New York, Niederrhein
Veröffentlicht: November 26, 2013 Abgelegt unter: Musik, Niederrhein | Tags: and the wiremann, hofaufart, Paul wallfisch, Thomas Truax, Viersen 6 KommentareIn Krefeld hat Thomas Truax seinen festen Wohnsitz. Zeitweise zumindest. Denn er nennt sich selbst „a travelling musician“ und ist als One-Man-Band ständig unterwegs. In New York war er Teil einer Musikszene, in den 90ern, aus deren Umfeld die so genannte Anti-Folk-Bewegung entstand. Und landete später dann, über Umwege, mit seinen komplexen Musikmaschinen am Niederrhein. Nachdem er mit „Songs From The Films Of David Lynch“ schon ein Album der obskureren Art veröffentlicht hat, macht er aktuell unter anderem Theatermusik, kämpft mit Peer Gynt am Schauspiel Dortmund. Ins Ruhrgebiet gelotst hat ihn Paul Wallfisch, musikalischer Leiter am dortigen Theater und der große Streuner der Popkultur. Ebenfalls in New York sozialisiert – mit Firewater, Botanica und einem Small Beast – ist er der Womanizer des Underground-Barjazz und der Crooner für in die Jahre gekommene Indiemädchen. Als Tastenmann ist er zudem ein talentstrotzendes Ereignis und ein sich selbst verbrennender Netzwerker der internationalen DIY-Popkultur. So hat er auch And the wireman auf den Hof vermittelt, die ebenfalls im Big Apple beheimatet sind und sich als Meister der leisen popkulturellen Wucht entpuppten, am letzten Samstag, in Viersen.
Sie begannen bei Hofaufart und füllten den besten Club, der keiner ist, die Bar gewordene Porreewaschhalle, mit romantischen Geschichten zu Trompete und Fidel, Tod und Schmerz und Liebe und trafen als musikalischer Ausdruck der Leidenschaft der kleinen Form die Menschen im herrlich vollgestopften Raum wie ein Tritt in die breiten Hintern. Erobert im Sturm durch kleine Melodien und die Verweigerung der großen Geste.
Zu solcher ist Herr Wallfisch allerdings nicht nur in der Lage, seine Performance am Pianoforte lebt von einer gewissen Überheblichkeitslatenz, sexy Coolness und dem steten Willen zur – ja was eigentlich? Catchiness? Theatralik? Stardom? Was auch immer, er spaltet, manche halten ihn für arrogant, andere für musikalisch beliebig. Aber in seinen Shows kriegt er sie alle – und sogar den Hof kanonierend zum Mitgesang. Paul Wallfisch ist ein großer Künstler.
Thomas Truax hingegen ist in erster Linie Erfinder und betörender Magier. Den Hornicator, The Stringaling und MotherSuperior hatte er mitgebracht nach Viersen, um seine wirren Geschichten zu erzählen und allerlei Geister zu beschwören. Verrücktsein ist ein Zustand, der auf ihn zutrifft, bestimmt, aber auf sein Publikum eben auch, nach einem solchen Konzert. Denn aus sich heraus zu treten ist ein leichtes, wenn New York einen Abend lang am Niederrhein ist und die Aura der großen weiten Welt nach Altbier riecht.
(Mobiltelefonfotos: RK)


Ein schöner letzter Satz! Viersen scheint der großen weiten Welt ein wenig näher zu sein als der Rest des Niederrheins.
Danke. Das liegt natürlich immer an den Menschen, die etwas bewegen.
Die beiden kann man vermutlich nicht besser charakterisieren. Und dann sollte man noch den Fotografen Philip Lethen erwähnen, der beide schon ziemlich früh in New York nicht nur fotografiert, sondern auch am Niederrhein veranstaltet hat. So was kommt von so was… glücklicherweise.
Da gibt es doch auch ein ziemlich gutes Portraitfoto von PL, das einen gewissen TH mit Grammophontrichter zeigt. Verwandt mit Thomas Truax, in der Bildsprache zumindest
😉
Ach ja, in diesem Zusammenhang darf man MM Jansen natürlich nicht vergessen…
Stimmt, MMJansen unbedingt nicht zu vergessen. Auch da gibt’s ja ein schönes Lethen-Foto mit Wischi-Waschi-Händen.
Der Unterschied zwischen TT und TH bzgl. des Trichters ist übrigens, dass TT aus dem Trichter grandios-irrsinnige Klänge herausholt, während TH kurioserweise seine Texte hineinschreit, als liefe auf dem Teller eine Gummimatritze, in die sie sich einschnitten. Seltsame Leute…