: Wenn es aber ans Probieren kommt, bleiben keine Argumente dagegen.
Auch im direkten Kontakt mit Publikum und Gast ist Stevan Paul ein Meister seines Fachs: Immer charmant, stets verbindlich und auch im größten Stress mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Buchpräsentation im Kölner Marieneck, zu der mich dankenswerter Weise der Verlag geladen hatte, war auch deshalb eine Runde Sache, weil es wirkte wie eine Art Familientreffen von Internetessern. (Details dazu hier und hier und hier.)
Fazit: Wein beispielsweise trinke ich dann am liebsten, wenn ich den Winzer kenne und schätze. Und empfehle ihn natürlich auch weiter – weil ich leicht Feuer fange und dann brenne. Deshalb sage ich Euch: Kauft diese Buch (zumindest, wenn Ihr keine Sahneallergie habt)! Und verschenkt es an alle die, die sich bisher geweigert haben, sich mit der deutschen Alltagsküche auseinanderzusetzen. Sie werden ihre Freude daran haben.
Fett und Kraut auf Reiseteller
Veröffentlicht: Oktober 4, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik | Tags: ein teller geht auf reisen, Frühlingsrolle, Nem rán, Vietnam Ein KommentarZu fast jeder Mahlzeit und selbst am provisorischsten Straßenessensstand werden in Nordvietnam tellerweise frische Kräuter gereicht. Neben Koriander und Minze noch allerlei verschiedenes Grünzeug, variierend ja nach Region und Einsatz. Eine Übersicht findet sich hier. Egal ob zu den mannigfaltigen Suppen und Eintöpfen, auf Fleischgerichten mit Reisnudeln oder als Rollenbett – nie ist das Kraut Dekoration, sondern immerzu Funktionsträger und Geschmacksverdichter.
Bei Sommerrollen werden Kräuter direkt mit eingerollt. Bei den fettgebackenen Nem rán hingegen werden die Rollen erneut gerollt – ins knackig frische Grün. Dazu wird ein Salatblatt in die Hand gelegt, darauf nach Gusto der Kräutermix verteilt und die „Frühlingsrolle“ kommt obenauf. Eingerollt wird dann vor jedem Bissen in den herrlichen Fischsaucendip (Nước mắm dấm) getunkt und aus der Hand gegessen. Neben einer spezifisch irren Aromatik und saftig-crunchiger Textur hat diese Kombination einen weiteren, feinen Effekt: Das ganz eigentlich Schwere von Frittiertem wird konterkarriert und ein gutes Stück neutralisiert durchs knackige Kraut.
Für die Rollen wird Reispapier benötigt, idealerweise von 20 cm Durchmesser. Dieses wird kurz in laues Wasser getaucht und dann belegt mit Streifen der Wurzel der Yambohne, Zwiebeln, Pilzen, Sprossen, Hackfleisch und Reisnudeln. Getrocknete Shrimps, Fischsauce und Pfeffer geben eine kräftige Würze. Mitunter wird diese Fülle noch mit einem verschlagenen Ei stabilisiert. Das gerollte und gefaltete Ergebnis hat die Größe einer Bratwurst – kein Fingerfoodschnickschnack also.
Als Gemüsealternative verwende ich stets Möhren und Kohl. Das Fleisch ersetze ich oft durch Fisch, in grobe Stücke gerupftes rohes weißes Salzwasserfischfilet zum Beispiel. Aber selbst geräucherte Makrele macht sich gut in den Nem. Kräuter kaufe ich prinzipiell nicht im Asialaden – deren Provenienz ist mir schlicht zu schlecht. Wenig dogmatisch nehme ich, was der eigene Garten hergibt.
Dieser Asiateller kam zu mir per Post, übrigens (leer, selbstverständlich). Arthurs Tochter war sich zwar sicher, dass er den Aufenthalt im Gesindehaus nicht überleben würde – aber inzwischen ist er schon wohlbehalten in der Landeshauptstadt, die eigentlich ein Dorf ist, angekommen. Initiiert wurde die große Tellerreise im Übrigen hier.
Elvis lebt und Rote Bete weiß
Veröffentlicht: September 27, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: Albinobete, Bete, Elvis Costello and The Roots, riso venere 3 KommentareOb die Albinobete, die mir dieser Tage der beste Biobauer anempfahl, nun wirklich eine rote mit Pigmentstörung war, eine farblose Spielart der Natur, Ökomutante also – wer weiß. Ich aß schon rote, gelbe, weiße und geringelte Randen, doch geschmeckt hat mir keine wie diese. Supersüß, nur mit leichtem Erdton im Abgang. Wie eine karamelisierte Haselnuss auf Zwischengas mit Kohlrabikonsistenz. Kein Wunder, dass auch Deutschlands einflussreichster wie bestgehasster Kulinarkritikus auf dem Lenßenhof seinen Gemüsebedarf deckt.
Ich wusste sogleich, dass ich das Gemüse mit schwarzem Reis kombinieren wollte, wegen Kontrast und Harmonie. Riso venere hat auch ein Nussaroma, ein volles Korn und eine tolle Farbe. Zudem war er ein Geschenk aus Frechen. Da in der dunklen Küche ein Klecks von Farbe fehlte und die Gartenkräuter allesamt schlapp dahinvegetieren, gab’s noch eine Rolle vom Kurkumaei in die Tellermitte.
Die Bete habe ich mit einer Schalotte in Butter angehen lassen, mit Silvaner und etwas Gemüsebrühe abgelöscht und fast weichgedünstet. Ein Löffel Crème fraîche und etwas Salz zum Schluss hat der Sache nicht geschadet.
Das beste Gesindehausessen des Herbstes, bisher. Dazu passte vorzüglich die Champagnerbratbirne von Jörg Geiger. Hier geht der Dank nach Köln.
Musikalisch alternativlos ist mein bisheriges Album des Jahres Essensbegleiter gewesen. Elvis Costello Superstar hat sich mit der einzigen Hiphopkapelle, von der ich mehr als ein Album besitze, zusammengetan – und gemeinsam haben sie einen unfassbar coolen Scheiß eingespielt, jazzy, funky, nölig, sperrig, leicht. Das hier ist groß: Elvis Costello and The Roots – Wise Up Ghost
Küchenmusik: They Might Be Giants – You’re On Fire
Veröffentlicht: September 6, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: They might be giants, TMBG 2 KommentareDas 24. Album der TMBG aus Brooklyn heißt Nanobots und ist gut. Großartig aber ist das Video zu „You’re On Fire“ mit singendem Hackfleisch und ordentlich Feuer unter der Pfanne:
Caponata mit Süßwein
Veröffentlicht: August 30, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik, Wein | Tags: 7, Caponata, sizilien 4 KommentareDer Bloggerfreund hatte eine Flasche da- und mich relativ ratlos zurückgelassen. Der Veranstaltung, die mir hätte Aufklärung anheim werden lassen, konnte ich leider nicht beiwohnen. Also selber rangetrunken an diesen süßen, roten, französischen Schaumwein. Kirschkram, Gamay mit flüchtiger Kohlensäure (Le 7, Domaine du Fontenay, Cote Roanaise, Methode ancestral). Verändert sich im Glas bei jedem Grad Temperaturanstieg. Zu einem gewissen Zeitpunkt hatte ich gar Rosinen in der Nase – und eine Idee, was dazu zu kochen sei. Sowie eine Erinnerung…
an ein Trinkerlebnis auf Sizilien, irgendein gespritetes Kaugummiwasser, dass aber perfekt passte zum süßen Couscous. Mein Inselgenussfavorit ist jedoch die Caponata. In die häufig auch Rosinen gelangen – ich mag aber ebenso die Variante mit Kapern. Und ließ mich zudem inspirieren von einer Idee Nino Grazianos, der auf dem fast fertigen Gemüse mit Garnelenschwänzen gefüllte Brassenrollen gart. Hier: Mit Thunfischloin gefüllter Kohlfisch.
Es schmeckte deutlich besser, als das Foto vermuten lässt (Fotografieren ist dieser Tage eh nicht meine Kernkompetenz – von der Banh-Mi-Schlacht existiert kein einziger Bildbeweis, sorry Stevan.). Auch wenn der Garpunkt um circa eine Minute überschritten war, tat das dem Aromakomplex keinen Abbruch. Gerade das in den Fisch eingezogene Süßsaueraroma der Caponata und die damit einhergehende Saftigkeit waren toll und die 7 dazu ein Treffer.
Übrigens geht diese Caponata so: Zwiebel in Olivenöl angehen lassen, gewürfelte Stange Sellerie, geschälte Aubergine, rote Paprika dazu und mit etwas Zucker karamelisieren lassen. Pinienkerne, Salzkapern und schwarze Oliven dazu, mit Weißweinessig ablöschen und Flüssigkeit verkochen lassen. Ein paar Tropfen Orangenöl sind fakultativ.
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Auf die passende Weinmusik weist mich Torsten gerade hin – daher sei Route Nationale 7 der Honeymoon Killers hier noch nachträglich eingebunden:
Ohrensausen und Banh mi
Veröffentlicht: August 26, 2013 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Niederrhein | Tags: banh mi, hofaufart, sommersause 6 KommentareDie Vorbereitungen waren getroffen, alle wirkten fokussiert. Pünktlich verschwand die Sonne. Ein leichter Niesel setze ein, später dann wuchs sich dies wohl aus in einen prasselnden Landregen. Adrenalinüberschuss und Kammerflimmern ließen jedoch solch Banalitäten nicht über die Wahrnehmungsschwelle schlüpfen. Ich liebe erste Male, ständig etwas Neues tun. Therapeuten schimpfen dies Flucht vor der Beständigkeit, mein Name dafür ist Leben. Nun also: Ein Musikfestival.
Dabei sein zu dürfen in den Wochen der Planungen, Entwürfe und Verwerfungen war ein als kreativer Feldversuch getarntes Geschenk. Die Initiatoren und Gastgeber stellten alles zur Verfügung: Ihre Köpfe, Herzen, Haus und Hof. Immer das Machbare ausloten, an die Grenzen gehen und einen Schritt darüber treten: So wurde verfahren und Voraussetzungen geschaffen, dass alles, wirklich alles zum Besten geriet. Auch meine eigene, kleine Überforderung: Nicht nur helfende Hand und offenes Auge, auch ein paar Minuten auf der Bühne mit Trompete und Mandarinen – und die Verantwortung für das leibliche Wohl (zumindest für Teile davon).
Von 1 Uhr mittags bis 3 Uhr nachts kamen über 300 Menschen. Alle Planungen gingen auf. Aufgegessen wurde beinahe, ausgetrunken restlos alles. Vor allen Dingen aber gab es sechs Bands, die sämtlich ohne Gage spielten, angereist aus Osnabrück und Düsseldorf, Antwerpen und Brüssel, Italien und Schweden. Ein Satz für jede Kapelle, denn Worte können das Gehörte kaum transportieren:
Zuerst also die rheinische MANDARINE mit irgendwas zwischen sphärischem Artpop bis Wüstenrock, Improvisationsmut und LowFikonzept, irrer Gesang, tighte Beats und funky Geschrammel, gewürzt mit fünf Trompetentönen. Dann wurde es richtig verrückt, MIM & LES VOSGIENS, Kunsthochschulelektropunk mit Soundkaskaden, Rhythmusfrakturen und Gesangseskapaden, Belgier halt. TRUE CHAMPIONS RIDE ON SPEED klangen exakt so, wie der Name vermuten ließ. Seit langer Zeit standen die Indiehelden von PENDIKEL wieder mal auf einer Bühne und ließen Hoffnungen keimen, dass legendäre Alben wie „Don’t cry, Mondgesicht“ oder „Phantasievoll (aber unpraktisch)“ noch nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten. HUMMEL (und der Bär) kommen aus Umea oder München und sind die Diddi Hallervordens des Hardcore. Das grandiose Finale bot schließlich ein Trio aus Verbania, Italien, die Moschusochsen des Poststonerrock, tight as fuck: MUSCHIO.
Wir haben noch getanzt, in der Porreewaschhalle, die Muskeln wieder locker geschüttelt und die Nervenbahnen frei. Wir waren satt und müde und betrunken und frei. Glücklich. Und dankbar, allen und für alles. Gingen, mit einer leisen Ahnung, einem Gedankenfunken an ein nächstes Mal.

Auf vielfältigen Wunsch hier noch die Bauanleitung für die vietnamesisch inspirierten Baguettes:
Ein gutes Baguette (ca 20 cm Länge) aufschneiden und auf der Unterseite mit Bohnen-Tofupaste und oben mit Mayonaise bestreichen. Belegen mit Scheiben von in Fischsauce mariniertem und gedünstetem Schweinefilet, feinen, mit Zitronensaft, Chilies und Minze gewürzten Zwiebelringen, in Nuoc mam eingelegten Möhrenhobeln, Gurkenscheiben, Frühlingszwiebelstückchen und Korianderzweigen.
(Die Paste habe ich gemixt aus einem Teil Räuchertofu, einem Teil Kidneybohnen und einem Teil Erdnussöl und mit Zimt gewürzt. Die Mayonaise habe ich eifrei aufgeschlagen wie hier. Für die fleischlose Variante wurde das Schweinefleisch ersetzt durch eine Art Rührei.)
Letzter Aufruf: Sommersause
Veröffentlicht: August 22, 2013 Abgelegt unter: Musik, Niederrhein 2 KommentareSechs Bands zwischen Krach und Kammerpop auf einer selbstgebauten Bühne, Hummeln, Bären und Mandarinen, die beste DJane der Welt, Vinylshop, Hautbemalung, Klamottentuning, eine überaus ambitionierte Klofrau sowie mein Beweis, dass gutes Festivalessen möglich ist: All das erwartet Euch am Samstag in Viersen-Dülken am linken, unteren Niederrhein. Kommet zuhauf, bringt ein Zelt mit und feiert mit uns, bis der Morgen graut.






