Zungenstück. Mit Obst.
Veröffentlicht: Oktober 3, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik | Tags: Bauten, Cantalupi, Couscous, Pflaumen, Quitten, Tashaki Miyaki, Zungenstück 13 KommentareAm Anfang war die Quitte. Oder war es ein Traum?
Tashaki Miyaki – All I have to do is dream
Nein, war es nicht. Der übervolle Eimer, den mir die nette Nachbarin auf die Terrasse gestellt hatte, setzte mich einigermaßen unter Zugzwang. Bin ich doch kein großer Freund dieser texturproblematischen Früchte. Außer Geleeproduktion fällt mir da erst mal wenig ein. Im sozialen Netz immerhin der Hinweis auf ein Rezept transarabischer Provenienz – danke Arthurs Tochter. Da kulinarische Wege aber selten gerade sind und ich überhaupt ein wenig zu kreativer Sprunghaftigkeit neige, wurde am Ende des Tages etwas ganz anderes daraus: Geschmortes vom Rinderhals mit Pflaumen, Couscous und Quitten. Doch ein Traum.
Daher ein kurzes Wort zum Soundtrack dieses Artikels: Nr. 141 aus „The 500 Greatest Songs of All Time“ des Rolling Stone ist diese Schnulze, ursprünglich berühmt geworden durch die Erstinterpretation der Everly Brothers aus dem Jahre 1958. Gruselig schmierige Engtanznummer, eigentlich. Doch mit dieser Coverversion von Tashaki Miyaki aus LA wird eine überwältigende Shoegaze-Variante daraus. Perfekt für den letzten Sommersonnentag samt Sehnsuchtslatenz.
Zurück zum Zungenstück. Dies ist Schlachters Fachterminologie für ein Rindsteil, unterer Halsabschnitt, oberhalb der Hochrippe. Manch einer schwört, dies sei das beste Gulaschfleisch. Durch den hohen Bindegewebsanteil und die ausgeprägte Fasrigkeit ist es mein neuer Schmorfavorit. Da ich kein mich qualitativ überzeugendes Lammfleisch bekam, hat Manfred Bauten mir ein ansprechendes Stück aus dem Kühlhaus geholt. Doch meine Annahme, hiermit kulinarisches Neuland zu betreten, erwies sich im Nachhinein als falsch: Aß ich doch schon Ingelheimer Chili mit ebendiesem Carne.
Bevor ich die Zubereitung beschreibe, versichere ich: Ja, ich mag Fleisch mit Früchten, manchmal. Nein, dies ist kein dogmatisches Nationalküchenrezept. (Beruhigt Euch also wieder, Ihr marrokanischen, syrischen und persischen Küchenfundamentalisten!) Ja, um alles noch schlimmer zu machen, kam da ordentlich Wein rein, ins Essen und in den Koch.
Zum Procedere: Fleisch in Würfel von 5 cm Kantenlänge schneiden. Reichlich Schalotten grob würfeln. Frische Pflaumen, die ich tags zuvor zu anderweitiger Verwendung mit etwas Zucker kurz abgekocht hatte, bereit stellen. Gewürze mörsern. In unbestimmter Menge und Zusammensetzung waren dies: Chili, Ingwer, Knoblauch, Kardamom, Bockshornklee, Lavendel, Piment. Olivenölbuttergemisch im schweren Bräter erhitzen. Die Fleischstücke nun pfeffern und salzen und nach und nach scharf anbraten und wieder herausnehmen, mit den Gewürzen mischen. Schalotten ins Fett, etwas rösten und mit Rotwein (heute in Glas und Topf: ein Cantalupi Riserva von Conti Zecca. Sangiovese mit hauptsächlich Negroamaro) ablöschen. Aufkochen, Fleisch zurück und mit einigen Pflaumen für einige Stunden bei unter 100° in den Ofen.
Wenn das Fleisch fast zerfällt, ist es fertig. Ofen aus und etwas Zitronenabrieb dazu. Quitten schälen und achteln und in einem Butter-Zucker-Gemisch karamelisieren und mit einem restsüßen Riesling von Matthias Müller aus Spay ablöschen. 15 Minuten einkochen. Couscous bereiten und mit Safranbutter vermischen.
Und wie immer: Anrichten, aufessen. Alles.
Pflaumen, melancholisch
Veröffentlicht: September 10, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: Fruchtnaht, Pflaumen, Pflaumenpfannkuchen, Rouenhof, Sufjan Stevens 8 KommentareHocherfreut und nachhaltig satt höre ich Sufjan Stevens „All delighted people“ und lasse mich hinwegtreiben in einen elegischen Tagtraum. Der an Pflaumen und Zimt und Hefeteig gemahnt – ein Nachgeschmack – und die Vorfreude steigert auf das neue Album „The age of adz„.
Mutters Pflaumenpfannkuchen sind der Auslöser für das träge Befinden, welches melancholische Verlustgefühle und Aromastaunen mit sich bringt. Es gibt ja Dinge zwischen Vorratskeller und Küche, die man niemals selber zubereiten würde, weil sie scheinbar einer längst vergessenen Entwicklungsstufe kulinarischer Intelligenz zu entstammen scheinen. Und dann reicht dennoch schon der vage Geruch, um jegliche hart erarbeitete Genussvernunft fahren zu lassen. Wieder Kind sein, Fettgebäck-Sucht, Zuckerschock. Und Ess-Wettbewerbe, die zu gewinnen Ehrensache war – und immer wieder ist.
Denn diese süßen Kleingebäcke werden selbstredend aus Hefeteig gearbeitet. Mit viel Hefe. Was die Lust beim Mahl mit einem gewissen Leiden danach verbindet. Jegliche theologisch-erotische Assoziation ist rein zufällig.
Ein Rezept existiert selbstredend nicht. Die Lust am Freihand-Kochen habe ich geerbt, zum Glück. Ich schätze einmal dies:
Sechs übermäßig gehäufte Löffel Weizenmehl mit etwas Zucker in eine Schüssel geben, in die Mitte eine Mulde für warme Milch und frische Hefe. Nach 20 Minuten verrühren, dann zwei Eier, etwas Joghurt und eine Prise Salz zugeben, wiederum gehen lassen. Dann sollte der Teig blasendurchwirkt und zähflüssig sein. Währenddessen ein gutes Kilogramm Pflaumen waschen und an der Fruchtnaht aufschneiden, entkernen. Schließlich in eine große, mittelheiße Pfanne vier kleine Kellen Teig geben (so ergibt dies ca. 16 Stück), mit Pflaumen belegen. Nach guter Bräunung wenden und nochmal halbsolang backen (zu lange = Zerfall; zu kurz = roh).
Aus der Pfanne auf den Teller, übermäßig zuckern (evtl. auch zimten) und direkt verspeisen. Wer die meisten schafft, hat gewonnen. Zumindest kurzfristig. Bis ein leichtes Unwohlsein sich einstellt.
Pflaumen offeriert momentan fast jeder Hofladen. Besonders empfehlenswert ist der Rouenhof, wo am Sonntag Streuobstwiesenfest ist.

