Kappesklub-Countdown, Teil 1

Übermorgen ist es soweit, Nata und ich bestreiten das große rheinische Finale des Summer of Supper im Kölner Marien-Eck. Vier Gänge plus Gruß mit Produkten ausschließlich regionaler Betriebe, dazu je eine Wein- bzw. Bierbegleitung von Torsten Goffin, die sich gewaschen hat.
Da wir lange schon überbucht sind, mache ich hier keine Werbung mehr, sondern stelle bis zum Beginn der Show in einigen Blogbeiträgen  die Händler und Produzenten vor, ohne deren Lebensmittel alles Nichts wäre.

Beginnen möchte ich mit dem Charakterdarsteller des 1. Gangs, dem Ziegenweichkäse von Nilgen-Schmitz aus Rubbelrath. Christiane Nilgen-Schmitz ist inzwischen eine bemerkenswert gute Käserin, sowohl Frisch- als auch Schnittkäse sind schon jung wiesenfrisch aromatisch und reifen dann zu wahrer Größe. Quark und Butter gibt es im Umkreis von 100 km nicht in vergleichbarer Qualität. Für meinen ersten Gang verwende ich den erst im letzten Jahr entwickelten Weichkäse, ohne Edelschimmel, aber mit leicht säuerlicher Finesse. Daher passt er kongenial zusammen mit Mangold und Sauerampfer in feine Crespelle. Auf einem Gewürzbuttermilchspiegel angerichtet und mit Wildfenchelblüten bestreut kann der Auftakt kaum misslingen.

zicklein, rubbelrath, schmitz-nilgen

Seit 2001 bestimmen die Ziegen das Leben auf dem im Korschenbroicher Süden gelegenen Bauernhof. Aufgrund einer Kuhmilchunverträglichkeit kamen erst einmal zwei Tiere quasi als Notwehr in den Stall. Daraus entstanden ist in den letzten 13 Jahren der beste Ziegenkäsebetrieb am Niederrhein. Zwar nicht biozertifiziert und auch nicht roh – aus Gründen. Dass er für mich fußläufig – einmal queer über die Felder – zu erreichen ist, macht die Sache umso erfreulicher. Die kulinarische Nahversorgung ist in meinem Teil der Welt nachgerade paradiesisch.

Zum Ziegenhof Nilgen-Schmitz

 


Ein dunkler Teller, urbane Verwerfungen und die Kinder der Sonne

Wär ich Profi oder Künstler gar, machte ich mich selbständig als Fotograf unscharfer Bilder und gäbe meinem Geschäft einen Namen wie Studio Braun. Dieser Gedanke verfing sich just im Netz meines kreativen Überflusses. Zu viel der Eindrücke, Überfluss an Erlebtem – kaum geeignete Ventile. Beginnen jedoch wollte ich mit der Stadt. Zu Kulinarik und Popkultur später mehr.

Die ersten Tage war Köln wie ein wiedergeborenes Wunder für mich. Jeden Mittag eine halbe Stunde durch alte Quartiere vergangener Heimat nachspüren, Relikte zu finden und neues Altes, all das glich positivster Reizüberflutung. Dort gibt es immer noch die besten Falafel im Rheinland, hier leuchtet der verborgene Hinterhof wie eh. Der Typ hinter der Plattenladentheke ist ein anderer, sein Griesgram blieb. Ich freute mich am Überangebot an Biosupermärkten und an der beschwingten Dynamik der Menschen. Eine Woche später schon dachte ich: Warum haben die alle Flipflops an den Füßen, ist Stil ein Fremdwort für die Horden alternativer Technikjunkies? An jeder Ecke in ehemaligen Ladenlokalen Café-Schimären, vollgestopft mit Sperrmüll und mit Butterbroten und Kaffeemilch als einzigem Angebot. Ach ja: Mit absurden Limonaden in Flaschen, in die eigentlich Bier gehört, versuchen sie sich gegenseitig auszustechen. Ich gestehe, ich trank auch schon eine Art Rhabarberpunsch. Nur in die eklig grüne Imbissbude, in der Biofastfood im Intensivstationdesign feilgeboten wird, setzte ich keinen Fuß bisher. Dann lieber noch einen Windbeutel mehr in der Konditorei Wahlen. Da ist nicht nur das Interieur seit 60 Jahren unverändert, die Kundschaft auch.

In den letzten Tagen habe ich mir die Frage, warum die alle Berlin spielen am Rhein und Globalisierung und Gentrifizierung aus ihren Seminaren ins Straßenbild tragen, einigermaßen beantwortet. Ich aß einen Burger auf der Kyffhäuser Straße, medioker aber protzige zehn Euro teuer, eine mir bekannte Stadtmagazinschreiberin schwebte rein und wollte „ein Foto und zwei, drei kleine Fragen“ machen und stellen den Pseudopunks an der Friteuse – ließ sich aber abschrecken vom WDR-Team, das schon hinter der Theke den Verkehr aufhielt.  Die haben alle zu viel Vaihinger gelesen. Dessen Philosophie des „Als ob“ aber gründlich missverstanden. Halten sie für eine Anleitung zum Nachahmen abgelebter Trends. Die Suche nach dem Eigenen nie gelernt, Anstrengung immer als Leid empfunden. Kein Vermögen, Echtes zu erkennen. Den kleinen Kern immer vorzuziehen dem großen Tamtam? Der Mensch ist dumm und faul.

Einige wenige jedoch sind wahre Kinder der Sonne. Womit der Zirkel schwingt und ich Jaques Palminger of Studio Braun fame singen lasse:

„Fettuccini“ heißt das gerade erschiene Album der „Kings of Dubrock“ und ist tauglich nicht nur für den Tanzboden in der Klapse. Irre gute Popmusik.

Das dunkle Foto zeigt Dreierlei von der roten Beete. Müsst Ihr mir schon glauben, auch dass es vorzüglich schmeckte.

Dreierlei von roter Beete

Gekocht und gefüllt mit Ziegenfrischkäse aus der neuen Nachbarschaft und gratiniert, als Chips und schließlich ein großartig roter Brei, auf dem ein Quinoabällchen sich bettet. Der Brei war das Beste, eher ein zu flüssiges Püree. Bestehend aus dem Inneren der Beete mit Rieslingessig und Spätburgunder, Kardamom und Sahne. Ein paar weitere Würzzutaten. Feine Improvisation.

Wie das ganze Leben. Jeden Tag.


Graupen und Rüben

Da der Tag extrem sexy begann – mit Discofunk aus Lagos im Bademantel – musste mittags mal was Bodenständiges folgen. Regional, saisonal, natürlich – das können die Leute nicht nur im Norden. Von der Scholle in den Topf – so koche ich gerne. Nicht immer esse ich die Ergebnisse mit gleicher Freude, zugegeben. Aber es finden sich meist Begeisterte. Und satt wurde auch ich, von einer lustigen Mischung aus groben Gerstengraupen, Steckrüben und frischem Ziegenkäse.

Grobes Gerstengraupengericht im Garten

Grobes Gerstengraupengericht im Garten

Gedanken an Mutters Graupensuppe bringen mich noch heute um den seltenen Nachtschlaf. Eine schleimige Aromenwüste erinnere ich, die Absenz jeglicher Frische und die Konsistenz von Tapetenkleister. Da aber wahrscheinlich die gemeine Graupe gar nichts dafür konnte, dass mir in unseeliger Jugendzeit der Gaumen verschmiert wurde, gab ich ihr heute – nach kurzem Besuch im Reformhaus (Hit and run! Warum Reformhäuser üble Orte sind, weiß ein jeder mit sinnlichem Restempfinden!) und längerem auf dem Markt – Ausbeute: eine Steckrübe, einige Rote Beete und Suppengrün – eine erneute Chance.

Ich tat dies: Gemüsesuppe gekocht, um Brühe zu erhalten, mit der ich dann die Graupen aufgesetzt habe und circa 30 Minuten weichgekocht. Währenddessen in der Restsuppe Teile der Rübe garziehen lassen. Zuvor hatte ich jedoch die Beete in Alufolie gewickelt und im Ofen bei 160° zwei Stunden gegart. Ziegenfrischkäse von Konnen in Ziegenmilch aufgelöst. Gesalzen und mit einem Lorbeerblatt aromatisiert. Aus Rübe und Beete Kugeln gestochen und die Graupen mit der Sauce vermischt. Angerichtet und gegessen. Es gab ja nichts anderes.