Weintopf und Liebe zu dritt

Zubereitet wurde das Rindfleischrezept eines rheinischen Normannen, des kräuterkundigen Jean-Marie Dumaine aus Sinzig. Als Radiokoch ist er unbestritten der kurzweiligste und zugleich tiefsinnigste Vertreter seiner Zunft. Er nennt es Camargue-Gulasch (Aufzeichnung des Beitrags auf WDR5), auch wenn deutliche Ähnlichkeiten zum klassischen Bœuf bourguignon bestehen. Die gestrige Tischgesellschaft war hochbegeistert. Der Koch sogar doppelt, hatte er doch schon viel Freude bei der Genese des Gerichts, der Auswahl des passenden Weins und der Pastisprobe.

Neben dem Anisschnaps kam also ein 2007er Petit Malherbes Rouge auf den Tisch und in Topf und Koch. Und die Arbeit schritt in etwa so voran: Ein Kilogramm Angusschulter schnitt ich in vier mal vier Zentimeter große Stücke. Grob zerteilt wurden ebenso eine Fenchelknolle, drei Stangen Sellerie, je zwei Möhren und Zwiebeln. Abweichend vom Rezept schnitt ich noch eine Zwiebel und eine Knoblauchzehe fein klein. Desweiteren wurde ein Kräuterstrauß präpariert: Fenchel- und Selleriegrün, Thymian, Gewürznelke und Lorbeerblatt in Lauchgrün eingewickelt und verschnürt. Ein Handvoll Salbeiblätter bildeten die Vorhut:
Olivenöl-Butter-Gemisch im Bräter erhitzt, Salbei hinein und nach wenigen Sekunden wieder heraus. Dann das Gemüse in den Topf, eine Minute bei voller Hitze Farbe nehmen lassen. (Arrosolare und insaporire nennen italienische Küchenmeister diese beiden grundlegenden Schritte der Aromagewinnung, gut beschrieben bei Marcella Hazan.)
Deckel drauf und zwei Minuten mit weniger Wucht gedünstet. Dann zusammen mit dem Salbei beiseite gestellt.

Einiges zusätzliches Olivenöl ins Kochgefäß und die Fleischstücke nacheinander angebraten, bis sie goldbraun wurden. Gesalzen und Gepfeffert. Zu allem Rind die Zwiebel-Knoblauch-Mischung, umgerührt, Tomatenmark und etwas Puderzucker, eine halbe Minute geröstet. Mit ein bis zwei Gläsern Wein und einem Schluck Pastis abgelöscht, eine halbe Orange dazu gepresst, eventuell etwas Rinderbrühe und drei Esslöffel Tomatenwürfel. Das Bouquet Garni obenauf und 90 Minuten simmern gelassen. Dann Gemüse und Salbei wieder ins Spiel gebracht und den Strauß ausgewechselt. Nach weiteren 30 Minuten einige Oliven und zerdrückte Sardellen als Geschmackspolitur dazu, Herd aus.

Rotwein-Rindfleisch à la Dumaine

Rotwein-Rindfleisch à la Dumaine

Ich habe Reis dazu gekocht, wobei ich den aus der Camargue leider nicht zur Verfügung hatte. Als bittersüße Abrundung kam noch ein Chicoree-Orangen-Salat auf den Tisch. Gehört wurde Françoise Cactus, naturellement. Nicht, weil sie genauso kabarettnah deutsch spricht wie der Herr Dumaine, sondern weil sie eine großartige Künstlerin ist. Und Liebe zu dritt noch niemandem geschadet hat.

Estouffade camarguaise ist also ein französischer Küchenklassiker, wie ich erst im Rahmen der üblichen Nachrecherche feststellte. Das ist übrigens eines der wenigen Prinzipien, die ich beim Kochen befolge: Leidenschaft (Kulinarik) und professioneller Impetus (doppelt bis dreifache Faktensichrung) werden strikt voneinander separiert. Erst kommt der intuitive Genuss, dann die Grundierung.


Kartoffeln, Quitten, Räucherlachs – dazu Arabicana

Wie die zuletzt beschriebene Erbsensuppe ist auch das heutige Gericht eines, das auswärts zu essen selten eine gute Idee ist. Mit wenigen Ausnahmen, zugegeben. Reibekuchen heißen im Rheinland Rievkooche und den Goldstandard haben Menschen aus Jülich treffend beschrieben. Eigentlich bedarf diese bodenständige Delikatesse keinerlei Pimp und Pomp, aber es gibt Situationen in Speisekammern und Kühlschränken, die zur Improvisation zwingen. So war eine Nachbarin vor Tagen schon die Freude ins Gesicht geschrieben, endlich Abnehmer für einen Gutteil ihrer Quittenernte gefunden zu haben. Bis auf einige wenige wurde daraus Gelee, der ein ausgezeichnetes Geschenk für jede Gelegenheit darstellt. Außerdem wartete noch ein ordentliches Stück Räucherlachs auf seine Verwendung.

Etwas Safran in die Kartoffelmasse, Olivenöl statt jenem aus Sonnenblumenkernen zum Ausbraten, Quittenkompott in einen Saure-Sahne-Dip – der Fisch fühlte sich wohl dabei. Ich mich auch, nach einem erfrischenden Glas Silvaner von Johann Schnell.

Reibekuchen auf Quittendip mit Räucherlachs

Reibekuchen auf Quittendip mit Räucherlachs

Der Safran brachte mich musikalisch nach Arabien – so einfach bin ich bisweilen gestrickt.  Höre also gerade den herausragenden holländischen Oud-Spieler Haytham Safia sowie die Band, deren Teil er ist: NO blues, ebenfalls aus den Niederlanden. Die haben sich dankenswerterweise ihre Schublade selber gebastelt und nennen ihren Stil Arabicana. Ihr neues Album heißt Hela Hela und wird nächste Woche via Munich Records veröffentlicht.

 

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Niederrheinische Erbsensuppe ist kein Nazi-Eintopf

Samstag = Waschtag. Früher traf es Mensch und Tier, alle kamen nacheinander, einer gewissen Hierarchie gehorchend, in denselben Zuber. Dann, als die Wirtschaft sich zu wundern begann über eine gekonnte Mischung aus zunehmender Mobilisierung und sich verfestigender Trutzburgmentalität, wurden zunehmend Automobil und Bürgersteig Objekte planmäßigen Reinemachens. Heutzutag, in den Zwanzigzehner-Jahren, kommen zwar noch allenfalls Elektrofahrräder oder der Weinklimaschrank unter den Putzlappen, aber eines ist Konstante: Unüblich mittäglicher Hunger ob ungewohnter körperlicher Betätigung. Und wenn sich dann noch eine Pause findet im wochenendlichen Einkaufswahn, kommt ein Topf auf den heimischen Herd.

Historischer Einwurf: Ernst Pieper beschreibt unter dem Titel Braune Suppe, dicke Brocken eine politische Eintopf-Idee. Tatsächlich war der Begriff vor 1933 kaum bekannt. Grundlegend dazu: Konrad Köstlin: Der Eintopf der Deutschen. Das Zusammengekochte als Kult-Essen. In: Tübinger Beiträge zur Volkskultur, Tübingen 1986. Interessant ist auch dies.

Nichtsdestotrotz ist das, was die Nazis unter dem Begriff „Eintopf“ popularisierten und als Instrument der sozialen Gleichschaltung instrumentalisierten, nichts anderes, als das vielleicht älteste menschliche Kochprinzip. Alles Essbare in einen Topf und nach mehr oder weniger langer Zeit über dem Feuer aus selbigem zusammen speisen – allein dies war tausende Jahre lang kulinarisch möglich.

Erbsensuppe mit Mettwurst und Senf

Erbsensuppe mit Mettwurst und Senf

Ich esse heute Erbsensuppe; rheinischer Art. Also Ähzezupp, nicht Löffelerbsen. Wie das prinzipiell funktioniert, hat Pepinella beschrieben (von der leider seit geraumer Zeit nichts mehr zu lesen ist). Doch wie bei italienischer Tomatensauce jede Mama ihre Eigenheit hat, geht auch die Erbsensuppe in allen niederrheinischen Haushalten etwas anders. Daher heute ausnahmsweise wieder ein ausführliches Rezept, später. Was allerdings solch ein eher bodenständiges „Durcheinander“ (Pott ongereen im Vierscher Platt) zum kulinarischen Wagnis macht, ist diesbezügliches Auswärts-Essen (Ausnahme: Gut Heimendahl). Oder aber – wird auf dem Dorf gerne genommen – der samstagmorgendliche Gang zum Metzger, mit leerem Eimer. Was dann dort hineingegeben wird, ist tatsächlich ursprünglich, in der Regel. Denn bis zum zweiten Weltkrieg war hiesigen Hausfrauen die Verwendung von Würzkraut in der Küche nahezu unbekannt. Salz, Pfeffer und Fett waren einzige Aromaten und Geschmacksträger.

Unsere Familientradition schreibt jedoch reichlich Majoran und ein Lorbeerblatt vor, an mutigen Tagen gebe ich auch ein Stück Ingwer oder etwas Kreuzkümmel hinzu. Heute nicht. Auch die Schweinefüße hatte Metzger Bauten nicht im Kühlhaus. Was vielen Menschen den Zugang zu dieser Leibspeise deutlich erleichtern dürfte, emotional gesehen.

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Pasta alla Norma con Giardini di Mirò

„This is a dish that makes you cry and sing and bang your head against the floor all at the same time!“ Dies schreibt der Franco-Schweizer François-Xavier in seinem englischsprachigen Blog über mein liebstes sizilianisches Nudelgericht, Pasta alla Norma. Auf lamiacucina geht es nicht ganz so euphorisch zu, doch beide Eidgenossen stricken fleißig an der gängigen Opernlegende, um den Nudelnamen zu erklären. Ich bin kein großer Arienfan, glaube auch nicht an den Koch aus dem 19. Jahrhundert, der seine Kreation dem Bellini-Werk gewidmet hätte. Vielmehr bestätigen einige sprachinteressierte Insulaner einen eher mittelbaren Zusammenhang zwischen Sangeskunst und Gaumenlust. Mit dem geflügelten Wort „wie Norma“ wurde damals schlicht Exzeptionelles bezeichnet. Auf kontemporäre, der hiesigen Jugendsprache entlehnte, Begriffsbeispiele verzichte ich aus guten Gründen.

Aus der Nähe von Reggio Emilia kommen Giardini di Mirò. Genauer gesagt aus dem kleinen Ort Cavriago, wo ein gewisser Vladimir Lenin seit 1917 Ehrenbürger ist. Wenn die Norma-Nudeln für mich kulinarischer Tabellenführer der Serie A sind, leuchten die fünf barttragenden Mitdreißiger als hellster Stern des Italopop-Kosmos. Spätestens seit Punk … not diet! verpasse ich keine Gelegenheit, die Jungs live zu sehen. Zu hören. Postrockistisch zu schwelgen.
Nun haben sie mit „Il fuoco“ einen Stummfilm aus dem Jahre 1915 vertont (Regie: Giovanni Pastrone) und bringen beides auf der aktuellen Tour, die sie im November auch in unsere Regionen führt, zur Aufführung. Der Trailer dazu:

Zurück zu Norma. Bevorzugte Pasta sind für mich busiata, die auch herrlich zu pasta chi sardi, dem anderen weltberühmten sizilianischen primo, passen – besser, als die meist empfohlenen bucatini. Ansonsten brate ich die Auberginen (geschält, entwässert, in fingerdicke Scheiben geschnitten) in reichlich mit Knoblauch aromatisiertem Olivenöl, bis sie weich und röstaromatisch sind. Parallel wird ein klassisches Tomatensugo bereitet. Beides wird kurz vor dem Anrichten zusammengeführt, mit grob gerupftem Basilikum, zerbröckeltem ricotta salata (wenn nicht zu haben, verzichte ich ganz auf Milchprodukte) und den Nudeln vermengt und in der Regel viel zu schnell verschlungen. Dann: Schreien, singen, headbangen.


Swinger Club

Eine weitere Folge der Reihe „Warum ich blogge oder support your local scene“ widmet sich heute aus gegebenem Anlass dem Swinger Club. Und einem Schlagzeuger, der nicht nur seines Namens wegen in meiner ganz privaten Rhythmusgruppenbestenliste ziemlich weit oben rangiert: Martell Beigang. Aus Köln.

Die drei Herren sind hier als das unterwegs, was von Kollegen meist despektierlich als „Mucker“ bezeichnet wird. Also nicht Künstler, sondern Interpreten anderer Schöpfer Werke. Mit Pornoorgel, Kontrabass und Percussionsinstrumentarium wird alles verwurstet, was Entspannung verspricht jenseits des Broterwerbs als Mietmusikant. Martell: „Um von Musik zu leben, mußte oder besser, durfte ich, ganz unterschiedliche Musik mit vielen verschiedenen Musikern machen.“ Carmina Burana und weitere Welthits als Jazz, schlimme Musik in rosa Bonbon-Verpackung, musicians music.

Warum ich das mag? Vor vielen Jahren moderierte ich eine Web-TV-Sendung für triggerfish.de und traf die Drei live in der Kühlkammer und habe mich dabei köstlich amüsiert. Martell kannte ich als Fan von M. walking on the water seit Anfang der 90er – er gehört der Band seit dem Album „Wood“ an, eine neue Veröffentlichung wird gerade vorbereitet. Da er auch für Formationen wie Rainbirds, Lassie Singers, Eisen trommelte und mit dem Popshoppers-Projekt und einer als „Citronic“ getarnten Francoise Cactus (Stereo Total) einen veritablen Clubhit hatte, stolperte ich als Popkultur-Aktivist immer wieder über ihn. Gerne gelesen habe ich auch unverarschbar.

Aktuell: Heute Abend spielen Swinger Club bei der Premiere von Paul Wallfischs musikalischem Salon „Small Beast“ im Schauspiel Dortmund.  Mit dabei: Little Annie und Baby Dee.
Und als Service sei hier noch der YouTube-Channel von Martell Beigang verlinkt.

Das Getränk dazu: Ein Marsala Superiore von Carlo Pellegrino, eisgekühlt natürlich.


Uerige Molekularküche

Niemals gäbe ich Gerstensaft in einen Sahnesyphon. Wenn ich also letzthin ein „Altbier-Espuma“ kredenzte zu fettgebackener Leber und Gurkengemüs, war damit kein anderer benannt, als der abgeschöpfte Uerige-Schaum. Zur Hinfälligkeit desselben haben die Chemikanten der Universität zu Regensburg Erhellendes beigetragen, ebenso ein Jeveraner Adept (Kinetik des Bierschaumzerfalls). Stabilitätsforschung hingegen wurde im Land der aufgehenden Sonne betrieben. CO2-Reaktionen im Bierglas sind dennoch keine molekularkochtechnischen Hexenwerke, vielmehr moribunde Aromabomben.

Karamellmalzig und hopfenbitter ist nun das Aromaspektrum des zweitbesten Düsseldorfer Altbiers: Das Uerige. Zur Verwendung in der Küche jedoch ist es absoluter Favorit, nicht nur als kongenialer Leber-Begleiter. Auch Saucen zu gebratener Ente (auf Schattenmorellenbasis) oder Sauerbraten kann ein Bierschuss geschmackliche Tiefe und texturelle Lockerheit verleihen. Ein Bierteig zum Gemüseausbacken oder ein Parfait – insgesamt ist die gelegentliche Verwendung von Kochbier auch eine willkommene Reduzierung des Alkoholkonsums bei der Küchenarbeit. Außerdem mag ich keinen Schaumwein, um mal mehr oder weniger elegant wieder zum Ausgangspunkt dieser Überlegungen zu kommen.

Schaumschlagen hingegen mag ich als verbale Disziplin. Auf den Teller kaprizieren Espumas in der Regel aufgeblasene Fatzkes. Zumal der Herbst eher die Zeit für althergebracht sämige Soßen statt für luftige Hauben ist. Wie ich im nächsten Frühjahr darüber denke? Anders, höchstwahrscheinlich.

 


Mond-Sucht

Zu Vollmond besuchte mich der schwarze Neger Wumbaba.
Statt mich inbrünstigem Anheulen hinzugeben ist mir in derlei Nächten meist reichlich poetisch. Den Soundtrack dazu liefert alles, was mein musikalisches Langzeitgedächtnis thematisch trefflich anzubieten weiß. Von den Untoten des Garagenrock, den weltbesten DIY-Artisten Fred und Toody Cole aka Dead Moon (inzwischen Pierced Arrows), bis hin zu Schlagerschoten wie dem 30er-Jahre-Kraft-durch-Liebesleid-Schmonz Roter Mond.  Nur dass eine diesbezügliche YouTube-Recherche nun aufdeckte, dass ich seit Jahr und Tag einem mehr oder weniger willentlichen Fehlhören aufgesessen bin. Der Schützengraben-Schlager heißt tatsächlich Roter Mohn,wurde 1938 vom einschlägig vorbelasteten Michael Jary komponiert und dirigiert und eingesungen von der „chilenischen Nachtigal“ Rosita Serano.

Bleibt dennoch Obsessionsklangteppich, trotz braunem Dunst.
Zurück zum Dichterkitsch. Vor Jahr und Tag, ebenfalls in einer Vollmondnacht, flossen mir folgende Verse in den damals noch juvenilen Füller:

blicken verborgen
wolken verhangen
mitternacht.
sanfte sorgen
großes bangen
aufgewacht.

konturen, schräg und schief
am himmel fahl
tiere schlafen wesenlos
irrational.

gut verborgen
tief vergraben
unbewohnt.
keine gedanken
schwache konturen
toter mond.

Dichter Dichter. Reimeschütteln ist meine Lieblingsdisziplin nimmermehr. Wer will schon nochmal 20 sein und so verliebt wie damals. Das lassen wir mal die Profis machen, die gegebenenfalls auch noch schleimlösend dazu musizieren:

D for disaster
E for my eyes
A for my anger
D before I die
M for Mona
O oh good
O oh good
N for the night

Dead Moon Night