Pirohy, Mannwerk und kein Calvadoshuhn
Veröffentlicht: Februar 21, 2012 Abgelegt unter: Kulinarik, Wein, Weltweit | Tags: Bryndza, Bryndzové Pirohy, mannwerk, mosel, Pirohy, Riesling, Slowakei, Spisska Bela, st. aldegund, Tatra 3 KommentareMal wieder Schneeregen. Und Karnevalskälte. Daher schafft es weder das gestrige Calvadoshuhn noch der Couscous nach Arthurs Tochter Art vom Samstag in diesen Blogpost. Obwohl beides formidabel war, keine großen kochtechnischen Herausforderungen, aber Gerichte mit Soulfoodpotential. Doch mit eben zuviel Sonne im Herzen. Seelenbalsam ist mir bei der momentanen Witterung eher Bergvolkskost. Ein Gericht, dass so oder so ähnlich auch in der östlichen Alpenregion oder längs der Karpaten zubereitet wird. Ich jedoch aß das Kalorienkonzentrat erstmals zu Füßen der Hohen Tatra im slwowakisch-polnischen Grenzgebiet: Pirohy mit Bryndza, braunen Butterzwiebeln und saurer Sahne (Bryndzové Pirohy).
Kein ausgelassener Speck obenauf, dafür reichlich Schnittlauch in die Füllung. So habe ich es bei der Mutter von Z gesehen, in Spisska Bela. Und wie andere slowakische Kulinaria auch schon beschrieben – aber eben nicht zubereitet.
Der Teig besteht je zur Hälfte aus gekochten Kartoffeln und Weizenmehl, dazu ein Ei. Die Füllung kann purer Schafsfrischkäse sein oder eine Mischung mit noch mehr Kartoffel und eben Schnittlauch. So hielt ich es und war vom Ergebnis begeistert. Die Zwiebeln werden in reichlich Butter und bei nicht zu großer Hitze ganz langsam gebräunt. Die saure Sahne etwas gesalzen und aufgeschlagen.
Zurück zum Huhn:
Gestern probierte ich zusammen mit A den 2010er Mannwerk. Dank nochmals an Marqueee für die Flasche Riesling Alte Reben aus dem St. Aldegunder Himmelreich!
Mir gefiel das dominante Säurespiel ausnehmend gut – weil auf der anderen Seite Leichtigkeit und Wucht einen hübschen Zweikampf ausgefochten haben. Ich könnte nicht sagen, wer als Sieger das Glas verlassen hat. Gewonnen haben aber auf jeden Fall die Trinker. Verloren hingegen ein spontanes Foodpairing. Das Calvadoshuhn starb zum zweiten Male. Da noch ein Glas in der Flasche ist, gibt es heute einen zweiten Anlauf. Gegner: Grühnkohl, klassisch! Obwohl ich eigentlich schon weiß, dass der Männerwein ein Sologetränk ist.
Uerdingen, die französische Hochküche und eine gewisse Todessehnsucht
Veröffentlicht: Februar 11, 2012 Abgelegt unter: Kulinarik, Niederrhein | Tags: chopelin, dujardin, Uerdingen 7 KommentareDas Leben ist endlich, glücklicherweise. Nur endet es in vielen Fällen unpassend; zumindest was den Zeitpunkt angeht. Mir wird allerdings die Gewissheit, dass die Menschen immer älter werden, zunehmend zur Bedrohung. Das ist kein vages Gefühl, sondern eherne Überzeugung: Früh stirbt sich besser. Auch unter ästhetischen Gesichtspunkten ist beizeiten durch den Jordan schwimmen ein durchaus zu begrüßender Umgang mit der Thematik. Doch bevor jetzt jemand wahllos Notrufnummern in die Tastatur eines Telekommunikationsgeräts drückt – ich bin des Lebens nicht müder als an anderen Tagen, an denen ich gut zu Mittag aß, die Sonne schien und ich die wohlig-dämpfenden Auswirkungen latenten Schlafmangels bestaunte an einem Organismus, der ansonsten pulsiert vor Energieüberfluss. Nächste Woche ist Karneval, da wird der Winter ausgetrieben, das Jahr hat bisher schon mehr Versprechungen gemacht, als es wird halten können. So mag ich’s gern – vielleicht war ich nur zwei, drei Male zu häufig in den letzten Tagen in Uerdingen.
Meine Lieblingsrheinpromenade liegt ebenda. Zwar nur 300 Meter lang zwischen Industriehafeneinfahrt und Bayerwerkstor (was zugegeben halb gelogen ist) – aber nirgends sonst gehen Schifffahrtsromantik, kulinarische Ambition und urbane Agonie eine innigere Verbindung ein. Krefeld als Arbeiterstadt zu beschreiben, ist ja schon ein höhnischer Euphemismus. Uerdingen war einmal eine linksrheinische Blüte der schwärenden Pflanze Ruhrgebiet, wandelte sich in den letzten Jahrzehnten jedoch rasant zur soziokulturellen Wüstenei. Ich mag das Morbide, vieles hier gemahnt mich an eine Vielzahl von osteuropäischen Metropolen kurz nach dem Mauerfall. Selbst den Geruch dort habe ich geliebt.
Inzwischen wird nicht mal mehr schlechter Weinbrand produziert in der Rheinstadt. Dafür haben Künstler Einzug gehalten in den Gebäuden der ehemals größten Brennerei Deutschlands. Und im Innenhof von Dujardin versteckt sich Sommers ein wunderschöner Biergarten. Doch was wirklich beachtenswert ist: Es lässt sich vorzüglich speisen – jeweils einen Steinwurf voneinander entfernt befinden sich drei der besten Restaurants des linken unteren Niederrheins. Der transasiatischen Küche der Familie Nguyen huldigte ich bereits, das La Riva mitsamt superber Fisch- und Weinkarte folgt demnächst. Heute dafür einige Worte über ein relativ klassisches französisches Etablissement: Das Chopelin im Casino. Lange habe ich das Lokal ignoriert, leide ich doch unter gut ausgeprägten Berührungsängsten mit der französischen Hochküche. Doch ein Vinocamper aus dem Rheingau legte es mir derart eindringlich ans Herz und empfahl mich der ihm befreundeten Betreiberfamilie – dass es nun auch um mich geschehen ist. Ich bin endgültig für jegliches Mittelmaß verloren.
Die Kochleistungen in Bistro und Restaurant sind genauso klassisch wie großartig innovativ, die Aktionen kreativ und überaus erschwinglich. Die Atmosphäre ist durchaus kommunikativ und weit entfernt von steifer Förmlichkeit oder hochnäsiger Noblesse. Der exzellente Service trägt einen großen Teil dazu bei. Die Lage ist ein Traum und ich freue mich jetzt schon auf den Sommer – die repräsentative Terasse trohnt überm grauen Strom. Komplett macht den Genuss jedoch der Kontrast, den beim Verlassen der Eintritt in die real existierende, postindustrielle Umwelt bietet. Ich halte ein gewisses Maß an Todessehnucht in diesem Zusammenhang für absolut angebracht. Der Soundtrack zum Ort kommt ganz eindeutig von Joy Division.
Graupen und Rüben
Veröffentlicht: Februar 4, 2012 Abgelegt unter: Kulinarik | Tags: Gerstengraupen, Graupen, Rüben, Rote Beete, Steckrüben, Ziegenkäse 10 KommentareDa der Tag extrem sexy begann – mit Discofunk aus Lagos im Bademantel – musste mittags mal was Bodenständiges folgen. Regional, saisonal, natürlich – das können die Leute nicht nur im Norden. Von der Scholle in den Topf – so koche ich gerne. Nicht immer esse ich die Ergebnisse mit gleicher Freude, zugegeben. Aber es finden sich meist Begeisterte. Und satt wurde auch ich, von einer lustigen Mischung aus groben Gerstengraupen, Steckrüben und frischem Ziegenkäse.

Grobes Gerstengraupengericht im Garten
Gedanken an Mutters Graupensuppe bringen mich noch heute um den seltenen Nachtschlaf. Eine schleimige Aromenwüste erinnere ich, die Absenz jeglicher Frische und die Konsistenz von Tapetenkleister. Da aber wahrscheinlich die gemeine Graupe gar nichts dafür konnte, dass mir in unseeliger Jugendzeit der Gaumen verschmiert wurde, gab ich ihr heute – nach kurzem Besuch im Reformhaus (Hit and run! Warum Reformhäuser üble Orte sind, weiß ein jeder mit sinnlichem Restempfinden!) und längerem auf dem Markt – Ausbeute: eine Steckrübe, einige Rote Beete und Suppengrün – eine erneute Chance.
Ich tat dies: Gemüsesuppe gekocht, um Brühe zu erhalten, mit der ich dann die Graupen aufgesetzt habe und circa 30 Minuten weichgekocht. Währenddessen in der Restsuppe Teile der Rübe garziehen lassen. Zuvor hatte ich jedoch die Beete in Alufolie gewickelt und im Ofen bei 160° zwei Stunden gegart. Ziegenfrischkäse von Konnen in Ziegenmilch aufgelöst. Gesalzen und mit einem Lorbeerblatt aromatisiert. Aus Rübe und Beete Kugeln gestochen und die Graupen mit der Sauce vermischt. Angerichtet und gegessen. Es gab ja nichts anderes.
Coeur de Pirate, Susanne Blech oder doch Princess Chelsea?
Veröffentlicht: Februar 3, 2012 Abgelegt unter: Musik | Tags: Chelsea Nikkel, Coeur de Pirate, Princess Chelsea, Susanne Blech Hinterlasse einen KommentarSeit Tagen höre ich zwei neue Alben, immer im Wechsel, bei unendlich scheinenden Autofahrten durch den niederrheinischen Eisnebel. Beide werde ich jetzt nicht weiter vorstellen, denn diese Zeilen habe ich heute für Prinzessinenmusik aus Neuseeland reserviert. Nur soviel: Coeur de Pirate heißt eigentlich Béatrice Martin, stammt aus Quebec – ich kenne sie seit 2009, als Julien Doré zusammen mit ihr Rihannas Umbrella-Liedchen nachsang – und ist mit ihrer aktuellen Platte „Blonde“ leider mehr im Chanson als im folkpunkigen Powerpop, den ich mir erhofft hatte , gelandet. Das zweite Stück heißt Adieu und gefällt mir dank eines gewissen Videowitzes noch am besten – ansonsten setzt aber das gemeine Musikmarketing ganz auf alte Franzosen mit Bärten als Käuferschicht – was dank Kindchenschema und Kulturradiosexappeal auch funktionieren dürfte. Selbst die Tattoos sehen aus wie gemalt!
Dass ich hingegen Susanne Blech liebe, erwähnte ich bestimmt schon. Mehr zufällig geriet ich letzten Sommer beim Juicy Beats Festival in Dortmund in einen Nachmittags-Rave dieser RheinRuhr-PartyGuerilla und kann mich seitdem des Reizes, den die Mischung aus Kirmestechno mit Pseudointellektualität auf mich ausübt, nicht entziehen. Triumph der Maschine ist ein (guter) Witz, Die Maschinen laufen heiß mindestens Video des Monats, und das Helmuth-Kohl-Sample nach dem gleichnamigen Track Meinungsmache für den Tanzflur.
Aber nun geht es ans andere Ende der Welt, nach Auckland. Vor acht Monaten bereits veröffentlichte Chelsea Nikkel als Princess Chelsea das Album Lil‘ Golden Book auf Lil‘ Chief Records. (Leider funktioniert das Einbetten des Albums nicht in allen Browsern – so verbirgt sich also hinter dem Link das komplette Werk zum Online-Anhören.)
Klassische Schlafzimmeraufnahmen, die den ganzen Charme des DIY atmen. Fluffige Melodien, hübsche Hooklines und Texte irgendwo zwischen Non- und Common-Sense. Die Wege der Popkulturrezeption sind ja bisweilen reichlich verschlungen: Ich stieß auf die Neuseeländerin, weil sie in einem Interview als einen ihrer Haupteinflüsse Fred Coles Dead Moon anführte. Auch wenn von deren Garagepunksound wenig übriggeblieben ist beim Synthiepop der Prinzessin: Die Garage kann man schon noch spüren. Auch und besonders bei ihrem allerersten Track, Monkey Eats Bananas.
Dass der immerhin nicht kleine Internethype, den ihre Single „The Cigarette Duett“ auslöste, keine Resonanz in Mainstreammedien fand, ist verwunderlich. Hierzulande wird der Song zwar im Qualitätsradio gespielt, findet ansonsten aber Widerhall allerhöchstens auf obsukren Blogs wie diesem.
Immerhin steigt so die Wahrscheinlickeit, dass Chelsea Nikkel mit ihrem Roland E-20 auch weiterhin aus ihrem Schlafzimmer heraus die Welt mit richtig guten Songs ein kleines Stück heller machen wird.
Gastrolyrik
Veröffentlicht: Januar 27, 2012 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik 7 KommentareDa Stevan heute nicht liefert, schüttel ich mal einen Reim aus dem Handgelenk (in Form einer 8, selbstverständlich):
Essen im Dunkeln
Dunkel war’s, der Mond schien helle,
schon beim Setzen zog ich mir ’ne Delle
zu am Knie. Und doch
strahlten alle sieben Sinne,
auf dass es endlich doch beginne,
die Völlerei im dunklen Loch.
Unsicht-Bar sind dort Konzept und Namen,
„Weniger ist mehr“ der Rahmen,
Sparsamkeit für Wirt und Gast.
Der Esser nimmt sich selbst die Sicht,
Der Wirt spart Personal und Licht,
bloß weg mit dem Ballast.
Große Tellerkunst ist eh passé,
Stromsparn gut für’s Renommee
Und ein Dritter freut sich auch.
Denn die beschädigte Patella ist
ein Fall für Knochenarzt und Physiotherapist
Außerdem schmerzt mich der Bauch.
Dass gute Nerven etwas Positives sind
lernt eines jeden Patriarchen Kind.
und bildet diese aus, ganz blitzgescheit.
Doch ist mir auf den Magen
der Geruch in dieser Kammer wohl geschlagen
zum Schmerz gesellte sich noch Übelkeit.
Bevor das Desaster zur Katastrophe ward,
hab ich mir den Rest dann schlicht erspart,
ergötzte mich an den Gebrechen.
Meine erste Blindverkostung kam mir in den Sinn
als Kölsch für Bier ich hielt, welch Gewinn
an Erkenntnis meiner Schwächen.
In Arabien aß ich mal ein Auge
und ne Zunge hier am Niederrhein.
Nasen kann man prima schmoren,
als Asiate oder Pfälzer, hauptsache sie stammt vom Schwein.
Doch sich etxra eines Sinns berauben,
steigert niemals nie Genuss.
Nur noch an die Dekadenz zu glauben
führt geraden Wegs zum Ende. Aus. Und Schluss!
(Anmerkung des Mittagspausenpoeten: Personen, Orte und Handlung dieser Verse sind frei erfunden.)
Blutiges
Veröffentlicht: Januar 25, 2012 Abgelegt unter: Kulinarik | Tags: Blutwurst, Himmel un Ääd, John Darnielle, Kartoffeln, Mountain Goats, rubinette, schwartenbrei, The house that dripped blood 4 KommentareEine handwerklich sauber produzierte, frische rheinische Blutwurst hat einen Schweineblutanteil von ungefähr 35 %. Die Konsistenz jedoch wird durch den Hauptbestandteil (40 %), die Gallertmasse – auch Schwartenbrei genannt – manifestiert. Dazu werden Schweineschwarten butterweich gekocht und dann mit Zwiebeln hübsch zu einer cremigen Masse gekuttert. Nun wird ebenfalls heiße Brühe untergerührt. Abkühlen. Und nachdem das Ganze dann weniger als 50° warm ist, kommen Blut und Gewürze hinzu. Gegebenenfalls werden kurz vor dem Einfüllen in die Därme noch kleingeschnittene Fettstücke untergemengt.
Ich esse oft Blutwurst. Doch seit dieser Abendesseneinladung habe ich vermehrt über Verpackungsmöglichkeiten für dieselbe nachgedacht. Schließlich bin ich gedanklich bei einer Variation des beliebten Themas „Himmel un Ääd“ gelandet – und habe gestern Abend den rheinischen Vierklang von Kartoffel, Apfel, Zwiebel und Blutwurst folgendermaßen umgesetzt:
Mehlige Kartoffeln gekocht, gepresst und mit einem Ei, Kartoffelstärke und wenig Weizenmehl zu einem weichen Teig verarbeitet. Mit Salz und Muskat gewürzt und für eine Stunde in den Kühlschrank gelegt. In der Zwischenzeit ein Kompott von roten Zwiebeln gekocht, mit braunem Zucker, Salz und etwas Nelke sowie reichlich Spätburgunder. Wenn der verkocht, mehrmals aufgefüllt und mit einem Schuss altem Balsamico abgeschmeckt. Frische, gut gewürzte Bioblutwurst in dicke und eine Rubinette in dünne Scheiben geschnitten.

Nun zügig den Teig ausgerollt, rund ausgestochen und mit Wurst und Apfel belegt. Mit einer weiteren Teigscheibe verschlossen und in heißem Rapsöl frittiert. Schnell gegessen – denn schon nach kurzer Zeit wird die leidlich krosse Hülle weich. Vom Zwiebelwein war noch ein Rest in der Flasche – der 2006er Edition Ponsart der WG Mayschoß passte gut zum blutigen Mahl.
Mit blutigen Metaphern musikalisch umzugehen ist eine Kernkompetenz des wunderbaren John Darnielle, der in der Regel unter dem Namen Mountain Goats veröffentlicht. Über die Jahre ist daraus eine richtige Band entstanden, was seinem zornig-neurotischen Vortrag leider bisweilen etwas die Prägnanz nimmt. Daher als Beispiel hier ein Song vom puristischen 2002er Album Tallahassee: The house that dripped blood ist die musikalische Umsetzung eines Themas, das schon der gleichnamige britische Horrofilm aus dem Jahre 1970 als Plot hatte.


