Lüttich, Luik, Lîdje? Liège!

Klischee gefällig? Nördlichste Stadt Frankreichs. Frittenursprung. Krimikapitale. Was aber auch stimmt: Dahinsiechendes, montanindustrielles Opfer eines naturgewaltigen Strukturwandels. Maasmetropole mit Ghettoattitüde. Kulinarischer Fluchtpunkt aller an teutonischer Einfalt leidenden Grenzgänger. Ich bin in Lüttich.

Das ich fortan nur noch  Liège nenne, erobert doch die französische Attitüde alle meine Sinne unausweichlich und umgehend. Das Grau der Industriestädte Nordfrankreichs. Die kaputten Straßen. Cafes. Die Sprache. Die vor allem. Obwohl es ein mit germanischen Härten angereichertes Idiom ist, das sich Wallonisch nennt, denkt mein Herz, immer in der Lage, meinem Philologenhirn ein Schnippchen zu schlagen: Paris. Mindestens. Es dennoch weiß um die korrekte Bezeichnung Lîdje. Und dass die Holländer es Luik heißen. Aber für die heißt die Meuse auch Maas (wallonisch Moûze, limburgisch Maos).

Stadt am Fluss

Stadt am Fluss

Einer der größten Binnenhäfen der Welt erstreckt sich über 50 km entlang von Maas und Albertkanal rund um die cité.  Als städtischer Flaneur, der sich dem Reiz industriellen Siechtums nicht entziehen kann, genieße ich es,  zwischen gewaltigen Schubverbänden und den das Ufer säumenden Plattenbauten mir die Füße und den Geist wund zu laufen. Die eigentliche Innenstadt mag ich nur wegen des in der Nähe der Kathedrale (auch in dieser Stadt betrete ich kein so genanntes Gotteshaus – als urbane Wegweiser immerhin sind die Monumente überkommener Herrschsucht und Leidenslust häufig hilfreich) gelegenen Käseladens. Ein Fachgeschäft im eigentlichen Sinne, ein Hort des Wissens und der Liebe. Beides kann man mit nach Hause nehmen. Und parken im Schatten der großen Kirche – wer nichts anderes will als Rohmilchpretiosen, ist in etwas mehr als einer Stunde wieder zurück am Niederrhein.

Ziegenkäse, uralt

Ziegenkäse, uralt

Mich zieht es nun über’n Fluss ins Viertel Outremeuse. Dort ist es flach und einfach.  Da  Liège im engen Maastal sich ansonsten über eine weite Strecke an Hängen und Hügeln entlangmaterialisiert, gibt es berühmte Treppen und Ebenen und allerlei barockes Bauwerk zwischen marodem Beton. Jenseits der Meuse sind die Straßen zwar genauso löchrig, doch alte Bürgerhäuser wechseln sich ab mit Industriebrachen, das Araberviertel mit Klein-Vietnam. Die Insel ist zwischen Boulevard Saucy und der Rue des Bonnes Villes städtisch im besten Sinne. Obwohl Belgier häufig  reichlich hässlich sind – das Fluidum von Paris ist doch noch weit, die Mode proletarisch bis deutsch – legen alle, ohne Ausnahme, eine Gelassenheit an den Tag, die beinahe mediterran ist. Und freundliche Menschen überall, es wird mir Angst und Bange.

Typische Straßenszene

Typische Straßenszene

Wenig Konkretes vermag ich zu beschreiben. Vielleicht den Duft der Merguez, den die überfüllten nordafrikanischen Metzgereien verströmen, das urdemokratische Laissez-faire des buntestgemischten Publikums im und vor allem vorm Café Randaxhe. Den Blick von dort in die beiden Lust verströmenden Lebensadern Rue Puits-en-Sock und Rue Surlet. Die formidablen, dampfgegarten Banh Cuon im Mekong, serviert vom vielleicht großartigsten Asia-Maître in BeNeLux. Die Sirenen. Die leichte Luft, das schlechte Bier und inspirierende Baulücken.

Die halben Schiffswracks am Quai de la Dérivation sind der perfekte Kontrast – nach ausgiebigem Bootsspotting und Ohrenzuhalten – zur letzten Stipvisite des Tages. Dem Hafen für Züge. Architekturfanal des Fiktionärs Santiago Calatrava Valls: der Bahnhof Liège-Guillemins.

Calatrava und ich

Calatrava und ich

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Erpelschlaat met Radieskes

In Süddeutschland wird beim Kartoffelsalat meist am wichtigsten gespart: Der Mayonnaise. Ich kenne Hobbykulinariker, die lesen jetzt nicht weiter. Weil Sie ahnen, dass der folgerichtige Folgesatz folgender ist: Nicht so im Rheinland! Wie so vieles andere ist „Erpelschlaat“ eine Zubereitung, die in der Großfamilie eigentlich nur dem weiblichen Oberhaupt gestattet ist. Ausnahmen erlaube ich mir beispielsweise, wenn vom Vortag noch Ei-Öl-Emulsion übrig ist. Und Vorjahreskartoffeln endlich aus dem Keller wollen. Schließlich: Ich Radieschen ernte. Die erste Frucht meines eigenen Ackers. Tusch!

Kartoffelsalat mit Radieschen und Garnelen

Kartoffelsalat mit Radieschen und Garnelen

Die kalte, weiße Sauce war als Roastbeef-Tunke  folgendermaßen hergestellt worden: Eigelb mit holländischem Senf und Rapsöl aufgemixt und mit Zitronensaft, Salz und Cayennepfeffer reguliert. Für die Verwendung im Salat habe ich mit der gleichen Menge Yoghurt aufgefüllt, nachgesalzen und in Streifen geschnittene Radieschenblätter (nur die kleinen, nicht-haarigen) untergerührt. Pellkartoffeln gekocht. Radieschen in feine Scheiben gehobelt und saure Gurken in etwas weniger feine Scheiben geschnitten. Sauer müssen sie sein – und nicht zuckersüß wie 99 % der Supermarktware. Schnittlauch mit der Schere in kleine Röllchen geteilt.

Radieschen aus dem Garten

Radieschen aus dem Garten

Dann kommt alles in die große Metallschüssel: Kartoffeln noch heiß pellen und in dicke Scheiben schneiden, immer wieder Mayonnaise hinzu, damit sie nicht verkleben. Dann den ganzen Rest beimengen, reichlich salzen und mit einer Prise Zucker den Geschmack verstärken. Dazu brühe ich keine Wurst, sondern brate Garnelen mit Salbei in Knoblauchbutter. Eigentlich wollte ich riesige Exemplare mit Sauerampfer dämpfen, habe aber nur kleinere und bin auch faul. Das Ergebnis besticht durch die Konvergenz der Konsistenzen; und den Geschmack.


Vermischtes aus Wok, Musiktruhe, Weinkeller

Als Post zum Sonntag ein lupenreiner „Utecht“. Ein Rezept, ein Song, ein Wein – völlig undogmatisch. Jedoch nicht ohne rote Linie: Euroasiatische Annäherung mit regionaler Verwurzelung als Weg zum schnellen Glück. Doch der Reihe nach:

Gestern war Gartentag. Kritiker behaupten, ich hätte meiner Suchtlatenz nur ein neues Vehikel verschafft, Gärtnern sei nicht nur Ausgleichssport und ich das „fashion victim“ (so hip wie heute waren schwarze Fingernägel und rissige Hände nie) sondern gleichsam Flucht und der erste Schritt zur Einsiedelei. Wenn die wüssten! Ganz neue soziale Ebenen öffnen sich in der Solidarität der Ackerbauern – und ich bin so etwas wie ein versponnener Missionar unter Staunenden. Dem Nachbarn links, der Tauben züchtet, selektierend optimiert und nach jedem „Schicken“ fast verzweifelt über jede einzelne, die den Weg nicht zurück findet, und dem giftspritzenden Gerstelandwirt auf der anderen Seite – beide über 70 –  habe ich gestern die Vorzüge des neuen Neil Young Albums „Le Noise“ schwadronierend ausgebreitet und am Beispiel von Peaceful Valley Boulevard dezibelstark vorgeführt. Überzeugt hat die beiden ehrlicherweise aber erst ein guter Schluck vom kühlen Lambrusco, den ich neuerdings einigermaßen strategisch verkoste – dank dieser Anregung. Ein Landarbeiter- Getränk fürwahr.

Es fehlte jedoch Zeit zum Einkauf (das erste eigene Zeug werden morgen Radieschen sein), zum Kochen eigentlich auch. Also Resteküche. Kohlenhydratreich, Unkrautjäten ist genauso energieverzehrend wie eine Bergetappe nach l’Alpe d’Huez. Doch keine Pasta, keine Kartoffeln, ein Reisrest vom vorabendlichen Riz à la Valenciennes drängte sich auf. Knoblauch, Zwiebeln, Möhren, Ingwer, Shiitake und rote Chili sind stets vorrätig. Ein weiterer Nachbar bot nestfrische Eier. Also gab es eine freie Improvisation zum Thema „Stir-Fried Rice“ mit zweierlei Sojasaucen und einem Hauch Kardamom.

Stir-fried rice, undogmatisch

Stir-fried rice, undogmatisch

Schnell und gut. Was das beste an asiatisch inspirierter Wokküche ist? Dass eigentlich immer ein Glas Riesling dazu passt! Wegen der leichten Süße des Ketjap manis wagte ich mich nicht an eine eigentlich der Hitze entsprechende supertrockene Säureattacke, sondern ging auf Nummer sicher. Zum Glück lag noch eine Flasche meiner Ürziger Lieblingsunikate, der Gebrüder Merkelbach, kühl. So genoss ich die alkoholarme Wucht einer 2006er Riesling Auslese, Erdener Treppchen. Obwohl das eigentlich ein Jahrgang mit (über)schweren Weinen war, schossen bei dieser Flasche nicht nur direkt exotische Fruchtnoten in die Nase – auch nach dem geschmeidigen Abgang hallte noch lange wunderbar sauersüße Ausgewogenheit nach.

Kein pflichtschuldiger Anhang ist der nun folgende Musiktipp. Kaum ein Band hat in den letzten 20 Jahren mehr für die Annäherung zwischen westlichen und östlichen Hörgewohnheiten getan als Cornershop um den Londoner Tjinder Singh. Seit ihrem Überhit Brimful of Asha aus dem Jahre 1997 wurde das Werk deutlich experimenteller, bisweilen marginal, doch es blieb immer: hoch spannend. „Cornershop and the Double ‚O‘ Groove Of“ heißt das aktuelle Album, eine Kollaboration mit dem Musiker Bubbley Kaur aus dem Punjab. Neben einem kostenlosen Stream auf der Bandwebsite gibt es hier das aktuelle Video.


Ein Pott, Fisch und Käse

Was den Münchnern die italienische Adriaküste, ist für uns die holländische Nordsee. Der Niederrhein liegt am Meer, Zeeland ist semiteutonisch, mindestens. Zwei Stunden mit dem Auto und schon scheißen mir keine Tauben mehr sondern Möwen auf den Kopf. Es rauscht die Brandung und stürmt die See. Die Nase frei und salzverkrustet allerlei Körperfalten. Sand in den Schuhen ist nur was für gnadenlose Romantiker. Ich laufe barfuß. Thermometer werden ignoriert.

Drei Lieblingsorte für alle, die mich lesen. Die Wein- und Foodblogger, Musikfreaks und Familie, Freunde und Verirrte. Wenig Worte, Bilder.

Den ersten Blick auf’s Meer gönne ich mir und meiner geschundenen Internetjunkieseele meist am Strand in Dishoek. Weil da die Pötte von und nach Antwerpen mir fast über den dicken Zeh schippern. Schon mal mit nem 10.000 TEU Containerschiff um die Wette geschwommen?

In Colijnsplaat an der Oosterschelde befindet sich der letzte noch lebendige Fischereihafen der südlichen Niederlande. Daher komme ich stets nach Nord-Beeveland, kaufe Fisch bei „Johns Zeevishandel“ und setze mich ein paar Biere und Stunden lang in die Vismijn. Mit Blick ins Hafenbecken lässt sich mit dem Wirt in niederländischer, italienischer und deutscher Zunge so manch Garn spinnen.

Dann wird dem Klischee gehorcht und Käse gekauft. Was wir hierzulande als Gouda kennen, kommt ja meist geschmacklicher Nötigung gleich. Dass aber in so mancher Kaasborderij veritable Rohmilchdelikatessen bereitet und feilgeboten werden, ist nur wenigen bewusst. Boerenkaas ist das Codewort. Familie Kwekkeboom auf ihrem Hof Schellach in St. Laurens bei Middelburg macht das Beste aus Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch.

Dreierlei Boerenkaas-Pretiosen vom Hof Schellach

Dreierlei Boerenkaas-Pretiosen vom Hof Schellach


Kartoffelsuppe mit Würzer

Der Zufall führte einen sommerlichen Saufwein und eine robuste Resteverwertung auf meinem Esstisch zusammen. Dass es einen rundum passenden Begleiter der gemeinen Kartoffelsuppe gäbe – darüber hatte ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Bis ein junger, rheinhessicher Würzer eines ebensolchen Winzers dieser Tage in meine Hände geriet und beides sich zusammenfügte, dass es eine rechte Freude war. Aber der Reihe nach.

Wolfgang Janss in Xanten

Wolfgang Janss in Xanten

Wolfgang Janss vom Rheinterassenhof in Guntersblum – das ich bisher nur seiner Keller wegen kannte und natürlich durch Besuche bei Johann Schnell – ging mir irgendwann in’s soziale Netz, er bloggt unter mysilvaner.net. Nach Facebook-Freundschaft und Nichterkennen beim Mann mit Hut bot sich am letzten Wochenende die Gelegenheit des realen Händeschüttelns. Er missionierte drei Tage im wenig weinaffinen, wunderschön-antiken Xanten – und ich schwang mich sonntags in den Sattel, überwand 50 Kilometer und kehrte mit Sonnenbrand und der ersten Flasche 2010er Würzer, die bisher unters Trinkervolk geriet, heim. Genauso barbarisch, wie unsere Gegend vor der Beglückung durch die Römer war, fühlte ich mich, denn aus dieser Rebsorte gewonnene Flüssigkeiten hatte ich überhaupt noch nicht im Glas.

Da in mir aber schon der Probeschluck am Stand – genauso übrigens wie der neue Silvaner –  Neugier weckte, legte ich die noch mit einem Blankoetikett versehene Bouteille kühl und wartete auf die passende Gelegenheit. Es spielte mir meine andere Feierabendbeschäftigung – die vogelwilde Gärtnerei samt Ackerexperiment – in die nunmehr rauen Hände. Ich hatte noch mehlige Biokartoffeln (Aula) vom letzten Jahr zum Keimen und Pflanzen im Keller (kein Mensch braucht explizite Pflanzkartoffeln), allerdings war in den letzten Wochen der tapfere Landmann mit mir durchgegangen und es war kein Platz mehr auf der Scholle. So dass die bisher kaum gesprossenen Erdäpfel eine gute Grundlage bildeten für eine sämige Suppe.

Dazu ein Teil Zwiebeln  kleinschneiden und im großen Topf mit Butter glasig dünsten. Fünf Teile gewürfelte Kartoffeln hinzu und mit Gemüsebrühe doppelt bedecken. Weichkochen. Im letzten Drittel der Garzeit würzen mit Meersalz (viel), schwarzem Pfeffer, wenig Majoran. Zwei Möhren in Scheiben schneiden und auch in Butter dünsten, mit einem Löffel Honig karamelisieren und wenig Wasser angießen. Einen Zweig Thymian dazu. In einem dritten Topf eine Tasse Milch erhitzen. Vor der Vereinigung dieser drei Komponenten die Kartoffeln nach Gusto stampfen. Dann alles verrühren und dicke Bockwürste (alternativ: Blutwursttaler) von Bauten einlegen und ohne Hitze ziehen lassen.

Kartoffelsuppe mit Wurst (Foto: phew)

Kartoffelsuppe mit Wurst (Foto: phew)

Düsseldorfer Senf gibt dem Ganzen Schmackes.  Der Wein auch. Das Klischee dazu wäre: Würziger Sommerwein mit Muskatnote. Übrigens die letzte Rebsorte jenseits des Klassiker-Kreises, die Wolfgang Janss noch an- und ausbaut. Er mag diese florale Wuchtbrumme, die entweder betört oder abstößt, und erträgt manch Spott von Kollegen stoisch. Ich fand auch schnell einen Zugang zu dem Tropfen. Malt er doch hübsche Blüten an das erdige Essen. Feine, leichte Speisen würden im Sturm von oberflächlicher Vehemenz umkommen. Doch ist der Würzer klar und rein dazu, fast ohne Nachhall, aber anschmiegsam an die Thymian- und Majoranaromen des Essens.


Das sind Geschichten

Das sind Geschichten
in Büchern gelesen
Geschichten aus dem täglichen Leben
Geschichten die mir niemand glaubt
Das sind Geschichten
und sie sind geklaut

Ausgerechnet in der Abfahrt. Godverdomme! Nur unter Aufbietung kaum mehr gekannter Artistik vermochte er im Sattel zu bleiben. Auszurollen, schlingernd. Die Rache der Fahrradhändler, die er seit Jahren nicht mehr frequentierte. Sollten die doch ihren überteuerten Lifestyleunsinn behalten. Das Ergebnis nun: Plattfuß. Absteigen. Schieben. Fluchen.
Landleben fordert eines stets: Die gute Planung. Vor allen Dingen was die Gaderobe betrifft, an Abenden, wenn Ausgehen auf der Agenda steht. Völlig overdressed war schon sein rollendes Erscheinungsbild. Doch das Ziel, die traditionelle Letsch des Kollegen D., der übrigens so irre war, jegliches Detail seiner anstehenden Ehe-Schließung im eigens dafür aufgesetzten Blog einer nicht zu unterschätzenden Provinzöffentlichkeit zu offenbaren, rechtfertigte dies. Gefreut hatte er sich auf einen rheinischen Ritus, eine Initiation, eine Wehmutsabwehr, ein emotional reinigendes Gewitter, ein wildes Fest. Daher kein Auto, den Körper sportlich auf die Party bringen, Verfettungsvorbeugung. Nun hatte er die italienischen Treter an den Füßen und sein Lieblingsseidenhemd am Leib und litt mit jedem Schritt. Kurz hinter einem Ort, der tatsächlich Dornbusch hieß.
Radfahren, schnell radfahren, richtig schnell radfahren ist immer auch Gedankenflucht. Da stand er hier im niederrheinischen Nirvana und konnte sich kaum auf den Beinen halten beim Aufprall des wuchtigen Nichts. Es dämmerte, zurück bedeutete viele Kilometer Qual, der einzige Höhenzug seiner heimatlichen Tiefebene lag ja gerade hinter ihm. Sein eigentliches Ziel jedoch war per Pedes kaum erreichbar. Bei Ankunft lägen Leichen schon im Gras und der Rest vom Fest im heimischen Bett. In gedanklicher und athletischer Schlagdistanz jedoch, das blitzte ihm durch’s alternde, bald 40jährige Hirn, war doch der Sehnsuchtsort einer randglücklichen Landjugend. Gab es doch in einer jeden Provinz Kneipen in Dörfern, die Schüler anzogen meilenweit, weil dorthinzugehen Distanz zu legen bedeutete zwischen sich und das Elternhaus, das finstre. Kickern, Kiffen, Konfligieren. Auf’s Maul gab’s oft, Livemusik auch. Und 50 Biersorten aus aller Herren Länder. Tresentanzen, Gesangsimulieren, Fraternisieren. Später, in der Stadt, hieß solcherlei dann Clubbing und war doch niemlas mehr so sinnlich wie zur erfolgreich verschwendeten Jugendzeit.
Conny war also erreichbar. Und hatte er nicht am Morgen, beim Frühstück im Hause seiner Mutter, im lokalen Presseorgan mit Faschismuslatenz irgendwas gelesen von einem Gig einer Kapelle aus einer anderen Zeit? Janie in Boisheim? Mit dem Sektchef? Vor dem dritten Kaffee des Tages nahm er kaum etwas für bare Münze und das Zurückgeworfensein auf Erziehungserfolge entsprechend Berechtigter, die nie kapierten,  beanspruchte seine intellektuelle Überlebensfähigkeit zudem. Aber auf einen Versuch kam es nun an. Damit einem Abend, der sich entwickelte wie ein veritabler Griff ins Klo, das Grauen genommen würde, zum Blauen vom Himmel würde es ohnehin nicht mehr reichen.
Weiter mit der Zitaterevue: Conny war tot, kein Freispiel drin. Dafür war der Laden inzwischen von LOHAS-Jüngern und Öko-Unternehmern luxussaniert worden, um dem Klischee vom alternativen Dorfgasthaus zu entsprechen. Er setzte sich unter die Linde im Garten, trank vom dunklen Bier, inspizierte das bäuerliche Mauerwerk und das riesige Loch im kieseligen Boden. Bierkeller und Außenklo, Bratkartoffelgeruch und Männer mit Bäuchen, über denen sich Trikots von Borussia Mönchengladbach spannten. Daneben eine Gruppe von Auffälligen. Das typische Käppi, die schwarze Lederjacke auf weißer Kluft, dunkle Anzüge. Ein Schwarm Lippenleserinnen. Die Familie war tatsächlich angereist, agierte kordial hermetisch, war Avantgarde vor über 25 Jahren und immer noch verdammt gut. Doch hier? Weißgefleckter Landstrich zwischen der Hauptstadt der Bewegung und holländischer Verheißung, Ursuppenkessel des Gedankens wegwohin. Der Mecki Türk entstammte dem Nachbardorf, fiel ihm ein, langsam machte dieser wiedergeborene Surrealismus Sinn.
Janie bei Conny

Janie bei Conny

Es fogten zwei kriminell kurze Sets im Schankraum, den allenfalls vier Hand voll Leute füllten. Das Publikum trank Fanta, die Band Bier. Zumindest Janie, der singt, als wär er immer noch Anfang 20 und der beste Popmusikant der Welt. 1980 war er es und es gibt Menschen, die bezeichnen Monarchie und Alltag als das Fundament, auf dem sich Musiker hierzulande entwickeln konnten. Er hielt die Scheibe damals schon für den Gipfel. Aber live war die Familie immer besser. Mit ihrer Lust an der Vehemenz, dem Bekenntnis zur Könnerschaft. Punk war tot, bevor er jemals atmen konnte. In Düsseldorf oder anderswo war Tanzen jetzt wichtiger. Auf Rock’n’Roll und Ska und Funk und Soul. Dazu peitschte Janie als Fleisch gewordene Herablassung allen Zaudernden seine affirmative Poser-Poesie um die Ohren.
Der Mann konnte singen. Immer noch. Und die Band war auf den Punkt. Druckvoll. Powerpop 2.0. Arbeiteten als Profis mit Spaß an der Freude.
Neben ihm saß irgendwann Jochen und sagte ‚Wohlsein‘. Er glaubte inzwischen alles an diesem Abend schwärender Wunder. Jochen war immer zwei Jahre älter gewesen – nun sah er aus wie der eigene Opa. Seit kurz vorm Abitur hatten sie sich nicht mehr gesehen. Beide machten ja irgendwas mit Medien, keine Zeit, alles klar. Früher war Jochen der Kutscher. Sein klappriger gelber Lada brachte sie an alle verruchten Orte im Zollgrenzbezirk. Und immer dann, wenn sie mit neuen Tracks im Ohr und bierseelige Welteroberung im Sinn aus Connys Tür traten, waren die Jungs von der Trachtentruppe schon da mit ihren schalen Witzen vom Blasen. Jetzt aber: Zeitmaschine.
Und dann haute der Sektchef noch einmal in die Seiten, Mecki blies ins Horn und Peter, den alle nur Janie nennen, weil er es so wollte, hat geweint, bei jedem zweiten Satz, weil er extra aus Wien angereist war und jetzt so wenige Leute und er, scheiße,  schon Mitte 50 und irgendwovon muss man ja auch leben seit die tolle Geschichte mit dem Brotjob den Jordan hinunter und überhaupt: Warum waren da heute keine Groupies mehr? Nur die grüne Landtagsabgeordnete. Und Jochen, der das kaputte Rad in seinen Familienvan warf, kurz zurückblickte und losfuhr in den rheinischen Grauschleier. Aus der Kühlbox unter der Handbremse zog er zwei Grolsch, die er ihm zum Öffnen gab und sagte: Wohlsein.

Fotos, Musik und Anmerkungen
Family 5 sind seit 1981 eine weltberühmte Düsseldorfer Band, die Punk mit Hilfe von Soul und Funk zu Grabe trug.
Peter (Janie) Hein singt. Er tat das vorher und nachher und immer mal wieder auch bei Fehlfarben.
Xao Seffcheque spielt Gitarre. Und schreibt Filme. Und komponiert.
Markus (Mecki) Türk ist ein großartiger Trompeter.
Connys Come In war mal ein verrufener Laden in Boisheim am Niederrhein.
Jochen heißt eigentlich anders.
Er bin ich.
Family 5: U.a. Xao Seffcheque, Peter hein, Markus Türk (v.r.n.l.)

Family 5: U.a. Xao Seffcheque, Peter hein, Markus Türk (v.r.n.l.)


Bánh phở mit Schwein, Paprika und Himmelreich

Hin und wieder betreibe ich kulinarische Erinnerungsarbeit. Versuche Gerüche und Aromen zu reproduzieren, die ich einst auf Reisen entdeckte. Diesbezüglich ist mir die vietnamesische Küche das bevorzugte Sensorikreservoir. Dass ich sie für die beste, weil frischeste, leichteste und gleichzeitg komplexeste asiatische Nationalküche halte, habe ich bestimmt schon einmal erwähnt. Außerdem passt fast immer ein leichter Rieling dazu. Selbstverständlich ist das, was mir am heimischen Herd nachzukochen möglich ist, immer nur eine Langnasen-Annäherung. Dennoch versuche ich mich stets auf’s Neue – heute an: Vietnamesischen Reisbandnudeln (Bánh phở) mit Schweinefleisch, Gemüse, Koriander und Zitronengras-Ingwer-Note.

Die Nudeln weiche ich mindestens 30 Minuten in warmem Salzwasser ein. Dünne Scheiben vom Schweinerücken (auch wenn ich zwischen Ha Noi und Sai Gon meist Rind, Huhn, Hund oder Schlange serviert bekam) werden geschnetzelt und mit Fischsauce, Ingwer, Zitronengras, Pfeffer und Knoblauch mariniert. Paprika geschält und in Streifen geschnitten, ebenso das Herz eines knackigen Romanasalats. Koriander grob und eine Zwiebel fein gehackt.

Mise en place - hobbyasiatisch

Mise en place - hobbyasiatisch

Das Fleisch wird in mittelheißem, neutralem Öl im Wok kurz gebraten, ohne dass es allzu viel Farbe annimmt. Die Marinade kommt hinzu, einmal aufgekocht und wieder aus der Pfanne und zwischengelagert. Dann die Zwiebel und etwas weiterer Knoblauch samt Ingwer in neues Öl und die kaum abgetropften Nudeln dazu. Schwenkend Garen. Mehr Nước mắm dazu sowie eventuell entstandener Fleischbratensaft und dann auch ins Zwischenlager. Weiters die Paprika in das dritte, nunmehr heftig heiße Öl und eine Minute pfannenrühren. Die bekannte Fischsauce und die Hälfte des Salats hinzu.

Bánh phở, verzehrfertig

Bánh phở, verzehrfertig

Über das, was nun folgt, gibt es  unterschiedliche Meinungen. Klassisch vietnamesisch würde nun in einer Schüssel angerichtet: Zuunterst die Nudeln, darauf das Geschnetzelte, das warme Gemüse und das grüne Zeug (hier: Koriander und der verbliebene Salat). Ich habe heute jedoch alles bis auf letzteres wieder in den Wok gegeben, einige Male durchgeschwenkt und dann aufgegessen. Restlos. Gelöscht würde mit einem fast alkoholfreien Kabinett aus dem Graacher Himmelreich.

2008er Riesling Kabinett feinherb, Graacher Himmelreich, WG Kasel

2008er Riesling Kabinett feinherb, Graacher Himmelreich, WG Kasel