Singen Schwaben Liebeslieder?

Hat der Sachse ein Herz für bildende Künstler? Warum gibt es einen Bremer Dialekt, könnte der nächste deutsche Meister im Aussitzen nicht aus Bayern kommen? Essen Westfalen Kultur mit Löffeln oder aus Mulden im Tisch? Und wo liegt eigentlich Einöd? Da Antworten auf derlei Fragen keinen Menschen interessieren, werde ich wohl niemals ein Buch schreiben. Präziser: veröffentlichen. Verharren im gedankenweltlichen Untergrund und vertrauen auf die Parole kill mainstream.

Mein liebstes Lied ist das ungesungene. Und wenn schon ein Klang ans Ohr und ins Innerste dringt, dann – bitte schön – will ich überrascht werden. Nicht mit Neuem, das es nicht geben kann, aber durch einen Paradigmenwechsel vielleicht. Durch ein Gegenteil, jenseits aller Regeln. Ein Mann wie Bill Callahan vermag dies, Düsterdenker und Notensparer, der er ist. Schreibt doch locker mal die Schnulze des Jahres und bohrt sie mir ins Hirn. Hätt ich ein einfach Herz, waidwund wär’s.

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(Das aktuelle Album „Dream river“ ist ein minimales Meisterwerk, am 14. Februar wird er in der Kulturkirche in Nippes spielen.)

Schwaben hingegen kenne ich keine. Nur Klischees über Lebensstil und Kommunikation. Auch die ihnen zugeschriebenen „Nationalgerichte“ scheinen mir allesamt plattitüd. Geschabte Nudeln gibt es an vielen Enden der Welt. Prall gefüllte, herzhafte Pastataschen auch. Und saure Linsen aß ich nicht nur in der Auvergne besser. Dennoch beschloss ich dieser Tage, beim wiederholten Durchblättern von Stevans Buch, Maultaschen zu machen und diese mit dem Linsengemüse zu kombinieren. Ein kulinarkultureller Frevel vielleicht, hochkalorischer Volltreffer allemal. Statt der Tellerlinsen kamen solche aus Puy in den Topf, sie behalten Biss und somit die Oberhand über die etwas zu weichen Spinatgefüllten. Hernach half ein Brand vom Wassenberger Pfirsisch.

linsen


Deutschland vegetarisch

Ob sich ein Kunstwerk ohne seinen Schöpfer denken lasse, ist ein altes, weites Feld kulturtheoretischer und vielmehr noch populärwissenschaftlicher Diskurse. Evident ist diese Problematik immer dann, wenn ein Kreativer negativ beleumundet ist: Darf ich Wagners Ring lieben, obwohl dieser Typ nachweislich ein riesengroßes Arschloch war? Sind Rosemaries Baby und Chinatown keine filmischen Meisterwerke, weil Ihr Regisseur wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen angeklagt und verurteilt wurde? Ist der 1912 erschienene Gedichtband „Morgue“ nicht Poesie der Extraklasse, weil Gottfried Benn am 26. Oktober 1933 das Gelöbnis treuester Gefolgschaft unterschrieben hat?

Ich habe für mich persönlich nur im Umkehrschluss eine Handlungskonsequenz gezogen: Ich versuche immer, die Menschen hinter den Dingen kennenzulernen. Dies war der Grund, warum ich lange Jahre Musiker und Bands interviewt habe. Ein paar Semester Germanistik und Gespräche mit vielen Autoren sind deshalb Teil meiner Lebensgeschichte. Die Fokussierung auf einen überschaubaren Raum, das Loblied auf die Region und ihre Akteure, haben hier ihren Ursprung. Auch das Bloggen und im zweiten Schritt das Heraustreten aus dem Virtuellen folgen diesem Impetus: Über das gegenseitige Lesen lässt sich immerhin eine Nähe ahnen – beim wirklichen Treffen der Erbauer illustrer Internetfassaden gab es bisher keine echte Enttäuschung. Eine handvoll Freundschaften sind sogar entstanden.

Ich liebe, was ich regelmäßig lese. Und begleite es umso kritischer. Stevan Paul zum Beispiel ist unbestritten ein Star in der beschränkten Szene der Foodblogger. Dass er darüberhinaus, in der realen Kulinarik, eine gewichtige Rolle spielt, macht sein Wirken umso komplexer. Er ist ein Mann der Oberfläche und des Hintergrunds (als Foodstylist und Kochbuchentwickler) und ein Profi durch und durch. Das unterscheidet ihn von 99 % all derer, die im Netz über Essen schreiben. Dass er darüber hinaus musikverrückt ist und ein ziemlich sympathischer Mensch, bringt ihn mir nahe. Erst im letzten Jahr hat er ein Buch mit Liebe bereitet. Nun will er den Beweis antreten, dass Deutschland vegetarisch isst.

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Und das gelingt ihm. Denn selbstverständlich war die Küche des gemeinen Volkes landauf landab über die Jahrhunderte von allem Möglichen geprägt – nur nicht vom Fleischkonsum. Gerade deshalb war sie zwar häufig darauf fokussiert – weil das Besondere eben erstrebenswert scheint – und der Wunsch zur Alltagsoptimierung dem Menschen innewohnt. Schon daher war beispielsweise Speck so häufig Fett- und Salzersatz – weil er als erschwingliches Substrat Gedanken zuließ an den Sonntagsbraten.

pitter un jupp

Alle deutschen Eintöpfe funktionieren ohne die heute fast reflexhaften Fleischbeigaben. So braucht der kölsche Pitter und Jupp weder eine hohe Rippe, noch Mettwurstscheiben, um aromatisch zu glänzen und beim Genuss im Mund eine Fülle und im Magen wohlige Wärme zu erzeugen. Die von Stevan empfohlene Zubereitung ist exemplarisch für die Funktionalität des gesamten Werks: Reduziert auf wenige Grundzutaten – hier Wirsing, Möhren, Kartoffeln – und optimiert bezüglich der Garzeiten. Letzteres ist besonders wichtig, da vielen Menschen der Zugang zu diesen simplen Zubereitungsformen in Kindertagen schon verleidet wurde, weil Muttern totgekochten Einheitsbrei servierte. Dass gewürzt wird, war früher nicht selbstverständlich. Und die Verwendung von Sternanis (für den Herr Paul ein offensichtliches Faible pflegt) ist für manch älteren rheinischen Gaumen theoretischer Frevel: Wenn es aber ans Probieren kommt, bleiben keine Argumente dagegen.

spAuch im direkten Kontakt mit Publikum und Gast ist Stevan Paul ein Meister seines Fachs: Immer charmant, stets verbindlich und auch im größten Stress mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Buchpräsentation im Kölner Marieneck, zu der mich dankenswerter Weise der Verlag geladen hatte, war auch deshalb eine Runde Sache, weil es wirkte wie eine Art Familientreffen von Internetessern. (Details dazu hier und hier und hier.)

Fazit: Wein beispielsweise trinke ich dann am liebsten, wenn ich den Winzer kenne und schätze. Und empfehle ihn natürlich auch weiter – weil ich leicht Feuer fange und dann brenne. Deshalb sage ich Euch: Kauft diese Buch (zumindest, wenn Ihr keine Sahneallergie habt)! Und verschenkt es an alle die, die sich bisher geweigert haben, sich mit der deutschen Alltagsküche auseinanderzusetzen. Sie werden ihre Freude daran haben.