Uferlose Selbstkontrolle

Dieser Blog dient ja nicht selten halböffentlicher Vergewisserung meines kulturell-kulinarischen Selbst. Kochen mit Musik ist mehr Luke in’s Licht als Leitmotiv, eher Schießscharte denn Zielobjekt. Wirre Gedankenströme und formlose Fabulierwut nehmen noch jeden Kampf auf gegen Struktur und Sinn. Dahinter liegt nichts und darunter allenfalls ein Erdloch. Drumherum allerdings existiert seit kurzem eine Grenze. Ganz so uferlos werden die nächsten 50 Jahre nicht werden wie bisher, da ist ein Graben vor und einige Pfähle wurden gerammt ins Lebensglück. Als Stütze und Geleit. Die Erkenntnis, dass Beschränkung durchaus bewusstseinserweiternd wirken kann, ist nicht neu und doch wird sie hier zukünftig instrumentalisiert zum Glücke aller Leser. Sonntags kommt fürderhin nur Kuchen auf den Tisch. Wer am selben Platz nimmt, bleibt ein offenes Geheimnis.

donauwellenartig

Als Denkfabrik des deutschen Pop wird die Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.)  aus München nun schon seit über 30 Jahren beschimpft. Dass dabei immer wieder gute Alben von der Gruppe um Thomas Meinecke und Michaela Melian veröffentlicht werden, geht in der opulenten Referenzhölle bisweilen etwas unter. Auch das aktuelle Werk – „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ – schreckt mit Songtiteln wie „Eine Ohrfeige für Kurt Georg Kiesinger“ oder „Josephine Baker in Paris“ intellektuelle Feinmotoriker genauso ab wie Unbelesene. Ein Kunstbegriff, der sich dem Konsum verweigert, ist nun auch gar so neu nicht – überraschend ist jedoch, was hinten rauskommt. Denn bei aller repetetiver Transzendenz und Rhythmik im Gewand von Rock wird das eigentliche Lied ausgegraben. Angewandte Archäologie von und für Popisten. Während alle Abgänger der Hamburger Schule inzwischen offenbar im Mittelbau mediokrer deutscher Provinzunis vergammeln, geben die Leute von der Isar nunmehr Volkshochschulkurse in angewandter Lebenslust. Alsterwasser dient allenfalls technischer Brillianz (Studio, Master, Label: Hier funkeln die Nordlichter) – und alles fließt, auch in verschlickten Gräben drücke ich weiter auf die Tube mit Flussmetaphorik und backe:

Donauwellen. Denn es ist Kirschenzeit hier im Burgenland und Buttercreme ist wachsweich gewordener Punkrock. Dass bei Luftfeuchtigkeit tropischer Art Schokogüsse nicht so erstarren wie ich beim ersten live erlebten Karpfenkampf, tut dem Genuss keinen Abbruch. Die Eckdaten: Ein Pfund Butter, acht Eier, süße Kirschen, unzählige. 250 g Bitterschokolade. Dazu zwei Kuchengabeln und eine Kanne Räuchertee. Willkommen im Dienstbotenabteil eines hochherrschaftlichen Zwischenreichs.


Stielmuscrespelle mit Kirsche

Die rheinische Variante der cima di rapa findet auch in Holland und in der Schweiz als Rübstiel in der bodenständigen Küche Verwendung, bei uns heißt der Stängelkohl Stielmus. Wohl weil die Rübsenblätter und -stiele traditionell zu einem homogenen Matsch zerkocht wurden, allenfalls mit Salz, Pfeffer und Kümmel gewürzt.  Ich habe solcherlei als Kind selbstverständlich abgelehnt, ja gehasst. Nur wegen der selteneren Verfügbarkeit konnte ich keine Analogphobie zu der gemeinen Möhre entwickeln.

Das Grünzeug lässt sich allerdings auch zubereiten wie Mangold. Nur den säuerlichen Geschmack muss man mögen, oder eben gut einbinden in eine Gesamtkomposition. Mit Hilfe einer ordentlichen Menge Ziegenfrischkäse beispielsweise. Dazu habe ich Pfannkuchen gebacken und ein Tomatensugo gekocht. Crespelle funktionieren selbstverständlich auch ohne Mangold/Spinat und Ricotta und Crêpes.

Stielmuscrespelle

Und die Kirsche? Kommt aus Schweden. Und heißt ursprünglich Neneh Mariann Karlsson. Besser bekannt als Neneh Cherry, benannt nach ihrem Stiefvater, dem Jazzmusiker Don Cherry. Ihr Debutalbum aus dem Jahre 1989 ist ein Klassiker des Hiphop-Jazz-Pop, nicht nur des Tophits Buffalo Stance wegen. Neneh hat auch davor schon bei extrem spannenden Projekten mitgewirkt, wie zum Beispiel der Postpunkcombo Rip Rig + Panic. Kollaborationen gab’s mit Massive Attack, The The oder Youssou N’Dour (7 seconds).

Seit 16 Jahren hat Neneh nun mit The Cherry Thing ein neues Soloalbum veröffentlicht. Zusammen mit dem norwegischen Jazztrio The Thing ist ihr ein rhythmisches Meisterwerk gelungen, die Lust an der großen Pose ist zumindest ansatzweise zurückgekehrt und es werden wieder Melodien gewagt. Mein Sommeralbum!

Ob Frau Cherry Weißwein mag, ist nicht überliefert. Zu Musik und Rübsen passt allerdings bestens Moselwein. Ein Riesling von Winzerblogger und Mit-Vinocamper Harald Steffens aus Reil: 2011er Reiler Goldlay Riesling Kabinett trocken.


Texanische Fleischhändler, ein Rauchbefehl sowie Nudelbohnen

Als Alternative-Bluegrass-Band aus Austin, Texas, sind die Chancen nicht besonders groß, über regionale Grenzen hinweg eine gewisse Bekanntheit zu erlangen. Den Meat Purveyors ist es dennoch gelungen, indem sie den breitesten Pfad der musikalischen Popkultur beschritten haben:  den des Imitats, der Interpretation, der Aneignung fremden Geisteseigentums. Coverversionen sind bei Connaisseuren der trivialen Sangeskunst hoch in der Gunst, immer schon. Abseitiges zumal. Wenn also Countrypunks ein Madonnamedley einspielen, bei dem der Backfischklassiker „Like a virgin“ die Hauptrolle spielt, sind ihnen Zuhörer gewiss. Mir begegnete die liebreizende Schrammelei vor Jahr und Tag auf dem famosen Bloodshot-Records-Sampler „Making Singles, Drinking Doubles“ (der im übrigen ein ganzes Arsenal vorhält an Popperlen der seltsamsten Art). Warum ich das erzähle und mal wieder den kulinarischen Genuss hinauszögere? Genau darum erstens und zweitens zwecks Konterkarierung des gesündesten italienischen Küchenklassikers, pasta e fagioli. Also fordern die Fleischhändler in einem anderen Song erst einmal zum Rauchen auf:

Frische Brech- und Saubohnen ganz ohne negativen Beigeschmack zu kombinieren – dazu noch getrocknete Weiße und trockene Nudeln – ergibt einen wahrlich wuchtigen Eintopf. Besonders wenn das Ganze auf Basis einer selbstgemachten, frischen Gemüsebrühe mit Möhren und Stangensellerie stattfindet. Die Bohnen blanchiere ich – jede Sorte für sich – nacheinander im immer selben Salzwasser, in das hernach auch noch die Nudeln geschüttet werden. Die Bohnen schrecke ich ab, der Farbe wegen, führe dann, wenn die Pasta gerade so Ihrer Härte verlustig gegangen ist, alles im Brühetopf zusammen.  Einige kleingeschnittene Salbeiblätter hinzu und eventuell geriebenen, harten Käse darüber. Ich hatte noch Sbrinz, der passte. Dazu trank ich ein Glas Quittensaft und fühlte mich wie der gesündeste Mann der Welt. Für einen Moment.

pasta e fagioli

„The Madonna Trilogy“ haben die Meat Purveyors übrigens ursprünglich 1999 eingespielt und als Single veröffentlicht. Legal online ist der Track einzeln nicht frei verfügbar, aber als sechstes Stück eines recht guten Mixes auf mixcloud.


Okonomiyaki ist keine Pizza

Japanische Pfannkuchen nach Osakaart aß ich kürzlich im bisher noch von jeglicher Gentrifizierung weitgehend verschonten Teil von Düsseldorf-Oberbilk. Auch wenn das überaus freundliche japanische Paar hinter der Theke seinen Imbiss Fuga als „Japanische Pizzaria“ tituliert, handelt es sich bei der Hauptattraktion des kulinarischen Angebots eher um einen Gemüsefladen. Okonomiyaki sind Pfannkuchen, die in Japan in der Regel auf dem Teppan zubereitet werden, hier aber tatsächlich aus einem alten Pizzaofen kommen.

okonomiyaki

Der Teig besteht aus (Weizen-)Mehl, geriebener Yamswurzel, Eiern, Weißkohl, Sprossen, Ingwer, Tenkasu und Dashi. Eine große Varianz an weiteren Zutaten steht zur Wahl: Verschiedene Gemüse, Meeresfrüchte, Käse gar. Diese werden, nachdem der Teig in die Pfanne geflossen ist, obenaufgedrückt. Bei großer Hitze wird nun von beiden Seiten wenige Minuten gebacken, dann werden die Fladen komplett mit der dazugehörigen süßen, braunen Sauce eingepinselt und wandern nochmals kurz in den Ofen.

Wie genau der Zubereitungsprozess abläuft, lässt sich hier nachvollziehen:

Angerichtet wird auf verschiedene Weisen: Zum Beispiel rustikal in der Wokpfanne mit japanischer Mayonnaise garniert (links im Bild die Meeresfrüchte-Variante) und mit Katsuobushi bestreut oder etwas feiner eine vegetarische Okonomiyaki mit scharfem Ingwerdip. Beides schmeckte vorzüglich – anfängliche Skepsis wurde nicht bestätigt. Im Gegenteil: Okonomiyaki sind wunderbares Soulfood.

Aktuelle Informationen gibt’s übrigens stets im Fuga-Blog.


Die Heiterkeit der Radieschen

Alles ist so neu und aufregend. Blumen pflücken am Kanal. Bier trinken in der Bar. Herz aus Gold wird das im August erscheinende Album der Hamburger Band „Die Heiterkeit“ heißen. Alles ist so neu und aufregend.

Jedoch habe ich Radieschen gepflückt. Weil es ein frisches Frühlingsgericht geben sollte mittags, Chicorée und Gurken waren zur Hand, ein Löffel Creme double in Reichweite. Ein leichter Silvaner aus dem rheinhessischen Hügelland am Herd und auf dem Tisch. Werden Radieschen im Wok gegart und mit Rahm gefeiert, wird Schärfe mild und Farbe warm. Keine Gewürze außer Salz und etwas amalfitanischer Zitronenschale.

heitere Radischen

Dann gab es da noch ein heiteres Sommerwochende in Berlin. Bonner Pläne am Rande der Realität. Fisch in Frankreich. Brügger Bier. Musik und Menschen. Drogen und Psychologen. Bald mehr davon.


Aus Gründen: Astrid, das Geschäft und Du

Mal abgesehen davon, dass ich seit Tagen ein grenzdebiles Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekomme – aus Gründen, die nichts mit dieser meiner Internetexistenz zu tun haben – ertappe ich mich zudem permanent beim selber Kneifen, weil Wunder geschehen. Als ausgebildeter Agnostiker sind mir Zweifel Fluidum und Odem zugleich. Doch weil ist, was sein kann und die Möglichkeit besteht, dass Dinge mehr wiegen als sie scheinen, ist auch das absolut Positive denkbar. Manchmal gar Wirklichkeit.

Jetzt wird es fürchterlich konkret, eigentlich ja so gar nicht meine geistige Baustelle. Zum Beispiel Werbeblöcke: Braucht doch kein Mensch, denken alle, die denken. Doch es gibt Ausnahmen: Seelensachen. Ein Buch zum Beispiel, das entstanden ist mit Tinte aus Herzblut. 279 Seiten, auf denen sich ein Mensch erst nackt in den Wind stellt und dann, ein lukullisches Sittengemälde malend, an Transparenz gewinnt um schließlich in scharfen Konturen vor mir zu stehen. Jetzt ist er völlig übergeschnappt, Hormonschwankungsopfer? Ja und nein. Ich mag ja eigentlich keine Foodblogs. Und ich verehre Astrid. Zwei Tatsachen, die jeder kennt, der diesen Blog liest. Nun ist zur Verehrung auch noch Fantum gekommen: Frau Paul, ich verneige mich tief vor Ihnen und bedanke mich für einen Titel, der geschrieben werden musste. Um der Welt da draußen unter den Nachttischlampen und auf Parkbänken einmal und endlich zu erklären, was die da so treiben, diese Blogger; warum und wie. Und wer Du wirklich bist, ganz eigentlich. Dass da Mut und Kraft sind, war doch klar. Dass das Feuer jedoch so leidenschaftlich brennt, lässt sich nun auch nachlesen in „Arthurs Tochter Kocht – Mein B_Logbuch“. Ach ja, gutes Essen spielt am Rande auch eine Rolle.
Also: Kaufen, lesen!

Das war nicht der einzige Blitz, der mir eine Nacht erleuchtete. In dieser Woche wurde ein Sehnen beinahe vollendete Realität: die Idee einer kompletten beruflichen Neuerfindung im Gesamtkontext Genuss nimmt konkreteste Formen an. Keine Bange, ich werde nicht wie Arthurs Tochter kochen oder kochen lassen oder dahingehend beraten, na ja, letzteres vielleicht irgendwie doch. Es ist komplex und spannend und ein wenig irre – sobald die Tinte trocken ist, mehr davon, hier.

Das wichtigste zum Schluss. Du! Danke.


Lammhüfte, Orangenbulgur und Bratsalat oder Die Gefahr aus dem Osten

An einem dunkelgrau verregneten Sonntag in irgendeinem Frühling Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts aß ich das erste Mal Salat nicht als Rohkost. Diese kulinarische Entdeckung empfand ich damals nicht als solche, war sie doch schlicht einer Notlage geschuldet – Gemüse war aus. Ich war Gast bei einer Punkband in Ostberlin und wir hatten Hunger und Kartoffeln, Eier und eben: Salat. Der landete  unversehens im Alutopf, es roch abscheulich.

Doch wurden wir satt, das war der erfreuliche Teil der Geschichte. Alle wurden immer satt in der DDR. So schlecht war’s doch gar nicht.
Kurz nach dem Mauerfall bin ich in Dresden dem Sensenmann mehrfach nur knapp aus dem Radius gelaufen. Renntrabbis machten Jagd auf temporär gehbehinderte Wessihippies. Ein Jahr später auf Usedom war alles in Klump gehauen. Die schöne neue alte Kaiserbadromantik gab’s nicht mehr und noch nicht wieder, nur Nazibanden, kahlgeschorne Vollidioten, die uns hetzten zwischen Ückeritz und Heringsdorf. In Weimar habe ich mir bei einigen Besuchen zwischen 92 und 94 beinahe eine Staublunge geholt. Nachdem uns dann die WG-Karre verreckt ist, irgendwo in einem finstern Tal des Thüringer Walds, wir fast erfroren wären ob multipler unterlassner Hilfeleistung, habe ich meine Ostambitionen gegen Null gefahren. Gewissermaßen dem Selbsterhaltungstrieb gehorchend.

Als Niederrheiner habe ich im Herzen mehr Holland als Sachsen, zugegeben. Doch im Magen möglichst immer nur das, was schmeckt. Ich musste an die Jungs von der Band denken, deren Namen ich verdrängt habe, als heute die Romanaherzen in der Pfanne zischten. Und an Hamburger Helden, die ebenfalls schon Ende der 80er wussten: Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs!

Inzwischen kenne ich das Leben. Ich bin im Kino gewesen. Habe mit Peter Hein Kebap gegessen. Und überhaupt niemals vergessen, zu essen. Deshalb koche ich jeden Tag und lege gewöhnlich die passende Langspielplatte auf den Dualteller. Zur Hüfte gab’s heute einen Marsalajus, auch der Rest war sehr sizilianisch. Ich hatte passende Orangen bekommen. Marinierte den warmen Salat in entsprechendem  Saft und rieb einem Haufen Schalen in die Grütze.

Inzwischen war ich wieder ein paar Mal drüben. In Leipzig, Bautzen, Cottbus. Habe mich im Erzgebirge verlaufen und mir den Magen verdorben auf Hiddensee. Das Nachtleben in Frankfurt/Oder gesucht. Und natürlich Utecht besucht. Ist schön da. Kaum Menschen.  Kein Restaurant. Musik schon gar nicht.