Ein Buch, mit Liebe bereitet

Im Kreise der vielen lieben, spannenden, absonderlichen, egozentrischen und hyperkreativen Menschen, die ich in den letzten beiden Jahren über diesen Blogbetrieb und meine damit verbundene Netzexistenz kennengelernt habe, nehmen zwei, drei, vier Verrückte Sonderrollen ein. Weil da Nähe ist ohne eine gemeinsame Geschichte. Über Geschichten aber, die wir alle ähnlich erfahren und weitergeben, entsteht Solidarität. Bekanntschaft. Freundschaftlichkeit. Schreiben verbindet, so sehr, dass die Themen austauschbar scheinen. Egal ob in Köln, Berlin oder Ingelheim, am Niederrhein oder in LA – am Anfang war es der „Foodie-Hype“, schnell wurde es permanente Selbstversicherung gemeinsamer kultureller Grundlagen. Oft einfach nur Rock’n’Roll.
Wenigen habe ich noch nicht ins Antlitz gelacht.

Doch in Hamburg, der zweitbesten Stadt der Welt, war ich schon seit vielen Jahren nicht mehr. Es hat sich einfach nicht ergeben. Obwohl kaum ein Ort mehr Anziehungskraft auf mich ausübt seit Zeiten. Kulinarisch, popkulturell. Und der Menschen wegen. Gut, Portland vielleicht, aber dieser Traum wurde ja wirklich wahr, im letzten Jahr. Die Hansestadt hingegen war Wallfahrtsort, viele wilde Jahre lang. Irgendwann war ich satt.

Hunger verspüre ich aber nach meiner Lektüre der letzten Tage. Stevan hat  mir sein neues Buch geschickt. Es heißt Schlaraffenland. Und der Offbeatkönig der deutschen Foodblogprominenz parliert darin 15 Geschichten lang beiläufig pointiert, farbenfroh und sinnenreich, zischend heiß und wohltemperiert. Mit Herrn Paul würde ich schon mal gerne die eine große Wassermasse schwimmend durchschneiden. Denn „Wellenreiter“  heißt die Sieben-Seiten-Geschichte, die mich am tiefsten berührt. Da findet einer zurück in sein Element und weiß doch nicht warum. Trinkt mittags Bier in südlicher Sonne und labt sich an deliziösem Strandbudenkram. Urlaub scheint erst kein erholsames Konzept für ihn. Bis er wieder Kind wird, ganz leise und unvermittelt. Ist das Leben ein Traum, wenn es gelingt?

Diese Frage war mir Lesequintessenz. Ich spüre ihr nach, als gerade Fisch und Calamares und Kichererbsen und Lorbeer in Pfannen brutzeln – die Rezepte im Buch erscheinen auf den ersten Blick mehr Pflichterfüllung und Verlagsbefriedigung. Erst das Schmecken gibt dann aber den Blick frei auf die zweite Ebene dieser Gaumenliteratur. Da ist einer mit sich im Reinen und lässt uns teilhaben an seinem Blick auf die Dinge. Nicht alles ist mir gleicher Kitzel, manche Idee verfliegt zu schnell im Abgang. Und doch ist das ein gutes Buch. Denn es ist mit Liebe gemacht. Lasst es Euch schmecken!

(Über Wodka wollte der Autor schon nicht im sozialen Netz mit mir streiten – diese Dinge seh ich fürwahr anders. Doch: Geschenkt.)

Stevan Paul
Schlaraffenland

mairisch verlag, 2012

Mehr von Herrn Paulsen: nutriculinary.com


Ein dunkler Teller, urbane Verwerfungen und die Kinder der Sonne

Wär ich Profi oder Künstler gar, machte ich mich selbständig als Fotograf unscharfer Bilder und gäbe meinem Geschäft einen Namen wie Studio Braun. Dieser Gedanke verfing sich just im Netz meines kreativen Überflusses. Zu viel der Eindrücke, Überfluss an Erlebtem – kaum geeignete Ventile. Beginnen jedoch wollte ich mit der Stadt. Zu Kulinarik und Popkultur später mehr.

Die ersten Tage war Köln wie ein wiedergeborenes Wunder für mich. Jeden Mittag eine halbe Stunde durch alte Quartiere vergangener Heimat nachspüren, Relikte zu finden und neues Altes, all das glich positivster Reizüberflutung. Dort gibt es immer noch die besten Falafel im Rheinland, hier leuchtet der verborgene Hinterhof wie eh. Der Typ hinter der Plattenladentheke ist ein anderer, sein Griesgram blieb. Ich freute mich am Überangebot an Biosupermärkten und an der beschwingten Dynamik der Menschen. Eine Woche später schon dachte ich: Warum haben die alle Flipflops an den Füßen, ist Stil ein Fremdwort für die Horden alternativer Technikjunkies? An jeder Ecke in ehemaligen Ladenlokalen Café-Schimären, vollgestopft mit Sperrmüll und mit Butterbroten und Kaffeemilch als einzigem Angebot. Ach ja: Mit absurden Limonaden in Flaschen, in die eigentlich Bier gehört, versuchen sie sich gegenseitig auszustechen. Ich gestehe, ich trank auch schon eine Art Rhabarberpunsch. Nur in die eklig grüne Imbissbude, in der Biofastfood im Intensivstationdesign feilgeboten wird, setzte ich keinen Fuß bisher. Dann lieber noch einen Windbeutel mehr in der Konditorei Wahlen. Da ist nicht nur das Interieur seit 60 Jahren unverändert, die Kundschaft auch.

In den letzten Tagen habe ich mir die Frage, warum die alle Berlin spielen am Rhein und Globalisierung und Gentrifizierung aus ihren Seminaren ins Straßenbild tragen, einigermaßen beantwortet. Ich aß einen Burger auf der Kyffhäuser Straße, medioker aber protzige zehn Euro teuer, eine mir bekannte Stadtmagazinschreiberin schwebte rein und wollte „ein Foto und zwei, drei kleine Fragen“ machen und stellen den Pseudopunks an der Friteuse – ließ sich aber abschrecken vom WDR-Team, das schon hinter der Theke den Verkehr aufhielt.  Die haben alle zu viel Vaihinger gelesen. Dessen Philosophie des „Als ob“ aber gründlich missverstanden. Halten sie für eine Anleitung zum Nachahmen abgelebter Trends. Die Suche nach dem Eigenen nie gelernt, Anstrengung immer als Leid empfunden. Kein Vermögen, Echtes zu erkennen. Den kleinen Kern immer vorzuziehen dem großen Tamtam? Der Mensch ist dumm und faul.

Einige wenige jedoch sind wahre Kinder der Sonne. Womit der Zirkel schwingt und ich Jaques Palminger of Studio Braun fame singen lasse:

„Fettuccini“ heißt das gerade erschiene Album der „Kings of Dubrock“ und ist tauglich nicht nur für den Tanzboden in der Klapse. Irre gute Popmusik.

Das dunkle Foto zeigt Dreierlei von der roten Beete. Müsst Ihr mir schon glauben, auch dass es vorzüglich schmeckte.

Dreierlei von roter Beete

Gekocht und gefüllt mit Ziegenfrischkäse aus der neuen Nachbarschaft und gratiniert, als Chips und schließlich ein großartig roter Brei, auf dem ein Quinoabällchen sich bettet. Der Brei war das Beste, eher ein zu flüssiges Püree. Bestehend aus dem Inneren der Beete mit Rieslingessig und Spätburgunder, Kardamom und Sahne. Ein paar weitere Würzzutaten. Feine Improvisation.

Wie das ganze Leben. Jeden Tag.


Holland. Köln.

Der Jahresurlaub dauert exakt zweieinhalb Tage. Ich bin so erholt wie nie. Mag daran liegen, dass die Erfindung des Erholungsurlaubs ein böses Teil aus dem an solcherlei nicht armen Schatz an Ausbeutungsinstrumentarien ist. Ferien sind also Opiumderivat für Unterwürfige. Und ich will ein tapferer Kämpfer sein in den nächsten 50 Jahren. Über eine solche Zeitspanne reichen die Pläne.

fischpasta

Es gab Nudeln, Bohnen und Fisch. Im Geschirr vom Franz. Und in Gedanken an Dich, Du abhanden gekommener Freund. Bist wegwohin. Und ich schwamm zwischen stinkenden Frachtern im öligen Nass. Brachte Gedanken nicht auf Punkte, nur Nasen in Gläser.

Heute dann: Köln. Schatzstadt. Das Herz fließt mir über. Bald mehr davon.


Uferlose Selbstkontrolle

Dieser Blog dient ja nicht selten halböffentlicher Vergewisserung meines kulturell-kulinarischen Selbst. Kochen mit Musik ist mehr Luke in’s Licht als Leitmotiv, eher Schießscharte denn Zielobjekt. Wirre Gedankenströme und formlose Fabulierwut nehmen noch jeden Kampf auf gegen Struktur und Sinn. Dahinter liegt nichts und darunter allenfalls ein Erdloch. Drumherum allerdings existiert seit kurzem eine Grenze. Ganz so uferlos werden die nächsten 50 Jahre nicht werden wie bisher, da ist ein Graben vor und einige Pfähle wurden gerammt ins Lebensglück. Als Stütze und Geleit. Die Erkenntnis, dass Beschränkung durchaus bewusstseinserweiternd wirken kann, ist nicht neu und doch wird sie hier zukünftig instrumentalisiert zum Glücke aller Leser. Sonntags kommt fürderhin nur Kuchen auf den Tisch. Wer am selben Platz nimmt, bleibt ein offenes Geheimnis.

donauwellenartig

Als Denkfabrik des deutschen Pop wird die Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.)  aus München nun schon seit über 30 Jahren beschimpft. Dass dabei immer wieder gute Alben von der Gruppe um Thomas Meinecke und Michaela Melian veröffentlicht werden, geht in der opulenten Referenzhölle bisweilen etwas unter. Auch das aktuelle Werk – „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ – schreckt mit Songtiteln wie „Eine Ohrfeige für Kurt Georg Kiesinger“ oder „Josephine Baker in Paris“ intellektuelle Feinmotoriker genauso ab wie Unbelesene. Ein Kunstbegriff, der sich dem Konsum verweigert, ist nun auch gar so neu nicht – überraschend ist jedoch, was hinten rauskommt. Denn bei aller repetetiver Transzendenz und Rhythmik im Gewand von Rock wird das eigentliche Lied ausgegraben. Angewandte Archäologie von und für Popisten. Während alle Abgänger der Hamburger Schule inzwischen offenbar im Mittelbau mediokrer deutscher Provinzunis vergammeln, geben die Leute von der Isar nunmehr Volkshochschulkurse in angewandter Lebenslust. Alsterwasser dient allenfalls technischer Brillianz (Studio, Master, Label: Hier funkeln die Nordlichter) – und alles fließt, auch in verschlickten Gräben drücke ich weiter auf die Tube mit Flussmetaphorik und backe:

Donauwellen. Denn es ist Kirschenzeit hier im Burgenland und Buttercreme ist wachsweich gewordener Punkrock. Dass bei Luftfeuchtigkeit tropischer Art Schokogüsse nicht so erstarren wie ich beim ersten live erlebten Karpfenkampf, tut dem Genuss keinen Abbruch. Die Eckdaten: Ein Pfund Butter, acht Eier, süße Kirschen, unzählige. 250 g Bitterschokolade. Dazu zwei Kuchengabeln und eine Kanne Räuchertee. Willkommen im Dienstbotenabteil eines hochherrschaftlichen Zwischenreichs.


Stielmuscrespelle mit Kirsche

Die rheinische Variante der cima di rapa findet auch in Holland und in der Schweiz als Rübstiel in der bodenständigen Küche Verwendung, bei uns heißt der Stängelkohl Stielmus. Wohl weil die Rübsenblätter und -stiele traditionell zu einem homogenen Matsch zerkocht wurden, allenfalls mit Salz, Pfeffer und Kümmel gewürzt.  Ich habe solcherlei als Kind selbstverständlich abgelehnt, ja gehasst. Nur wegen der selteneren Verfügbarkeit konnte ich keine Analogphobie zu der gemeinen Möhre entwickeln.

Das Grünzeug lässt sich allerdings auch zubereiten wie Mangold. Nur den säuerlichen Geschmack muss man mögen, oder eben gut einbinden in eine Gesamtkomposition. Mit Hilfe einer ordentlichen Menge Ziegenfrischkäse beispielsweise. Dazu habe ich Pfannkuchen gebacken und ein Tomatensugo gekocht. Crespelle funktionieren selbstverständlich auch ohne Mangold/Spinat und Ricotta und Crêpes.

Stielmuscrespelle

Und die Kirsche? Kommt aus Schweden. Und heißt ursprünglich Neneh Mariann Karlsson. Besser bekannt als Neneh Cherry, benannt nach ihrem Stiefvater, dem Jazzmusiker Don Cherry. Ihr Debutalbum aus dem Jahre 1989 ist ein Klassiker des Hiphop-Jazz-Pop, nicht nur des Tophits Buffalo Stance wegen. Neneh hat auch davor schon bei extrem spannenden Projekten mitgewirkt, wie zum Beispiel der Postpunkcombo Rip Rig + Panic. Kollaborationen gab’s mit Massive Attack, The The oder Youssou N’Dour (7 seconds).

Seit 16 Jahren hat Neneh nun mit The Cherry Thing ein neues Soloalbum veröffentlicht. Zusammen mit dem norwegischen Jazztrio The Thing ist ihr ein rhythmisches Meisterwerk gelungen, die Lust an der großen Pose ist zumindest ansatzweise zurückgekehrt und es werden wieder Melodien gewagt. Mein Sommeralbum!

Ob Frau Cherry Weißwein mag, ist nicht überliefert. Zu Musik und Rübsen passt allerdings bestens Moselwein. Ein Riesling von Winzerblogger und Mit-Vinocamper Harald Steffens aus Reil: 2011er Reiler Goldlay Riesling Kabinett trocken.


Texanische Fleischhändler, ein Rauchbefehl sowie Nudelbohnen

Als Alternative-Bluegrass-Band aus Austin, Texas, sind die Chancen nicht besonders groß, über regionale Grenzen hinweg eine gewisse Bekanntheit zu erlangen. Den Meat Purveyors ist es dennoch gelungen, indem sie den breitesten Pfad der musikalischen Popkultur beschritten haben:  den des Imitats, der Interpretation, der Aneignung fremden Geisteseigentums. Coverversionen sind bei Connaisseuren der trivialen Sangeskunst hoch in der Gunst, immer schon. Abseitiges zumal. Wenn also Countrypunks ein Madonnamedley einspielen, bei dem der Backfischklassiker „Like a virgin“ die Hauptrolle spielt, sind ihnen Zuhörer gewiss. Mir begegnete die liebreizende Schrammelei vor Jahr und Tag auf dem famosen Bloodshot-Records-Sampler „Making Singles, Drinking Doubles“ (der im übrigen ein ganzes Arsenal vorhält an Popperlen der seltsamsten Art). Warum ich das erzähle und mal wieder den kulinarischen Genuss hinauszögere? Genau darum erstens und zweitens zwecks Konterkarierung des gesündesten italienischen Küchenklassikers, pasta e fagioli. Also fordern die Fleischhändler in einem anderen Song erst einmal zum Rauchen auf:

Frische Brech- und Saubohnen ganz ohne negativen Beigeschmack zu kombinieren – dazu noch getrocknete Weiße und trockene Nudeln – ergibt einen wahrlich wuchtigen Eintopf. Besonders wenn das Ganze auf Basis einer selbstgemachten, frischen Gemüsebrühe mit Möhren und Stangensellerie stattfindet. Die Bohnen blanchiere ich – jede Sorte für sich – nacheinander im immer selben Salzwasser, in das hernach auch noch die Nudeln geschüttet werden. Die Bohnen schrecke ich ab, der Farbe wegen, führe dann, wenn die Pasta gerade so Ihrer Härte verlustig gegangen ist, alles im Brühetopf zusammen.  Einige kleingeschnittene Salbeiblätter hinzu und eventuell geriebenen, harten Käse darüber. Ich hatte noch Sbrinz, der passte. Dazu trank ich ein Glas Quittensaft und fühlte mich wie der gesündeste Mann der Welt. Für einen Moment.

pasta e fagioli

„The Madonna Trilogy“ haben die Meat Purveyors übrigens ursprünglich 1999 eingespielt und als Single veröffentlicht. Legal online ist der Track einzeln nicht frei verfügbar, aber als sechstes Stück eines recht guten Mixes auf mixcloud.


Okonomiyaki ist keine Pizza

Japanische Pfannkuchen nach Osakaart aß ich kürzlich im bisher noch von jeglicher Gentrifizierung weitgehend verschonten Teil von Düsseldorf-Oberbilk. Auch wenn das überaus freundliche japanische Paar hinter der Theke seinen Imbiss Fuga als „Japanische Pizzaria“ tituliert, handelt es sich bei der Hauptattraktion des kulinarischen Angebots eher um einen Gemüsefladen. Okonomiyaki sind Pfannkuchen, die in Japan in der Regel auf dem Teppan zubereitet werden, hier aber tatsächlich aus einem alten Pizzaofen kommen.

okonomiyaki

Der Teig besteht aus (Weizen-)Mehl, geriebener Yamswurzel, Eiern, Weißkohl, Sprossen, Ingwer, Tenkasu und Dashi. Eine große Varianz an weiteren Zutaten steht zur Wahl: Verschiedene Gemüse, Meeresfrüchte, Käse gar. Diese werden, nachdem der Teig in die Pfanne geflossen ist, obenaufgedrückt. Bei großer Hitze wird nun von beiden Seiten wenige Minuten gebacken, dann werden die Fladen komplett mit der dazugehörigen süßen, braunen Sauce eingepinselt und wandern nochmals kurz in den Ofen.

Wie genau der Zubereitungsprozess abläuft, lässt sich hier nachvollziehen:

Angerichtet wird auf verschiedene Weisen: Zum Beispiel rustikal in der Wokpfanne mit japanischer Mayonnaise garniert (links im Bild die Meeresfrüchte-Variante) und mit Katsuobushi bestreut oder etwas feiner eine vegetarische Okonomiyaki mit scharfem Ingwerdip. Beides schmeckte vorzüglich – anfängliche Skepsis wurde nicht bestätigt. Im Gegenteil: Okonomiyaki sind wunderbares Soulfood.

Aktuelle Informationen gibt’s übrigens stets im Fuga-Blog.