Soulfood semi-pugliese und ein finnischer Hochzeitswalzer

Bevor ich mich in den kommenden Tagen ausführlich und fundiert niederrheinischer Kochtradition und ihrer kontemporären Adaption in hiesigen Küchen (vor allem in meiner) widme, nun ein weiterer kurzer Ausflug an’s südliche Ende Europas. Am Schluss geht es auch in den hohen Norden, musikalisch. Doch kulinarisch gebe ich der bäuerlichen apulischen Küche den Vorzug. Im Land der Trulli, der Tarantella, des primitiven Weins wird sehr reduziert gekocht, die einzelnen Lebensmittel stehen stets im Mittelpunkt der Speisen. So auch beim Stiefelstandard: Orecchiette con le cime di rapa.

Rapa bekomme ich im niederrheinisch-limburgischen Grenzgebiet immer noch keinen – zumindest nicht, ohne 50 km zu fahren – aber Claudio war ja nicht der einzige, der als Alternative Broccoli empfahl. Wie Frau Hazan besteht er darauf, das Gemüse bis zu einer Art Matsch zu garen – ich mag es auch weich (bissfestes Grünzeug ist kulinarisch das, was fleischfarbene Mieder und Tennissocken für die Erotik bedeuten). Doch ist es schöner so:

Orecchiette e broccoli

Orecchiette e broccoli

Ich habe den Broccoli in genehme Stücke geschnitten (auch den geschälten Strunk) und einen großen Topf mit Wasser aufgesetzt. Parallel in der großen Wokpfanne reichlich Olivenöl mit in feinste Scheiben geschnittenem Knoblauch, einer Peperoncino und drei Sardellenfilets aromatisiert. Dann die Orechiette ins kochende, sehr salzige Wasser und die Strunkstücke hinzu. Nach wenigen Minuten den Broccolirest in den Topf gegeben und sprudelnd kochen gelassen, bis die Pasta passte. Mit der Schaumkelle aus dem Topf in den Wok, ordentlich durchgeschwenkt und zusammen mit dem relativ milden Pecorino sardo in tiefe Teller gegeben.

Apulische Impression

Apulische Impression

Das Olivenöl war jung und fruchtig-scharf. Zusammen mit der roten Schote trieb es dem Kohl alle Muffigkeit aus – und unterstrich den nussig-erdig-salzigen Dreiklang.

Warum höre ich dazu finnische Folklore? Noch dazu von einer ansonsten als Schnulzenschleuder gefürchteten Artistin interpretiert? Nun, eine von allem Ethnokitsch befreite Tarantella hatte ich nicht zur Hand – und kam bei der Recherche über den Umweg New York zu diesem herrlichen Hochzeitswalzer. Das beste, was von Frau Kurkela online zu sehen und zu hören ist.


Schweinebäckchen, geschmort

Der Biometzger auf dem samstäglichen Wochenmarkt bot also diese eher seltenen Teile vom rheinischen  Schweinekopf feil – und ich, ganz Lustmensch, konnte nicht widerstehen. Ich koche beinahe immer das, was mir vor die Augen kommt. Es sei denn, eine größere Schar Gäste verlangt aufwändigere Planungen.
So sahen sie also aus, die Schweinebacken, bevor ich sie parierte.

Schweinebäckchen

Schweinebäckchen

Dazu wollte ich eigentlich mit Wirsing gefüllte Wirsingröllchen und Pomme de terre duchesse reichen – wogegen aber das schöne Sonntagswetter samt ausgeprägtem Frischluft-Bewegungsdrang sprach. Also Blitzbeilagen: In Knoblauchöl gebratene, halbierte Minipaprika und Bandnudeln (ich hatte noch selbstgemachte vom Vortag), die ich nach der Paprika in der selben Pfanne mit etwas Butter, Zitronenzesten und Szechuanpfeffer aromatisierte. Beidem gönnte ich einiges Fleur de Sel.

Das Fleisch: Langes Schmoren war erforderlich, um das üppige Bindegewebe in einen zart schmelzenden Gaumenschmaus zu verwandeln. Ganz klassisch stand also ein Wurzelgemüse-Mis-en-place an (Möhre, Sellerie,Petersilienwurzel). Dazu bereitete ich einen Feinschnitt von Zwiebel und Knoblauch sowie zwei halbtrockene Tomaten, eine Ingwerscheibe und ein Lorbeerblatt. Nachdem die Backen von Sehnen und Silberhaut befreit waren, erhitzte ich eine Butter-Olivenölmischung im schweren Bräter und ließ das Fleisch darin Farbe nehmen. Dann alles Kleingeschnitte hinzu und etwas Tomatenmark. Nach kurzem Rösten mit rotem Port abgelöscht. Gesalzen und gepfeffert, als die Flüssigkeit verkocht war, mit Pfälzer Spätburgunder bis zu 2/3 aufgefüllt. Aufgekocht, Hitze reduziert, Lorbeer hinein und Deckel aufgesetzt.

Während der nächsten zwei Stunden alle 20 Minuten das Fleisch gewendet. Dann die Backen aus dem Sud und warmgestellt. Den Fond durch ein  Sieb passiert und bis auf die gewünschte Konsistenz eingekocht. Abgeschmeckt, angerichtet.

Geschmorte Schweinebäckchen mit gebratenen Minipaprika und Szechuan-Bandnudeln

Geschmorte Schweinebäckchen mit gebratenen Minipaprika und Szechuan-Bandnudeln

Die Konsistenzen waren großartig: Saftiges Gemüse, butterweiches Fleisch, feste Tagliatelle. Auch die Aromatik harmonierte: Die sanfte Wucht der Sauce, fruchtigfrische Paprika und die leicht wilde Schärfe des Szechuanpfeffers. Die Herzoginkartoffeln hätten eventuell eine noch innigere Beziehung mit dem Fleisch eingehen können, als es den Nudeln vergönnt war, doch das ist Kritik auf hohem Niveau. Dass ich mir den Wirsing gespart habe, war gut.


Angewandte Medienmacht: Digitale Kommunikation und Möhren

Der Begriff der Autopoiesis ist ein hübscher, Selbstreferentialität jedoch im eigentlichen Sinne meine Sache nicht. Dennoch durchbreche ich heute einmal mein Prinzip der Abschottung dieses privaten Blogs von anderem, dem Gelderwerb geschuldeten Tun. Und verlinke mich selber:

Der dritte Carrotmob in Köln

Gestern war meine Küche im übrigen Schauplatz der ersten Schweinebackenverarbeitung meines Lebens. Das Ergebnis war großartig:

Geschmorte Schweinebäckchen mit gebratenen Minipaprika und Szechuan-Bandnudeln – Rezept folgt.

Schweinebäckchen

Schweinebäckchen


Matzen, Bochum

Matzen ist nicht nur ein Ortsteil der Eifel-Metropole Bitburg, sondern auch die eingedeutschte Bezeichnung (jiddisch: mátzes) der traditionellen ungesäuerten Brote, die gläubige Juden gemeinhin an Pessach (2011: 19.-26. April) essen, in Erinnerung des Auszugs von „Gottes Volk“ aus Ägypten. Lang ist’s her – und doch ist die Befreiung von Sklaverei in der Levante aktuell wie zu Zeiten Ramses II.

Seit Mitte letzen Jahres betreibt die jüdische Gemeinde in Bochum ein Restaurant gleichen Namens. Eher ein Bistro, mit entsprechend ungezwungenem Ambiente, offen, lebhaft und doch intim, ist es als Teil der Synagoge Treffpunkt der zumeist dem osteuropäischen Raum entstammenden Gemeindeglieder und – um es vorweg zu konstatieren – neuer kulinarischer Stern am Ruhrgebietshimmel. Aufmerksam geworden durch den Bericht eines dortigen Bloggers war der Ausflug in die Stadt mit der etwas anderen Königsallee („wo das Herz noch schlägt“) Genuss, erfreuliche Rückbesinnung und Ärgernis zugleich.

Freundlicher Gruß mit Matzen, Hefebrötchen und Hommos

Freundlicher Gruß mit Matzen, Hefebrötchen und Hommos

Um mit dem Negativen zu beginnen: Der dekorative wie sinnfreie Einsatz von Grünzeug auf Tellern ist in meinen Augen meist eine lässliche Sünde. Doch warum Küchenchef Dimitri Markmann unter jede seiner grandiosen Mezze substanzlose Salatblätter packt, ist unverständlich, ja ärgerlich. Bei den vorzüglichen Auberginenröllchen – mit Frischkäse, saurem Gemüse und einer Fischmousse gefüllt – die zusammen mit einem in Quarkölteigkörbchen gefüllten, fein abgeschmeckten Auberginenragout serviert wurden,  geht dadurch einiges an Präzision verloren. Reduktion auf dem Teller hätte ich mir auch bei den mit mariniertem Gemüse gefüllten Blinzen, die mit delikat sauer eingelegten Champignons auf den Tisch kamen, gewünscht. Schließlich hätte der „Jiddische Vorschmack“ auch optisch durch ein „Weniger“ statt „Mehr“ in der Anrichtung gewonnen. Geschmacklich, kochtechnisch und texturell war das jedoch ein grandioser Auftakt, zu dem ich mir im Übrigen einen spannenden halbtrockenen israelischen Riesling als Begleitung wählte. Das lokale Fiege-Pils passt aber auch perfekt.

Was ich im Matzen aß

Was ich im Matzen aß

Die Hauptspeisen konnten das Niveau nicht ganz halten. Dennoch war alles gut, was uns die nette Nachwuchsbedienung servierte. Der „Gefillte Fisch wie bei jiddischer Mama“ wurde von zu kühlen Bratkartoffeln und lauwarmen, säuerlichen Gemüsen begleitet und war eine 1a Fischfrikadelle. Von zarter Konsistenz und schlüssiger Aromatik waren es gebratene Teile (mit einem Rest Fischhaut unterlegt) – ich bevorzuge die klassisch pochierte Variante. Hinter dem Namen „Jarkoye“ vergarg sich ein kräftiges Rindsragout im Pflaumensugo, eine Art jiddisch Gulasch. Hierzu hätte ein Pilaw gut gepasst, doch auch die Standardbeilagen Kartoffeln und Sauergemüse störten nicht. Als letztes Erwähnung finden soll der Tscholent, ein Shabbattopf aus Gemüse, Rindfleisch und Graupen, der ob seiner deftigen Wucht nicht in eine Menufolge passte, aber durchaus winterlichen  Charme versprühte.

Aufgrund der späten Stunde (und auch dem limitierten Angebot geschuldet) verzichteten wir auf’s Dessert. Gut genährt, wohl gelaunt und in der Gewissheit, diesen besonderen, direkt neben dem Planetarium gelegenen, Ort nicht das letzte Mal besucht zu haben, machten wir uns auf den Heimweg. Da ich chauffiert wurde, hatte ich die Muße, Geoff Berners Lied vom glücklichen, Gott verdammten Juden  anzustimmen.

 


Muurejubbel, Apfelessig und Julia A. Noack

Ich esse alles außer gekochten Möhren! Gut, die Nummer mit den 1000jährigen Eiern im Zug von Da Nang nach Nha Trang war auch schwierig – aber Kochkarotten gehen gar nicht. Dieser süßliche, leicht muffige Geschmack samt zerfallender Konsistenz evoziert in mir stets eine Ahnung von Vergänglichem, Verwesung. Kindheitstrauma ist ein Gericht namens „Möhren durcheinander“ – ein Eintopf mit Kartoffeln und Rindsbeinscheibe, der ohne Gewürze auskommt und sich als eine Art orangebrauner Matsch präsentiert. Als Kleinkind bin ich zudem einmal ein Möhrchengläschen tragend die Kellertreppe hinuntergefallen und hatte dann die Glasscherben in der Hand stecken und die Pampe im Gesicht. Das nur als Erklärungsansatz.

Allerdings sind Möhren regionales Nationalgemüse und der Ort, in dem ich wohne, für eigene Züchtungen bekannt und für das in der Überschrift genannte Gericht. Und da ich selten locker lasse – auch nicht bei eigenen Defiziten – versuche ich es Hin und Wieder mit einer kulinarischen Konfrontationstherapie. Also wurde die heutige Begegnung mit Söötelsche Muure (vielleicht waren es auch Lobbericher) auf dem Markt zum Anlass genommen, das traditionelle Rezept nachzuempfinden.

Gelbe rheinische Möhren

Gelbe rheinische Möhren

Ein gutes Stück hoher Rippe samt Knochen kurz in kochendes Wasser halten und dann in neuem Topf mit kaltem Wasser bedeckt mit einer Petersilienwurzel und einer Zwiebel aufsetzen. Wenn die Flüssigkeit zu kochen beginnt, die Hitze zurückschalten und eine Stunde mit einem Lorbeerblatt sowie einigen Pfeffer- und Pimentkörnern simmern lassen. Nun grob gewürfelte gelbe Möhren und ein bis zwei mehligkochende Kartoffeln (heute: Marabelle) zugeben, nach einer weiteren halben Stunden salzen. Den Herd ausschalten und das Ganze mindestens 20 weitere Minuten ziehen lassen – eigentlich wäre dies nun der Moment, reichlich Liebstöckel beizufügen, doch gibt der Garten noch nichts her. Stattdessen Lauchgrün. Das Finishing ist simpel, aber entscheidend: Einen Esslöffel Kempener Apfelessig in einen großen Suppenteller, darauf zwei Kellen Jubbel und etwas gehackte Petersilie. Letztere ist für’s Auge – ersterer für den Möhrenfeind. Denn drei Faktoren machen diese Speise für mich genießbar. Das Ergebnis ist mehr klare Suppe mit Einlage als Eintopf, die apfelige Säure vertreibt alles Modrige – und die Tatsache, dass gelbe Möhren deutlich weniger aromatisch sind als orangefarbene.

Söötelsche Muurejubbel

Söötelsche Muurejubbel

Die Niederrheinerin Julia A. Noack ist mit ihrer bisweilen spröden Vortragskunst und der leicht brüchigen Stimme eine perfekte popkulturelle Vertreterin ihrer Heimatregion, auch wenn sie inzwischen in Berlin wohnt und wirkt. Momentan übrigens auf Deutschlandreise.


Schweinhack mit Wirsing und Möhre (Mandu revisited)

Am Tag der großen Mandu-Produktion kam nach den mittäglichen Mul Mandu abends dies hier auf den Tisch:

 Koreanisches Zweierlei vom Schweinehack mit bittersüßem Radicchio

Koreanisches Zweierlei vom Schweinehack mit bittersüßem Radicchio

Neben den klassischen Nudeltaschen enstanden aus dem üppigen Rest der Füllung Asia-Bouletten. Hierzu habe ich lediglich ein Ei beigemengt und Tischtennisball große Kugeln in Panko gewälzt und fettgebacken. Ein guter Kontrast entstand beim Verzehr: Prinzipiell dasselbe (teigummantelte Fleischklopse) schickte die Geschmacksphantasie beim Beißen und Kauen und Schlucken in völlig verschiedene Richtungen. Krosse Kruste gegen seidigweiche Hülle – ein feiner Zweikampf, der unentschieden endete. Wie ich auf die Idee kam, geschmorten und mit Tamarindenmus, Thai-Chili und Ketjap Manis gewürzten Radicchio dazu zu reichen, weiß ich nicht. Eine situativ perfekte Idee – deren Wiederholung jedoch in den Sternen der angewandten Küchenanarchie steht.

Song of the day: Kyla La Grange – Courage


Mul Mandu

Als altgedienter Connaisseur asiatischer Kochkunst und relativ frischgebackener Eigentümer einer italienischen Nudelmaschine war das kürzliche Stolpern über ein Mandu-Grundrezept Stimulanz genug, mich einmal selbst an diesen koreanischen Teigwaren zu versuchen. Es folgte eine ruhige, ausufernde Arbeit. Meditativ. Das Kneten. Das Kurbeln. Füllen, verkleben. Brühe bereiten, Mandus garen. Stundenlanges Tun. Für einen kurzen Moment voll Genuss. Gut.

Mandus in klarer Ingwer-Hühnerbrühe

Mandus in klarer Ingwer-Hühnerbrühe

Wo ich abwich von der Vorgabe von Miss Boulette:
Mehr Wasser (180 ml); dem Teig gönnte ich vor dem Ausrollen 2-3 Stunden Ruhe, zum Entspannen; keine Halbmonde; kein Tofu (vergessen).

Was ich mit den anderen, dutzenden Teigtaschen machte und mit der dann immer noch überreichlich vorhandenen Fülle und dem Radicchio, den ich dazu gekauft hatte, beschreibe ich beim nächsten Mal. Dies hier verdient einen puren Post!

Mandu - ohne Rotstich. Stattdessen mit etwas Sojasauce.

Mandu - ohne Rotstich. Stattdessen mit etwas Sojasauce.