Peter Sicker kocht in Brühl – noch
Veröffentlicht: Januar 10, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik | Tags: Brühl, Max ernst, Peter Sicker 15 KommentareKonzeptkunst und Surrealismus liegen ganz nah beieinander – zumindest im im Niemandsland zwischen Köln und Bonn gelegenen Brühl. Nicht gerade ein kulinarisches Phantasialand, schon eher Hort des bildungsbürgerlich-konservativen Kulturansatzes. Doch neben dem Welterbe-Schloss und jüdischem Friedhof liegen hier die dadaistischen Wurzeln von Max Ernst, museal aufbereitet in unpassend betulicher Form. Im Geburtshaus entsteht ein „Fantasielabor für Museumspädagogik“ – üble Vorstellung, dies.
Der große Seher Max Ernst etablierte die Collage als künstlerisches Stilmittel – der Koch Peter Sicker tritt einen Steinwurf entfernt eine Art kulinarisches Erbe an. Sickers Feinekost ist eine unerwartet urbane Oase im städtebauchlichen Niemandsland zwischen Augustusburg und Vorgebirgsbahn. Seit nunmehr zehn Jahren hat der 46jährige sein Konzept verfeinert: Delikatessenladen mit angeschlossener Verköstigung, die Idee eines amerikanischen „deli“ mit der europäischen Hochküche vermählt. Frontcooking trifft Bistro, Atelieratmosphäre mit Wurst und Weinkarte.

Peter Sicker kocht (photos: phew)
Mit dem spröden Charme des Niederrheiners gestaltet Sicker in seinem Reich sechs Tage in der Woche ein grandioses Genussabenteuer. Diesbezügliche Superlative bleiben hinter dem tatsächlichen Eindruck weit zurück: Beste Produkte, perfekt passende Garmethoden und traumwandlerische Aromatisierung charakterisieren seine stets üppig bemessenen Gänge. Der Ein-Frau-Service macht aus der Verkündung der Tagesgerichte eine ausufernde Rezitation, circa 20 Positionen sind dem Gast zu vermitteln. Die Weinkarte umfasst eine Reihe bekannter Etiketten und einiges Entdeckenswerte – sämtlich zu verwirrend guten Konditionen. Kölsch fließt aber auch.
Wer sich also einem garantiert einwandfreien Genuss mit Erlebnischarakter und Wohlfühlgarantie hingeben möchte, hat noch bis April Zeit, in den kleinen Laden nach Brühl zu kommen. Dann zieht es den Chef an neue Ufer.

Eine Vorspeise: Geröstetes Kalbsbries mit Riesengarnelen und Kapernäpfeln
Ragù alla bolognese
Veröffentlicht: Januar 8, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Weltweit | Tags: bolognese, mafaldine, parmiggiano, pomodori secchi, ragu, sophie hunger blues 4 KommentareMeine Bologneser Sauce orientiert sich an der klassischen cucina casalingha. Was bedeutet, dass die Zutatenliste aus je einem Teil Rinderhack, Schweinehack (meist verwende ich Bratwurstbrät), Zwiebeln und Tomatenpüree besteht. Ergänzt wird dies lediglich durch Tomatenmark, Meersalz, schwarzen Pfeffer (als Variation allenfalls eine peperoncino), Oregano und Weißwein. Möhre und Sellerie kann, muss aber nicht Verwendung finden.

Mafaldine bolognese e pomodori secchi
Zwiebeln zerschneiden und in reichlich Olivenöl goldgelb werden lassen, eine Flasche Weißburgunder öffnen, probieren, ein halbes Glas trinken und ein ganzes in denTopf. Wenn die Flüssigkeit nahezu verkocht ist, erst das Rindfleisch hinzu und krümelig braten, dann ebenso mit dem Schweinsgehackten verfahren. Nun Tomatenmark beifügen und leicht rösten, dann das Tomatenpüree. Bis zu diesem Punkt vollzieht sich alles bei mittlerer Hitze auf dem Herd. Dieser wird nun ausgeschaltet, die Gewürze kommen in den Topf und derselbe in den auf 140° vorgeheitzten Ofen. Dort verbleibt das Ganze etwa zwei Stunden, bis ein sämiges Ragù entstanden ist.

bolognese, pomodori, pasta
Da ich noch einen Rest halbgetrockneter Tomaten aus Bari zur Hand hatte, zerteilte ich diese grob, bedeckte sie mit dem Weißwein und kochte das Ganze einmal kurz auf. Neben gehobeltem Parmiggiano kamen sie oben auf die Mafaldine bolognese.
Dazu serviere ich den Sophie Hunger Blues:
Füllhorn
Veröffentlicht: Januar 2, 2011 Abgelegt unter: Gedankenstrom | Tags: Dichtung, Ferne, Handwerkszeug, Notizbuch, Reiseapotheke 4 Kommentare
Handwerkszeug
Reiseapotheke; Speicher für angewandte Dichtung.
Und ewig lockt die Ferne. Nur ihr erliege ich gerne.
Klopse, Deerhoof und Gift
Veröffentlicht: Dezember 30, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: Deerhoof, flowers for the departed, Königsberger Klopse, m walking on the water, Poison, twist your head 10 KommentareKönigsberger Klopse macht in unserer durchaus kochaffinen Großfamilie nur Mutter. Nach einem Rezept, dass ein Geheimnis birgt. Der Geschmack im Übrigen auch.

Klopse im Saucenbad (Fotos: phew)
Dem Geheimnis auf die Spur kommen wir nicht bei der Lektüre der Zutatenliste. Weil eine solche schlicht nicht existiert. Auch die beobachtende Feldforschung führt zu keinen reproduzierbaren Ergebnissen. Was höchstwahrscheinlich daran liegt, dass der selbstbewusst großzügige Umgang mit Dingen wie Rinderhack und rohen Zwiebeln (entgegen Kalbsbrät und gedünsteten Schalotten in der gepimpten Hochküche), Mehlschwitze und Kondensmilch (oder „Kriegsmilch“, wie wir Nachgeborenen sagen), Zitrone und Zucker uns nicht ganz geheuer ist. Nur einmal erlitt die Kochahnin kulinarischen Schiffbruch: Hatte ich ihr doch aus Palermo gesalzene Kapern mitgebracht; um mir eine Freude zu machen, kamen diese statt der üblichen in Lake eingelegten in den Topf. Es fehlte Säure, es nahm den Atem das Salz. Ansonsten sind Königsberger Klopse mit Kapern und Kartoffeln ein Genuss, nicht nur für Freunde von Alliterationen.

Königsberger Klopse mit Kapern und Kartoffeln
Deerhoof sind Greg Saunier und Satomi Matzusaki und zwei Gitarren. Sollte ich eine Schublade für sie zimmern, schriebe ich „California Noise-Folk“ drauf. Selbstredend würden sie jedoch umgehend heraushüpfen, erführen sie von meinem anmaßenden Vorgehen. Denn eigentlich ähnelt kein Song einem anderen. Strukturen und Soundschichten werden beständig neu angeordnet, das Schräge wird zum Wohlklang und umgekehrt. Doch wie die Klopse handelt es sich eindeutig um Winterwettergenuss. Beides gehört zum besten meines persönlichen Kulturschatzes.
Ein neues Album erscheint am 25.01.2011. Es heißt Deerhoof vs. Evil – vorab offeriert die Plattenfirma den Track The merry barracks gratis zum Download.
Junges Gift versprühen andere, hiesige Musikanten. The good old boys are back – M. walking on the water veröffentlichen ebenfalls im Januar das erste Mal seit 15 Jahren wieder ein Album. Es wird „Flowers for the departed“ heißen – und auch hier drehen Label und Band am Promotion-Rad und vorabveröffentlichen daraus den Song Twist your head. Auf einem Seegler in Flensburg, also im Arbeitsumfeld von Sänger und Akkordeonspieler Mike Pelzer, übten die Krefelder das neue Material ein – und streuen als Abfallprodukt dieser Sessions eine akustische Neuaufnahme des Klassiker Poison unters Netzvolk.
Ein Märchen
Veröffentlicht: Dezember 22, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Musik | Tags: Billy Bragg, Florence and the Machine, Shane MacGowan, The Pogues Hinterlasse einen KommentarMein Xmas-Post erinnert an einen großen Songwriter der 80er, der mit seiner kleinen Folkpunkband so manchen Klassiker schuf und performte. Er tut das immer noch, längst ein Schatten seiner selbst. So wankte er wohl auch gestern in Brixton auf die und auf der Bühne – so dass ich uns den Soundtrack zur Jahresendfeier von Billy Bragg und Florence and the Machine vortragen lasse. Feiert schön (hoffentlich auch Du, Shane MacGowan)!
Italienische Sprachküche
Veröffentlicht: Dezember 22, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik | Tags: Agnolotti alla piemontese, italienisch, Meringhette baciate, Mousse di albicocche allo yourt, Risotto alla zucca, Rotolo di fesa di tacchino con formaggio e prezzemolo, Vitello tonnato 3 KommentareIch gestehe: Seit wenigen Wochen versuche ich mein über Jahre eingeschliffenes Italo-Radebrech in sprachlich ansprechendere Bahnen zu lenken und lerne bei Laura aus dem Veneto Grundlegendes. Da trifft es sich gut, dass die Pädagogin auch leidenschaftlich kocht. Und alle ihre Schüler gerne daran teilhaben lässt. So stand vor kurzem ein Abend an, der mit „italienisch kochen und sprechen“ nur unzureichend beschrieben ist. Cucina e lingua, avventuroso.

Secondo
Das Menu
Agnolotti alla piemontese
Risotto alla zucca
Vitello tonnato
Rotolo di fesa di tacchino con formaggio e prezzemolo
Contorni
Meringhette baciate
Mousse di albicocche allo yourt

Primo
Tatsächlich abenteuerlich: Eigentlich einfache Gerichte – nach fremden Rezepten in einer bisweilen noch fremderen Sprache verfasst – mit lauter fremden Menschen zusammen kochen. Ein tolles Experiment. Und ein Gelungenes, mit mehrfachem Lustgewinn. Gerne wieder.
Sonntags-Menü
Veröffentlicht: Dezember 19, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik | Tags: Bistecca di manzo e cavolo, captain beefheart, cellentani ai peperoni, gefüllte Champignons, Mohnkuchen 14 KommentareEin Fotograph im Haus, ein voller Kühlschrank und ein halbfertiges Gedankengebäude, in dem ein als ein Streifzug durch Italien getarntes Menu wohnt – kreativer Workout in Küche und Esszimmer und als Ergebnis eine absolut überzeugende Antipastokreation samt bunten Bildern.
Das Ausgangsmaterial:

Was Kühlschrank und Vorratskammer so hergaben (Fotos: phew)
Antipasto: Gefüllte Champignons
In mittelgroße braune Champignons gab ich dies: Bratwurstbrät, vermischt mit geröstetem und gemörsertem Fenchelsamen und schwarzem Pfeffer. Obenauf ein Haube aus: Schalotte und Champignonstielen, fein geschnitten und in Butter angeschmort und mit Weißwein abgelöscht; vermengt mit Parmiggiano und Amarettinibröseln. Als Abschluss je eine Butterflocke. 20 Minuten bei 160° im Ofen gegart und dann zwei Minuten gratiniert.
Angerichtet habe ich auf dünnen Orangenscheiben und das ganze mit dem eigenen Sud beträufelt. Eine Offenbarung!

Gefüllte Champignons
Primo: Cellentani ai peperoni
Mit viel Olivenöl sowie Chili, Knoblauch, Lorbeer, Salz und Pfeffer, Zitronenabrieb und dazu Pecorino pugliese.
Secondo: Bistecca di manzo e cavolo
Ein ordentliches Roastbeef in Rumpsteaks zerteilt und rückwärts gebraten. Mit Schnickschnack (in Butter gelöstes Chili-Vanille-Salz). Dazu Spitzkohlfleckerln in Orangen-Ingwersud.

Bistecca di manzo e cavolo
Dolce: Mohnkuchen a la nonna

Mohnkuchen
Die Musikauswahl dazu fiel leicht, denn gestern ist der Captain von Bord gegangen. Zur Erinnerung dies:
