Cyprus: Twelve points

Wer warnblinkend und 20 km/h über dem Tempolimit auf dem Highway unterwegs ist, geht sehr souverän mit Problemen um und hat ein mediterranes Herz. Sublimation wahrscheinlich für die ansonsten wohlfeil ignorierte Verkehrskulturtechnik des eindeutigen Lichtzeichensetzens, beim Links vor Rechts zumal. Die Scheinwerfer sind halt kaputt. Außerdem ist Weihnachten und vielerorts alle Lampen an. Willkommen in der Beleuchtungs-Anarchie, Cyprus: twelve points.

Dank gewohnter Hybris bin ich mir absolut sicher, dies Land zu erkennen, zumindest den südrepublikanischen Teil, nach immerhin 26 Stunden. Das Ganze ist eine gemeine griechische Insel, nur ohne pittoreskes Blauweiß. Etwas zu groß geraten und wohlhabend bedürftig. Proletarisch auf eine fast nordenglische Art und doch beileibe nicht arm. Zumindest an Industrie nicht. Wenn ich schöne Strände will, fahre ich ohnehin nach Holland.

Sitze hier gerade in einer Art Bahnhofshalle ohne Gleisanschluss, die sich als Self-Service-Restaurant tarnt. Bedient werde ich dennoch, aufmerksam, freundlich, kompetent. Konversation findet übrigens leider stets in englischer Sprache statt. So wird das nie was, mit der Transformation meiner altgriechischen Relikte an den marginalen Rand der Eurokrise. Ich wollte Lamm mit Artischocken und bekomme formidables Ziegenstiffado. Dazu guten Feta und zum Glück nicht den allgegenwärtigen Gummihalloumi. Altes Brot, Oliven aus dem Glas. Gurken-Tomaten, eingelegten Sellerie, ranzige Kartoffeln, Wasser, säuerlichen Roten, sanften Ouzo. Ein blinkender Baum, den Blick auf eine neolithische, zum Welterbe gegrabene Siedlungsstätte, zwei Großfamilien, ein paar Fernfahrer, die Dorfsäufer. Heiligabend.

Ich mag diesen Teil der Levante. Den Wechsel von Sommersonne und Gewitter im Winter. Die wenigen Plusgrade im Troodos und den Schweiß auf der Stirn in der Markthalle von „little Moscow“ Lemesós. Tochni, wo ich mich in diesen Tagen in einem beiläufig luxoriösen Countryhouse verschanze , ist ein vom Tourismus nur flüchtig auf die Wange geküsstes Vorgebirgskaff. Empfehlenswert auch für die, die Resterampemromantik suchen. Mir passt das perfekt in den unsortierten Kram. Marmor und Pool trifft globalisierten Kramladen, ein polyglott perfider Priester weist den Weg in die einzige Taverne. Absacken. Erschreckend hell, dieser Sternenhimmel. Da drüben blinkt Israel. Davor: Berge und Meer. Das Paradies. Die Vorhölle. Eine Einsiedelei. Schön hier, auf Zypern, zwischen den Jahren.


3 Women – Jahresendcompilation 2011

Als ich vor einigen Wochen unter der Überschrift Heldinnenverehrung bloggte, hatte ich noch keinen Gedanken verschwendet an mein musikalisches Jahresendritual: Seit den 80ern nerve ich Frauen und Freunde mit Musik. Erst als Mixtapes, seit ca 15 Jahren werden CDs gebrannt. Zwischenzeitlich hatte ich kurz überlegt, entsprechendes Tun in die SoundCloud zu verlagern, aber dann fehlte nicht nur das Haptische. Der Werkcharakter wäre hochgradig virtuell, was meinem Ego schlecht bekäme. Immerhin gibt es in diesem Jahr erstmals ein Zwitterwesen: Viele Menschen haben dieser Tage eine relativ nackte Silberscheibe im Briefkasten, jedoch mit Link auf diesen Text. Im Folgenden werde ich nicht nur erklären, warum ich was wie zusammenstellte – auch das Tracklisting samt Cover gibt’s nur hier. Und zudem werde ich – soweit online verfügbar – die einzelnen Stücke verlinken (jedoch nicht immer in den auf der CD untergebrachten Originalversionen).

Nach Country und Freakfolk 2009 sowie rheinischer Elektronik im letzten Jahr nun also eine Hymne an drei Frauen, die nicht nur meine musikalische Sozialisation sondern die vieler Popmusikabhängiger maßgeblich prägten. PJ Harvey ist das rolemodel aller Indiegirls meiner Generation und die Jungs vergöttern sie seit 20 Jahren. Alle und immerzu – wegen der widerständischen Energie, dem dreckigen Sexappeal, dem Mut zur Entblößung samt aller Fragilität. Für Patti Smith gilt dasselbe wahrscheinlich ebenso – für die Generation davor. Und doch strahlt auch sie noch heute und ebenso für viele Nachgeborene. Zugegeben: Die Zuneigung zu Marianne Faithfull musste ich mir erarbeiten. Im gleichen Jahr geboren wie Patti war sie doch schon zehn Jahre eher für eine Welt außerhalb der Musikszene verloren. As tears go by wurde bereits 1964 veröffentlicht – der erste Song, den ich circa 20 Jahre später selbst performen konnte. Die Drei eint einiges: Die Attitüde, der zwischenzeitige Heroin-Chic, das Hochemotional-Politische sowie kompositorische Extravaganz gepaart mit der Tendenz zu interpretatorischer Verausgabung. Schreien und Säuseln sind Ausdrucksform eines ausgeprägten Künstlerinnenbewusstseins.

Über alle drei könnte ich schwärmerische  Elegien – der Tod führt in vielen Songs das Zepter – und hochnotpeinliche Ergebenheitsadressen verfassen. Doch wichtiger ist der Anlass: Von allen gab es neue Alben im ansonsten wenig spektakulären Jahr 2011. PJ ist dabei mit Let England shake wie erwähnt der ganz große Wurf gelungen. Nicht nur, weil sie sich in einer von vielen Rezensenten reichlich kritisch bewerteten Art und Weise inhaltlich an ihrem Heimatland abarbeitet und dabei auch die Liebe zum selben eine Rolle spielen darf – neben allerlei Abscheu, zugegeben. „Konzeptalbum“ ist ein böses Schimpfwort, doch hier kommt der Ansatz quasi im sexy Gewand daher. Mehr altenglische Folklore denn gewohnt ekstatische Gitarrengewitter. Harvey entblößt sich tatsächlich eher inhaltlich als singend oder kreischend. Und erreicht so eine Ebene der Evolution, auf der sie niemand mehr Sirene schimpfen wird. Ihre Kunst ist, sich selbst als Kunstwerk zu vervollkommnen im ganz und gar irdischen, sinnlichen Sinne. Und dabei ein Werk geschaffen zu haben, das für Pop außergewöhnlich unabhängig von Urheberin und Interpretin funktioniert.  Kaum hätte ich es geschafft, ein einzelnes Stück herauszubrechen aus diesem Monument für meine Zusammenstellung.

Auch Frau Faithfull  veröffentlichte  ein neues Album. Eher ein Fall für Feuellitons denn für pseudohippe Popkritik – völlig zu Unrecht natürlich. Zwar reicht dieses überwiegend im musikalischen Mainstream verfangene Werk nicht an das grandiose 2004er Opus Before the poison (bei dem wiederum PJ Harvey eine maßgebliche Rolle spielte) heran, aber diese Stimme haut immer noch alle um, die kein Herz aus Stein haben. Horses and high heels hat nichts von Altern in Würde, aber von Vorsprung durch Erfahrung.
Ähnliches gilt selbstredend für Patti Smith. Wer die immer noch barfuß tanzende Geburtshelferin von Indierock, kraftstrotzende Kunstpunkikone und Brachialperformerin einmal live sah, wundert sich über das hippieske Klischee, dass der Beatpoetin bis auf den heutigen Tag anhaftet. Ihr Œuvre ist so schillernd wie vielfältig – gut, dass es nun mit Outside Society eine angemessene Werk-Compilation gibt. Smith selbst hat die Songs zusammengestellt und bisweilen süffisante Linernotes dazu verfasst.

Je vier bis fünf Songs der Drei aus insgesamt 45 Jahren – kein leichtes Unterfangen. Bei guten Mixtapes gibt es zwei funktionierende Herangehensweisen: Entweder permanente Brüche produzieren und so den Hörer fordern. Oder eine gewisse gefällige „Durchhörbarkeit“ ermöglichen. Ich habe mich für ein Zwitterwesen entschieden und hoffe dennoch, dass das Ergebnis nicht lauwarm, sondern idealerweise irgendwie heißer Scheiß ist.

Tracklist „3 Women“

  •  PJ Harvey – Good fortune
    Erste Singleauskopplung des Albums „Stories from the City, Stories from the Sea“ (VÖ: 2000)
  • Marianne Faithfull – Sister morphine
    1969 erstmals als Single veröffentlicht. Zwei Jahre später dann auf dem Rolling Stones Album „Sticky fingers“.
  • Patti Smith – Ain’t it strange
    Vom 1976er Album „Radio Ethiopia“. Patti singt: „I move in another dimension“ – and she did.
  •  PJ Harvey – Dress
    Erste Single vom ersten Album „Dry“ aus dem großartigen Musikjahr 1991.
  • Marianne Faithfull – Prussian blue
    Beispielhaft farbiger Song von der diesjährigen Veröffentlichung „Horses and high heels“.
  • Patti Smith – Dancing barefoot
    Lieblingslied. Nicht nur von mir, unendlich oft gecovert. Nie erreicht.
  • PJ Harvey – Rid of me
    Meine erste Berührung mit der Künstlerin, back in the days, 1993. Gleichnamiges Album. Meine erste Platte war aber die EP „4-Track Demos“ mit den rohen Fragmenten. Daher stammt auch diese Version.
  •  Marianne Faithfull – Before the poison
    Titeltrack vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2004. 4 Songs darauf wurden von PJ Harvey mitgeschrieben, arrangiert und produziert. Hier ist sie im Background zu hören.
  • Patti Smith – Smells like teen spirit
    Warum sie den unsäglichen Nirvana-Klassiker 2007 auf ihr Album voller Coverversionen „Twelve“ genommen, ist mir unbekannt – aber ich mag das Banjo.
  • PJ Harvey – The words that maketh murder

    Vom Album des Jahres „Let England shake“ eine düstere Nummer zum Mitschunkeln und voller Brüche.
  •  Marianne Faithfull – As tears go by
    1964, ein Jahr bevor die Stones ihren eigenen Song selbst einspielten, machte sie ihn zum Klassiker.
  • Patti Smith – Gloria
    Wieder eine Coverversion, von Van Morrison, und als Mitgröhlnummer lange Zeit für mich unhörbar. Heute Legende vom legendären 75er Album „Horses“.
  • Florence + the Machine – Not fade away
    Zwei junge Stimmen berufen sich auf die 3 Vorbilder und ziehen hörbar Anleihen. Florence Welch hat dabei keine Angst vor Pop oder ausgeprägter Rhythmik – wie die Interpretation dieses Buddy-Holly-Klassikers zeigt.
  • Kraków loves Adana – Porcelain
    Ob dieser Track meiner liebsten Freiburger Band hier herein passt, entscheidet ihr. Sängerin Deniz Cicek lässt mich oft schaudern. Wohlig.
  • Marianne Faithfull – Last song
    Definitely. Maybe. Geschrieben von Damon Albarn. 2004.

3 Women Cover + Inlet (PDF)

Technische Anmerkung:
Die Tracks 2 und 4 lagen mir nicht in einer den anderen Stücken vergleichbaren Soundqualität vor. So fallen sie besonders in Punkto Lautstärke etwas ab – die Altwernativen, entweder noch größere Qualitätsverluste hinzunehmen oder sie gar ganz wegzulassen, wären keine gewesen. Außerdem fehlt Track 14 eine halbe Sekunde. Warum auch immer.


Trinkt mehr Rieslingsekt!

Zu safranisierter Zwiebelbirnenquiche zum Beispiel. Denn Safran macht den Zwiebelkuchen gehl. Und Bardong-Sekt den Morgen hell. So einfach ist es um das Genussverhalten im Hause Utecht bisweilen bestellt.

Ansonsten sind hier die Arbeiten, mit diesem durch und durch mittelprächtigen Jahr abzuschließen, in vollem Gange. Das Zeugnis ist noch nicht geschrieben, die Tendenz aber eindeutig uneinheitlich. Neben viel Erfreulichem im wirklichen Leben wie auf dieser kleinen Showbühne der digitalen Kommunikation, laufen noch einige private und globale Stresstests. Immerhin endet das Jahr mit einem vollen Keller und weniger Last auf den Rippen. Eroberungen, Neu- und Wiederentdeckungen im Menschenzoo stehen arge Verluste gegenüber. Das Leben ist bunt und Grau mitunter doch eine Farbe. Es gab Anfragen, neben Küchenmusik und -geschwätz auch noch das Feld der Küchenpsychologie zu bestellen. Das ist mir aber eindeutig zu retro und endet meist im Blick zurück im Zorn. Dagegen hilft auf jeden Fall Devendra Banhart – der schafft es sogar, eigentlich unhörbare Oasis-Songs in Popperlen zu verwandeln.

Ob diese ständigen Subtexte emotionaler Zwischen-, Unter- und Obertöne im eigentlichen Sinne nicht reichlich fahrlässig sind, fragte ein Bekannter letzthin. Zugegeben, ein entfernter Bekannter. Bloggerischer Hybris oder schlicht unreflektierter Lamoryanz entsprungen? Ob ich eigentlich wisse, was ich da tue?
Doch wer das wohl sein mag, dieser „ich“? So viel sei verraten: Der Autor dieser Zeilen wird das Ende des Jahres 2011 auf der Insel Zypern verbringen. Die ist auch mindestens einmal geteilt, und doch ein einziger Genuss. Wir werden berichten.

Ich habe viel gelacht in diesem Jahr, oft, wenn es regnete. Auf der Vorabendparty zum Vinocamp zum Beispiel, im Park der Sektkellerei Bardong in Geisenheim. Das war ein Schauspiel, als noch Außenstehender so viele verrückte Weinfreaks und Internetjunkies erst zu beobachten und dann kennenzulernen, nach und nach. Der Sekt von Bardong war definitiv eine meiner Entdeckungen in 2011. Ich habe dieser Tage noch einmal den Brut gegen den Extra Brut verkostet, quatsch, getrunken, bis zur Neige. Der Brut ist definitiv der Morgentrunk, ruppiger, die Kohlensäure nicht ganz so geschmeidig eingebunden, lag er doch ein Jahr weniger auf der Hefe. Der 2006er Erbacher Honigberg Riesling extra Brut hingegen ist nahezu perfekt über den Tag als Begleiter für’s wachsende Wohlbefinden, am Abend als Freund. Viel Schmelz, runde Wucht und herrliche Aromatik von reifen Früchten und Gräsern. Ich freue mich schon darauf, Norbert und Renate auf dem nächsten Vinocamp im kommenden März wiederzutreffen und endlich ihren Keller zu besichtigen.

Zwiebeln mit Birnen und Safran kommen gut miteinander aus, wenn saure Sahne und Eier die Mittler spielen. Und die Grundlage gebaut ist wie hier. Eine andere, deutlich besser Bekannte, äußerte vor Wochen schon die Vermutung, ich schriebe immer verquerer, seit mich jemand für dieses Brigitte-Dingens vorgeschlagen hätte. Ich gestehe, ich war erschüttert. Und alle Stacheln ausgefahren. ICH bin kein Foodblogger. Mein Blog ist ein obskures Tagebuch, ein Inkubator für ansonsten Unausgegorenes. Tummelplatz subjektiver Willkür. Der einzige veröffentlichte Ort, an dem ich willentlich und befreit ICH schreibe.

Das wird sich nicht ändern im kommenden Jahr. Musik wird vielleicht mehr getumbleloggt. Dafür hier mehr gereist: Nach China, an die Hessische Bergstraße, in Nachbarorte. Gedankenflüsse mäandern nicht nur am Niederrhein. Obwohl mir ganz konkret ein Projekt vorschwebt, dass gerade hier verwirklicht werden will: Ein kulturell-kulinarischer Salon, in der Tradition der literarischen des 18./19. Jahrhunderts. Ihr werdet es als erste erfahren.


Risotto al finocchio con pesce spada

Das Bedürfnis nach Wärme und Licht, der Hunger auf Soulfood war heute größer als jegliches Bekenntnis zu Region und Saison. Ich brauchte schlicht Trost durch ein schnelles Essen, das Sonne atmet. Da blieb selbst beim Fischkauf sämtliche Moral auf der Strecke, zu sehr evozierte das gute Stück Schwertfisch in der favorisierten Fischtheke des näheren Umkreises die Erinnerung an überglückliche Stunden, zum Beispiel auf der Vucciria in Palermo. Die Trattoria Shangai mitten im mafiösen Altstadtviertel ist eines der runtergerocktesten Speiselokale der westlichen Hemisphäre und war einer meiner drei Lieblingsorte auf Sizilien. Bis vor ein paar Jahren die New York Times darüber schrieb.

Nun stehe ich hier in meiner grauen Niederrheinküche und rühre Fenchelrisotto. Das könnte kontemplativ sein, in ausgeglicheneren Momenten genieße ich diesen quasi magischen Prozess der Konsistenzenverschiebung. Doch heute höre ich nicht einmal:  Musik. Stattdessen hilft nur der Gang in den Keller: Und immerhin kehre ich mit etwas besserer Laune und einem 2008er Riesling Kabinett aus dem Bopparder Hamm von Florian Weingart aus Spay zurück. Staubtrocken und herrlich sauer. Passt mir gut in den Kram und auch der Gemüsereis freut sich. Ich freue mich im übrigen jetzt schon auf die nächste Jahrgangspräsentation im kommenden April – immer ein Mittelrheinhighlight.

Dann der Fisch. Pesce spada kann eine ganz schöne dröge Angelegenheit sein, gart er nur einen Moment zu lang. Schlimmer als toter Thun. Der gemeine Süditaliener grillt ihn kurz, in Scheiben geschnitten. Frau Hazan empfiehlt eine einem Kalbsschnitzel  entsprechende Behandlung. Ich gebe säurebetontes Olivenöl in die heiße Pfanne und die circa 1,5 cm dicken Scheiben unbehandelt dazu. Drei Minuten von jeder Seite, nach dem Wenden Fleur de Sel, Pfeffer und Zitronenabrieb. Und einen Schuss Wein zum nun zischenden Fisch. Das stoppt den Garprozess und gibt geschmacklichen Bumms. Der Tag ist nicht gerettet. Aber deutlich weniger grau.


Adventliches Wurzelwerk mit Pferd

rossbeafIch mag Pferde. Tot oder lebendig. Nicht umsonst ist der Niederrhein eine der Regionen in Deutschland mit der größten Dichte an Gestüten und Roßschlachtereien. Mein Haus- und Hoflieferant ist Gerrit Janßen in Mönchengladbach-Lürrip. Er beschickt seit Jahr und Tag auch den Markt in Viersen, wo ich gestern ein gutes Stück Roastbeef erstand. Lebendigen Gäulen schaue ich im übrigen am liebsten hier und hier hinterher.

Die ersten Schwarzwurzeln des Endherbsts kamen als Hoffmanns schwarze Pfähle in meine Küche.  Auch wenn meine innere Uhr eher auf Abschied denn Ankunft getaktet ist, hatte ich mich entschieden, eine vorweihnachtliche Variante dieses Lieblingsgemüses auf den Tisch zu bringen. Dazu wollte ich das Fleisch nicht braten, sondern dämpfen. Und einen leckeren Rotwein als Tagesbegleiter wählen, denn Gäste waren zum Glück keine zu erwarten. Zum Gaul passt eigentlich nur Spätburgunder. Vom letztwöchigen Besuch im Weinparlament hatte ich noch eine Flasche Salwey vom Käsleberg, fruchtig unkompliziert. Wir wurden Freunde.

Vor dem Dämpfen und Gemüsegaren hat der Küchengott die Zubereitung einer passenden Gemüsebrühe anbefohlen. Neben Zwiebel, Möhre und einer Handvoll Petersilienstiele gab ich noch eine Fenchelknolle ins Wasser. Kulinarische Intuition, die im Nachhinein belohnt wurde. Das Fleisch pariert und in sehr leichter, salziger Sojasauce mit etwas Cayennepfeffer eine halbe Stunde mariniert. Die Stangen geschält, entpunktet, in schräge Scheiben geschnitten und in Zitronenwasser gegeben. In einem weiten Topf ein Teil Brühe mit einem Teil Sahne aufkochen lassen und zusammen mit einer halbierten Vanilleschote auf die Hälfte einreduziert. Im größten aller Tigel wenig Brühe mit etwas Riesling Unplugged von Tesch zum Kochen gebracht und den Bambuskorb eingesetzt.
rossbeaf mit schwarzwurzeln
Der Rest ging einfach und schnell: Das Gemüse zehn Minuten in der Vanillesahnebrühe gegart. Das Fleisch 15 Minuten gedämpft.  Und alles auf einer großen Platte angerichtet.
Dreierlei muss ich jedoch konstatieren: Zwölf Minuten hätten dem Ross genügt. Man kann auch Riesling zum Gaul genießen, wenn er denn von Sahnewurzeln begleitet wird. Und immer gilt: Love is a horse!

(Dies als Reminiszenz an meine Düsseldorfer Zeit – das Original jedoch ist unerreicht.)


Bettina oder Too big to fail

Nicht existiernde Umfragen haben eindeutig ergeben, dass skurile, ins Abseitige tendierende Blogposts bei der werten Leserschaft auf die größte Gegenliebe stoßen. Neben langweiligen Kochrezepten natürlich. Und Besäufnisberichten, äh, Verkostungsnotizen. Mir sei dies heute mal wieder Leitmotiv und so belästige ich die Welt mit einer eher zufälligen Erkenntnis, gewonnen nach popmusikalischer Synopse. Deren Konklusion in der schlichten Erkenntnis besteht, dass Bettina ein beliebter Vorname ist bei deutschen Musikern und entsprechend oft besungen wird. Hier die Beweise – Ihr stimmt ab, dem Gewinner widme ich dann gerne eine ausführliche, halb sinnentleerte Rezension.

Darauf gestoßen bin ich , weil ich gestern in Klaus Walters Sendung „Was ist Musik?“ auf byte.fm das neue Lied der Aeronauten gehört habe. Diese kleine Hamburger Band aus Schaffhausen schafft es seit 20 Jahren, nonchalant Parolen zu verbreiten,  soundtracks of our lives zu kreieren, liebevoll Country, Hippie und Punk zu versöhnen. Anfang kommenden Jahres wird das neue Album der „ältesten Boygroup der Welt“, Too big to fail, auf Rookie Records  erscheinen. Zum Weinen schön ist das jetzt schon als limitierte Vinylsingle veröffentlichte Titelstück.

Die Aeronauten – Too big to fail


Weißburgundernudeln

Ursprünglich sollte dieser Post mit „Maul- und Klauentaschen“ überschrieben werden, meinem Hang zu reißerischer Headlinehuberei folgend und eigentlichen Zutaten geschuldet. Nun ist es anders gekommen, meine letzten Flaschen Einzigacker von Dreißigacker (2008) sind geleert. Dieser Weißburgunder gehört zu den besten seiner Art, fragt das Kaninchen oder meine Gäste. Bechtheim steht mal wieder auf dem Fahrplan.

Der Marktmetzger bot formidable cuisse de lapin feil. Ein Tag Pastaproduktion war sowieso vorgesehen, warum also nicht ein paar gefüllte Nudeln für das überaus kritische sonntägliche Publikum bereiten? Also noch ein paar Eigelbe mehr in den Teig, einige Blätter Wirsing entrippt, den letzten frischen Thymian ins Haus geholt und Mirepoix bereitet. Die Schlegel angebraten und mit dem Gemüse und Kraut und Schalotte und Knoblauch langsam gar geschmort. Dabei musste leider viel zu viel des guten Weins in den Tiegel. Der so abfallende Sud oder Fond oder Saft war grandios und benetzte später die Taschen.

Zur Farce wurde das ausgelöste Fleisch mithilfe eines Eis und viel Parmigianos. Außerdem brachte blanchierter Wirsing Farbe ins Spiel. Kurbeln, füllen, verschließen und in Hühnerbrühe garziehen. Auf dem Teller kamen noch gegrillte Minipaprika dazu. Das Foto entstand im herbstlich kahlen Garten, bevor der Regen kam. Es wurde geweint, als die letzte Flasche geleert.

finn. ist eigentlich Patrick Zimmer und wagt sich hier an den Everly Brothers Schmonz „Crying in the rain“. Zusammen mit Tocotronics Dirk von Lowtzow gelingt ihm eine ironiefreie Aneignung, eine Interpretation, die wieder mal die Wichtigkeit von Coverversionen für Pop untermauert. Der Rest des aktuellen Album „I wish I was someone else“ tut dies leider nicht vollumfänglich.