Ein dunkler Teller, urbane Verwerfungen und die Kinder der Sonne

Wär ich Profi oder Künstler gar, machte ich mich selbständig als Fotograf unscharfer Bilder und gäbe meinem Geschäft einen Namen wie Studio Braun. Dieser Gedanke verfing sich just im Netz meines kreativen Überflusses. Zu viel der Eindrücke, Überfluss an Erlebtem – kaum geeignete Ventile. Beginnen jedoch wollte ich mit der Stadt. Zu Kulinarik und Popkultur später mehr.

Die ersten Tage war Köln wie ein wiedergeborenes Wunder für mich. Jeden Mittag eine halbe Stunde durch alte Quartiere vergangener Heimat nachspüren, Relikte zu finden und neues Altes, all das glich positivster Reizüberflutung. Dort gibt es immer noch die besten Falafel im Rheinland, hier leuchtet der verborgene Hinterhof wie eh. Der Typ hinter der Plattenladentheke ist ein anderer, sein Griesgram blieb. Ich freute mich am Überangebot an Biosupermärkten und an der beschwingten Dynamik der Menschen. Eine Woche später schon dachte ich: Warum haben die alle Flipflops an den Füßen, ist Stil ein Fremdwort für die Horden alternativer Technikjunkies? An jeder Ecke in ehemaligen Ladenlokalen Café-Schimären, vollgestopft mit Sperrmüll und mit Butterbroten und Kaffeemilch als einzigem Angebot. Ach ja: Mit absurden Limonaden in Flaschen, in die eigentlich Bier gehört, versuchen sie sich gegenseitig auszustechen. Ich gestehe, ich trank auch schon eine Art Rhabarberpunsch. Nur in die eklig grüne Imbissbude, in der Biofastfood im Intensivstationdesign feilgeboten wird, setzte ich keinen Fuß bisher. Dann lieber noch einen Windbeutel mehr in der Konditorei Wahlen. Da ist nicht nur das Interieur seit 60 Jahren unverändert, die Kundschaft auch.

In den letzten Tagen habe ich mir die Frage, warum die alle Berlin spielen am Rhein und Globalisierung und Gentrifizierung aus ihren Seminaren ins Straßenbild tragen, einigermaßen beantwortet. Ich aß einen Burger auf der Kyffhäuser Straße, medioker aber protzige zehn Euro teuer, eine mir bekannte Stadtmagazinschreiberin schwebte rein und wollte „ein Foto und zwei, drei kleine Fragen“ machen und stellen den Pseudopunks an der Friteuse – ließ sich aber abschrecken vom WDR-Team, das schon hinter der Theke den Verkehr aufhielt.  Die haben alle zu viel Vaihinger gelesen. Dessen Philosophie des „Als ob“ aber gründlich missverstanden. Halten sie für eine Anleitung zum Nachahmen abgelebter Trends. Die Suche nach dem Eigenen nie gelernt, Anstrengung immer als Leid empfunden. Kein Vermögen, Echtes zu erkennen. Den kleinen Kern immer vorzuziehen dem großen Tamtam? Der Mensch ist dumm und faul.

Einige wenige jedoch sind wahre Kinder der Sonne. Womit der Zirkel schwingt und ich Jaques Palminger of Studio Braun fame singen lasse:

„Fettuccini“ heißt das gerade erschiene Album der „Kings of Dubrock“ und ist tauglich nicht nur für den Tanzboden in der Klapse. Irre gute Popmusik.

Das dunkle Foto zeigt Dreierlei von der roten Beete. Müsst Ihr mir schon glauben, auch dass es vorzüglich schmeckte.

Dreierlei von roter Beete

Gekocht und gefüllt mit Ziegenfrischkäse aus der neuen Nachbarschaft und gratiniert, als Chips und schließlich ein großartig roter Brei, auf dem ein Quinoabällchen sich bettet. Der Brei war das Beste, eher ein zu flüssiges Püree. Bestehend aus dem Inneren der Beete mit Rieslingessig und Spätburgunder, Kardamom und Sahne. Ein paar weitere Würzzutaten. Feine Improvisation.

Wie das ganze Leben. Jeden Tag.