Quitte um Quitte, Saft um Saft

Einige Impressionen vom SCHWARZMARKT 4 in Köln. Der vorletzten Veranstaltung aus meinem kleinen Kulinarikkosmos, die ich in diesem Jahr mit veranstalten durfte, bei der ich half oder selber Protagonist war.

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Der Kalender war prall gefüllt mit Supperclubs und Popup-Weinbar, mit Bauernhof-Kochkurs und Feldführung, regionalem Vinocamp – und immer wieder diesen feinen kleinen Tauschbörsen für Genusssüchtige im Ehrenfelder Marieneck.

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Der SCHWARZMARKT ist mein liebstes Format. Weil er so durch und durch DIY ist. Spontan und doch nachhaltig. Horizonterweiternd und Schmelztiegel. Kontaktbörse und perfekter Sonntagnachmittagszeitverteib.

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Die Menschen, die dorthin kommen, mag ich immer sehr. Gute Gespräche, gemeinsamer Genuss. Auch wenn es wie heute wenige waren. Niemand aus Köln.

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Es gab einiges zu probieren: Von englischem Zwiebelchutney und Apfel-Marzipan-Creme über tagesfrischen Apfelsaft von der Mosel bis hin zu eigentlichem Apfelkraut, das dann als Jelly perfekt war. Weiterhin Aroma-Maronen, Marmelade vom roten Weinbergspfirsich und Quincy Juice mit Cherry Cotton.

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Dazu ein Blech mit buntem Wurzelgemüse samt einigen Toppings (geröstete Buchweizenkerne, getrocknete Sauerkirschen, saure Sahne) und ein paar spannende Weine und weitere Säfte. Dies alles führte zu der Gewissheit, dass der SCHWARZMARKT ein tolles Format ist. Das es auch im nächsten Jahr geben wird. Leicht angepasst vielleicht in Rhythmus und Gepräge. Aber im selben Geiste. Ich freu mich drauf!


Gemüse des Monats: Rote Bete

Erst langsam entfärben sich die Hände wieder. Denn das Wochenende war eine rote Pracht: Der erste Herbstwind hatte die roten Weinbergpfirsiche vom Baum geschüttelt. Deutlich früher als in den Vorjahren musste also gehandelt werden, Marmelade wurde gekocht. Viel zu viel für den Eigenbedarf, einige Gläser werden wir zum Tausch nach Köln bringen, am 18. Oktober. Der vierte SCHWARZMARKT wird höchstwahrscheinlich ein richtiges Erntefest. Ich bin schon sehr gespannt auf die Produkte der anderen Selbermacher unter den rheinischen Foodies.

Einmal blutrot gefärbt waren die Hände also bestens präpariert für die Verarbeitung der Betaninbombe unter den gemeinen Rüben. Beta vulgaris vulgaris stammt wie ihre engen Verwandten Mangold und Zuckerrübe von der wilden Rübe ab. Letztere wird auch Strandrübe oder Seemangold genannt und erfuhr unter diesem Namen zuletzt einige Aufmerksamkeit in der so genannten Nova-Regio-Küche. Beten sind aber auch essentieller Bestandteil vieler Gesindehausgerichte (z.B. hier, hier und hier). Beim Mangold wurden über die Jahrhunderte größere Blätter gezüchtet, für die Rübe der Roten Bete hingegen wurde bei der Pflanzenveredlung der Fokus auf  die Verdickung der Wurzel und Teile des Stängels gelegt.

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Bete sind nicht zwangsläufig rund, spitze oder flachere Formen kommen genauso vor. Auch der Farbenvielfalt sind kaum Grenzen gesetzt – gelbe, weiße, orange und geringelte Varietäten werden angebaut. Letztere, die Tondo di Chioggia, erinnert in Scheiben geschnitten an Lollies aus den 50er Jahren. Daher läuft im Gesindehaus bald eine Versuchsreihe „Kandieren“ an. Womit wir auf einer süßen Fährte sind, der wir auch im aktuellen Rezept folgen wollen. Denn ihre erdig-würzige Wucht, die bekanntermaßen gegart in Kombination mit anderen Wurzeln oder mit Käse und roh gerieben und mariniert häufig zur Geltung gebracht wird, erfährt durch Zucker eine noch wirksamere Geschmacksverstärkung. Eine kulinarische Sünde jedoch ist die fast ausschließliche Verwendung von künstlichen Süßstoffen in Konserven mit eingelegter Roter Bete. Dadurch ist ganzen Generationen der Bete-Genuss verleidet worden.

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Rote-Bete-Brownie

125 g Butter
125 g Zucker
20 g Vanillezucker
Prise Salz
5 Eier
200 g Rote Beete
250 g Schokolade (70 %)
120 g Weizenvollkornmehl
100 g gemahlene Walnüsse

Butter, Zucker und eine Prise Salz schaumig rühren. Nach und nach die Eier unterrühren. Rote Bete schälen, fein reiben (funktioniert am besten mit der Zestenreibe eines bekannten amerikanischen Herstellers) und dazugeben. Eine Hälfte der Schokolade im Wasserbad schmelzen, die andere grob hacken und beides ebenfalls zu der Masse geben. Mehl und  Walnüsse kurz unterrühren. Bei 180° 40 Minuten in einer gebutterten und mit Semmelbröseln ausgestreuten Auflaufform (20 x 30 cm) backen. In rechteckige Stücke schneiden und mit Sahne genießen.


Dieser Beitrag ist der einundzwanzigste in der Reihe “Gemüse des Monats”, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht. Der Biobauernhof wurde jüngst portraitiert im Lokalfernsehen:


SCHWARZMARKT 4, Tomatenmarmelade und die Sache mit dem Turnschuh

Wir haben Marmelade gekocht. Von den letzten Tomaten der Saison. Und mir fällt es nicht leicht, die Contenance zu bewahren, keinem Superlativ-Erguss zu erliegen. Denn ich hatte nie zuvor Tomatenmarmelade gegessen. Allerlei Chutneys und Ketchup und Schäume und Soßen und Cremes. Klar. Aber klassische Marmelade mit nichts drin als den Früchten und Zucker und etwas Zitrone – das ist zum Niederknien. Wie genau das funktioniert, hat Maja beschrieben. Ich freue mich derweil am „Sommer in Gläsern“, denn so erfrischend und aromatisch tief ist kaum ein anderer süßer Brotaufstrich.

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Wegen der geringen Ausbeute ist es allerdings unwahrscheinlich, dass wir zum nächsten Schwarzmarkt Tomatenmarmelade zum Tausch anbieten können. Eher schon solche von den eigenen roten Pfirsichen. (Wobei wir uns immer noch nicht ganz sicher sind, ob es sich bei unserem Baum um einen ordinären Weinbergspfirsich oder doch um den autochthonen Wassenberger Sämling handelt.) Der Termin für den nunmehr 4. SCHWARZMARKT im Kölner Marieneck ist übrigens Sonntag, der 18. Oktober. Wie immer treffen sich alle Tauschwilligen unter den rheinischen Foodies ab 14:00 Uhr in der Ehrenfelder Kochschule von Marco Kramer.

Nun zu der Sache mit dem Turnschuh: Vor zehn Jahren nahmen Die Goldenen Zitronen ihr Album Lenin auf. Im Song „Wenn ich ein Tunrschuh wär“ wurde damals schon alles besungen, was uns nun unter Schlagworten „Balkanroute“ oder „Schiffskatastrophe auf dem Mittlemeer“ im TV, an unseren Grenzen oder in der örtlichen Notunterkunft begegnet. Den vorweggenommenen Soundtrack der Flucht haben die Hamburger um Ted Gaier und Schorsch Kamerun nun wiederveröffentlicht. „If I Were A Sneaker“ heißt die englische Variante dieses notwendigen wie verstörenden Stücks Agitpop.


Diese Woche erscheint Flogging A Dead Frog – ein Album mit lauter Neubearbeitungen von Zitronenliedern, allesamt popkulturelle Kommentare zum Drama mit Namen Gegenwart.


2. SCHWARZMARKT am 12. April in Köln

Am Tag des Wegfalls der Milchquote – ein Umstand, der ein drastisches Schlaglicht wirft auf die fortschreitende Pervertierung lebensmittelindustrieller Praktiken – sei ganz besonders hingewiesen auf die zweite Ausgabe einer Veranstaltung, die ganz im Geiste des Do-it-yourself und der kulinarischen Selbstverteidigung aller bewusst genießenden Menschen im Rheinland steht. Am 12.04.2015 veranstalten wir im Kölner Marieneck also wiederum einen  SCHWARZMARKT. Nach der erfolgreichen Premiere Ende letzten Jahres war schnell klar, dass es zum einen eine Wiederholung geben würde und dass darüber hinaus ein riesiges Potential hinter dem Gedanken des Tauschs selbstgemachter Lebensmittel steht.

Daher noch einmal grundsätzlich:
Ohne kommerzielle Absichten ist der SCHWARZMARKT ein offener Treff für alle Selbermacher unter den Foodies, die ihre überzähligen Vorräte gerne eintauschen möchten gegen die Kreationen der anderen Küchenverrückten. Selbst gemacht oder selbst geerntet – her mit dem Überfluss! Ob Marmeladen, Chutneys, Ketchup, Likör, Essig, Pasta, Aufgesetzter, Eingelegtes oder Vergorenes, Gartengemüse und Wiesenobst – bringt alles (aussagekräftig beschriftet) ins Marieneck und tauscht. Wir versorgen Euch dazu mit einem kleinen Gaumenschmaus und Musik. Für die Getränke (außer Wasser, das ist vorhanden) sorgt Ihr bitte selbst. Parole „bottleparty“.

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Nach einigem gedanklichen Hin und Her und einem nicht gänzlich geglückten Versuch mit fermentiertem Rosenkohl steht nun auch fest, was ich zum Tausch anbieten werde. Irgendwas mit Eiern, nicht nur der Symbolhaftigkeit wegen. Den letzten Impuls dazu gab ein richtig gutes Video, das der Berliner Genussfreund Simon Ruschmeyer gefilmt hat: 12 Things you can do with an Egg. Danke dafür. Wir sehen uns in elf Tagen, in Köln.


Rote-Bete-Pot-au-feu auf dem SCHWARZMARKT

Ich habe mich über jeden einzelnen Menschen gefreut, der gekommen war, gestern, ins Kölner Marieneck. Die Premiere des SCHWARZMARKTS, der kulinarischen Tauschbörse für Foodies, Internetesser und andere Selbermacher unter den Genusssüchtigen, war ein voller Erfolg. Weil ungefähr 25 liebenswerte Leute über 30 eigene Kreationen mitgebracht hatten, um untereinander zu tauschen. Um miteinander zu reden, zu probieren, zu hinterfragen, zu trinken, zu essen.

Auf den Tischen wurden ausgebreitet:
Handwerklicher Colasirup aus ätherischen Ölen, Himbeer- und Rotweinessig, Fortified Riesling, Holunderlikör, Großstadthonig, suure Kappes, Ketchup, Wunderöl, Apfelmus, Tarhana, Crème caramel au beurre salé, Marmeladen und Konfitüren, Quittensenf und viele großartige Dinge mehr. Und Brot, vor Ort gebacken vom one and only Lieblingsbackfreak Schelli. Schon der Geruch des dampfenden Roggen-Sauerteigbrots war für nicht wenige ein Moment kulinarischer Glückseligkeit.

So war schnell klar, dass es eine Fortsetzung geben wird. Der SCHWARZMARKT wird nun regelmäßig stattfinden, alle drei Monate, im Marieneck. Nächster Termin: 12. April 2015, 14:00 Uhr. Wie es gestern im Detail abgelaufen ist, lässt sich auf den Blogs von diesen drei Schwarzhändlern nachlesen:
Pastasciutta
Chezuli
Nachschlag

Mir bleibt nur, Danke zu sagen: den drei genannten Dokumentaristen; Marco, dessen Marieneck immer mehr zum Epizentrum des „Cologne culinary underground“ wird; Torsten für’s Wording; DJ Luzie für die Musik; Ophelia, die uns den Rücken freigehalten hat; nochmals Schelli, der aus dem Thüringer Wald kommend nun schon zum zweiten Mal mit seinem Können einer unserer Veranstaltungen die Krone aufgesetzt hat; best boy Lennard; Bernd für’s Foto; dem Weinstift für die ebenfalls nicht kurze Anfahrt von der Mosel und für seinen Projektwein – und überhaupt allen, die da waren.

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Schließlich ist noch das Rezept nachzutragen für den Eintopf, der ein Pot-au-feu war, auf einfachen Wunsch. Die Idee dazu vermittelte mir die Lektüre von „Voll in’s Gemüse“ von Vincent Klink.

Für 12 Liter haben wir mit reichlich Suppengrün (Möhren, Zwiebeln, Porree, Petersilienwurzel, Sellerie, Pfeffer, Lorbeer) 10 Liter Gemüsebrühe gekocht. Dann 4 Zwiebeln fein geschnitten und in Butter angeschwitzt. Anderthalb große Weißkohl gestückelt (3×3 cm) und hinzu. 5 Esslöffel Koriander und 1 El Piment grob gemörsert und mit 2 EL hatcho miso zum Kohl gegeben. 10 rote Bete fein gerieben und in den Topf, dann mit der Brühe aufgefüllt. 10 Minuten geköchelt. In Schälchen portioniert und mit Creme fraiche, frisch geriebenem Meerrettich und grobem Meersalz garniert.

Herrlicher Kappesklub, das Ganze!


Going underground

Und zwar auf den Schwarzmarkt. Um all die Dinge zu bekommen, die es in den öden Läden nicht zu kaufen gibt. All das gute Zeug, die Herzblut-Machenschaften, die kuriosen Ausgeburten des ganz intimen Do-it-yourself. Und um gleichzeitig das loszuwerden, was Ballast geworden ist, überflüssiger Luxus. Wer braucht schon dreißig Gläser Quittengelee?

Überlasst die Sharing-Ökonomie nicht den Internetriesen. Postulierte die Wochenmagazin gewordene Bildungsbürger-Selbstvergewisserungsmaschine aus Hamburg dieser Tage. Denn die so genannte „share (sharing) economy“ ist längst nicht mehr nur unter Wirtschaftswissenschaftlern ein Schwert gewordenes Schlagwort im Kampf um die Deutungshoheit der ökonomischen Auswüchse des digitalen Zeitalters.

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DIY ist mehr als Bäume bestricken. Programmatisches Selbermachen war und ist Widerstand. Eine alternative Lebensform. Die dann auch einen sozialen Sinn ergeben kann, wenn sie zu Austausch führt. Unter Gleichgesinnten. Bevor wir die Welt retten, fangen wir aber im Kleinen an. Deshalb veranstalten Marco vom Marieneck und ich als Kappesklub zwischen den Jahren in Köln die erste kulinarische Tauschbörse. Die Idee hatte ihren Ursprung in New York, oder in vormonetärer Zeit, als Jäger und Sammler aufeinanderstießen und ein Auge warfen auf die Dinge des je anderen.

Bringt also die selbst gemachten oder geernteten Dinge, derer ihr zuviel habt. Seid neugierig auf das, was die anderen bieten. Lernt Euch kennen, probiert und schmeckt. Tauscht Euch aus! Macht mit, kommt auf den SCHWARZMARKT.