Paprika allüberall – nur nicht im Ruwertal

Nein, es wird noch einige Zeit keine Beweisbilder meiner gärtnerischen Stümperei geben. Zu unbedarft ist mein Tun, der Acker gleicht momentan eher einer Mondlandschaft. Inzwischen sind zwar Kartoffeln gesetzt, Zwiebeln gesteckt, gelbe Möhren gesät. Nur das Pflanzen (bis auf zwei Versuchstomaten) vermied ich noch. Bis heute dann einige Paprikasetzlinge in die Erde kamen. Nicht nur mein aktiver Sprachschatz hat sich in den letzten Wochen erheblich erweitert, meine Körperwahrnehmung ist eine andere geworden und die Zeit für kreative Produktivität tendiert gegen null.

Schreiben und Kochen war gestern, Gärtnern ist der neue Lifestylesport. Und doch gab es heute etwas zum Abendbrot: Gefüllte Paprika. Das lässt sich prima in den Ofen schieben – und dann ist wieder Zeit für…

Gefüllte Paprika

Gefüllte Paprika

Getrunken habe ich dazu eine Art Paprikasaft. Einen Negroamaro von Cantele aus Apulien. Eine gewisse Ahnung von Harmonie war vorhanden, doch dass es dann so perfekt passte, war wunderlich. Wundersam. Wundervoll.

Wundervollen Wein entdeckte ich auch am letzten Wochenende im wilden Ruwertal. Erst radelnd und die Waldracher Krone erklimmend Durst angeschwitzt – diesen dann mit erfrischenden Rieslingen ausgiebig gestillt. Mein Favorit im Glas: 09er Spätlese feinherb aus dem Kaseler Nies’chen. Ein Schluck mit Schmackes, etwas rau und wild, Säurespiel versus Honigaromatik. Ach ja: Ausgebaut von der Kaseler Winzergenossenschaft. Bei Anruf: Genuss!

WG Kasel: Rieslingfeuerwerk

WG Kasel: Rieslingfeuerwerk


Bottermelksprenk, Meatyard und die Motte Horbes Bergske

Ralph Eugene Meatyard war ein amerikanischer Fotograf, der aus einem Städtchen in Illinois mit dem bemerkenswerten Namen Normal stammte und genauso lange in den ewigen Jagdgründen weilt, wie ich auf dieser Erde wandele. Bisweilen lichtete er Menschen mit Tiermasken ab – wovon sich wiederum eine noch vergleichsweise taufrische Band aus der gleichen neuen Welt inspirieren ließ. Von der biestigen Verkleidungskleinkunst ebenso wie vom Namen. Meatyard machen Americana , würden gerne so klingen, als hätte Leonard Cohen ein Countryband und bestechen doch durch herzallerliebsten Harmoniegesang samt Slidegitarren sowie den unbedingten Willen zum Kitsch. Den All-American-Standard „Hard times“ interpretierten sie auf ihrem 2010er Album „Sweet old green world“ und visuell ganz aktuell hier.

Etwas versponnen ist diese Musik, zugegeben. ‚Same here‘ möchte ich ausrufen, nicht nur mit Blick auf den – dank Klimakatastrophe – Hochsommer im April. Denn eigentlich war Teil 4 der niederrheinischen Frühlingskocherei geplant. Doch dazu ist es zu warm. Also erwähne ich nur ein der heißen Jahreszeit vorbehaltenes Süßspeisenrezept. Rheinische Küche für Hartgesottene, ausgegraben aus unteren Schichten des kulinarischen Provinzgedächtnisses. Oma Franken sei Dank. Bilder erspare ich uns, denn schön ist sie nicht, die Bottermelksprenk. Aber lecker.

Als Abfallprodukt bei der Butterherstellung ist die Buttermilch mit ihrem leicht säuerlichen und fast fettfreien Geschmack perfekte Erfrischung bei Hitze. Milchsuppen wiederum gehörten immer schon auf den Speiseplan der hiesigen Arme-Leute-Küche. Diese Kombination macht satt, ist verführerisch süß und kühl genossen himmlisch leicht.
Ein paar Scheiben Schwarzbrot zerbrechen und mit wenigen Dörrpflaumen (alternativ Rosinen) mit Wasser bedecken und einige Stunden einweichen. Dann mit reichlich selbstgemachtem Vanillezucker verfeinern und einmal aufkochen. Einen Liter Buttermilch mit zwei Esslöffeln Stärke erhitzen und mit etwas Honig süßen. Dann beide Komponenten zusammenführen und zehn Minuten kochen. Abkühlen lassen und in der Mittagshitze essen, eventuell mit etwas Zimt. Klingt komisch, sieht fürchterlich aus und schmeckt altmodisch gut.

Der bisher unerklärte Begriff in der Überschrift bezeichnet übrigens eine wenige Kilometer entfernte Fluchtburg. Dort gibt es ein ordinäres Ausflugslokal mit einer für diese Art von Etablissements formidablen Küche. Wir hatten Spargel, selbstredend.

Spargel in der Fluchtburg

Spargel in der Fluchtburg


Grüne Paste, schwarze Hände und Donna Regina

Ist das jetzt der Niederrheinische Frühling, Teil 3? Entscheidet selbst – kurz und knackig wird dieser Text garantiert, denn der Garten ruft. Und das Pflanzencenter. Sowie der lokale Spargelverchecker. Doch der Reihe nach.

Noch nicht mal 40 und schon voll retro? Lebensreformer und Begründer der rheinischen Rohkostrevolution? Autarkie rulez? Wie auch immer – seit zwei Wochen bestelle ich einen Acker. Gestern brachte ich Kartoffeln und Zwiebeln unter die Erde. Heute werden Buschbohnen und gelbe Möhren folgen. Noch glaubt niemand aus meiner Peergroup, dass dies ein nachhaltiger Zeitvertreib wird. Meine von Mutterboden verfärbten Hände und der krumme Gang nach ungewohnt körperlicher Arbeit werden belächelt, allenfalls. Vom Blumenhasser zum Kleingärtner? Rock’n’Roll goes Guerillagardening? Wird Anarchie zu anstrengend blüht der gemeine Spießertraum? Was ich jetzt schon sagen kann: Wie jede Kunst ist Gärtnern schön, macht aber viel Arbeit.

Niederrheinische Bärlauchpaste

Niederrheinische Bärlauchpaste

Bilder und Hintergründiges dazu an kommenden Regentagen – heute sei nur noch erwähnt, dass ein Bekannter mit einem Stück Land in Buchenwaldrandlage einen Haufen Bärlauch mir in die Spüle kippte. Ich habe es verpastet – da ich aus Prinzip keinen Salat esse und noch nicht in den Kaninchenzüchtermodus degeneriert bin. Sieht hübsch aus und Pastepasta schmeckt auch. Niederrheinische Bärlauchpaste geht so: Das Grünzeug gründlichst waschen, der wildpinkelnden Wildtiere wegen. Mit der Schere kleingeschnitten und samt hiesigem Rapsöl und etwas Meersalz stabgemixt. Ich habe das Ganze zweigeteilt und eine Hälfte mit Haselnusskernen gepimpt. Noch weiß ich nicht, was mehr mundet. Übrigens: Kein Käse! Der Farbe wegen.

Die Eheleute Janssen aus Köln machen seit nunmehr 20 Jahren sympathischste musikalische Elektrofrickelei unter dem Namen Donna Regina. Auf Karaoke Kalk ist auch ihr letztes Album mit frühlingshaftem Geplucker samt sphärischem Frauensingsang erschienen: „The decline of female happiness“.
Doch hier nun das großartige, 2002 in Oberhausen ausgezeichnete, Video zu „Why“ vom 99er Album „A quiet week in the house“.


Schellfisch mit Düsseldorfer Senfsahne, dazu in Altbier-Pastella ausgebackener Chicorée

Niederrheinischer Frühling, Teil 2. Kochfisch in Senfsauce klingt reichlich altmodisch, muffig, bieder – und so gar nicht frühlingsfrisch. Und seit wann ist das andere Ende der Zichorienwurzel eine regionale Spezialität?
Ursprünglich wurde durch das Garen in kräftigem Sud und das Tränken in deftiger Tunke sicherlich der eine oder andere Zweifel an der Frische des zu verarbeitenden Meeresbewohners getilgt. Kühlketten kannten unsere Vorfahren schlicht nicht – und bis so ein Tier von der holländischen Küste an den Rhein gelangte, gingen vor Zeiten einige Tage ins Land. Ich verwende das schwanzwärtige Drittel eines im Nordatlantik mit Langleinen gefangenen und MSC zertifizierten Dorschfamilienmitglieds. Beim Fischhändler habe ich ihm zuvor tief in die Augen geschaut – frischen Blicks freute er sich auf mich.

Witlof (weißes Laub) ist limburgisch für Schikoree – die Belgier haben’s als erste gezüchtet. Nachbarn. Effizienzorientierte Calvinisten machten also dieses ganzjährig verfügbare, in geschlossenen Systemen gezogene Gemüse populär. Die leicht bittere Note passt dazu. Ich mag es als Rohkost, aber ausgebacken in Bierteig nach Pastellaart ist es eine Delikatesse, wie ich hier beschrieb. Statt Wasser nehme ich die hiesige Ressource Altbier, genauer Bolten Uralt. Dessen malzige Note macht die Geschichte rund und bildet gleichsam eine Brücke über den Rhein, in die ungeliebte Landeshauptstadt. Wenn von dort auch nicht viel Gutes kommt – Senf machen können die Hochnasen. Ich habe stets ein Mostertpöttchen von ABB zur Hand.

Senffisch mit Dilldeko

Senffisch mit Dilldeko

Während also der Fisch im zuvor gekochten Sud (Wasser mit Zwiebel, Lorbeer, Piment, Wacholder, Pfeffer und wenig Salz) garzieht – ja, ich weiß, dass Dämpfen die kontemporäre und schonendere Methode wäre – koche ich Senf mit Sahne und Prisen von Zucker und Salz auf. Mit etwas Fischsud wird die Konsistenz reguliert, Schaum schlage ich nicht. Stattdessen rundet etwas Zitronenabrieb diese perfekte Blitzsauce ab. Crunchigen Chicorée und ausgelösten Fisch auf Mostertspiegel anrichten – dazu trinke ich eine Riesling-Silvaner-Cuvee von Haub. Wohlsein!

Nachtrag 1: Mit Frühling hat das insofern zu tun, als dass die ganzjährige Verfügbarkeit der Zutaten in den ersten Frühlingstagen aus der Bredouille rettet, dass es kaum etwas Frisches zu kaufen gibt (Stand Mitte März).
Nachtrag 2: Die bisher fehlende Erklärung, warum nördlich der Benrather Linie weniger geredet wird als beispielsweise in der Domstadt, hängt übrigens mit der geringeren Anzahl an Konsonanten zusammen und dem kaum vorhandenen musikalischen Talent. Rheinischer Singsang findet sich bei uns Provinzlern kaum. Außerdem gibt es auf dem Land einfach nicht so viel zu erzählen wie in urbanen Regionen.

Blog-Event LXVI - Eine kulinarische Reise durch das Rheinland (Einsendeschluss 15.04.2011)


Pfälzer Wein, sozialer Sonnenschein und alte Hüte

Im Pop-Pleistozän, damals, zu Beginn der 80er, als die Wucht von Punk bereits verblasste und Stil wieder wichtig wurde, sang eine kanadische Combo “we can act like we come from out of this world – leave the real one far behind”. Safety Dance hieß der Song, der ein Welthit wurde und die Kapelle Men without hats. New Wave war eine Epoche, die besonders in Deutschland bisweilen dadaistische Blüten trieb.

30 Jahre später verstopft mir der Track als Ohrwurm die Synapsen, sitze ich doch an einem heißen Frühlingssonntag auf einem kahlen Weinberg in der Rheinpfalz und sehe einen jungen Kerl aufgeregt vor mir herumhüpfen. Er hantiert mit Würsten, Vinyl und Wein. Die reale Welt ist in Form einer Zusammenrottung von Facebookjüngern über ihn hineingebrochen. Er nennt sich Mann mit Hut und noch bin ich mir nicht sicher, was er wirklich ist. Provinzpapa, Winzerstar, Marketinggeschöpf. Was ich weiß: Lukas Krauß ist 23 und hat mir in der letzten Stunde schon drei verschiedene Weiße ins Glas gegossen. Einer besser als der andere!

Vor ein paar Monaten las ich im Netz über den Jungen aus Lambsheim, der gleich mit seinem ersten Jahrgang die Fachwelt überzeugte und das Publikum derart begeisterte, dass er alsbald auf dem Trockenen lag. So schnell verkaufte sich sein Suchtmittel – bis er jetzt Teile des neuen Jahrgangs präsentieren kann. Es wird nicht lange dauern, dann ist er wieder ausverkauft. Die Menge 2010er ist überschaubar – und das Ergebnis grandios. In diesem Segment habe ich mir in den letzten Monaten beispielsweise keinen besseren, knackigeren Silvaner durch die Kehle rinnen lassen. Und ich habe einige entkorkt, als Teil meiner rheinhessischen Feldforschung.

Weinhappening auf Pfälzer Höhen

Weinhappening auf Pfälzer Höhen

Dutzende Jung-Connaisseure schlürfen sich samt Sonnenbrand in Freudentaumel – sie alle haben sich in Lukas’ sozialen Netzen verfangen. Er hat online geladen und wir alle strömen den Hügel hinan. Leicht hippiesk ist diese Improvinophilie, inzwischen dröhnen Zappa, Marley und die Scherben vom Plattenteller, Kinder (davon zweimal Winzernachwuchs) wetteifern schreiend mit den kläffenden Hunden um die akustische Hoheit. Dazu passt perfekt ein Schoppenwein: „chapeau krauß“ ist eine reichlich bunte, wahre Floraleskapade, lockerleichte und sonnenfrohe Weißweincuvée. Die Idealbesetzung für Säuremuffel und andere Blumkenkinder. (Obwohl die Analyse sogar einen Säuregehalt von 8,2 g/L ausweist, wie mir Lukas gerade mailt.)

Weinbauer in Aktion

Weinbauer in Aktion

Der zuvor gehegte, leise Verdacht, bei Herrn Krauß handele es sich schlicht um ein Consulting-Projekt oder die Kreatur einer Geisenheimer Bachelorarbeit im IWW-Rahmen, hat sich inzwischen genauso verflüchtigt wie die vom Lambsheimer Weinbauern angelegten Weinvorräte. Wir trinken zum Abschied „krauße schwarzer“, einen formidablen roten Verschnitt – und müssten eigentlich stilecht in die glutrote Abendsonne reiten, den Hut tief in’s Gesicht gezogen. Wir verlassen uns jedoch auf deutlich mehr Pferdestärken und einen durchschnittlich nüchternen Fahrer – nicht ohne den Kofferraum vollzuladen mit allerlei Preziosen und der Gewisskeit einer Wiederkehr.

Im Pop-Pleistozän, damals, zu Beginn der 80er, als die Wucht von Punk bereits verblasste und Stil wieder wichtig wurde, sang eine kanadische Combo “we can act like we come from out of this world – leave the real one far behind”. Safety Dance hieß der Song, der ein Welthit wurde und die Kapelle Men without hats. New wave wurde die Epoche genannt.

 

30 Jahre später verstopft mir der Track als Ohrwurm die Synapsen, sitze ich doch an einem heißen Frühlingssonntag auf einem kahlen Weinberg in der Rheinpfalz und sehe einen jungen Kerl aufgeregt vor mir herumhüpfen. Er hantiert mit Würsten, Vinyl und Wein. Die reale Welt ist in Form einer Zusammenrottung von Facebookjüngern über ihn hineingebrochen. Er nennt sich Mann mit Hut und noch bin ich mir nicht sicher, was er wirklich ist. Provinzpapa, Winzerstar, Marketinggeschöpf. Was ich weiß: Lukas Krauß ist 23 und hat mir in der letzten Stunde schon drei verschiedene Weiße ins Glas gegossen. Einer besser als der andere!

 

Vor ein paar Monaten las ich im Netz über den Jungen aus Lambsheim, der gleich mit seinem ersten Jahrgang die Fachwelt überzeugte und das Publikum derart begeisterte, dass er schnell auf dem trockenen lag. So schnell verkaufte sich sein Suchtmittel – bis er jetzt den neuen Jahrgang präsentieren konnte. Es wird nicht lange dauern, dann ist er wieder ausverkauft. Die Menge 2010er ist überschaubar – und das Ergebnis grandios. In diesem Segment habe ich mir in den letzten Monaten beispielsweise keinen besseren Silvaner in den Schlund geschüttet. Und ich habe einige entkorkt, als Teil meiner rheinhessischen Feldforschung.

 

Dutzende Jung-Connaisseure schlürfen sich samt Sonnenbrand in Freudentaumel – sie alle haben sich in Lukas’ sozialen Netzen verfangen. Er hat online geladen und wir alle strömten den Hügel hinan. Leicht hippiesk ist diese Improvinophilie, inzwischen dröhnen Zappa und Marley vom Plattenteller, Kinder wetteifern schreiend mit den kläffenden Hunden um die akustische Hoheit. Dazu passt perfekt ein Schoppenwein: chapeau krauß ist mit reichlich Restzucker eine wahre Floraleskapade, lockerleichte und sonnenfrohe Weißweincuvée. Die Idealbesetzung für Säuremuffel und andere Blumkenkinder.

 

Der zuvor gehegte Verdacht, bei Lukas Krauß handele es sich schlicht um ein Consulting-Projekt oder die Kreatur einer Geisenheimer Bachelorarbeit im IWW-Rahmen, hat sich inzwischen genauso verflüchtigt wie die vom Lambsheimer Weinbauern angelegten Weinvorräte. Wir trinken zum Abschied krauße schwarzer – und müssten eigentlich stilecht in die glutrote Abendsonne reiten. Wir verlassen uns jedoch auf deutlich mehr Pferdestärken und einen durchschnittlich nüchternen Fahrer – nicht ohne den Kofferraum vollzuladen mit allerlei Preziosen und der Gewisskeit einer Wiederkehr.


Milchreis, Rhabarberkompott und Schwarzbrotkrokant – Niederrheinischer Frühling, Teil 1

Wir sind ein Volk. Der Holländer und ich. Das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich durch Limburg fahre, met de fiets – natuurlijk. Trotz aller eingeborener Distanz – die Grenzlandbewohnern überall auf der Welt eigen ist – und manch despektierlicher Allüre. Schon die Verwendung des Begriffs „Holländer“ ist nicht nett im eigentlichen Sinne, bezeichnete er doch ursprünglich lediglich die Bewohner der ehemals waldreichen westlichen Gebiete der Niederlande. Holland = Holzland, etymologisch betrachtet. Sprachwissenschaftlich sind wir erwiesenermaßen Schmarotzer eines Wirts, die Niederrheiner und die Limburger. Limburgisch ist eine Abart des niederfränkischen Dialekts – und die Bezeichnung der Sprache, die uns alle eint. Wobei ich einst im germanistischen Seminar lernte, dass wir Niederrheiner uns des südniederfränkischen bedienen. Doch das ist alles een pot nat. (Interessierten empfehle ich die Arbeiten von Theodor Frings).

Ich aß also seit langer Zeit einmal wieder einen rijstevlaai von der Banketbakerij Lamers im Eigenwijs in Venlo. Milchreisfladen wäre eine unzulängliche Übersetzung für diese vorzügliche, regionaltypische Torte (Rezept einer Bloggerkollegin). Warum Milchreis jedoch im ganzen Verbreitungsgebiet der limburgischen Sprache (auch und vor allem in Belgien) bei Süßspeisen eine so dominate Rolle spielt, vermochte ich nicht zu eruieren. In Skandinavien wird süßes Milchrisotto ja vergleichbar häufig serviert und verehrt – für mich gehört es untrennbar zum kulinarischen Kulturerbe meiner Heimatregion. Deshalb stelle ich es an den Anfang einer siebenteiligen Reihe über hiesige Spezialitäten aus meiner Küche und säume somit das Pferd (auch dazu kommen wir noch) von hinten auf mit dem Dessert: Milchreis mit Rhabarberkompott und Schwarzbrotkrokant.

Wie aus Roggenvollkornbrot Krokant wird und was man daraus noch machen kann, habe ich hier beschrieben. Dass Rhabarber keine autochthone Art ist, ist mir bewusst. Dennoch ist der Himalaya-Knöterich weit verbreitet zwischen Maas und Rhein – van Nahmen macht beispielsweise einen vorzüglichen Nektar – und die Ernte beginnt gerade. Für das Kompott die von den äußeren Fasern befreiten Stangen in Stücke schneiden und mit wenig Wasser und Honig einmal aufkochen lassen, vom Herd nehmen und bei geschlossenem Deckel ziehen lassen. Saure Sache, aber wenn die drei Komponenten später Geschmacksnervenpingpong spielen, passt das.

Milchreis, rheinisch

Milchreis, rheinisch

Milchreis ist Kindheitstraum. Für manche Trauma, weil sie ihn nur aus der Kühltheke kennen. Ich bereite ihn aus dem gleichen  Rundkornreis zu, den ich auch für Risotto oder Paella verwende (z. Zt. Arborio); dazu Milch (ca. dreifaches Reisvolumen), ein Schuss Sahne, reichlich eigener Vanillezucker, eine Prise Salz. Alles einmal aufkochen, Herd aus, quellen lassen. Hin und wieder umrühren. Beim Anrichten sollte alles noch lauwarm sein, dann freut sich der Gast. Oder wer auch immer.

Die Musik dazu kommt aus Nijmegen, der ältesten niederländischen Stadt. Go Back To The Zoo schießen gerade durch die Decke – demnächst auch in Ihrem Musikfernsehen – so lange schon  einmal hier mit einem Stück für den dansvloer:

Niederrheinischer Frühling, Teil 2: Schellfisch mit Düsseldorfer Senfsahne, dazu in Altbier-Pastella ausgebackener Chicorée . Bald. Ebenso Lehrreiches zu der Frage, warum Niederrheiner die verschwiegensten Rheinländer sind. Stumm wie ein Fisch sind sie nicht, aber bisweilen Kommunikationswestfalen.

Ach ja, Afra meint, ich solle mitmachen beim Blogevent Kulinarische Reise durch das Rheinland – was ich hiermit tue. Gastgeber ist der Edekaner.
Blog-Event LXVI  - Eine kulinarische Reise durch das Rheinland (Einsendeschluss 15.04.2011)


Käsenudeln, vorzüglich

Versprechen brechen, mal wieder. Denn dies ist doch wieder ein Pastapost statt endlich der Beginn der kulinarischen Niederrhein-Saga. Aber aufgemerkt: Unerwartete Tagesfreizeit, der Besitz einer guten Nudelmaschine sowie reichlich Käsereste im Kühlschrank sind eine beinahe zwangsläufige Kombination von Motivationshilfen für die Präparation der ultimativen Pasta ai formaggi. Bevor sich hier also alles um Dinge wie Buttermilch, gelbe Möhren, Mispeln und Pferdefleisch dreht, kurbele ich erst einmal an meiner Marcato.

Dazu habe ich dank guter Beispiele anderer Blogger (u.a. hier und hier) ein Italo-Dogma gebrochen und Hartweizen mit Eiern vermengt. 250g Semola di grano duro mit 2 Eiern und einem Eigelb, etwas Salz. Den Teig ausgiebig von Hand geknetet und zwei Stunden luftdicht verschlossen beiseite gelegt. Käsereste (Parmigiano, Pecorino, uralten Bauerngouda und irgendetwas viertes) gerieben. Mit der Maschine erst Platten, dann Bandnudeln fabriziert und antrocknen lassen. Butter im Wok sanft erhitzt, Käse und eine ordentliche Menge Sahne hinzu, rührend schmelzen lassen. Pasta zwei Minuten gekocht und direkt in die inzwischen mit Muskatnussabrieb verfeinerte Emulsion gehoben. Schwungvoll durchgemischt (daher der Wok) und auf vorgewärmten Tellern angerichtet und mit schwarzem Pfeffer bemahlt.

Tagliatelle ai formaggi

Tagliatelle ai formaggi

Sahnesaucen mag ich nicht. Eigentlich. Zu eindimensional und fett, Gaumenkleister. Doch dies hier war die Definition von „weich“.
Jetzt kann er kommen, der raue rheinische Frühling.