Die Heiterkeit der Radieschen

Alles ist so neu und aufregend. Blumen pflücken am Kanal. Bier trinken in der Bar. Herz aus Gold wird das im August erscheinende Album der Hamburger Band „Die Heiterkeit“ heißen. Alles ist so neu und aufregend.

Jedoch habe ich Radieschen gepflückt. Weil es ein frisches Frühlingsgericht geben sollte mittags, Chicorée und Gurken waren zur Hand, ein Löffel Creme double in Reichweite. Ein leichter Silvaner aus dem rheinhessischen Hügelland am Herd und auf dem Tisch. Werden Radieschen im Wok gegart und mit Rahm gefeiert, wird Schärfe mild und Farbe warm. Keine Gewürze außer Salz und etwas amalfitanischer Zitronenschale.

heitere Radischen

Dann gab es da noch ein heiteres Sommerwochende in Berlin. Bonner Pläne am Rande der Realität. Fisch in Frankreich. Brügger Bier. Musik und Menschen. Drogen und Psychologen. Bald mehr davon.


Surrogate

Zu viel führt zu nichts. Dies gilt mindestens für meine schreiberische Produktion. Der Blog wird blockiert durch’s pralle Leben, das mich mitreißt momentan. Damit aber die werte Leserschaft nicht am kalten Truthahn leidet, pflege ich einfach kurzerhand das Netzwerk. Und poste ein paar Links zu Artikeln, die ich las dieser Tage – und die mehr sind als rhetorisches Füllsel für mein schöpferisches Vakuum.

Dank Christian Ihle vom TazBlog Monarchie und Alltag habe ich gestern den Schweden Philip Karlberg entdeckt. Er fotografiert Essen auf Platten. Stevan kommentierte treffend: „Drei Lieblingsdiszplinen in einem!“

Warum ich Führer kategorisch ablehne, hat nur bedingt mit meiner rheinischen Herkunft zu tun. Dass in Zeiten von vernetzter Meinungsmacht und -mache aber ganz besonders überkommene Exzentralorgane aus Kulinarik und Weinwelt zunehmend obsolet werden – dafür liefert Dirk mal wieder ein hinlängliches Indiz.

Eine Radtour in den Teheraner Container-Hafen, das Sortieren der Weinkorken-Sammlung und einen Königsberger Philosophiealtmeister im Krautsalat kann schlüssig und stringent nur einer in einem Blogpost zusammenbringen: Der Magister aus Duisburg.

Nach Moabit führt mein Weg in den nächsten Tagen. Was kann es schönres wie hilfreichres geben zur antizipatorischen Imagination als den Stadtteilblog von Freund Vilmoskörte?

Seit gestern bin ich Freund und Förderer von byte.fm. Warum erst jetzt, weiß ich eigentlich auch nicht.  Seit Jahr und Tag machen die Hamburger DAS popkulturelle Qualitätsradio.

Ich bin kein Frühstücker. Wenn aber doch, dann richtig. Englisch zum Beispiel. Wie das eigentlich korrekt funktioniert, bloggt der Guardian dieser Tage in seiner immer lesenswerten Rubrik „How to…“.

Gestern gab’s Suppe. Zu der mich Pam inspirierte. Nicht diätetisch, aber das Rezept versprach einen aromatischen Blick neben die Spur, Blumenkohl nordafrikanisch. Nicht nur für eingefleischte Vegetarier (okay, spätestens an diesem Formulierungspunkt merke ich, dass ich etwas außer Form bin). Dazu übrigens: Biosilvaner aus Guntersblum, vom Schnell.

Warum die Debatte um’s Urheberrecht von der katholischen Kirche gesteuert wird und Internetbashing häufig vatikanisch konziliant daherkommt: Dies weist Berthold Seliger auf dem immer großartigen Blog seiner Konzertagentur nach.

Die Sonne ist übrigens Schweizerin. Und heißt Claudio – zumindest gilt dies für die dieswöchentliche Fleischeslust. Danke.

Die Zukunft wird golden sein. Unterm Pflaster liegt der Strand. Und jetzt: Musik.


Aus Gründen: Astrid, das Geschäft und Du

Mal abgesehen davon, dass ich seit Tagen ein grenzdebiles Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekomme – aus Gründen, die nichts mit dieser meiner Internetexistenz zu tun haben – ertappe ich mich zudem permanent beim selber Kneifen, weil Wunder geschehen. Als ausgebildeter Agnostiker sind mir Zweifel Fluidum und Odem zugleich. Doch weil ist, was sein kann und die Möglichkeit besteht, dass Dinge mehr wiegen als sie scheinen, ist auch das absolut Positive denkbar. Manchmal gar Wirklichkeit.

Jetzt wird es fürchterlich konkret, eigentlich ja so gar nicht meine geistige Baustelle. Zum Beispiel Werbeblöcke: Braucht doch kein Mensch, denken alle, die denken. Doch es gibt Ausnahmen: Seelensachen. Ein Buch zum Beispiel, das entstanden ist mit Tinte aus Herzblut. 279 Seiten, auf denen sich ein Mensch erst nackt in den Wind stellt und dann, ein lukullisches Sittengemälde malend, an Transparenz gewinnt um schließlich in scharfen Konturen vor mir zu stehen. Jetzt ist er völlig übergeschnappt, Hormonschwankungsopfer? Ja und nein. Ich mag ja eigentlich keine Foodblogs. Und ich verehre Astrid. Zwei Tatsachen, die jeder kennt, der diesen Blog liest. Nun ist zur Verehrung auch noch Fantum gekommen: Frau Paul, ich verneige mich tief vor Ihnen und bedanke mich für einen Titel, der geschrieben werden musste. Um der Welt da draußen unter den Nachttischlampen und auf Parkbänken einmal und endlich zu erklären, was die da so treiben, diese Blogger; warum und wie. Und wer Du wirklich bist, ganz eigentlich. Dass da Mut und Kraft sind, war doch klar. Dass das Feuer jedoch so leidenschaftlich brennt, lässt sich nun auch nachlesen in „Arthurs Tochter Kocht – Mein B_Logbuch“. Ach ja, gutes Essen spielt am Rande auch eine Rolle.
Also: Kaufen, lesen!

Das war nicht der einzige Blitz, der mir eine Nacht erleuchtete. In dieser Woche wurde ein Sehnen beinahe vollendete Realität: die Idee einer kompletten beruflichen Neuerfindung im Gesamtkontext Genuss nimmt konkreteste Formen an. Keine Bange, ich werde nicht wie Arthurs Tochter kochen oder kochen lassen oder dahingehend beraten, na ja, letzteres vielleicht irgendwie doch. Es ist komplex und spannend und ein wenig irre – sobald die Tinte trocken ist, mehr davon, hier.

Das wichtigste zum Schluss. Du! Danke.


Vinocamp 2012 – eine Abrechnung

Ich bin im weitesten Sinne Weintouristiker. Mein absolut laienhafter Zugang zu der Thematik besteht also darin, dass ich viel Wein trinke – aber in der Regel nur solchen, dessen Herkunft ich tatsächlich erfahren habe. Ich setze mich mich dann jeweils auseinander mit An- und Ausbau – und besonders mit den Menschen dahinter, die als Bauern oder Macher für ihre Babies brennen. Bin ich entflammt, blogge ich darüber, hier, ganz subjektiv. Verkostungsnotizen halte ich nicht für bloggerischen Rock’n’Roll.

Weder journalistisch noch als PR-Mensch bin ich involviert ins Weingeschäft. Mein professionelles Tun findet auf diesem Blog keinen Widerhall. Ich fühlte mich somit etwas verloren auf dem zweiten Vinocamp Deutschland am letzten Wochenende, in Geisenheim im Rheingau. Ein Großteil der Teilnehmer verdient seine Brötchen rund um’s Thema – oder würde es gerne.  Viele verstehen die Veranstaltung als digitalen Branchentreff. Tatsächlich mutet das ganze an wie ein closed shop, wahrscheinlich trifft sich ein Großteil der Leute in dieser Zusammensetzung auch auf Messen, Verkostungen, Weinfesten. Und überhaupt sind offensichtlich die meisten Menschen, die ihre ganze Leidenschaft in Wein stecken, in der Regel durch und durch wertkonservative Typen. Trotz manch aufgesetzter Punkattitüde. Ihnen fehlt schlicht ein ganzheitlicher Lebensansatz.  So kam nicht nur die Kulinarik zu kurz in Geisenheim. Und dann schon wieder eine Party in diesem Poserparadies, wo besserverdienende FDP-Wähler ihrer Zeigefreudigkeit freien Lauf lassen.

Die paar Blogger, die dann doch da waren, dachten nur darüber nach, wie sie ihre Passion – man ahnt es schon – kapitalisieren können. Ich war ernüchtert und verwirrt – so dass ich meine eigene vorbereitete Session  nicht gehalten habe.

Das Vinocamp 2012 war eine großartige Veranstaltung, natürlich. Ich wusste ja was mich erwartet, ich habe einige tolle Menschen wiedergetroffen und zwei bis drei neue kennengelernt. Ich habe großartige Weine probiert – gereifte Rieslinge, Schampus, Rote aus Séguret, Moselstoff – und viele spannende Sessions mitgemacht. Rebschnitt, Côtes du Rhône, Madeira, Weinfehler, Steillagengeschichten, unter anderen. Ich habe soviel gelernt, dass mir immer noch der Schädel brummt.

Die Organisation war perfekt und der bedingungslose Einsatz aller Helfer beschämt mich auch einen Tag danach noch. Ich habe so wenig zum Gelingen beigetragen. Andererseits hätte ich manches eben anders gemacht, besser wahrscheinlich nicht. Die Teilnehmerschaft war ein bunter Haufen. Am Ende habe ich selbst die gemocht, die ich nicht mag, irgendwie. Ich war versöhnt, weil das Positive überwog. Ich sehe viele Gefahren, weil ich Phänomene beobachten konnte, die ich aus meiner Berufserfahrung im Bereich der strategischen Öffentlichkeitsarbeit kenne. Ich weiß aber, dass die beiden Macher – Thomas und Dirk – dafür sensibilisiert sind. Die beiden Typen sind übrigens einzigartige Enthusiasten.

Womit ich zum Wichtigsten komme: Alle, die ihr nicht da wart, kommt zum Vinocamp 2013. Besonders dann, wenn ihr keine Profis seid, sondern schlicht Weine liebt und Euch als Netzbürger einer gewissen Multiplikatorenfunktion verpflichtet fühlt. Dann wird die Chose Fahrt aufnehmen und der Kahn in die richtige Richtung segeln. Ich werde da sein – nehmt’s als Drohung!

(Bilder spare ich uns, die hat Andreas Baldauf zu Hauf. Eine Übersicht aller Berichte zum Vinocamp findet sich im Wiki.)


Gen Süden – #vcd12

Ein Barcamp also. Hedonistische Netizens treffen sich zum Umtrunk im Rieslinghimmel. Über 100 Weinfreaks und Internetjunkies reisen heute gen Geisenheim, um pünktlich morgen um 8 das Vinocamp 2012 zu beginnen. Ich freue mich auf einen Haufen vinophiler Selbstdarsteller, spannende Sessions und eine herrliche Vielfalt an Social Tastings. Ich komme, um Freunde zu treffen, und vor allem: zum Lernen.

Vinocamp 2012

Dass Wege oft schon zum Ziel gereichen, wird sich heute fügen – dessen bin ich mir sicher. Bilde ich doch zusammen mit den Herren von allem Anfang und originalverkorkt eine formidable Fahrgemeinschaft. Dazu Sommersonnenschein in der Märzmitte und die Vorfreude auf einen Einstimmungsabend im Alten Rathaus in Oestrich. Gerade noch zwei Lieblingsrieslinge und einen alten Franzosen verstaut und jetzt südwärts.

Wie schon im letzten Jahr wird hier in den nächsten Tagen alles zum subjektivsten Eventblog der Weinwelt. Da müssen alle Foodies und Popkulturfetischisten tapfer sein. Einen weiteren Mehrwert wird es auch geben, habe ich mich doch entschlossen, selber eine Session anzubieten. Ich werde berichten.


Lammhüfte, Orangenbulgur und Bratsalat oder Die Gefahr aus dem Osten

An einem dunkelgrau verregneten Sonntag in irgendeinem Frühling Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts aß ich das erste Mal Salat nicht als Rohkost. Diese kulinarische Entdeckung empfand ich damals nicht als solche, war sie doch schlicht einer Notlage geschuldet – Gemüse war aus. Ich war Gast bei einer Punkband in Ostberlin und wir hatten Hunger und Kartoffeln, Eier und eben: Salat. Der landete  unversehens im Alutopf, es roch abscheulich.

Doch wurden wir satt, das war der erfreuliche Teil der Geschichte. Alle wurden immer satt in der DDR. So schlecht war’s doch gar nicht.
Kurz nach dem Mauerfall bin ich in Dresden dem Sensenmann mehrfach nur knapp aus dem Radius gelaufen. Renntrabbis machten Jagd auf temporär gehbehinderte Wessihippies. Ein Jahr später auf Usedom war alles in Klump gehauen. Die schöne neue alte Kaiserbadromantik gab’s nicht mehr und noch nicht wieder, nur Nazibanden, kahlgeschorne Vollidioten, die uns hetzten zwischen Ückeritz und Heringsdorf. In Weimar habe ich mir bei einigen Besuchen zwischen 92 und 94 beinahe eine Staublunge geholt. Nachdem uns dann die WG-Karre verreckt ist, irgendwo in einem finstern Tal des Thüringer Walds, wir fast erfroren wären ob multipler unterlassner Hilfeleistung, habe ich meine Ostambitionen gegen Null gefahren. Gewissermaßen dem Selbsterhaltungstrieb gehorchend.

Als Niederrheiner habe ich im Herzen mehr Holland als Sachsen, zugegeben. Doch im Magen möglichst immer nur das, was schmeckt. Ich musste an die Jungs von der Band denken, deren Namen ich verdrängt habe, als heute die Romanaherzen in der Pfanne zischten. Und an Hamburger Helden, die ebenfalls schon Ende der 80er wussten: Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs!

Inzwischen kenne ich das Leben. Ich bin im Kino gewesen. Habe mit Peter Hein Kebap gegessen. Und überhaupt niemals vergessen, zu essen. Deshalb koche ich jeden Tag und lege gewöhnlich die passende Langspielplatte auf den Dualteller. Zur Hüfte gab’s heute einen Marsalajus, auch der Rest war sehr sizilianisch. Ich hatte passende Orangen bekommen. Marinierte den warmen Salat in entsprechendem  Saft und rieb einem Haufen Schalen in die Grütze.

Inzwischen war ich wieder ein paar Mal drüben. In Leipzig, Bautzen, Cottbus. Habe mich im Erzgebirge verlaufen und mir den Magen verdorben auf Hiddensee. Das Nachtleben in Frankfurt/Oder gesucht. Und natürlich Utecht besucht. Ist schön da. Kaum Menschen.  Kein Restaurant. Musik schon gar nicht.


Goldrausch

Jetzt hätte er mich fast soweit gehabt! Zum Glück erinnerte ich mich aber rechtzeitig an Dawson City.

Tom Liwa hat ein neues Album veröffentlicht. Vielleicht sein bestes. Wie immer schon wünschte ich ihm eine wahre Flutwelle an medialer Reaktion, Fanstürme, platinfarbene Schallplatten gar. Er singt aber schlicht vom Leben, immer im Fluss, in 891 Songs zum Goldrausch. Ich muss weinen, wenn ich diese Lieder höre: Yoyo, Günther geht – Anna kommt, Heideblume. Die Stimme von Tom aus Duisburg, eine Ukulele – Seelenmusik. Seit nunmehr 25 Jahren schon liebe ich diesen Mann.

Aber nein! Eine Albumrezension schreibe ich ihm nicht. Das Kapitel ist beendet, das Buch zu. Gerade für Lieblingsmusiker will ich nur noch Fan sein – Kritikaster nimmermehr. Plattentesten tun Leute wie Oliver, zuverlässig und gut. Wo der Klondike in den Yukon mündet, besser gesagt ein paar Meilen entfernt, am Bonanza Creek, stieß Skookum Jim Mason (Keish) am 16. August 1896 auf Gold, wahrscheinlich zusammen mit seiner Schwester, Shaaw Tláa; beide vom Volk der Tagish Khwáan. Vor 20 Jahren lief ich ein Stück des legendären Chilkoot Trails, der die Pazifikküste bei Skagway/Alaska mit den Schürfgründen verband. Auf über 3525 Fuß Höhe türmen sich die Coast Mountains auf – in den drei Jahren der legendären „stampede“ quälten sich über 100.000 Glücksritter über den Pass, unzählige blieben dabei auf der Strecke.

Heute ist das ganze leider etwas profanisiert. Outdoortourismus boomt. Sowohl die US-Amerikaner wie die Kanadier haben das Gebiet zur National Historic Site erklärt und die Marketingmaschinen laufen heiß. Schon am ersten Goldrausch haben nicht die Leute verdient, die am Ende glücklich waren, einen jämmerlich kargen Claim abzustecken um sich hernach monatelang durch den Permafrost zu quälen. Sondern das Kapital: Whiskeyfabrikanten, Dosenbohnenhersteller, fliegende Händler und Zuhälter. Und wer heute durch Dawson läuft, hält Disneyland wahrscheinlich für eine Konsumwüste.

Dann doch lieber wie Tom Liwa von Honig und Laub singen, Krähen zählen, einem verlorenen Wochenende nachspüren. Seine goldenen Räusche sind wie fliegende Teppiche der kleinen Kunst. Vielleicht was leuchtendes dazu kochen? Gülden? Musik auf dem Teller könnte so aussehen:

Risotto con ragù di pesce

Risotto con ragù di pesce