Schweine-Sterben mit Kornbrand
Veröffentlicht: Oktober 1, 2010 Abgelegt unter: Niederrhein | Tags: Niederrhein, Panhas-Fest, Pannas, porkcamp, Süchteln, Schweineblut, Stadtschenke, Värkesbloot 6 KommentareDer Herbst ist ja traditionell die Zeit des Abschieds. So ging es vor Zeiten auch dem lieben Vieh, fanden im Oktober und November doch in den niederen Rheinlanden ringsum die Hausschlachtungen statt. Daran anschließend floß der Schnaps und irgendeine Musik spielte auf zum Tanz. „Värkesbloot“ hießen diese Feste zum Beispiel.
„Schweineblut“ findet in manchen Dorfkneipen auch im Jahre 2010 noch statt. Hierbei handelt es sich jedoch in der Regel um nichts weiter als ein mehr oder weniger geselliges Beisammensein (mit viel Schnaps), Kartenspiel und Tombola. Hauptpreis: Ein ganzes, immerhin geschlachtetes, Schwein.
Ebenso verkauft noch heute fast jeder Dorfschlachter in diesen Tagen Pannas (oder westfälisch: Panhas), eine Art Blut-Grützwurst, die cross gebraten mit Schwarzbrot und Rübenkraut gegessen wird. Solcherlei wird gerne mit historisierender Anmut ausgeschlachtet, um sich kollektiv zu betrinken (na klar, mit Klarem!):

Hinweis auf ein Fest zu Ehren der Blutwurst, sinnigerweise im Fenster der Konditorei Rongelraths hängend
Übrigens: Nach backlash riechend finden inzwischen Veranstaltungen wie das porkcamp statt (ein Dank an Frau Evenaar). Aus gegebenem Anlass: Keine Musik.
Saltimbocca vom Kabeljauloin auf Porzellan aus Freiburg
Veröffentlicht: September 28, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: kabeljau, Kraków Loves Adana, Porcellain, Saltimbocca Ein KommentarDer Plan misslang. Alternativen wurden geschmiedet und führten geraden Wegs zu neuen Ufern. Ohne zu schwimmen – obwohl die dazu benötigten Häute schon gedeihen in den Zehenzwischenräumen, denn es ist Herbst am Niederrhein.
Der Rheinische Edelwels hatte es nicht auf den hiesigen Markt geschafft, heute. Am fehlenden Wasser kann es nicht gelegen haben. Also Kabeljau, nur das mittlere, dicke Stück des Filets, Loin genannt. Übrigens sagt das Kluge-Buch, dass der einzige Unterschied zwischen Kabeljau und bacalao nur eine Interversion sei. Ich hingegen glaube, dass Stockfisch und Dorsch auch noch Konsistenz-Differenzen haben. Wie auch immer, ungetrocknet zeichnet sich das Fischfleisch (sic!) durch einen sehr edlen (Fein-Schmecker) bis neutralen (Aroma-Banausen) Geschmack aus. Da ich die Tagesform meiner Geschmacksknopsen recht präzise einzuschätzen vermag, rekrutierte ich Verstärkung.
Salbei aus dem Garten (auch wenn die Blätter inzwischen beinahe zu fest sind) sowie eine Lage Schinkenspeck vom benachbarten Bioschwein wurden auserkoren, der Kreation eine römische Note zu geben. Dazu den Weißburgunder vom Kalkalgenriff von Wagner und kalte Butter für die Soße sowie ein paar sauersahnige Farfalle mit Freilandgurkenstücken als Bett.
Der Fisch ruhte sanft; erst auf den Nudeln, dann in mir.
Das musikalische Porzellan aus Freiburg dazu liefert das seltsam melancholische Duo Kraków Loves Adana mit ebenjenem Track.
Rollen für den Frühling (und den Sommer)
Veröffentlicht: September 27, 2010 Abgelegt unter: Weltweit | Tags: Frühling, Gỏi cuốn, Hanoi, Herbst, Nem rán, Sommer Hinterlasse einen KommentarNem rán und Gỏi cuốn (Sommerrollen), bestellt, fotografiert und gegessen in Hanoi.
Eigentlich bin ich ein Herbst-Mensch. Doch ohne Sommer?
Obergäriger Kulturgenuss, Bohème auf der Baustelle
Veröffentlicht: September 27, 2010 Abgelegt unter: Musik | Tags: Botanica, flowers for the departed, Hövels, m walking on the water, Schauspiel Dortmund, Wallfisch Hinterlasse einen KommentarIm landläufig als Pilstrinkerstadt bekannten Dortmund gab’s gestern obergäriges Hövels als Blitzbier in der Hausbrauerei auf dem Hohen Wall, bevor es wenige Meter weiter ins städtische Schauspiel ging. Dort galt es, den neuen musikalischen Leiter zu begrüßen, den netten Herrn Wallfisch, der zum Einstand seine kleine Band Botanica aus Brooklyn mitgebracht hatte. Wer Paul kennt, wusste bereits vor diesem Abend, dass es hier zu einer verheißungsvollen Liaison gekommen war. Der ganze Mann ist schließlich Theater. Hinter seiner kleinen Wurlitzer zog er also die irisierenden Fäden und hatte anderthalb Stunden lang die Menschen in seiner Hand.
Dann also die Krefelder Legenden, M. walking on the water. Auch Theatermusiker, auf ihre Art. Eher Straßentheater. Die Party auf dem Friedhof war auch im bestuhlten Schauspiel unabwendbar. Von außen Baustelle (Haus und Band), innerer Glanz. Und ein Versprechen: Anfang 2011 ein neues Album mit Namen „Flowers for the departed“, das erste seit dann 13 Jahren (Folkig bis countriesk sind die zu erwartenden Klänge.) und ab März eine Tour. Die bestimmt auch wieder nach Dortmund führt, jedoch dann wohl nicht ins Theater.
Liegt Uerdingen in Vietnam oder ein weiterer Grund, warum Vancouver die beste Stadt der Welt ist
Veröffentlicht: September 23, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Niederrhein, Weltweit | Tags: chi sushi, Klezmer, Lẩu, misosuppe, Nem, Niederrhein, Phở, sushi, Uerdingen, Vancouver, Vietnam Hinterlasse einen KommentarSchifferklavier und Fisch passt gut. Und da ich in den letzten Wochen einen fast schon abseitigen Hang zu Akkordeon-Musik habe (vielleicht ist es aber auch nur unterbewusste Vorfreude auf Sonntag), bin ich schließlich beim Klassiker des Klezmer-Punk, Geoff Berner, gelandet. Der „Lucky Goddamn Jew“ aus Vancouver konzertiert übrigens im Oktober hierzulande – hingehen, hören und staunen. Trinken und tanzen.
Eigentlich war heute Zeit für ein weiteres Kapitel meiner unendlichen Suche nach akzeptabler vietnamesischer Kochkunst am Niederrhein. Verwegenes Unterfangen, ich weiß. Dennoch rollte ich zum Rhein hinab, nach Uerdingen, ins Herz industriepolitischer Finsternis. Wo dennoch gastronomische Blüten im Verborgenen gedeihen, wie das La Riva oder das Chopelin im Casino. Und es eine gar vorzügliche Canh Chua gäbe, dies wurde mir zumindest zugetragen.
Familie Nguyen betreibt am unteren Ende der Fußgängerzone ein Lokal namens Chi Sushi. Natürlich habe ich wieder mal keinen Bissen Vietnam genossen, dafür aber die geballte Energie rohen Fischs.
Bei Chinesen, die ne Pizzabude betreiben, hört mein Pioniergeist in der Regel auf. Da ich aber mein bestes Sushi bisher in Bangkok aß (und zwar im Fuji-Restaurant im MBK-Center), und Onkel Ho’s Neffen und Nichten kulinarisch sowieso alles können, wagte ich – und gewann. Ein perfektes Mittagessen (samt sanftrauchiger Misosuppe und Jasmintee). Einen neuen netten Menschen (Besitzerstochter Marie, charmant und kompetent, welch seltene Kombination). Einen stimmigen Ort (welches Lokal kann sich schon einer exzellenten Musikauswahl rühmen, wenn es nicht Club ist, und ist so luftigleicht gestaltet und doch auch klassisch). Schließlich die Gewissheit, wiederzukommen.
Um dann die Phở zu versuchen. Oder die Nem. Ganz bestimmt einen Lẩu. Ich hab’s versprochen.
Solange höre ich Fukui, das neue Album von Stella.
Ein Rindvieh im Jahr des Tigers
Veröffentlicht: September 20, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom | Tags: Bulle, kalb, Kuh, Ochse, Rind, Stier Ein KommentarWir befinden uns im Jahr des Tigers, chinesisch gezählt. Kulinarisch hingegen war das letzte deutlich spannender (wenn Ihr, werte Leser, jedoch der schmackhaften Zubereitung von Wildkatzen kundig seid, freu ich mich auf lesenswerte wie diskutable Kommentare) – denn die Menschen im Reich der Mitte widmeten es ungefähr dem Ochsen. Oder dem Rind? Dem Bullen gar? Ist das am Ende alles dasselbe?
Was unsere asiatischen Freunde genau meinen, hat der taz-Korrespondent Christian Y. Schmidt in seiner Kolumne hinreichend erläutert. Wie gefährlich jedoch auffällig ausgestelltes kulinarisches Halbwissen ist, wurde letzthin bei einer um einen feisten Ochsenbraten versammelten Tischrunde deutlich. Dies hier seien ja nun Teile eines um seine Männlichkeit gebrachten Rindes, sprach mich süffisant Freund W. an. Wo aber genau liege der Unterschied zwischen einem Stier und einem Bullen? Das „Werter Gastrosoph“ hätte er sich selbstredend sparen können. Ich nahm einen großen Bissen, um Zeit zu gewinnen. Essen kann auch Taktik sein.
Stierfleisch kenne ich nicht. Noch auf keiner Karte, in keinem Kochbuch gelesen. Jungbullen sind mir des öfteren schon durch den Gaumen gegangen. Doch ich schwieg. Und las zu Hause bei Frank Massholder nach. Beides männliche Rinder also. Klein sind sie Kalb. Dann Bulle/Stier (kastriert Ochse) oder Färse. Wenn letztere einmal kalbt (s.o.), ist sie Kuh. Systematisch gehören Rinder (bovini) zur Unterfamilie bovinae, welche wiederum den bovidae (Hornträgern) zugeordnet werden. Capisce?
Natürlich habe ich jetzt einen Ohrwurm: Lassie Singers – Hamburg
Doofe Kuh!
Pilze, Zwiebelkuchen – und eine letzte Sommersehnsucht
Veröffentlicht: September 17, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik | Tags: AI Phoenix, Dülken, Grillagetorte, Herbst, La Tavola, Steinpilze, Weingut Brüder Dr. Becker, Zwiebelkuchen Hinterlasse einen KommentarLandleben im Herbst. Daran führt nun kein Weg mehr vorbei. So stelle ich mich dem Verlust der warmen Jahreszeit, nicht umsonst ist nun eine Phase des Übergangs, des Abschiednehmens. Drei Strategien des Umgangs damit:
Hingabe. Samt emotionaler Verstärkung. Aber weit entfernt von Lamoryanz. Ich höre:
Ai Phoenix – A countrylife in the autumn
Sublimierung. Kulinarische Überhöhung. Mittels kalorienbetonter oder aromatenschwangerer Leibspeisen Ablenkung kreieren. Ich radel nach Dülken, zu Sergio ins La Tavola, esse Steinpilze. Und backe Zwiebelkuchen. Mit Apfel.
Reminiszenz. Was im Wortsinne Erinnerung bedeutet. Und inzwischen doch mehr meint: Ein Loblied. Ich singe es auf den Nachmittag im Julei, da wir im Schatten saßen, mit süßem Wein und Eiskuchen. Darum: Rettet die Grillagetorte! (Verbunden mit der Hoffnung, dass Heinz Lamers diese wichtige Initiative wieder mit Leben füllt.)
Rezept: Zwiebelkuchen mit Apfel…
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