Dreierlei von der Pinie
Veröffentlicht: Januar 19, 2012 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik, Musik | Tags: fruttero & luccentini, in the pines, lead belly, pine, pinie, pinienhain, pinienkerne, pinoccate 6 Kommentare„Enigma in luogo di mare“ ist der Titel eines Buchs von Fruttero & Lucentini, dessen Lektüre für mich im Jahre 1993 die erste Begegnung mit dem Werk dieses besten literarischen Duos des letzten Jahrhunderts bedeutete. Niemand sonst beförderte das Genre des Kriminalromans mit ähnlicher Leichtigkeit in einen satirischen Surrealismus, verflocht die Zeitläufte mit Unendlichkeit, trauerte ohne Lamoryanz einer nobleren Epoche nach und war doch fest im Kampf für Erkenntnis im Geiste der Kunst. Bei dieser beiläufigen Analyse geht nicht der bildungsbürgerliche Italienromantiker mit mir durch. Des Italienischen war ich damals noch nicht mächtig, ich las das Buch in der deutschen Übersetzung: Das Geheimnis der Pineta.
Carlo Fruttero ist vor zwei Tagen gestorben, wird heute in Castiglione della Pescaia neben dem Grab von Italo Calvino beigesetzt. Lucentini brachte sich schon vor zehn Jahren um. Ich las in den 90ern ihr ganzes Werk, durch „Wie weit ist die Nacht“ (A che punto è la notte) habe ich mich dann schon im Original gekämpft, es wurde mir ihr liebstes Buch. Zu Ehren der beiden backe ich gleich eine Pinienkern-Tarte.
Auch musikalisch ist der Pinienhain ein Evergreen. „In the pines“ hat als Klagelied den Status eines amerikanischen Traditionals. Eine Interpretation dieses ursprünglich durch den großen Barden Lead Belly in den 1930er/40er Jahren bekannt gemachten Songs hörte ich im selben Jahr, in dem ich F & L kennenlernte. Nirvana zeichneten es unplugged für MTV in New York auf.
Hier einige Interpretationen – auch wenn der Titel variiert – der Ursprung bleibt derselbe:
Susheela Raman – Where did you sleep last night
Nirvana- Where Did You Sleep Last Night
Lead Belly – Where Did You Sleep Last Night?
My Own Private Alaska – Where Did You Sleep Last Night
Die Pinie gehört als Pflanzenart zur Gattung der Kiefern. Nun ist mir aber durchaus bewusst, dass der englische Begriff „pine“ im Deutschen häufig zwar mit Pinie übersetzt wird, aber eigentlich allgemein Kiefer meint. Wer beispielsweise mal in einem Wald riesiger Oregon pines stand, wird solch finsteren Ort nimmermehr mit einem lichten Pinienhain verwechseln.
Pinien (Pinus pinea) kommen nur an den nördlichen Gestaden des Mittelmeers vor – von dort stammen auch all die Kerne, die leidlich italianisierte Nordeuropäer inflationär über Salate schütten oder ins Pesto mörsern. Ich mag sie lieber im Backwerk und mache nun doch nicht die Tarte, sondern bewährt deliziöse Kekse: Pinoccate aus Umbrien.
Dazu löse ich 450 g Zucker in warmem, mit Limettenabrieb aromatisiertem Wasser (150 ml). Von 250 g Pinienkernen mahle ich die eine Hälfte fein und hacke die andere grob und gebe alles in den Sirup. Mit 100 g gesiebtem Weizenmehl wird daraus ein reichlich kompakter Teig.
1 cm dick auf Backpapier streichen/rollen. In Formen – traditionell Rauten – schneiden und trocknen lassen. Fertig – bis auf Bilder davon. Die folgen, vielleicht.