Raus aufs Land

Back in the days: Meine ersten journalistischen Gehversuche unternahm ich Anfang der 1990er Jahre in der für Krefeld und den Kreis Viersen zuständigen Lokalredaktion der Westdeutschen Zeitung.  Die üblichen viel zu kleinen Brötchen wurden dort gebacken, unambitioniertes Widerkäuen des Offensichtlichen, die Pflege von banalen Traditionen. Immer nur die sichere Nummer, Wagnis: nie. Keine investigative Recherche, keine Reportagen von Tiefgang und Bestand. Das rächt sich heute – weil es überall so war und ist, dass Lokaljournalismus seine Seele verkauft hat an die Langeweile und das Wertkonservative. Wo die Mantelredaktionen sich Reporter leisten und wenige Rechercheure, sind die Redakteure vor Ort zu 90 % Erfüllungsgehilfen mikrokosmischer Macht. Das Ergebnis dieser Rechnung ist das Entschwinden ins Marginale.

Ich – und ja, das ist bestimmt einer der Hauptgründe zu bloggen: die Befreiung von der so genannten professionellen Distanz – ich also war bestimmt nie ein hoch begabter Schreiber. Eher schon habe ich ein Talent zur Nische. Die Beherrschung des Handwerks ist mir Grundlage für den Mut zum Abseitigen. Und doch sind mir die Region, die Provinz, die Heimat wichtig. Ich kenne alle Abgründe des Niederrheins, durfte ich doch allsonntagabendlich Nachrichten schreiben aus den Polizeiberichten des Wochenendes. Für mein Schreiben war die Etablierung des Internets in den Jahren vor der Jahrtausendwende Katalysator, Raketenantrieb, Lustgewinn. Der ewige Versuch der Versöhnung von Struktur und Anarchie, das dem Medium innewohnende Vagantentum setzte kreative Kräfte frei. Und tut dies noch heute, da ich nach Jahren als Redakteur und Leiter von Webzines, als Schöpfer von Netz-Kampagnen und klassischer Blattmacher frohen Muts meine Seele verkauft habe und PR mache.

Schreiben ist sinnliches Tun. Da dies auch schon ganz am Anfang die in mir schwingende Saite bestens beschrieb, focht ich für Freiräume. Meine liebste Disziplin war eine Mischform aus Interview und Reportage, ein stilistischer Bastard, der mir wie geschaffen schien – zwischenzeitlich hielt ich mich selbst für den Schöpfer, juvenile Hybris das – Menschen in den Mittelpunkt meiner Artikel zu stellen, die  zu beschreiben sich lohnte. Schon immer bildeten dabei vor allem Musiker und Bewohner der kulinarischen Welt meine Achse der Guten. „Support your local scene“: Die erste Band, die ich im Lokalteil der WZ porträtierte, waren Freunde aus Anrath, die sich damals Beezy Bastards nannten, oder Session of Confusion.

Womit ich beim Anlass dieser Ego-Retrospektive, die im letzten Absatz ganz in den Dienst der guten Sache gestellt wird, bin: Denn sie sind wieder da! Mit frischen Songs, funky, dreckig, geradeaus. Mit Ende 30 wissen sie um die Usancen der Branche und die latente Perversion der Szene. Und stellen sich gerade deshalb wieder auf die Bühnen der wenigen noch verrauchten Clubs, irrlichtern zwischen Metropolen und Provinz und klingen dabei: frisch. Die Jungs sind richtig heiß, sind bereit für die ganz große Nummer, dieses Mal. Ich hab das Spüren können am letzten Wochenende, beim Konzert, beim Feiern. Gitarre, Schlagzeug, Bass. Klasse Riffs, tighte Beats (um mal in die Fachterminologie abzugleiten).  Roland Rolshoven hat nicht nur an Volumen, sondern auch an Präsenz zugelegt und singt folgerichtig auch. Andre von Borstel besticht wieder als: Der Gitarrengott aus der Gosse. Hans Kopinski fehlt leider, dafür trommelt Florian Dreher (Ex-Capricorn).  Der Dreier heißt jetzt Münchausen, spielt sich in den kommenden Wochen die Finger blutig, veröffentlicht ein Album und drängt: Raus auf‘s Land.


Liebe zu Dritt

Nein, kein Stereo Total. Frau Kaktussens trashiger Unernst und ihre lockere Verspieltheit nötigen mir zwar seit Jahr und Tag Respekt, ja Bewunderung ab – aber Liebe ist ein ungleich weitreichenderer emotionaler Aggregatzustand. Kochen zum Beispiel ist Liebe – das steht zumindest auf der Fensterbank von Arthurs Tochter, irgendwo über den Dächern der rheinhessischen Rotweinmetropole Ingelheim. Diese Frau ist mit jeder Faser von Körper und Geist eins mit dem Genuss. Und mit P. (danke für die Fotos). Das ist gut. Und schön.

Weingut Teschke

Wir waren zu dritt bei Michel Teschke auf dem Laurenziberg. Der Mann ist Sylvaner. Mit Leib und Seele. Er liebt seine Reben, seinen Wingert. Ein Einzelkämpfer, ein rheinhessisches Original. Ein Marionettenspieler, der seine Puppen tanzen lässt – nach gründlicher, ganzheitlicher Behandlung im Keller fließt alle seine Liebe in die Flaschen. Ob der kräutrige 2009er Blauer Sylvaner, der cremig leichte 2010er Sylvaner „primus inter pares“ oder die vollkommene Cuvee aus grünem und blauem.  Auf 7 Hektar lässt er seit 1995 nicht nur komplett magische Handarbeit wirken, heiliges Wasser mit „gewissem Verderb“ aus der eigenen Zisterne zur überirdischen Vollkommenheit inklusive, sondern ist auch bauernschlauer als die meisten anderen. Als im Frühjahr 2011 eine Frostnacht benachbarten Weinbauern große Teile der Erträge raubte, saß er auf dem Bock und zog die Spritze durch die Reihen. Wirbelte Luft auf, bannte die Gefahr – kein Trieb wurde kampflos preisgegeben.

Michael Teschke

Ein 2003er Sylvaner war der Höhepunkt der Verkostung. Auch wenn dieser Kredenz naturgemäß das sortentypisch Leichte, Erdverbundende abging, erfüllte sich ein wuchtiges Kellerversprechen. Schmelz und Wucht und Klarheit vermählten sich im Glas, in Nase, am Gaumen. Das ganzheitliche Vorgehen jenseits aller Bio-Label ist das Markenzeichen dieses Weinverrückten. Ich verneige mich in Demut und reserviere die erworbene Kiste für Freunde, die solch Qualität zu würdigen wissen.

Später dann, in der Küche in Ingelheim, wurde das Gefühl zur Religion. Ein völlig zu Recht gestorbener Ochse. Auch Korken, Waffen einer mafiösen Struktur angeblich, spielten irgendwie eine Rolle. Ein veritabler Gleichklang aus Können, Lust und Magie gipfelte in einem furiosen Finale aus eisigem Orangenpfeffer – mit einem Chocolate Block als Katalysator – und rosig mariner Panna Cotta.

Eigentlich war ich mir sicher, dass abschließend nun die vielleicht wichtigste amerikanische Band der späten 60er – Love – eine Würdigung erfahren soll. Als Manifestation meiner dreifaltigen Liebe aus Wein, Essen und Musik. Ihr Song „Alone again or“ ist mir einer der wichtigsten. Doch die mexikanische Attitüde samt Trompetentrauer passt nicht hierher. „Wort ist das falsche Wort“ fällt mir dazu ein. Die Rezension, die ich zur Best-Of-Compilation der größten kleinen Kölner Band Erdmöbel immer noch nicht fertig geschrieben habe, das intellektuell Glitzernde und emotional Fantastische, die Verwirrtheit in mir und das Wissen um den Sinn, die Liebe: Dieser Tag war wie das „Polarlicht von Palermo“.


Zungenstück. Mit Obst.

Am Anfang war die Quitte. Oder war es ein Traum?

Tashaki Miyaki – All I have to do is dream

Mit Pflaumen geschmortes Zungenstück, Couscous, QuittenNein, war es nicht. Der übervolle Eimer, den mir die nette Nachbarin auf die Terrasse gestellt hatte, setzte mich einigermaßen unter Zugzwang. Bin ich doch kein großer Freund dieser texturproblematischen Früchte. Außer Geleeproduktion fällt mir da erst mal wenig ein. Im sozialen Netz immerhin  der Hinweis auf ein Rezept transarabischer Provenienz – danke Arthurs Tochter. Da kulinarische Wege aber selten gerade sind und ich überhaupt ein wenig zu kreativer Sprunghaftigkeit neige, wurde am Ende des Tages etwas ganz anderes daraus: Geschmortes vom Rinderhals mit Pflaumen, Couscous und Quitten. Doch ein Traum.

Daher ein kurzes Wort zum Soundtrack dieses Artikels:  Nr. 141 aus „The 500 Greatest Songs of All Time“ des Rolling Stone ist diese Schnulze, ursprünglich berühmt geworden durch die Erstinterpretation der Everly Brothers aus dem Jahre 1958. Gruselig schmierige Engtanznummer, eigentlich. Doch mit dieser Coverversion von Tashaki Miyaki aus LA wird eine überwältigende Shoegaze-Variante daraus. Perfekt für den letzten Sommersonnentag samt Sehnsuchtslatenz.

Zurück zum Zungenstück. Dies ist Schlachters Fachterminologie für ein Rindsteil, unterer Halsabschnitt, oberhalb der Hochrippe. Manch einer schwört, dies sei das beste Gulaschfleisch. Durch den hohen Bindegewebsanteil und die ausgeprägte Fasrigkeit ist es mein neuer Schmorfavorit. Da ich kein mich qualitativ überzeugendes  Lammfleisch bekam, hat Manfred Bauten mir ein ansprechendes Stück aus dem Kühlhaus geholt. Doch meine Annahme, hiermit kulinarisches Neuland zu betreten, erwies sich im Nachhinein als falsch: Aß ich doch schon Ingelheimer Chili mit ebendiesem Carne.

Zungenstück

Bevor ich die Zubereitung beschreibe, versichere ich: Ja, ich mag Fleisch mit Früchten, manchmal. Nein, dies ist kein dogmatisches Nationalküchenrezept. (Beruhigt Euch also wieder, Ihr marrokanischen, syrischen und persischen Küchenfundamentalisten!) Ja, um alles noch schlimmer zu machen, kam da ordentlich Wein rein, ins Essen und in den Koch.

Zum Procedere: Fleisch in Würfel von 5 cm Kantenlänge schneiden. Reichlich Schalotten grob würfeln. Frische Pflaumen, die ich tags zuvor  zu anderweitiger Verwendung mit etwas Zucker kurz abgekocht hatte, bereit stellen. Gewürze mörsern. In unbestimmter Menge und Zusammensetzung waren dies: Chili, Ingwer, Knoblauch, Kardamom, Bockshornklee, Lavendel, Piment. Olivenölbuttergemisch im schweren Bräter erhitzen. Die Fleischstücke nun pfeffern und salzen und nach und nach scharf anbraten und wieder herausnehmen, mit den Gewürzen mischen. Schalotten ins Fett, etwas rösten und mit Rotwein (heute in Glas und Topf:  ein Cantalupi Riserva von Conti Zecca. Sangiovese mit hauptsächlich Negroamaro) ablöschen. Aufkochen, Fleisch zurück und mit einigen Pflaumen für einige Stunden bei unter 100° in den Ofen.

Wenn das Fleisch fast zerfällt, ist es fertig. Ofen aus und etwas Zitronenabrieb dazu. Quitten schälen und achteln und in einem Butter-Zucker-Gemisch karamelisieren und mit einem restsüßen Riesling von  Matthias Müller aus Spay ablöschen. 15 Minuten einkochen. Couscous bereiten und mit Safranbutter vermischen.
Und wie immer: Anrichten, aufessen. Alles.


Pomodori ripieni sulla panna di capra e salviata

Eines derart hübsch radegebrochenen Küchenitalienischs bediene ich mich, um zu signalisieren, dass es nur ums Essen geht heute. Kein Geschwätz, kein Katzenjammer. Die Grundidee war genauso einfach wie einfältig: Mal wieder die beiden Küchen, die ich einigermaßen beherrsche, zur Kreuzung zwingen und dabei alles verbrauchen, was Kühlschrank und Vorratskammer an Verderblichem vorhalten. In Fahnenfarbenpracht.

In der Gegend von Alassio habe ich nicht nur schon so manch gefülltes Gemüse gegessen, sondern auch leibhaftigen Mamas bei der Zubereitung geholfen. Immer wieder wurde ich überrascht ob der Kreativität der Resteverwertung, nachhaltig haften geblieben ist aber die Variante mit Semmelknödeln in Tomaten. Oder so ähnlich: Ich habe altes Weißbrot mit Körnern drauf zur Hand und würfele es klein. Eine Schalotte, ebenfalls gehexaedert und in Butter angeschwitzt, hinzu und Milch, die kurz in der Schalottenpfanne Wärme nimmt. Gekräutert wird mit Thymian und Petersilie und gewürzt mit Salz und Pfeffer. Gut mit einem Ei vermengen, der Fülle Ruhe gönnen.

pomodori ripieni

Eine Art Pastellateig anrühren, nur statt des Wassers kommt Altbier hinein. Quellen lassen. Große Salbeiblätter pflücken, waschen, trocken schütteln. Ziegenmilch mit einem Schuss Ruwerriesling einmal aufkochen, Ziegenfrischkäse hinzu, auflösen und einreduzieren. Dann wieder zurück zur Füllung, besser zum zu Füllenden. Nachbars dicke Tomaten („Gärtner reisen nicht“) entdeckeln und aushöhlen. Füllen. Mit Bröseln bedecken (stattdessen rieb ich ganz undogmatisch etwas uralten Ziegengouda darüber) und ligurischem Öl beträufeln und in der irdenen Auflaufform bei 200° 40 Minuten gratinieren.

In der Zwischenzeit die salviata bereiten: Sonnenblumenöl in einem kleinen Töpflein erhitzen (Holzlöffelprobe), Salbeiblätter durch den Teig ziehen und nach und nach ausbacken. Auf Krepppapier abtropfen lassen und mit Salzblüten bekrümeln. Anrichten: Ordentlich Ziegensahnesoße als weißen Grund auf den Teller, eine rote, prallgefüllte Tomate darauf und daran den ehemals grünen Salbei. Jetzt ist er braun, schmeckt aber besser. Probiert es aus – am besten mit dem Kaseler Nies’chen, den ich gerade beim Schreiben austrinke.

 


Sexy Cupcakes

Zugegeben, ich betreibe mit diesem samstagmorgendlichen Kurzbeitrag digital frivole Bauernfängerei. Kein Rezept, keine nackten Tatsachen. Das passt aber zum Landleben und wird zudem entschuldigt durch den Umstand, dass es heute mit den Jungs in den Park geht. Da fehlt schlicht die Zeit zum Selberkochen, geschweige denn Fotografieren und Verbloggen des Ergebnisses. Und mit elf Männern vom Niederrhein mit allzu dicken Waden will ich hier niemanden langweilen.

Bei Simone in Seattle aß ich vor ein paar Tagen Zuckerbomben. Wer wie ich allerdings bei Tassenkuchen bisher nur die Form als stilprägend dachte, ist leicht provinziell und bestimmt diabeteslatent.  Denn diese Tortenähnlichen sind schlicht die Form für mehr oder weniger einen einzigen Inhalt: Saccharide in jeglicher Ausprägung. Oder: Die Definition von Süß. Eigentlich esse ich solcherlei nie, schon gar nicht kunterbunt ausdekoriert und mädchentraumwandelnd. Doch was machte mich wanken? Als homme de lettres war es selbstredend die Namensgebung: French toast cupcakes with maple frosting and bacon sprinkles. Diese barocke Bezeichnung führte direkt in in einen hartnäckigen Lachkrampf. Selbiges blieb mir allerdings umgehend im Halse stecken, als ich von diesem Teufelszeug aß. Ich weiß heute noch nicht, was genau mir meine Geschmacksknospen signalisierten, es hatte auf jeden Fall mit Überforderung zu tun. Schon wenn ich jetzt „Buttercremetorte mit Schinken“ niederschreibe, wird mir schlecht. Aber soviel stimmt auch: Schlecht war es nun gerade nicht. (Im übrigen bin ich nicht der erste, der dies deutsch bloggt.)

auch gesund und lecker...

Wie die Faust auf’s Auge oder eine satte bass drum auf eine frische Magen-OP-Narbe passt dazu, was ich gestern im Guardian las. Paul Lester empfahl mir dies: „Make a meal – and get a song – out of moist muffins.“ Er schrieb dies in einem Beitrag über Erin K & Tash, zwei böse Frauen, die anzügliche Liedchen trällern. Vordergründig. Beim zweiten Hören erweist sich die Chose als handwerklich sauber gearbeitet, folkige Überraschungseier mit Lust am Sex. Aber nicht unbedingt mit Männern. Gendermusic zum Lachen und Mitwippen. Perfektes Pausenprogramm für weibliche Foodblogger, darauf wette ich mein Y-Chromosom.

Erin K & Tash – The Sexy Cupcake Ditty


Jazzfestival und Abstinenz

Morgen beginnt es, das 25. Internationale Jazzfestival Viersen. Eigentlich nicht weiter einer Erwähnung wert, Provinz probt Urbaneskes, reichlich vergeblich großen Teils. Musik alter bärtiger Männer, Blechblasinstrumente, weichgespült, Kontrabassisten und Kehlkopfvokalisten, um Standards und Traditionals bemüht und umweht von selbstgeschneiderter Avantgarde-Klamotte. Kontemporäre Koryphäen zeichnen sich vornehmlich durch Biederkeit, Überkommenes und Hüftsteifheit aus. Nach dem Hard-Bop fiel diese Musik in ein übertiefes Loch, an dessen Grund Bedeutungslosigkeit fleckig schimmert.

Nun ist Viersen aber meine Vaterstadt. Und neben allerlei anderen Randsport- und Mainstreammusik-Events an kulturellen Darbietungen eher arm. Also kaufe ich mir keine Karte, stehe auch nicht plus X oder Y auf der Gästeliste – weise aber immerhin hier darauf hin, dass mit Lisa Bassenge eine Künstlerin, die mit ihrer Stimme zu faszinieren vermag, auf der Festhallenbühne stehen wird, am kommenden Wochende.

Ich also werde Abstinenz betreiben, vielleicht dem Unterschichtenvergnügen frönen und ins Stadion gehen.  Endlich die Geschichte über den deutschen Winzerssohn in der kanadischen Provinz fertigstellen. Der Frau, die ich lieben könnte, ein Gedicht schreiben. Mal wieder Rad fahren, so lange, bis ich aus dem Sattel kippe. Den Kampf mit dem Finanzamt aufnehmen. Ein Rezept kreieren. Essen, allein.


The rest of the fest

Verzweifelte Versuche der Selbstverleugnung. Denn eine Stadt ist ein lebendiger Organismus, faehig zur Gefuehlsaeusserung, zur Selbstreflektion, zur Willensbildung. Als von Menschen geschaffene Kreatur ueberholt die Siedlung ihre Goetter oft mit Vollgas auf der Ueberholspur der systemimmanenten Fehlkonstruktion. Zu sehen zum Beispiel in einem Haufen totglobalisierter Moloche wie Bangkok, Saigon, Kuala Lumpur. Bei sich selbst zerstoerenden Krebsgeschwueren wie Mexico City oder Moskau. Vielen in Agonie verfallenen europaeischen Metropolen. Allesamt aus dem Ruder gelaufene, planlose Konstrukte, deren ganz eigene Dynamik nurmehr ein Ziel zu haben scheint: Den Menschen als Witz der universalen Geschichte zu entlarven. Als Geschoepf den Schoepfer zu ueberleben, in einer transzendenten Form, weit weg von jeglicher Intention.

Die nordamerikanische Stadt war ueber ein Jahrhundert lang exemplarisch fuer technikglaeubige Energie, und auch wenn es bisweilen aesthetische Ueberhoehungen gab, folgte generell jegliche Form einer einzigen Funktion: Der Manifestation des Groesser Hoeher Schneller Weiter. Wie der Backlash dazu aussieht, atme und beobachte ich seit ein paar Tagen in Portland, Oregon. Als Klischee des anderen, des linken, des gruenen Amerika wird seit ueber 10 Jahren Kultur inhaliert und Gegenkultur ausgespieen. In Tourismusbroschueren kommt davon an: Vorbildlicher oeffentlicher Nahverkehr (die Realitaet ist allenfalls medioker), der ganze Organismus eine gruene Lunge (relativ wahr – aber eine absolute Luege), kulturelle Speerspitze (was fuer die Popmusik zutrifft ist fuer bildende Kunst eine Vorspiegelung falscher Tatsachen und Theater und Film bleiben weit unter meiner Wahrnehmungsschwelle), kulinarische Avantgarde des zurueck zur Natur.

portland

Hierbei wird – wie an so vielen Orten auf der Welt – bewusst das Kleine, das Langsame gesucht und reanimiert. Local is the new global. Microbreweries, urban wineries, artisan cheese, regional beef, organic vegetables. Und viele Lokale, die ihrer besser verdienenden, stets grausig casual gewandeten Klientel all dies bieten. Gekocht wird immerhin auf breiter Front auf akzeptablem Niveau. Als ein Beispiel mag die Gegend um die Southeast Stark Street dienen: Alternative Cafes, ein Programmkino, Second-Hand- und ein Bioladen, Fahrradbastler, Designerkindermode. Und The Country Cat, Dinnerhouse and Bar. Schoener Laden, der Innenarchitekt war sein Geld wert, denn man sieht nicht, dass einer gewirkt hat. Grossartig lautes und taetowiertes Personal, feiner Kaffee und eine gute Oregon-Weinauswahl. Mobiltelefonverbot, offene Kueche, gute Musik, meist Northern Soul. Alles verdammt relaxed. Einfache und gute Kuechenleistung: Legendaer ist das Chicken with mashed potatoes. Eine festfleischige Haehnechenkeule entbeint, pankopaniert und in Butterschmalz sanft ausgebacken. Eine zwiebligsuesse, weinsaure Sosse. Das Purree einer weltweiten Mode folgend mit Einsprengseln von den Kartoffelschalen serviert, dadurch erdig vehement. Ein Berg blanchierter und kaum aromatisierter, feiner Mangoldblaetter dazu. Ein simples, perfektes Mittagessen, jenseits aller Fastfoodhistorie aber auch weit entfernt von Hochkuechenhermetik. So oder so aehnlich ueberall zu finden in der Stadt.

Am Fluss ist das city center wie Koeln. Genauso wirr, grau und gruen und bunt. Da der Abend meines dritten und letzten Tages auf dem MusicFestNW dem Rock’n’Roll gewidmet war – und zwar seiner dreckigen, verschwitzten, sehr koerperlichen Variante – schlenderte ich in Richtung „old town“, wo es neben dem kleinen Chinatown tatsaechlich noch alte Bretterbuden-Patrizierhaeuser aus dem spaeten 19. Jahrhundert gibt. Und den aehnlich heruntergekommenen Ash Street Saloon.

toody cole of pierced arrows

Hier schloss ich Fred und Toody vor deren Soundcheck als Pierced Arrows in die Arme, hatte zuviel schlechtes Bier und gute Zigaretten, durchlebte in 5 Stunden grosse Teile meiner musikalischen Sozialisation wieder, bis das ganze in einem wilden Pogo eskalierte. Um 2 Uhr in der Nacht und nach einem sich seiner selbst versichernden It’s okay und der affirmativen Botschaft 54 40 or fight standen wir noch lange auf der Strasse in einer Stadt, die die beiden seit 45 Jahren musikalisch praegen. Avantgarde in den spaeten 60ern – heute sind sie es wieder.

fred cole of dead moon fame

Spielen sie doch den Soundtrack des Kampfs von Herz gegen Hirn. Ein verlorener zwar, halbtaub und gelenksteif. Doch wo die ganze Welt auf der Suche ist nach der Bedeutung des schlimmen Wortes „Authentizitaet“ – und diese Stadt sich dabei selbst verleugnet – haben die beiden nie gesucht. Neben allem Wissen um das absurd Abseitige des Lebens waren sie immer ganz im Hier und jetzt: This is the day!

chicks do wine - urban winery