Bitte nicht auflegen! Jahresendmix 2012 (Teil 2)
Veröffentlicht: Januar 3, 2013 Abgelegt unter: Musik | Tags: Chuckamuck, Die Heiterkeit, Die Sterne, Doctorella, Jacques Palminger feat. the Kings of Dubrock, Sophie Hunger, Stereo Total, Tom Liwa, wolke Hinterlasse einen KommentarHinterher weiß man immer mehr. Selbstverständlich blitzt mir jetzt all die Musik durch’s Hirn, die es im letzten Jahr nicht ins Gesindehaus geschafft hat. Lieblingskünstler wie Bernadette la Hengst, Locas in love oder Stereo Total haben neue Alben veröffentlicht, fielen aber erst einmal durch’s Wahrnehmungsraster, Die Nerven sind ganz neuer Hype aus Stuttgart und passten schlicht nicht zu meiner letztjährigen emotionalen Gesamtverfasstheit (Wohin mit dem Hass?), Maike Rosa Vogel will ich erst noch kennen lernen. Es war im Übrigen auch nicht das Jahr der elektronischen Musik auf meinen Plattentellern.
Doch weiter geht’s mit dem zweiten Teil des Jahresendmixes 2012 (zum ersten Teil):
9. Chuckamuck – Der Laden an der Ecke
Was macht eine neue Band, die als heißester Scheiß der Hauptstadt gestartet ist, semilegendäre Undergroundhoffnung wurde und Klischees reitet, bis der Gaul lahmt – nachdem ihr erstes, fast erfolgreiches und doch mindestens großartiges Album ein paar Monate alt war und der Rotz jugendlicher Devianz schon auf der Kiezeinbahnstraße zu trocknen drohte? Richtig: Sie verschenken neue Musik (Eintrag: March 30, 2012) und warten ab. Bald auf Tour, u.a. im Vorprogramm von Tocotronic. Sachen gibt’s…
10. Sophie Hunger – Das Neue
Zugegeben, ich bin nicht unglücklich, dass dies Lied online nicht in einer vernünftigen Qualität zur Verfügung steht. Es stellt in dieser Kompilation einen ähnlichen Stilbruch dar wie die Schweizerin in sich. Ist das jetzt Kleinkunst, Varieté, SingerSongwritertum, IndieMusical – oder schlicht Pop? Es ist auf jeden Fall gut und ich mag Sophie Hungers Energie seit dem ersten Hören vor fünf, sechs Jahren.
11. Doctorella – Lass uns Märchenwesen sein!
Parole Trixi mochte ich ebenfalls sehr. Umso gespannter war ich auf Doctorella, das neue Projekt der Schwestern Grether. „Drogen und Psychologen“ ist ein bisweilen erwartet absurdes Album, stellenweise leider auch beliebig und uninspiriert. Die Märchenwesen-Single allerdings war eine meiner Sommermelodien. Dadaismus und Fruchtbonbons, Harmoniegesang, Morgenschwips und die Haare im Wind. Leider rauche ich nicht mehr. Klippklapp.
12. Die Heiterkeit – Alles ist so neu und aufregend
Perfekt inszenierter Undergroundhype. Berühmt schon vor dem ersten Ton. Frauenband als Männerding. Popprodukt als Inkarnation aller alternativen Rollenklischees. Funktioniert.
13. Tom Liwa – Wohin mit dem verheulten Gesicht?
Der Ukulelenmann aus Dusiburg hat im letzten Jahr ein neues Album veröffentlicht. Vielleicht sein bestes. Ich habe das schon beschrieben. Soviel nur noch ergänzend dazu, heute, über neun Monate später: Diese Trennungsschmerzmusik funktioniert auch, wenn der Himmel dauerhaft rosarot leuchtet. Großartig.
14. Wolke – Süchtig
Apropos rosarot und so: the soundtrack of my love!
15. Die Sterne – Fickt das System
Vor 21 Jahren haben die Hamburger Parolen ad absurdum geführt – mitten auf die Tanzfläche. 2012 dann einige ihrer Lieder neu eingespielt, live, und auf einem Minialbum veröffentlicht: „Für Anfänger“. Diesem wohnt bestimmt ein Ende inne…
16. Jacques Palminger feat. the Kings of Dubrock – Kinder der Sonne
(Auf einigen Exemplaren des Jahresendmixes fehlt dieser Track – dafür gibt es ihn bei soundcloud als Gratisdownload.)
Ist „Fettuccini“ jetzt mein Album des Jahres? Vielleicht. Es ist auf jeden Fall – neben den Konzerten von Kapelle Petra – das einzige Ereignis, bei dem Humor und Musik unfallfrei zusammengehen. Ansonsten hat Eric Pfeil alles notwendige dazu geschrieben. Ich freue mich dieweil auf das Konzert in der nächsten Woche. Man sieht sich dort, im Vinylfachgeschäft oder auf dem nächsten Plattenabend.
Bitte nicht auflegen! Jahresendmix 2012 (Teil 1)
Veröffentlicht: Januar 2, 2013 Abgelegt unter: Musik | Tags: Die Türen, ecke schönhauser, f.s.k., Kid Kopphausen, Nils Koppruch, Shaban & Käpt'n Peng, Superpunk, Susanne Blech, The Blue Angel Lounge Hinterlasse einen KommentarImmerhin war 2012 das beste Jahr meines bisherigen Lebens. 2011 stand unter dem Einfluss von drei Frauen – nun ist es nur noch eine. So wurde auch die aktuelle Ausgabe des traditionellen Jahresendmixes eine ganz besondere: Seit mindestens anderthalb Dekaden gab es kein Jahr, in dem ich mehr deutschsprachige Alben gekauft oder zu heimischem Liedgut getanzt, gefeiert oder genüsslich gelitten hätte. Popmusik ist kleine Kunst für breite Massen – was davon bei mir ankommt, ist allerdings oft seitenverkehrt.
Viele Menschen finden in diesen Tagen ein Mixexemplar in ihrem Briefkasten (wer sich vergessen fühlt, kommentiere hier). Zu einer Vinylpressung hat es leider nicht gelangt, doch die 16 Lieder füllen auch die profane Form. Sie eint darüberhinaus nicht nur die Herkunft, sondern viel mehr noch die Haltung der Künstler und Interpreten: Der Wille zur alltäglichen Transzendenz. Bedeutet: Immer eine Handbreit über dem persönlichen Horizont schweben und dabei die Bodenhaftung nicht verlieren. Allenfalls, wenn es sich um einen Tanzflur handelt. Here we go:
1. F.S.K. – Lady Chatterley
Nach 33 Jahren spielen die drei Männer und eine Frau nun schon gemeinsam als Freiwillige Selbstkontrolle. Mit „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ gelingt ihnen ihr bestes Album. Dazu Ende des Jahres noch ein formidables Konzert in Düsseldorf – meine Heimatmelodie, Generationenmusik, Kunstkonsens. Aufsteiger des Jahres.
2. Superpunk – Neue Zähne für meinen Bruder und mich
Das Ende kam und doch geht es weiter. Superpunk waren der Soundtrack des verschwitzten Teils meines Lebens, zeitweise. Die Abschiedskonzerte waren Feste, die Zusammenstellung „A Young Person’s Guide to Superpunk“ feine Erinnerungskonserve.
3. Die Türen – Dieses Lied
Diese Lied ist gegen Widerstand. Metapostmusikermusik.
4. Ecke Schönhauser – Mixtape
Als ich die Ecke anfang 2012 das erste Mal hörte, waren sie mir wohlbekannt. Der Proberaum-Sound, ein gehetzter Sprechgesang, fragmentarische Alltagsprosa. Musikalischer Brückenschlag aus dem kontemporären Berlin ins Hamburg der 1990er Jahre. Befindlichkeiten bleiben in der Kneipe, hinterm Tresen steht ein tätowiertes Mädchen. Wir haben sie alle gemocht und ertränken irgendeine Sehnsucht mit Tequila und schlechtem Bier.
5. Shaban & Käpt’n Peng – Parantatatam
Schon wieder die Hauptstadt. Schauspielersöhne mit deutschem Sprechgesang. Klingt furchtbar.
6. Susanne Blech – Alle Tiere wollen in den Zoo
Nach wie vor ist es so, dass so gut wie alle Menschen in meinen Kreisen entsetzt reagieren auf meine Liebe zu Susanne Blech. So absurd die Kombination aus Düsseldorf und Bochum ist, klingt auch der stupide Kirmestechno mit den selbstverliebten Versversuchen. File under: Falco 2.0!
7. The Blue Angel Lounge – Ewig
Das ist anders, düster, psychedelisch, kraftvoll, textlich ziemlich daneben. Doch von ungeheurer Wucht. Mich hat’s weggeblasen beim ersten Hören. Klingt wie Joy Division auf der Erstsemesterparty der Fernuni. Zwei Schritte vor und zwei zurück.
8. Kid Kopphausen – Zieh Dein Hemd aus, Moses
Post mortem ist es mir eines der wichtigsten Alben des Jahres geworden. Der große Musikant und lustige Maler Nils Koppruch mit seinem Vermächtnis – danke dafür.
(Die Stücke 9 – 16 folgen; tbc.)
Hasensprung
Veröffentlicht: Dezember 28, 2012 Abgelegt unter: Wein | Tags: Dreissigacker, Hasensprung, Rheinhessen 2 Kommentare„Ihr Lieblingsgetränk? Riesling!“ Wer solches in einem Interview sagt, ist ein guter Mann. Nicht nur, weil ich es genauso halte. Sondern gerade, weil Winzer selten zu glasklaren Aussagen zu bewegen sind. Schließlich meinen die meisten, um die Wirkung von Worten zu wissen. „Der kann ja nur Riesling“ könnte der geneigte Trinker als Kunde denken und sich verweigern. Beschränktheit vermuten. Bullshit.
Jochen Dreissigacker macht großartige Weine. Seine Burgunder sind wuchtig und präzise. Der Silvaner ist gleichsam filigran wie grün. Doch er weiß nicht nur, was er mag. Der Mann bringt beim Riesling seine ganze Leidenschaft in die Flasche. Egal aus welcher Bechtheimer Lage die Trauben stammen, ob Geyersberg, Rosengarten oder wie aktuell dem Hasensprung: Da Deutsche ihre Weinführer lieben und nach Buchstaben trinken, sei hier ein wahrer Spruch aus dem Gault Millau als scharfes Schwert aus der Scheide gezogen: „Großkalibrige trockene Rieslinge mit saftiger Frucht-Säure-Textur“. Welch kulinarische Wortschmiede. Ich sollte fortan schweigen.

Ursprünglich, nachdem ich das Paket geöffnet und realisiert hatte, welch Preziose ich da in Händen halte – über die anscheinend schon alles gesagt und geschrieben ist – wollte ich einen hermeneutischen Zirkel schlagen und über Lewis Carroll zu Grace Slick kommen und mit dem Jefferson Airplane fliegen. Wer je den Film „Fear and loathing in Las Vegas“ mit dieser brillianten Szene gesehen hat, ahnt wohl meinen Gedankensprung ins tiefe Loch des Drogenabusus. Weintrinker sind aber genauso Genießer wie Süchtige und wenn der Alkohol in solch vollendeter Form in den Körper gelangt, bleibt psychedelisches Schwärmen eher Effekt als Absturzlatenz. Außerdem gilt: Lieber eine Flasche brillianter Mineralik und runder Wucht als ein kalter Truthahn. Eindeutig ein Nachmittagswein übrigens, ich habe ihn in einem Zug ausgetrunken, alleine und glücklich.
Der Hasensprung ist eine nicht nur vom Namen her interessante Einzel-Lage in der Großlage Pilgerpfad. Die ganze Gegend ist großartiges Fahrradterrain, die ein oder andere Bergwertung habe ich dort schon erschwitzt. Rheinhessen im Ganzen ist mir persönliches Arkadien – umso mehr, als die liebe Freundin Astrid nun im Herzen des Hügellands wohnt. Sie hat mir diesen Wein geschickt, übrigens. Sie weiß halt, was ich mag. Danke!
Danke auch an den Organisator dieser festlichen Weinrallye. Thomas hat mit der das Ende seines Winzerblogs einleutenden Aktion wieder mal unter Beweis gestellt, dass er eine der prägendsten Figuren des Weinwebs ist. Eine der sympathischsten sowieso. Ich bin gespannt auf alles, was kommt.
Details zum Wein finden sich hier. Ich selber habe Beate E. Wimmer meinen Lieblingssylvaner geschickt. Der Laurenziberg ist übrigens das Alpe d’Huez Rheinhessens.
Der perfekte Reibekuchen
Veröffentlicht: Dezember 7, 2012 Abgelegt unter: Kulinarik | Tags: Reibekuchen, Riesling, Rievkooche 9 KommentareAuch wenn es gerade schneit, als hätte Frau Holle das Plümo zerfetzt – ein früherer Freund nannte solch unnötige Wetterlagen schlicht „Schimmel“ – und auch sonst alles in dieser seltsamen Stadt bimmelt, jauchzet und frohlockt, bleibe ich standhaft. Keinen der bestimmt 25 Kölner Weihnachtsmärkte werde ich besuchen, auch nicht den lustig bunten schwulen hier im Bermudadreieck. Ich staune zwar, bleibe aber außen vor. Einzig die Rievkoochebuden, besser gesagt deren Ausdünstungen, sind fettiger Trigger für einen Rheinländer. Und auch wenn das Angebot zum Beispiel von Willi Nock auf dem Neumarkt richtig gut sein soll – ich brate lieber selber.

Denn der Teig der Gastrofladen ist mir in der Regel von zu breiiger Konsistenz, ins Pufferhaftige tendierend. Ich mag die Dinger dünn und kross – und dieses Ergebnis lässt sich nur erreichen, wenn folgendes beachtet wird:
Obacht bei der Kartoffelwahl
Die Kartoffeln müssen schon eine gewisse Zeit gelagert worden sein. Frisch geerntete beinhalten einfach zu viel Wasser. Außerdem muss natürlich der Stärkegehalt stimmen: Wenn zur Hand, verwende ich hauptsächlich mehlige wie zum Beispiel Saturna. Die eine oder andere festkochende gesellt sich oft hinzu. Der Mix ermöglicht im Ergebnis eine optimale Textur.
Dingliche Dreifaltigkeit
In der heiligen Stadt Köln schert man sich selten darum, da kommen gerne auch Weizenmehl oder gar Haferflocken in den Teig. Bei mir jedoch nur: 5 große Kartoffeln, 1 Zwiebel, 1 Ei. Sonst nix. Umso wichtiger ist die Qualität der Grundprodukte.
Stärke und Salz
Neuerdings gebe ich zu den geriebenen Kartoffeln kein Salz, sondern würze erst die obere, rohe Seite in der Pfanne. Das hat zwei Effekte: Der Teig zieht weniger Wasser, eine höhere Stärkekonzentration ist gut für das Sozialgefüge (= Zusammenhalt). Und die Würze ist beim Genuss vordergründiger – was einen nachhaltigeren Kartoffelgeschmack ermöglicht. Im Abgang Erde und leichte Süße.
Letztere Wahrnehmung schreit nach Verstärkung. Also entweder Apfelkompott – momentan liegen hier ja immer Äpfel rum, gestern gab es eine Mischung aus Arlet, Berlepsch und Boskop, blitzgekocht – oder Kraut. Kein Schnickschnack, wie früher mal versucht.

Heiß und fettig
Fürwahr, am Öl darf nicht gespart werden. Weder an Quantität, noch an der Güte. Ein gut raffiniertes Marken-Sonnenblumenöl aus dem Supermarkt erweist sich nach langjährigen Tests als hitzebeständig und Geschmackssieger. Und Reibekuchen gelingen mir am besten, wenn beides zusammen kommt: Reichlich heißes Öl und eine gute beschichtete Pfanne. Vor dem Genuss wird auf Küchenkrepp wieder entfettet. So wird das Kartoffelgebäck maximal kross.

Zu viel Säure darf der dazu zu trinkende Riesling nicht mitbringen. Ich empfehle mich mit einem restsüßen 1990er Winkeler Jesuitengarten von Hamm. Perfektes Paar.
Spielt mehr Guerillakonzerte (und trinkt teuren Riesling dazu)!
Veröffentlicht: Dezember 6, 2012 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik, Wein, Weltweit | Tags: fsk, guerillakonzerte, justin bieber, Riesling, winzerblog 2 KommentareF.S.K. in der Filmwerkstatt. Was klingt wie ein blöder Feuilletonistenwitz ist eigentlich nur ein Kommentar. Das Konzert in einem Düsseldorfer Hinterhof findet tatsächlich statt, samt Diskussion mit den Künstlern, dem einen oder anderen Seidenschal und wahrscheinlich ohne akzeptablen Wein. Das klingt grauenvoll und ist doch nicht weniger als ein Pflichttermin. Schon in den 80ern waren die Münchner im Rhythmus der Zeit:
Das aktuelle Werk „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ ist mein Album des Jahres. Neben Neil Youngs Psychedelic Pill vielleicht. Aber letzteres habe ich ja noch gar nicht gehört. Für den morgigen Gig gibt es übrigens keinen Kartenvorverkauf. Was großartig ist – wirkt es doch mafiösen Strukturen im Musikgeschäft entgegen. Berthold Seliger hat in der Berliner Zeitung eindrücklich beschrieben, wie der Monopol-Kapitalismus die Restkultur aufzufressen droht. Lesen.
Eigentlich sollten also viel häufiger rebellische Akte stattfinden. Guerillakonzerte beispielsweise. Großveranstaltungen zu kapern, deren Umfeld besser gesagt, kann vielerlei Effekte haben. Angenommen, in der Kölnarena spielt ein gewisser Herr Bieber, vor 15.000 12jährigen, die alle mindestens 83 Euro bezahlt haben. Und vor dem Kommerztempel, an der Straßenbahnhaltestelle Bahnhof Deutz / Messe, hält 30 Minuten vor Konzertbeginn ein dunkler Van mit quietschenden Reifen, herausspringen die Jungs von Münchausen oder Clarkys Bacon oder Ecke Schönhauser, hauen zwei batteriebetriebene Verstärker auf’s Pflaster und machen zwölf Minuten lang formidablen Krach. Sorgen für heftige Irritation. Für ungläubiges Staunen, manch Ignoranz und die eine oder andere Heiterkeit. Dann hätte Kunst etwas bewirkt. Und Popkultur am Rande ihres Kosmos lustig bunt geflackert. Ein romantischer Gedanke. Oder?

Vor dem Crystal Ballroom in Portland habe ich im letzten Jahr genau diese Szene erlebt. Es war für mich der Höhepunkt des durch und durch kommerziellen MusicFest NorthWest. Tickets wurden keine verkauft. Ich teilte eine Flasche Riesling von Bernd Schales aus Summerland/Okanagan Lake mit mir bis dahin unbekannten Mithörern, die Freunde wurden für eine Nacht. Auch die Plastikbecher konnten diesem kanadischen Wundertropfen, der neben gehörigem Schmelz genügend Schmackes samt sattsamen Säurespiegel mitbrachte, nichts anhaben. Im Gegenteil: Guter Riesling passt nicht nur zu fast jedem Essen – so meine ganz persönliche Foodpairingregel. (Alternativ geht immer: Rieslingsekt!). Kein anderer Wein ist so körperlich wie ein gutes, lautes, energetisches Konzert. Mit Kribbeln im Bauch und unter der Schädeldecke. Für morgen wünsche ich mir ein paar Flaschen vom roten Hang.
Zum Schluss noch dies: Ich bin gespannt, an welchen Rädern Thomas bald im Weinweb drehen wird. Den Winzerblog will er einstellen. Der älteste und wichtigste deutschsprachige Weinblog ist bald also Geschichte – und wird zum Abschluss noch einmal eine Weinrallye ausrichten. Wichteln für Internettrinker. Ich freue mich, dabei zu sein und werde einen Riesling auf die Reise schicken. Was sonst?
Suppli und so
Veröffentlicht: November 26, 2012 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: arancini, sizilien, suppli, The Jon Spencer Blues Explosion Ein KommentarDer Tag begann mit Niederlagen: Höllische Halsschmerzen als Folge des Samstagsauftritts in bitterböser Kirchenkälte. Dazu Dinge im Kühlschrank, die von unerfüllten Träumen zeugen. Stundenlanger Stau vor Köln. Da helfen nur warme Gedanken und Hardcore aus dem automobilen Beschallungssystem. Pissed Jeans mit Bathroom Laughter zum Beispiel. Oder ist das schon Noise? Relativ ruhig war mein Küchenwochende, wie gesagt. Es kam nur zu Erbsenreis und Nachfahren. Nicht zu den Hirngespinsten von gekochtem Brot und Cozze und Grünkohl. Dafür: Frühstücksbrötchen nach Vincent Klink und ein Sturmlauf. Das erwähnte Markus-Türk-Festival in Grefrath mit einer grandiosen Jansenshow. (Glückwunsch nachträglich!) Alzheimerprophylaxe. Und Hans-Martin sonntagmorgens um 5.

Was da fettbäckt, nennt der Sizilianer Arancini. Ich aß sie erstmals in den herrlich dunklen Gassen von Palermo. Das fiel mir dieser Tage wieder ein, als Heike Fotos schickte von dort. Fettgebackenes wird rheinländisch wahlweise karnevalesk oder adventlich konnotiert. Wozu mir wiederum das neue Projekt von Sufjan Stevens einfällt: Silver&Gold (kompletter Albumstream) ist die zweite Weihnachtsbox des Freakfolkgroßmeisters und mit 58 bizarren Stücken – Coverversionen von Weihnachtsliedchen genauso wie absurd harfige Eigenkompositionen – gleichsam oppulent wie aus der Zeit gefallen.

Wo wir schon bei der Ironie des Alltags sind: Ich rettete am Freitagabend den Blumenkastenestragon vorm Erfrieren und gab reichlich davon ins improvisierte risi bisi. Der Erbsreis gewann dadurch an Farbe und Geschmack – jedoch auch an Eindimensionalität. Andere Aromen verloren schlicht den Kräuterkampf. Doch die Suppli (so heißen die frittierten Reisbällchen in Rom), gehüllt in Pankopanade, waren großartig. Mit Ziegenkäsekern und in krosser Hülle war der Risottoschmelz verführerisch verlockend.

Schlussendlich habe ich mich entschieden, weder fäkalen Krach noch festliches Hipsterhippietum hier ausgiebiger zu verbloggen, sondern das neue Werk des Altmeisters der psychedelischen Garage. Weil Jon Spencer anfang Dezember für drei Gigs nach Zürich, Berlin und Köln kommt und der alte Blueszerstörer nun auch schon seit 20 Jahren Bühnen in Schutt und Asche legt. Sein aktuelles Album mehr ist als nur ein weiteres Stück in einer beispiellosen Diskographie: „Meat+Bone“ ist nicht nur altbewährte Rockrumpelkammer mit Lust an Minimaldekonstruktion.
The Jon Spencer Blues Explosion kann inzwischen – besser: will das auch! – als Band rgelrecht tight agieren. Auf den Punkt. Hochenergetisch selbstverständlich. Nicht mehr nur Exzess. In Würde altern als Kontrapunkt zu Rockopapositionen? Vielleicht. Vor allem aber macht das richtig Spaß. Montagmorgens im Stau auf der Autobahn und auch auf der heimischen Tanzfläche.







