Wieder kein Banh Mi oder: Wes Brot ich fress, des Lied ich sing

Als feile Feder allerlei Dienstherren glücklich zu machen, Gebrauchsliteraturen zu drechseln weit weg von zuckrig süßem Kunsthandwerk, zu brillieren als Meister der Verdichtung eher denn als Wortakrobat, ist mir Passion. Buchstabenschwurbelei als psychohygienischer Ausdruckstanz findet einzig auf diesem Blog statt. Vom Schreiben leben kann mehr sein als das Auslutschen der pergamenttrockenen Hand im lechzenden Mund. Als Mittel zum Zweck war es mir biographisch betrachtet ursprünglich eher der Weg als Ziel. Heute weiß ich, dass der Gang zum Markt, auf den ich einst die Seele trug, mir immerhin die Töpfe füllt. Als Umkehrschluss lernte ich das Küchenhandwerk sozusagen aus Gründen intellektueller Selbstverteidigung. Und bin heute minnesingender Mundschenk, Hofnarr und Truchsess im Gesindehaus in Personalunion. Ich schreibe und koche und saufe und esse mit Pauken und Trompeten. Zum Schalmeienklang schmiede ich allenfalls Ränke oder dichte einen Leich.

Der Text zum besten Banh Mi des linken, unteren Niederrheins und seinem Einsatz als Guerillafestivalcatering ist jetzt so gut wie fertig. Allein den passenden Wein fand ich noch nicht.

Nachtrag 26.08.2013:
Zur Banh-Mi-Bauanleitung


Koschere Kantine Köln

Gehackte Eier sind als Vorspeise fester Bestandteil koscherer Küche und werden häufig im Rahmen eines Schabbatfestmahls serviert. Alles andere als kompliziert ist dies Gericht absolut produktfokussiert und kommt quasi ohne Rezept aus. Neben den hartgekochten und zerkleinerten Eiern gelangen lediglich etwas gutes Öl sowie Salz und Pfeffer in die Speis‘. Und Zwiebeln, oder wie hier Schalotten, fein gewürfelt und angeschwitzt. Olive, Paprika und Petersilie sind nicht nur Garnitur, sondern  Geschmeidigkeitspuffer und Geschmacksrahmenbegrenzer.

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Über 5000 Mitglieder sind in der Synagogen-Gemeinde Köln organisiert. In der Roonstraße befinden sich nicht nur die Synagoge, das Gemeindezentrum, die Mikwe und ein kleines Museum, sondern auch die Koschere Kantine Weiss. Neben dem Matzen in Bochum ist dies die einzige Möglichkeit in NRW, institutionell sanktioniert koscher zu essen.

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Koscher ist alles, was erlaubt ist. Laut Kaschrut sind Schwein und Kamel verboten, Rind und Reh hingegen nicht (wie alle Tiere, die gespaltene Hufe haben und widerkäuen – sowie domestiziertes Geflügel). Milchig und fleischig geht nie zusammen – und Blut kommt weder in die Küch‘, noch auf den Tisch. Wer dies weiß, wird sich auch nicht über die Sojamilch im Kaffee nach dem Mahl wundern.

Selbst als gelernter Agnostiker fühle ich mich der jüdischen Tradition verbunden. Religiösität spielt in meinem Alltag keine Rolle, intellektuell und als soziales Lenkungsinstrument lehne ich sie ab. Doch sobald ich die Synagoge gegenüber dem Rathenauplatz betrete, die Sicherheitsschleuse passiert habe und mein Blick die Gedenkhalle erfasst, atmet mich Geschichte an, eigene, deutsche, die der Welt, dass fast ein Sturm daraus wird und ich wanke. Zum Glück bin ich zum Essen da – und einmal ehrlich: Welche andere Kirche wird schon besucht, weil es dort so lecker riecht nach Gardunst und Gewürz?

Auch wenn der Teil des Gemeindezentrums, in dem die Familie Weiss  schon seit nunmehr 30 Jahren zu Tisch bittet, nicht mehr ist als eben der Teil eines Gemeindezentrums und weder Gastrodesign noch Ethnokitsch vorhanden sind, ist Kargheit hier verbunden mit Wohlgefühl. Die kleine Karte bietet Klassiker der osteuropäischen jüdischen Küche ebenso wie der israelischen. Wobei die vegetarischen den Fleischgerichten eindeutig vorzuziehen sind. Etwas weniger Fritteuseneinsatz wäre fein, doch der gute offene weiße Wein erleichtert alles. Die Gespräche vom Nachbartisch sind derart Klischee, großes Geld und kleine Politik und Gott und die weite Welt, dass mein Lächeln erst friert, bevor es zur guten Laune wird, die den ganzen Tag anhält. Was kann ein Restaurantbesuch besseres bewirken?


Exotik in der Hobbyküche schmeckt oft wie ein Heimporno aus der DDR

Aus popkultureller Sicht ist Vietnam ein Jammertal. Totglobalisiertes Asiapopgedudel präsentiert von gitarrenschreddernden Covercombos. Auch wenn theoretisch die weite Verbreitung  von Livemusik – kaum ein Club kommt ohne Hausband aus – glimmernd glänzt, ist die Realität Ohrenqual. Amerikanisches Mainstreamrepertoire wird gerne durch die Grungemühle geschickt und trifft dann frischfrommfröhlichfrei als Ausgeburt des Dilettantenstadels auf das Publikum.  Soviel Cobrawhiskey kann kein Mensch trinken, dass er solcherlei ertrüge. Aber wer reist auch schon der Musik wegen gen Südostasien? Eher doch, um Moped zu fahren.

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Oder des Essens wegen. (Ansatzweise gelungen verbunden ist jedoch die Befriedigung ganzheitlichen Kulturstrebens auf dem Hue Festival in der alten Kaiserstadt. Übermorgen beginnt dort eine Ausgabe zu asiatischer Handwerkskunst. Ich wurde daselbst aber auch schon von einem belgischen Fanfarencorps um den Schlaf gebracht. Muss man mögen.)

Bei der Kulinarik fremder Länder verliert der mitteleuropäische Gourmand gerne den Verstand. Was für ihn in heimischen Gefilden oberste Priorität hat – Produktqualität, Ökologie, Regionalität, das ganze basalbewusste Brimbamborium – spielt auf einmal überhaupt keine Rolle mehr. Zu Hause wird der Biobauer nebenan geplündert und auf dem wöchentlichen Ökomarkt das Sortiment abgegrast, doch bei der „exotischen Zutat“ stoppt die Hirnfunktion. Oder wer hat schon eine biologische nước mắm im Kühlgerät?

Zunehmend lehne ich diesen ganzen Asiakram ab, aus Gründen.  Nehmen wir eine mittelprächtige deutsche Großstadt, Köln zum Beispiel. Genauso wenig, wie auch nur einer von tausenden Türkenläden Biodöner feilbietet, finden sich hier China- oder Thaischmieden mit Produktherkunftstransparenz. Anders als beim anatolischen Drehspieß werde ich zwar regelmäßig schwach in vietnamesischen Garküchen, arbeite aber am Reflexvermeidungsmechanismus.

Um es noch einmal klar zu sagen:
Ich kenne aus aromatischer, konzeptueller und prozessualer Sicht keine überlegenere Nationalküche als diejenige (Nord-)Vietnams. Nur die Produktqualität vor Ort ist hundsmiserabel. Und was in hiesige Asialäden gelangt, ist um keinen Deut besser.  Daher starte ich dieser Tage ein neues Forschungsprojekt, suche nach guten Produkten, alternativen Bezugsquellen und eventuellen hiesigen Derivaten. Und werde davon berichten. Auch darüber, was der eigentliche Anlass dieses Artikels war, der da heißen sollte „Die Rettung des Banh Mi mit Musik“. Warum ich also das Catering für ein kleines niederrheinisches Noisefestival übernahm, warum es dort vietnamesisch anmutende Baguettes geben wird, wie die Dinger genau gebaut werden und welcher Riesling wohl dazu passt?


Über Flamboyanz, ein überkommenes Kunstverständnis und postmodernes Kochen

Seit Zeiten mal wieder ein dröhnender Überschriftendreiklang, wie geschaffen, um am evozierten Anspruch zu scheitern. Das lustige an selbst kreierten Vorgaben ist die emotionale Antizipation des Flugs: beim Absturz von übertriebener Fallhöhe. Nimm es, werte Leserschaft, als gewohnt permanente Rebellion gegen wissenschaftliche Sozialisation und allzu sauberes Skribentenhandwerk. Am Ende bin ich nur ein wurmiger Brechtadept, der Ent-Täuschung als pubertäres Prinzip betreibt und Erwartungen weckt, nur aus Lust am eigentlichen Scheitern.

Wolfsmilchernen Pflanzen gleich wabert die Musik einer süddeutschen Band durch’s Esskulturzimmer, mal mehr im Magen zu spüren, dann Synapsenverschwurbelnd das Hirn verklebt. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass am Ende jeder einzelne Track des Albums „Heart Mutter“ einfach nur gewaltig die Ohren frei macht. Ästhetisch anspruchsvoll ist dabei das weibliche Geschrei in deutsch und englisch. Gitarrengeschredder wird unterlaufen von Pianopassagen, die nur solange romantische Ruhe versprechen, wie der Umschwung in Krach weh tut. Alles schon mal da gewesen? Rriot, Girlgrime, Postpunk? Klar doch! Eklektizismus ist der Wesenskern von Popkultur. Jeden Ruf nach genialischem Schöpfertum veruteile ich als latent feierabendfaschistoid, zumindest doch als Relikt überkommener humanoider Überheblichkeit. Lang leben die Amöben!

Candelilla sind vier Frauen und die neue Platte gefällt mir gut. Sie nummerieren ihre Stücke und auch dieses Zitat passt und sitzt.
Ebenso wie fast alles, was diese beiden aus Jerusalem stammenden, schwulen Londener Gastronomen so von sich geben in den letzten zehn Jahren. Weil sie ja eigentlich im Alltag schüchtern und zurückhaltend sind, weder in politischen Diskussionen – die sich auf Grund ihrer beider Herkunft geradezu aufdrängen – noch im grellen Mediengeschäft die große Pauke verdreschen. Als Helden aller Couscous köchelnden Mittelstandsmuttis haben sie gewisse Pseudo-Rock’n’Roll-Köche inzwischen locker von den vorderen Rängen der Hitlisten verdrängt. Womit? Mit Flamboyanz. Herr Ottolenghi sagt es so: „Wir nutzen den Umgang mit Essen als unsere Art, schrill zu sein.“

flamboyant

Er nutzt im Englischen den Begriff „being flamboyant„. In der Kunstgeschichte handelt es sich dabei um eine extrem verspielte Spielart der Spätgotik, wie hier am Beispiel der Fassade der Capella de Sant Jordi in Barcelona zu sehen ist. Im Szenesprech der Gay-Community ist damit allerdings das typische bis klischeehafte  Verhalten gemeint, dass Außenstehende als grell, schrill, überdreht wahrnehmen (sollen).

Warum ich das hier thematisiere? Mir gefallen die Bücher der Herren Tamimi und Ottolenghi außerordentlich gut. Weil ich ihren beiläufigen Ton mag und das nonchalante Voraugenführen von kulinarisch Selbstverständlichem im oft unvermuteten Zusammenhang. Wie das aktuelle Werk „Jerusalem“ aufgemacht ist, mit einer lässigen Foodknipserei und bisweilen typischem Geschwafel: Das fühlt sich an wie eine  Neil-Young-Platte. Zum 37. Male hat der Kanadier sich und seinen Sound neu erfunden und klingt doch so altbekannt wie eh. Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit und handwerkliche Präzision sind vielleicht nicht Ausdruck überbordender künstlerischer Schaffenskraft, jedoch mindestens gehobenen Kunsthandwerks. Und das ist im popkulturellen Segment Kochbuch schon eine ganze Menge.

In unendlich ermüdenden Diskussionen unter Hobbykulinarikern werden immer wieder zwei Argumente gegen den Ottolenghihype ins Feld geführt. Zum einen, dass ja nix Neues geboten würde, alles schon mal da gewesen, alter Wein in neuen Schläuchen. So what? Wenn der Tropfen doch allzu exzellent mundet?
Zweitens wird mit einer gewissen Moderesistenz kokettiert. Wenn alle den gut finden, kann ja kaum Substanz vorhanden sein. Bornierter Mist, so eine Einstellung! Auch wenn ich selber dazu neige, vorzugsweise in Nischenbädern zu plantschen, ist das Schwimmen im Mittelmeer doch eine feine Sache. Wenn man nur die coolen, kleinen Buchten kennt.

blumenkohlsalat

Solche Pretiosen habe ich nachgekocht in den letzten Tagen. Wie diesen Salat von geröstetem Blumenkohl und gebrannten Mandeln mit Koriander. Im Originalrezept wurden Haselnüsse und Petersilie vorgeschlagen, beides langweilt mich zu Tode – und in meiner Variante ist es eine schlüssige Weiterentwicklung. Die Rezepte der Beiden laden immer ein zum eigenen Experiment. (Originalgetreu umgesetzt wurde es bspw. hier.)

Weiters gab es Clementinenkuchen mit Mandeln

orangenkuchen

der etwas gepimpt bestimmt noch einmal hier vorgestellt wird. Außerdem die Gemüsepaella aus „Genussvoll vegetarisch“

gemüsepaella

sowie das vielleicht simpelst anmutende, aber in seiner geschmacklichen Perfektion bestechendste Rezept der bisher umgesetzten: Röstkartoffeln mit Karamell und Backpflaumen.

kartoffeln

Und doch geht es weiter, hinterm rheinischen Kartoffelhorizont. Als nächstes gibt es den Anlauf auf ein Festivalcatering, mit vietnamesischen Baguettes, Industrial Blues und Hippiegedöns. Bald, in diesem Theater.


Warum biodynamischer Wein aus Italien Blätterteigbäckerei zum Nachteil gereicht

Das Wetter. Die Fastenzeit. Der Wurzelmonat März.

Wenn das Herz sich zerreißt und die Seele schreit nach feuerroter Sonne und schweren, saftigen Weinen und Glücksgenüssen, führen mich Fluchtreflexe verlässlich gedanklich gen Italien. Sehnsuchtsland historischer Romantiker und kontemporärer Postrocker. Ethnokitsch und Melodienschmalz und sicherer Hafen für Genusssimpel.

So ersann ich mir ein Wochenendprojekt mit Namen Sfogliatelle riche. Neapolitanische Blätterteigtüten mit Ricottagries. Kramte in Kisten nach einem Soundtrack, angesiedelt zwischen Polen wie Lucio Battisti und Giardini di Miro’. Und ging zwischendurch auf eine Weinprobe. Das war dumm.

Denn im Industrieclub zu Düsseldorf fand im Rahmenprogramm der diesjährigen ProWein am Samstag zur Mittagszeit die Präsentation dreier Topgruppierungen biodynamisch arbeitender Winzer statt. „Haut-les-Vins“ und “VinNatur“ und „La Renaissance des Appellations“ haben zwar alle einen französischen Schwerpunkt – aber mich interessierten naturgemäß die zwölf Vertreter vom Apennin. Neben bekannten Namen wie Foradori oder Emidio Pepe haben mich vor allem zwei mir bis dahin völlig unbekannte Betriebe begeistert und schließlich rote Wangen erzeugt. In Camporeale auf Sizilien ist die Kooperative Valdibella beheimatet. Tief beeindruckt hat mich deren 2011er Acamante aus 100% Perriconetrauben. Diese autochthone sizilianische Rebsorte ist eigentlich nicht für Topqualitäten berühmt – aber in diesem Falle schlicht eine Geschmacksgranate.

Ähnliches gilt für den Nibiô (Dolcetto) der Cascina degli Ulivi aus der Nähe von Alessandria im Piemont. Auch der Lagrein von Loacker ist toll, aber das ist keine Neuigkeit. Wegen des herzhaften Säurespiels auf gar keinen Fall ein Morgenwein, übrigens. In der Dämmerung dann wurde die heimische Küche eingemehlt – Blätterteigbäckerei. Was werte Kolleginnen detailverliebt oder aber lockerleicht beschrieben, sollte mir doch auch gelingen. Knusprigknackendes Backwerk, das mich schon beim Darandenken sonniger Durchflutung preisgab.

Es gab Probleme, und die waren nicht dem Alkohol geschuldet. Teigbahnen, meterlang, mit der Nudelmaschine dünnst gekurbelt, über den Tisch gespannt, ohne Strudeltuch, zum Zerreißen gespannt beim Auseinanderdehnen. Zu wenig Hände. Ein zu steifer Pinsel. Dadurch Risse beim Butterschmalzen. Kleberei beim Rollenrollen. Das waren nur die Fallen des ersten Tages. Schwindende Geduld bei aufkommender Nüchternheit. Beim Ausbalancieren dieses Zustands leicht die Kontrolle verlieren. Nicht dünn genug der Teig und nicht dick genug die Rollen.

Der Gries klumpte am anderen Tag. Die Füllung war dann dennoch gottgleich, auch weil ich besten Quark statt doofem Ricotta nahm und feine Vanille und der Eieroma Ei und zusätzlich noch das Abgeriebene einer gelben Zitrusfrucht. In der Töpferkunst werde ich kein Meister mehr in diesem Leben – das wusste ich schon vor dieser Konfrontation. So wurden keine Trichter geformt, sondern Platten auf Händen und gefüllte Halbmonde schließlich in Form von Panzerotti.

sfogliatelle

Das Krachen beim Beißen entschädigt für alles. Und gibt der Gewissheit Raum, die Blätterteiglein nicht den Tod der Einmaligkeit sterben zu lassen. Es wird wieder gekurbelt und gepinselt und gerollt werden. Ausufernder noch und penibler. Für die feinere Form. Und das transzendentale Element in der Backkunst.


Holland – und was von Hamburg übrig blieb

Ein paar Eindrücke gilt es noch zu schildern, damit Farbe kommt in das bisher monochrom graue Bild. An Elbe und Alster ist nicht alles trist, das Wetter vielleicht, doch. Kultur und Kulinarik hingegen funkeln prächtig. Es gibt ein Leben nach dem Völlegefühl, welches durch zu schnell zu viel entsteht. Essen kann man diese Entschleunigung in Eimsbüttel beispielsweise, im Lokal von Oliver Trific.

Karoviertel

Als seltsamer Mensch war ich vor dem Besuch am Eppendorfer Weg reichlich reserviert. Zu viel lobendes Geraune waberte da seit Monaten in der Szene der Internetesser. Kaum ein Foodblog kommt noch ohne lobende Erwähnung des kleinen Restaurants aus, der Koch ist längst freundschaftlich eingemeindet ins soziale Kulinariknetz. Warum? „Natürlich. Frisch. Von Hier.“ Das machen andere auch und ich doch jeden Tag.

Aber nicht so konsequent und gut gelungen – ein dauerhaftes Glücksgefühl hielt uns umfangen auf dem langen Fußweg zurück in die Sternschanze. Dabei hatten wir noch nicht einmal einen der roten Naturweine getrunken, die auf der tollen kleinen Weinkarte brillieren. Zum nordischen Mahl wollten mir genauso banal wie passend nur Silvaner, Weißburgunder und Veltliner ins Glas. Da wir zu viert tafelten, kamen zwölf verschiedenen Gänge auf den Tisch (je drei zu dreißig), von fast allen kostete ich und sie waren durchweg auf den Punkt. Ob „Zweimal gegarter Pulpo auf herben Salaten, Verjus- Rapsöl-Vinaigrette“, der vor simpler Finesse, feiner Aromatik und schmelzender Bissigkeit am Gaumen fast platzte, oder die in Buchweizenmehl gebratenen Stinte, bester Elbebeifang und regionales Lieblingsessen schon immer – jetzt schon war klar, dass in der Küche mit Bedacht und Ruhe fokussiert gearbeitet wird, herrliche Tiere und Gemüse durch durchdachte Zubereitung einer höheren Bestimmung zugeführt werden.

Kein Schnickschnack, Einfaches perfekt. Wie der formidable „Ostsee-Wildlachs auf Sellerie-Kartoffelpüree mit Speck, Blumenkohl und Meerrettich“. Die saftig triefende „Perlhuhnbrust auf Rahmlinsen mit Majoran-Kartoffel-Plätzchen“. Die fetten Semmelstoppelpilze. Selbst Desserts sind kein obsolet süßes Beiwerk, sondern abrundender Nachklang. Kurz bevor wir gingen, nach über vier Stunden, kam Oliver Trific an den Tisch, sehr zurückhaltend, interessiert, offen. Erkannte mich und ich in ihm den Geistesverwandten. Für den Kochen und Essen mehr ist als nur Genuss. Sondern pralles, handfestes, alltägliches, freudiges Leben. Ich wünsche mir in jeder Stadt, in die ich reise, eine solchen Laden. Die Welt wär eine bessere.

Ein guter Mensch ist höchstwahrscheinlich auch der schon lange in Kolumbien lebende und arbeitende britische Musiker und Produzent Will Holland. Besser bekannt als Quantic. Oder Los Miticos Del Ritmo. Ondatropica. Mir ist er erst vor genau zehneinhalb Monaten auf den Plattenteller geraten, durch die wunderbaren Hände eines geliebten Menschen. Seitdem bin ich infiziert. Der ich immer immun zu sein glaubte gegen Salsakursromantik und Buena-Vista-Social-Mist. Nun bringt mir ein britischer DJ originäre lateinamerikanische Sachen bei. Lehrt mich Cumbia. Und lässt mich sicher sein: Mein zweiter Name ist nunmehr Alfredito:


Kaffee und Kuchen: Die Tendenz geht zum Drittblog

Die beste aller Welten ist hier. In der Provinz, die strahlt in ihrer pittoresken Verschrobenheit. Mit Menschen, die ebenso sich verhalten. Und doch  von Landlustkitsch nichts wissen. Rockers Ruhesitz neben dem Herrenhaus. Ein Wassergraben. Ein Waldkauz als Abendnachbar. Sonst nicht viel.

Dass es nur 15 Minuten Fahrzeit sind bis in die Metropole an der Düssel und wenig mehr als eine halbe Stunde in die Domstadt, macht das infrastrukturelle Glück perfekt, geschenkt. Zumindest optional. Es gibt aber auch evidentere Nachteile als das Kreischen der Nilgänse, wenn sie im Morgengrauen bruchlanden in den gräflichen Fluten. Allerlei Nagetiere verschiedener Größen, die sich nachts durch’s Fachwerk fräsen. Beispielsweise.

Nach einem langen, feuchten Winter ist zudem alles Matsch. Und wo der Grund trocken scheint, geht es sich doch wie auf einem Wasserbett. Das Rauschen des Windes in den Baumkronen: Wenn sonst nichts ist, ist dies beinahe Lärm. Okay – mir fällt kein tatsächliches Negativum ein. Es fehlt eigentlich nichts, dafür gibt es alles. Nur auf Menschen muss man achten.

Besser gesagt: Darauf, dass sie hierher finden. Denn mal „eben so“ kommt keiner vorbei – da muss schon geladen werden. Aber das ist bisweilen mühsam. So haben wir ein alternatives Instrument ersonnen, eine alte Tradition reanimiert und mit aktuellen Vorlieben verbunden. Ein Kaffee-und-Kuchen-Salon. Ein sonntäglicher Jour fixe. Es gibt ein paar Regeln: Wir backen niemals zweimal. (Das steigert den Küchenspaß: Immer ein neues Kuchenrezept wird kreiert und ausprobiert. Mit allen damit verbunden Potentialen.) Wer kommt, der kommt. Allerdings wird um Ankündigung gebeten. Es muss nicht nur das auf dem Kuchen-, sondern auch der Plattentellergenuss ertragen werden. Hans Martin ist immer dabei. Und meist auch DJ Hollerbusch.

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Backen ist ja nicht wie Kochen Rock’n’Roll. Eher was für kulinarische Korinthenkacker. Messen und wiegen ist ganz eigentlich Apothekersache. Ich bin Küchenfreestyler. Allerdings ist es uns gelungen, postjuvenilen Übermut zu domestizieren. Rezepte werden geschrieben und befolgt. (Mehr oder weniger!) Zur diesbezüglichen Dokumentation – und damit nicht vergessen wird, wer wann was aß – gibt es seit kurzem einen Drittblog. Jeden Sonntagabend schreibe ich da rein, was sich so zutrug, im Gesindehaus.

Kaffee und Kuchen – Sonntags im Gesindehaus

Ein Foto, ein Rezept, die Gästeliste. Aus.