Lieblingsleber, Liebeslieder, Landleben

Passionensammelsurium. Provinzielle Musik mit Innereien. Überschriftenalliterationszentrifuge. „Thank god it’s friday“ und es wird endlich wieder mit Wasser gekocht. Bunte Brause bleibt dem lausigen Medienprekariat vorbehalten. „Ach geht ja nicht, laß bloß an, bin ja selber drin…“

Mittagessen gewesen. Leberknödelsuppe, Wildschweinragout, Weinschaumcreme.
Suppe versalzen. Ragout zu süß. Creme aus der Tüte. Dennoch: Glückslatenz. Mutiere noch zum Antroposophen. Der Himmel (Indersommer), die Erde (1a Traditionsgaststätte), dazwischen das wird schon. Beim nächsten Mal mit gesatteltem Gaul.

Haus Waldesruh, Hinsbeck

Haus Waldesruh, Hinsbeck

Landleben halt. Und nun zur Leber: Die geknödelte Suppeneinlage war essbar. Doch kann ich das besser. Heute also:
Beignets von der Kalbsleber mit lauwarmem Gurkengemüse und Altbierespuma. Dicke Hose, ich weiß. Aber eigentlich ein Blitzrezept, hat mich eine halbe Stunde gekostet. Und unendlichen sensorischen Nachhall eingebracht. Keine Fotos. Doch das ausführliche Rezept folgt.

Übrigens liebe ich es, wenn Lieblingskünstler beliebte Lieder ihrer Lieblingskünstler (nicht selten auch meiner) einspielen. Liebeslieder sind dies jedoch eher selten, oft eher düster-verschrobenes wie der The-Cure-Klassiker in der 2008er Version von Natasha Khan (aka Bat for Lashes): The forest; was zugegeben keinerlei Gedankenakrobatik bedurfte.

Noch abgründiger, kraftvoller, obskurer sind Chips for the Poor. Die Briten stehen allerdings nicht im Wald, sondern in einer nächtlichen Londoner Unterführung:


beat!beat!beat!

Der Niederrheiner hat ja eher ein doppeltes Stand- als ein zum Schwingen zu bringendes Tanzbein. Die sich daraus ableitende Erwartungshaltung (ergo: keine) hätte zwangsläufig dazu geführt, den aktuellen Heimat-Hype zu verpassen. Fast. Zugegeben, ein halbes Äon ist gerade popkulturell eine verdammt lange Spanne, um auf derselben Welle Schwingungen zu spüren. So lange ist aber leider her, dass ich die Schulbänke drückte, die nun von den Hintern der Jungs von beat!beat!beat! gewärmt werden. Another boyband, so what?

Lokal-Patriotismus ist kein Kneipensport. „Support your local scene“ nicht eine lässliche Mode, sondern der Glückspfad zu mehr Nachhaltigkeit im täglichen So-Sein. Wenn vier Viersener enigmatisch musizieren und dabei so klingen wie handelsübliche abgebrochene britische Kunststudenten, schmeiße ich gerne einen weiteren Stein in die digitalen Fluten. Und wippe dabei mit dem Lehnstuhl…

INFO:
Das Album „Lightmares“ der Band Beat!Beat!Beat! erscheint übermorgen. Den Song Fireworks bietet der NME schon seit beinahe einem Jahr als Gratisdownload und hat so nicht unmaßgeblich zum Erfolg der Jungs vom Niederrhein beigetragen. Auf der Bühne zu erleben auf dem Westend-Festival in Dortmund am 29.10.2010.

Anmerkung: Der nächste Beitrag, liebe Foodblog-Gemeinde, kümmert sich wieder um Kulinarisches. Mit Musik. Bis dahin esst niederrheinische Tapas im Kempsche Huus.


Ein Spielplatz in Wien, musikalisch virtuell, Schnell

Christiane Rösinger als die große alte Dame des deutschsprachigen Befindleichkeitspop zu beschreiben, ist weder despektierlich noch lakonisch gedroschene Phrase, sondern ein Eindruck. Die zugegebenermaßen leicht sepiafarbene Formulierung ist das Ergebnis langjähriger Ergebenheit, des Mitleidens, des steten Wiedererkennens. Bei allem Geschwurbel imponiert immer schon der Mut zur Mädchen-Mitsingmelodie. Wie mit Britta auf dem 2006er Album „Das schöne Leben“ (ein 2008 erschienenes Buch heißt ebenso):

Nun erscheint in diesen Tagen nach über 20 Jahren Gruppenmusik (Lassie Singers, Britta) mit „Songs of L. and Hate“ endlich ein Soloalbum. Alle, wirklich alle Indie-Boys-and-Girls des bundesrepublikanischen Popfeuilletons überschlagen sich. Wigger, Volkmann, Eismann, Küppers. In Ermangelung eines Vorab-Rezensionsexemplars betrieb ich eine Online-Recherche und fand an Sound – so gut wie nichts. Eine stümperhaft gebaute, reine Text-Website. Doch keine Myspace-Promo-Maschine. Kein Youtube-Feuerwerk. Konsequentes Abblocken der Bloggosphäre. Find ich gut, Warten steigert die Vorfreude, ab Freitag das Werk dann beim Plattenhändler meines Vertrauens.

Was mich zum eigentlichen Anlass dieses Beitrags führt: Im Rahmen der Suchmaschinenergebnis-Gewichtung stieß ich auf ein mir bis dahin völlig unbekanntes Projekt aus Wien. Videobewehrte Schrammelpop-Aficionados sammeln durchreisende Musikanten ein, verbringen sie an ein Alltagssetting, nötigen die Künstler, akustisch aufzuspielen und sich dabei abfilmen zu lassen. Veröffentlicht werden die bisweilen großartigen Werke hernach auf playgrrround.com und bilden dort als Gesamtheit ein Kaleidoskop untergründiger Kultur-Boheme.

„music is never authentic“ ist ein Leitmotiv dieses Projekts.

Übrigens: Als Gegengewicht zum Rösingerschen Berliner Kulturprekariatspessimismus hier nun die Schweden von Bored Man Overboard mit „The Optimist“ auf playgrrround.com.

Ein Singlemalt-Whisky böte sich dazu als Getränk an. Doch dazu bin ich noch zu jung, ein entsprechender Bart ziert mich momentan auch nicht. Also nicht ganz unvermutet meine Weinempfehlung des Tages:
Einen 2008 Guntersblumer Eiserne Hand Spätburgunder von einem der ältesten deutschen Bio-Weingüter, Weingut Geheimrat Dr. Schnell. Ich habe Johann Schnell dieser Tage in Rheinhessen besucht und befürchte, ein weiteres Lieblingsweingut für mich entdeckt zu haben.


Tamaryn, banh xeo und grüner Silvaner

Der Soundtrack zum ersten Nachtfrost kommt idealerweise aus Kalifornien (All the leaves are brown, ya know?) , aus San Francisco sogar. Tamaryn nennt sich die eigentlich aus Neuseeland stammende Musikerin, deren aktuelles Album „The Waves“ sphärisch tröpfelt wie dereinst die Klänge der legendären Mazzy Star um Hope Sandoval.

Mexican Summer heißt übrigens das Label, welches für die Veröffentlichung verantwortlich zeichnet. Kein Witz. Dessen Heimat wiederum ist Brooklyn.

Im rheinhessischen Hügelland wurde ich also überrascht von Raureif und unterkühlten Extremitäten. Dreierlei (rethorisch geschult an Luthers Predigtlehre) Erste-Hilfe-Maßnahmen wurden eingeleitet:

  • Eine ausgiebige Weinbergswanderung durch eine Lage, die als Udenheimer Sonnenberg bekannt ist, und die schon ziemlich kahlgeschlagen ist. Nur einzelne Rieslingtrauben für Spätlesen oder natürlich Eiswein hängen noch an den Rebstöcken.
  • Antizyklisches Konsumverhalten: Bei Mengel-Eppelmann eine Kiste so genannten Sommerweins gekauft, 2009er grünen Silvaner.
  • Subtropisch schlemmen in Ha Noi. Stand schon lange auf meiner Besuchsliste. Aß vergleichbar gute banh xeo nur in der alten Kaiserstadt Hue.

 

banh xeo in Hue (Foto: phew)

banh xeo in Hue (Foto: phew)

 

Beim Vietnamesen trinke ich reflexartig stets Yasmin-Tee. Ansonsten: Tee nur, wenn Unbill dräut. Jugendherberge. Schweinegrippe. Regulär regulieren ausschließlich Wasser, Kaffee, Wein den Flüssigkeitshaushalt.


Bilderrätsel eines betrübten Bloggers

Woher kennen Sie dieses Motiv?

Zweigkanal, zwischen Oedt und Süchteln

Zweigkanal, zwischen Oedt und Süchteln

Antworten bitte als Kommentar.
Wenige Meter weiter labte sich meine waidwunde Seele an diesem klassischen Idyll. Ja, werte Fotografenfreunde und -verwandte, das kann man besser auf den Chip bannen. Nein, liebe Leser, ich habe nicht den Zynismus gegen schale Romantik eingetauscht. Bin nur verwirrt.

Die Niers zwischen Grefrath und Oedt

Die Niers zwischen Grefrath und Oedt


Freitagsgericht mit anarchistischer Abendunterhaltung

Ich hasse Hesse! Das muss gerade in diesen Tagen allerehrenwertester Nobelpreisvergaben einmal geschrieben werden. Esoterisches Kunsthandwerk, allenfalls, schwäbische Großmannssucht im gefühlsduseligen Gewand; Lesequalen. Fast noch schmerzhafter sind die Folgen der Wirkungsgeschichte, gerade in der Popkultur, der hippiesken zumal. Zumindest war dies meine Überzeugung, bis ich vier Menschen aus Antwerpen kennenlernte. Die wiederum Musik machen als Die Anarchistische Abendunterhaltung. Leicht steppenwölfisch verschroben bisweilen, doch dann wieder von bestechender Klarheit und irrer Genialität. Typische Belgier halt.

In BeNeLux wird übrigens viel Endiviensalat gegessen, prügelte der Autor eine nachgerade zwanghafte Überleitung in seinen Text. So ist er halt, etwas sprunghaft. Endivie gehört zur spannenden Familie der Wegwarten und ist neben ihrer Funktion als herrlich bitterer Wintersalat eine der mit Dressing roh zu verzehrenden Grünpflanzen, die in der Nährwerttabelle nicht auf der gleichen Stufe wie Pappschachteln rangiert. Im Ruhrgebiet ist ein Gericht namens „Endivien dore-in“ verbreitet, ich aß es im niederrheinischen Duisburg, bei Frank Schwarz in der Schifferbörse, in einer ebenso reduzierten wie prägnanten Version.

Und ließ mich dadurch zu folgendem inspirieren: Eine Endivie feinst vorbereiten (äußere Blätter großzügig kompostieren, den Rest gründlich waschen und grob zerkleinern, trocknen) und reichlich Dressing aus Olivenöl, Meersalz, Düsseldorfer Senf, Sherryessig und rotem Johannisbeergelee anrühren. Beides vereinen. Dann Kartoffeln kochen, pellen, leicht stampfen. Wiederum einen Vereinigungsprozess initiieren und prompt servieren. Dazu passt Freitagsfisch, heute mit Salbei aromatisierter Seehecht. Der ist robust genug, um gegen den Endivien-Kartoffel-Stampf zu bestehen. Ist der Fisch aus der Pfanne, lässt sich mit dem Satz, etwas Weißburgunder und einem Stück kalter Butter hervorragend eine kurze Soße ziehen.

Endivien-Kartoffel-Stampf mit Salbei-Seehecht

Endivien-Kartoffel-Stampf mit Salbei-Seehecht

Zurück zur Abendunterhaltung. Die verspricht der Sonntagabend, in der Sint Joriskerk in Venlo.


Gebratene Nudeln mit Rehkitz und Jäger

Mein bestes Nasi-Goreng-Rezept veröffentliche ich heute nicht, muss zuvor noch mit Indonesien telefonieren. Aber wozu in die Ferne schweifen, wenn der nächste Chinamann in der Nähe vereinnahmend pfannenrührt?

Nicht traurig sein, liebe Kinder! Hauptsache, 29 schmeckt.

Nicht traurig sein, liebe Kinder! Hauptsache, 29 schmeckt.

Ich höre „Revival“, passenderweise vom neuen Deerhunter-Album Halcyon Digest.