Portland, Tamarindenmuscheln und eine Ziege im Schnee
Veröffentlicht: Januar 23, 2011 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik, Musik | Tags: Mestolo, Muscheln. Tamarinde, Portland, Zicklein, Ziege Hinterlasse einen KommentarZu Zeiten, als meine Peergroup (und ich, zugegeben) im Selbstfindungsstadium reichlich volatil in den Epochen der Musikgeschichte forschte, mit dem eigenen Aussehen experimentierte und das Mäandern zwischen protorevolutionären Gedankengebäuden zum guten Ton gehörte, damals, in den ideell eigentlich vakuumisierten 80ern, gab es wenig, was juvenil Suchende auf Linie hielt. Struktureller Eklektizismus, der sich in meinem Musikgeschmack – sich zwischen Bob Mould, Branford Marsalis und Bob Marley zu entscheiden, war mir nicht möglich – wie im Outfit – Irokese oder Hippiematte wechselten geschmeidig – und im Denken niederschlug, war Lebensprinzip. Von allem zuviel und doch nie genug.
Hunger nennt man das wohl, Unersättlichkeit. Eine Stadt ist mir seit dieser Zeit musikalischer Sehnsuchtsort, dies teile ich mit einem Freund, der sich gestern für heute zum Essen einlud. Spontan, er ist auf der Durchreise. Garagenrock dröhnt aus den Boxen, während ich nach Inspektion der Vorräte ein experimentelles Sonntagsmenue zusammenstelle. Er erwartet solcherlei von mir. Ich auch. Folgendes soll es also geben:
Farinata di ceci
Muschelsuppe asian fusion
Zicklein mit frittiertem Chicorée
Johannisbeerparfait mit Zimtchips
Den Rest vom gestrigen Kichererbsenfladen werde ich kurz kross ausbacken und mit Aprikosenmus reichen. Miesmuscheln, die ich gestern mit einer völlig anderen Absicht kaufte, werden zu einer Suppe werden, in die ich meine gesammelten südostasiatischen Erfahrungen einfließen lasse. Zumindest werde ich das erste Mal das Tamarindenmark verwenden, welches mein fotografierender Neffe mir zu Weihnachten schenkte. Von ihm stammt übrigens das Bild der halben Ziege im Schnee, die mir Grundlage für den dritten Gang sein wird.
Das Dessert ist von der großartigen Mestolo inspiriert, wobei ich ein noch ärgerer Feind von Kaffeearomen in Süßspeisen bin. Daher die Beeren, in Form von gottgleichem Gelee verarbeitet. Damit habe ich angefangen – die Ergebnisse werde ich zu gegebener Zeit veröffentlichen.
Nach einer langen Nacht
Veröffentlicht: Januar 21, 2011 Abgelegt unter: Gedankenstrom 2 KommentareAls Herzensitaliener bin ich ja eigentlich kein Frühstücksfreund. Ein schneller Caffè mit einer kleinen, süßen Schweinerei reicht meinem Organismus, um nach einer normalen Nacht auf Touren zu kommen. Zu besonderer Leistungsfähigkeit – wenn ein Termin drängt, ein Konzept oder Text noch allzu sehr im Vagen oszilliert, äußerer Druck also den naturgegeben unzuverlässigen Kreativprozess in’s Prekäre drängt – verhilft eine halbstündige Körperertüchtigung vor der ersten Nahrungsaufnahme. Neben Koffein und Kalorien wird so die Sauerstoffzufuhr promoviert.
An manchen Tagen ist dies jedoch gänzlich kontraindiziert. Wenn also entweder der ökonomische Druck oder der Hang zur Selbstausbeutung zu stark waren und die Schlafenszeit deutlich unter den sonst durchschnittlich üblichen sechs Stunden geblieben ist oder aber als Rückgriff auf juvenile Gewohnheiten irgendwas aus dem Dunstkreis von Sex’n’Drugs’n’Rock’n’roll eine Rolle spielte in der letzten Nacht – dann ist ein ausgiebiges, entschleunigtes Frühstück das einzige, was hilft. Am besten mit zwei bis drei Qualitätstageszeitungen zum Festhalten und irgendeinem passenden musikalischen Seelenbalsam, skandinavische Singer-Songwriter beispielsweise.
Hamburgs Drittbeste sind ja auch Nordländer und haben im letzten Jahr bekanntermaßen ein Album mit dem wenig tiefsinnigen Titel Schall und Wahn publiziert. Ich war nie ein großer Freund von Dirks Parolen, doch ab und an gelingen Tocotronic gute Songs. Auch dieses Mal war immerhin einer dabei, der zudem gut zu der oben beschriebenen wenig sattelfesten Verfasstheit passt.
Pomplamoose, videosongs und Abendbrot
Veröffentlicht: Januar 18, 2011 Abgelegt unter: Musik | Tags: pomplamoose, the ruckus, videosong 10 KommentareThe other way round: Heute beginne ich mit der Musik. Weil ich Euch, liebe Foodblogger, Freunde, Zufallsleser, von meiner neuesten Entdeckung berichten will. Und die hat leider nichts mit einem schmackhaften Gemüse, einer ausgefeilten Garmethode oder avantgardistischer Texturakkrobatik zu tun, sondern mit einer Grapefruit. Auch lecker. Dass diese sich „Pomplamoose“ schreibt, führt wache Geister auf eine popkulturelle Fährte. Ganz schön heiß!
Konzeptkunst und selbstausbeutende Marketingtricks gehen hier Hand in Hand. The next big thing on Youtube. Was und wer Pomplamoose ist? Schlussendlich ein ziemlich großartiges Musikerduo. Und Künstler, die eine Idee propagieren – den videosong – um Wahrnehmung zu schärfen, aufzufallen, ja, auch Mehrwerte zu generieren. Eine schöne Stimme und Multitrackvideos in DIY-Optik machen schwerlich satt. (Hintergründiges zu Nataly Dawn und Jack Conte hier.)
Satt macht hingegen ein ordentliches Abendbrot – auch wenn es sich nicht um Brot im eigentlichen Sinne handelt.
Mafaldine, Porree, halbtrockene Tomaten, EierSahneMilch, Pecorino sardo, Pfeffer, Salz. Soulfood.
Zum Schluss noch ein Hinweis auf meinen aktuell liebsten Musik-Blog: The Ruckus wird von einem Haufen Indie-Girls mit Hingabe und Sachverstand betrieben – nicht nur die Entdeckung der Pampelmuse habe ich Melanie, Tiffiny, Amita zu verdanken.
Mir war klar, was zuerst da war
Veröffentlicht: Januar 16, 2011 Abgelegt unter: Gedankenstrom 5 KommentareOde an die Tütensuppe
Veröffentlicht: Januar 15, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Niederrhein | Tags: Bohnensuppe, Fitschebonnezupp, Nationalgalerie, Nils Frevert, Rosinenpfannkuchen, Saure Bohnen, Tütensuppe 16 KommentareDass Foodblogger überaus geschwätzig sind, schreibt die Süddeutsche Zeitung gestern. Verworrenes Zeug sei da zu lesen und oftmals müsse der Bildschirm „fünfmal heruntergescrollt werden, bis das eigentliche Rezept“ komme. Mal abgesehen davon, dass ich mich mit meinen Veröffentlichungen dieser Tradition verpflichtet fühle, lese ich auch am liebsten online Texte, die das Bewusstsein erweitern. Oder zumindest Lesefreude bereiten. Ein Blog ist kein Kochbuch. Rezepte suche ich in letzteren, wenn überhaupt. Fremder Menschen Internettagebücher dienen hingegen dem Zeitvertreib. Und der Inspiration, bestenfalls.
Nun singe ich also ein Loblied. Eine Ode an die Fitschebonnezupp. Der Begriff findet sich in Maria Frankens schönem Buch „Niederrheinische Küche“ aus dem Jahr 2004, ein Werk, dass den prägnanten Untertitel trägt: „… on su-e wo-erd vrö-er en Viersche jekokkd“. Hauptbestandteil dieser sauren Spezialität sind „Bonne ut de Tonn“. In unserer Familie wird sie traditionell mit Rosinenpfannkuchen serviert.
Das unter der Produktbezeichnung „Rheinische Schneidebohnen“ in „Tüten“ vermarktete Gemüse wird analog dem Sauerkraut produziert, also milchsäurevergoren. Vor Zeiten wurde derlei von allen Emma genannten Tanten in Fässern angeboten (ut de Tonn). Leider habe ich es bisher noch nicht in Bio-Qualität gefunden.
Die Zubereitung ist simpel: Ordentlich gewürfelten Bauchspeck goldgelb ausbacken, eine ebenfalls zerkleinerte Zwiebel hinzu, dann die Bohnen (eine Tüte = 500g Abtropfgewicht) und vier bis fünf gestückelte, halbfeste Kartoffeln. Mit Rindsbrühe auffüllen und 20 Minuten simmern lassen. Mit Salz, Pfeffer, Muskat und reichlich Bohnenkraut würzen. Dazu Rosinenpfannkuchen, nach Blinýart bereitet, reichen.
Kein Gericht löst bei mir stärkere Wehmut und Sehnsucht nach einer Zeit und Landschaft, die es nicht mehr gibt, aus. Keine Speise lässt mich aber auch mehr vertrauen in das Überdauern wertvollen Wissens und alltäglicher Kulturgüter und erfreut schließlich meinen Gaumen mehr.
Ein Melancholiker ähnlicher Güteklasse ist Nils Frevert. Dass ich nun Tütensuppe (Nationalgalerie/1995) höre, ist keine hergebogene Assoziation, sondern Verehrung und Reminiszenz.
Ehrenwertes Schneeballsystem
Veröffentlicht: Januar 14, 2011 Abgelegt unter: Gedankenstrom 8 KommentareKann der Zweck die Mittel heiligen? Ich habe zu lange in Köln gelebt, als dass ich diese Frage ethisch-theoretisch mit einem eindeutigen NEIN beantworten könnte. Eher mit dem rheinisch-typischen „Ja, aber“ – wenn ich nicht gar dialektisch-idiomatisch ausholte. Das spar ich Euch, werte Leserinnen und Leser, und bekenne schlicht und kurz, dass es mich gefreut hat, dass Peggy und Pamela in ihren Blogs bekannten, mein Geschreibsel leidlich zu mögen.
Ich bewege mich schon zu lange im Umfeld von Journalismus, PR und Kommunikation, als dass ich nicht wüsste, was ich hier tue. Tagebuchschreiben extended. Intellektuelle Selbstbefriedigung mit Gedankenscharmützeln. Ein reiner Foodblog hingegen sollte dies nie werden. Doch hat mich die Begeisterung und Professionalität von Menschen wie Claudio oder Robert ab einem gewissen Punkt derart beeindruckt, dass ich neben der Musikmission nun auch ein kleines Koch- und Ess-Notizbuch pflege.
Und an der richtigen Stelle die reine Vernunft ausschalte und hiermit die Bälle weiterschmeiße, bevor sie schmelzen.
Welche Blogs ich regelmäßig lese und wirklich mag, ist meiner Blogroll zu entnehmen. Vier hebe ich nun hervor.

evenaar … trifft Längengrad
Weil Afra stets zwischen Mythos und Moderne changiert. Stilvoll und individuell.
Esszimer
chickofprey und queenofsoup heißen sich die Autorinnen – was schon fast als Begründung reicht.
Kraskas Staunmeldungen
Der Ghetto-Magister kocht zwar selten, isst aber gerne gut und leidet auf hohem Niveau.
Azestoru
ist ein Hacker, der bloggt. Oder so.
Bunzel und Peppinella wurden kürzlich anderweitig bedacht, so dass ich sie nur erwähne.
Meine Entschuldigung an die hier Verlinkten: Ich war doch nur Befehlsempfänger! Diesen hier befolgte ich kadavergehorsamst:
„Erstelle einen Post, indem du das Liebster-Blog-Bild postest & die Anleitung reinkopierst (= der Text den du gerade liest). Außerdem solltest du zum Blog der Person verlinken, die dir den Award verliehen hat & sie per Kommentar in ihrem Blog informieren, dass du den Award annimmst & ihr den Link deines Award Posts da lassen.
Danach überlegst du dir 3- 5 Lieblingsblogs, die du ebenfalls in deinem Post verlinkst & die Besitzer jeweils per Kommentar – Funktion informierst, dass sie getaggt wurden und hier ebenfalls den Link des Posts angibst, in dem die Erklärung steht.
Liebe Blogger: Das Ziel, dieser Aktion ist, dass wir unbekannte, gute Blogs an’s Licht bringen, deswegen würde ich euch bitten keine Blogs zu Posten, die ohnehin schon 3000 Leser haben, sondern talentierte Anfänger & Leute, die zwar schon ‘ne Weile bloggen, aber immer noch nicht so bekannt sind.“
Fenchel mit Lambchop
Veröffentlicht: Januar 12, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: Fenchel, Kartoffel, Kurt Wagner, Lambchop, Lamm, Lammfilet, This Corrosion 4 KommentareKochen nicht als Diskurstopos, sondern als praktische Tätigkeit folgt bei mir in der Regel dem Lustprinzip. So erleide ich dabei in zuverlässiger Regelmäßigkeit Schiffbruch, von der Warte vollkommener Perfektion gesehen, die einem Handwerk, einem Kunsthandwerk zumal, zumindest ästhetisch-planerisch zu Grunde liegt. Scheitern wiederum begreife ich naturgemäß als Gelegenheit zum Erkenntnisgewinn, zumindest aber als Herausforderung. Dass es eigentlich ein Kalbsfrikassee geben sollte heute Abend, inspiriert von der Lektüre eines gewohnt faktenstrotzenden und sinnverwirrenden Beitrags eines verehrten eidgenössischen Foodbloggers, und schlussendlich Lamm mit Fenchel auf den Teller kam, war des Metzgers Schuld. Und meiner Sprunghaftigkeit zu verdanken.

3 Komponenten: Lammfilet, Fenchel und Vortagskartoffeln
Ich liebe den Geschmack von Fenchel am Abend. Und die beiden Filets waren keine Notlösung, sondern Glückskatalysator. Dass noch drei feste gekochte Kartoffeln vom Vortag übrig waren, war wohlfeiler Zufall.
Ich ging vor wie folgt: Fenchel von der äußersten Schicht und vom Stilansatz befreien, halbieren und zwei Minuten in Gemüsebrühe blanchieren. Währenddessen eine in feine Scheiben geschnittene Knoblauchzehe und ebensolches vom oberen Fenchelende in mittelheißem Olivenöl Farbe nehmen lassen. Gewürfelte Kartoffeln für eine Minute beifügen und dann alles wieder aus der Pfanne und zwischenlagern. Nun zwei Lammfilets in drei Zentimeter lange Stücke teilen und in dieselbe, nun etwas heißere Pfanne geben. Nach einer Minute den grob zerteilten Fenchel hinzu, mit Meersalz und grobem Pfeffer üppig würzen. Mit einem Löffel der Brühe sowie einem Schluck von Wagners Weißburgunder ablöschen, die aromatisierten Kartoffeln wieder hinein und alles einmal durchschwenken.

Fenchel, Kartoffel und Lammfilet
Leicht und lecker. Folgerichtig liegt dazu locker-beschwingte Musik auf dem Plattenteller. Kurt Wagners Lambchop performt eine der besten Coverversionen der Popmusikgeschichte, This Corrosion der legendären Sisters of Mercy.





