Uerige Molekularküche
Veröffentlicht: Oktober 28, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Niederrhein | Tags: Altbier, Bierschaum, Espuma, Uerige 5 KommentareNiemals gäbe ich Gerstensaft in einen Sahnesyphon. Wenn ich also letzthin ein „Altbier-Espuma“ kredenzte zu fettgebackener Leber und Gurkengemüs, war damit kein anderer benannt, als der abgeschöpfte Uerige-Schaum. Zur Hinfälligkeit desselben haben die Chemikanten der Universität zu Regensburg Erhellendes beigetragen, ebenso ein Jeveraner Adept (Kinetik des Bierschaumzerfalls). Stabilitätsforschung hingegen wurde im Land der aufgehenden Sonne betrieben. CO2-Reaktionen im Bierglas sind dennoch keine molekularkochtechnischen Hexenwerke, vielmehr moribunde Aromabomben.
Karamellmalzig und hopfenbitter ist nun das Aromaspektrum des zweitbesten Düsseldorfer Altbiers: Das Uerige. Zur Verwendung in der Küche jedoch ist es absoluter Favorit, nicht nur als kongenialer Leber-Begleiter. Auch Saucen zu gebratener Ente (auf Schattenmorellenbasis) oder Sauerbraten kann ein Bierschuss geschmackliche Tiefe und texturelle Lockerheit verleihen. Ein Bierteig zum Gemüseausbacken oder ein Parfait – insgesamt ist die gelegentliche Verwendung von Kochbier auch eine willkommene Reduzierung des Alkoholkonsums bei der Küchenarbeit. Außerdem mag ich keinen Schaumwein, um mal mehr oder weniger elegant wieder zum Ausgangspunkt dieser Überlegungen zu kommen.
Schaumschlagen hingegen mag ich als verbale Disziplin. Auf den Teller kaprizieren Espumas in der Regel aufgeblasene Fatzkes. Zumal der Herbst eher die Zeit für althergebracht sämige Soßen statt für luftige Hauben ist. Wie ich im nächsten Frühjahr darüber denke? Anders, höchstwahrscheinlich.
Lieblingsleber, Liebeslieder, Landleben
Veröffentlicht: Oktober 22, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: Altbierespuma, Bat for lashes, Beignets von der Kalbsleber, Chips for the Poor, Hinsbeck, The forest, Waldesruh Ein KommentarPassionensammelsurium. Provinzielle Musik mit Innereien. Überschriftenalliterationszentrifuge. „Thank god it’s friday“ und es wird endlich wieder mit Wasser gekocht. Bunte Brause bleibt dem lausigen Medienprekariat vorbehalten. „Ach geht ja nicht, laß bloß an, bin ja selber drin…“
Mittagessen gewesen. Leberknödelsuppe, Wildschweinragout, Weinschaumcreme.
Suppe versalzen. Ragout zu süß. Creme aus der Tüte. Dennoch: Glückslatenz. Mutiere noch zum Antroposophen. Der Himmel (Indersommer), die Erde (1a Traditionsgaststätte), dazwischen das wird schon. Beim nächsten Mal mit gesatteltem Gaul.
Landleben halt. Und nun zur Leber: Die geknödelte Suppeneinlage war essbar. Doch kann ich das besser. Heute also:
Beignets von der Kalbsleber mit lauwarmem Gurkengemüse und Altbierespuma. Dicke Hose, ich weiß. Aber eigentlich ein Blitzrezept, hat mich eine halbe Stunde gekostet. Und unendlichen sensorischen Nachhall eingebracht. Keine Fotos. Doch das ausführliche Rezept folgt.
Übrigens liebe ich es, wenn Lieblingskünstler beliebte Lieder ihrer Lieblingskünstler (nicht selten auch meiner) einspielen. Liebeslieder sind dies jedoch eher selten, oft eher düster-verschrobenes wie der The-Cure-Klassiker in der 2008er Version von Natasha Khan (aka Bat for Lashes): The forest; was zugegeben keinerlei Gedankenakrobatik bedurfte.
Noch abgründiger, kraftvoller, obskurer sind Chips for the Poor. Die Briten stehen allerdings nicht im Wald, sondern in einer nächtlichen Londoner Unterführung:
Freitagsgericht mit anarchistischer Abendunterhaltung
Veröffentlicht: Oktober 8, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Niederrhein | Tags: DAAU, Die Anarchistische Abendunterhaltung, Endivie, Endivien dore-in, Kartoffel-Endivien-Stampf 4 KommentareIch hasse Hesse! Das muss gerade in diesen Tagen allerehrenwertester Nobelpreisvergaben einmal geschrieben werden. Esoterisches Kunsthandwerk, allenfalls, schwäbische Großmannssucht im gefühlsduseligen Gewand; Lesequalen. Fast noch schmerzhafter sind die Folgen der Wirkungsgeschichte, gerade in der Popkultur, der hippiesken zumal. Zumindest war dies meine Überzeugung, bis ich vier Menschen aus Antwerpen kennenlernte. Die wiederum Musik machen als Die Anarchistische Abendunterhaltung. Leicht steppenwölfisch verschroben bisweilen, doch dann wieder von bestechender Klarheit und irrer Genialität. Typische Belgier halt.
In BeNeLux wird übrigens viel Endiviensalat gegessen, prügelte der Autor eine nachgerade zwanghafte Überleitung in seinen Text. So ist er halt, etwas sprunghaft. Endivie gehört zur spannenden Familie der Wegwarten und ist neben ihrer Funktion als herrlich bitterer Wintersalat eine der mit Dressing roh zu verzehrenden Grünpflanzen, die in der Nährwerttabelle nicht auf der gleichen Stufe wie Pappschachteln rangiert. Im Ruhrgebiet ist ein Gericht namens „Endivien dore-in“ verbreitet, ich aß es im niederrheinischen Duisburg, bei Frank Schwarz in der Schifferbörse, in einer ebenso reduzierten wie prägnanten Version.
Und ließ mich dadurch zu folgendem inspirieren: Eine Endivie feinst vorbereiten (äußere Blätter großzügig kompostieren, den Rest gründlich waschen und grob zerkleinern, trocknen) und reichlich Dressing aus Olivenöl, Meersalz, Düsseldorfer Senf, Sherryessig und rotem Johannisbeergelee anrühren. Beides vereinen. Dann Kartoffeln kochen, pellen, leicht stampfen. Wiederum einen Vereinigungsprozess initiieren und prompt servieren. Dazu passt Freitagsfisch, heute mit Salbei aromatisierter Seehecht. Der ist robust genug, um gegen den Endivien-Kartoffel-Stampf zu bestehen. Ist der Fisch aus der Pfanne, lässt sich mit dem Satz, etwas Weißburgunder und einem Stück kalter Butter hervorragend eine kurze Soße ziehen.

Endivien-Kartoffel-Stampf mit Salbei-Seehecht
Zurück zur Abendunterhaltung. Die verspricht der Sonntagabend, in der Sint Joriskerk in Venlo.
Saltimbocca vom Kabeljauloin auf Porzellan aus Freiburg
Veröffentlicht: September 28, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik | Tags: kabeljau, Kraków Loves Adana, Porcellain, Saltimbocca Ein KommentarDer Plan misslang. Alternativen wurden geschmiedet und führten geraden Wegs zu neuen Ufern. Ohne zu schwimmen – obwohl die dazu benötigten Häute schon gedeihen in den Zehenzwischenräumen, denn es ist Herbst am Niederrhein.
Der Rheinische Edelwels hatte es nicht auf den hiesigen Markt geschafft, heute. Am fehlenden Wasser kann es nicht gelegen haben. Also Kabeljau, nur das mittlere, dicke Stück des Filets, Loin genannt. Übrigens sagt das Kluge-Buch, dass der einzige Unterschied zwischen Kabeljau und bacalao nur eine Interversion sei. Ich hingegen glaube, dass Stockfisch und Dorsch auch noch Konsistenz-Differenzen haben. Wie auch immer, ungetrocknet zeichnet sich das Fischfleisch (sic!) durch einen sehr edlen (Fein-Schmecker) bis neutralen (Aroma-Banausen) Geschmack aus. Da ich die Tagesform meiner Geschmacksknopsen recht präzise einzuschätzen vermag, rekrutierte ich Verstärkung.
Salbei aus dem Garten (auch wenn die Blätter inzwischen beinahe zu fest sind) sowie eine Lage Schinkenspeck vom benachbarten Bioschwein wurden auserkoren, der Kreation eine römische Note zu geben. Dazu den Weißburgunder vom Kalkalgenriff von Wagner und kalte Butter für die Soße sowie ein paar sauersahnige Farfalle mit Freilandgurkenstücken als Bett.
Der Fisch ruhte sanft; erst auf den Nudeln, dann in mir.
Das musikalische Porzellan aus Freiburg dazu liefert das seltsam melancholische Duo Kraków Loves Adana mit ebenjenem Track.
Liegt Uerdingen in Vietnam oder ein weiterer Grund, warum Vancouver die beste Stadt der Welt ist
Veröffentlicht: September 23, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Niederrhein, Weltweit | Tags: chi sushi, Klezmer, Lẩu, misosuppe, Nem, Niederrhein, Phở, sushi, Uerdingen, Vancouver, Vietnam Hinterlasse einen KommentarSchifferklavier und Fisch passt gut. Und da ich in den letzten Wochen einen fast schon abseitigen Hang zu Akkordeon-Musik habe (vielleicht ist es aber auch nur unterbewusste Vorfreude auf Sonntag), bin ich schließlich beim Klassiker des Klezmer-Punk, Geoff Berner, gelandet. Der „Lucky Goddamn Jew“ aus Vancouver konzertiert übrigens im Oktober hierzulande – hingehen, hören und staunen. Trinken und tanzen.
Eigentlich war heute Zeit für ein weiteres Kapitel meiner unendlichen Suche nach akzeptabler vietnamesischer Kochkunst am Niederrhein. Verwegenes Unterfangen, ich weiß. Dennoch rollte ich zum Rhein hinab, nach Uerdingen, ins Herz industriepolitischer Finsternis. Wo dennoch gastronomische Blüten im Verborgenen gedeihen, wie das La Riva oder das Chopelin im Casino. Und es eine gar vorzügliche Canh Chua gäbe, dies wurde mir zumindest zugetragen.
Familie Nguyen betreibt am unteren Ende der Fußgängerzone ein Lokal namens Chi Sushi. Natürlich habe ich wieder mal keinen Bissen Vietnam genossen, dafür aber die geballte Energie rohen Fischs.
Bei Chinesen, die ne Pizzabude betreiben, hört mein Pioniergeist in der Regel auf. Da ich aber mein bestes Sushi bisher in Bangkok aß (und zwar im Fuji-Restaurant im MBK-Center), und Onkel Ho’s Neffen und Nichten kulinarisch sowieso alles können, wagte ich – und gewann. Ein perfektes Mittagessen (samt sanftrauchiger Misosuppe und Jasmintee). Einen neuen netten Menschen (Besitzerstochter Marie, charmant und kompetent, welch seltene Kombination). Einen stimmigen Ort (welches Lokal kann sich schon einer exzellenten Musikauswahl rühmen, wenn es nicht Club ist, und ist so luftigleicht gestaltet und doch auch klassisch). Schließlich die Gewissheit, wiederzukommen.
Um dann die Phở zu versuchen. Oder die Nem. Ganz bestimmt einen Lẩu. Ich hab’s versprochen.
Solange höre ich Fukui, das neue Album von Stella.
Pilze, Zwiebelkuchen – und eine letzte Sommersehnsucht
Veröffentlicht: September 17, 2010 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik | Tags: AI Phoenix, Dülken, Grillagetorte, Herbst, La Tavola, Steinpilze, Weingut Brüder Dr. Becker, Zwiebelkuchen Hinterlasse einen KommentarLandleben im Herbst. Daran führt nun kein Weg mehr vorbei. So stelle ich mich dem Verlust der warmen Jahreszeit, nicht umsonst ist nun eine Phase des Übergangs, des Abschiednehmens. Drei Strategien des Umgangs damit:
Hingabe. Samt emotionaler Verstärkung. Aber weit entfernt von Lamoryanz. Ich höre:
Ai Phoenix – A countrylife in the autumn
Sublimierung. Kulinarische Überhöhung. Mittels kalorienbetonter oder aromatenschwangerer Leibspeisen Ablenkung kreieren. Ich radel nach Dülken, zu Sergio ins La Tavola, esse Steinpilze. Und backe Zwiebelkuchen. Mit Apfel.
Reminiszenz. Was im Wortsinne Erinnerung bedeutet. Und inzwischen doch mehr meint: Ein Loblied. Ich singe es auf den Nachmittag im Julei, da wir im Schatten saßen, mit süßem Wein und Eiskuchen. Darum: Rettet die Grillagetorte! (Verbunden mit der Hoffnung, dass Heinz Lamers diese wichtige Initiative wieder mit Leben füllt.)
Rezept: Zwiebelkuchen mit Apfel…
Den Rest des Beitrags lesen »
Gelbe Tomaten, grüner Wein und grauenhaftes Wetter
Veröffentlicht: September 14, 2010 Abgelegt unter: Kulinarik, Wein | Tags: arturo Fiesta Circo, Bacharach, Bastian, Bopparder Hamm, Didinger, Fässerlay, Feuerlay, Frutti di Mare, Kabinett, Osterspai, Posten, spaghetti 2 KommentareNachmittagsmusik: Arturo Fiesta Circo – Il tango dei temporali.
Inzwischen zwingen Sturm und Regen die verbliebenen Sommerreste in die Knie. Am letzten Wochenende schlug das Wetter noch einmal Funken, die sich auch in unseren Gläsern spiegelten. Und kommunizierten mit den vorzüglichen Tropfen, die Friedrich Bastian auf seiner Insel präsentierte: Der 2009er ist ein fordernder Jahrgang, süffig schmeckt anders; Herausforderung pur. Naturgemäß waren die Varietäten aus dem Posten, mit ihrer Klarheit und Frische und Apfelsäure, meine Favoriten – wobei sich diese Bastian-Spezifik noch verstärkt hat. Mut zur Andersartigkeit ist dem freundlichen Bariton offensichtlich in die Wiege gelegt. Was sich wiederum besonders am Insel-Riesling manifestiert. Aus den 2 ha Rebenfläche resultierte zum ersten Mal nicht nur die gewohnt starke feinherbe Variante, sondern auch eine nachhaltige süße. Weiterhin Lieblinswein.
Was passt dazu besser als eine Meeresfrüchte-Pasta? Die gab es Sonntag abends, weil alle Zutaten getrocknet (Nudeln), gefroren (Frutti di mare) oder konserviert (gelbe Tomaten aus Kampanien) vorrätig waren. Nur die Kräuter (Salbei, Petersilie, Minze) kamen tropfnass aus dem Garten.
Übrigens war vor dem Nudelgenuss die Rückfahrt zu bewältigen – die führte von Bacherach über Osterspai. Zwischenstopp Didinger. Mit Blick auf den Bopparder Hamm (Feuerlay) war recht schnell klar, dass auch hier der 2009er zur Wiederkehr zwingt, besonders die Kabinett-Stückchen. Leider war der aus der Fässerlay schon ausgetrunken.
Rezept: Spaghetti frutti di mare …








