Brauhaus-Bericht

Hausbrauereien mit adäquat bodenständiger Gastronomie sind im Rheinland ja eigentlich ein eher urbanes Phänomen. Ob Köln oder Düsseldorf, Münster oder Dortmund – überall wo Tradition auf ausreichend passendes Publikum trifft, funktioniert das Konzept formidabel. Wenn sie zudem zu touristischen Attraktionen geworden sind wie z. B. Früh und Gaffel am Dom oder Füchsen und das Uerige, werden wahre Goldgruben daraus. Doch ebensolches im ländlichen Kontext? Am Niederrhein und nicht in Bayern? Quasi als Dorfkneipensubstitut? Auf nach Mennrath bei Mönchengladbach, feldstudieren.

Brauerei zum Stefanus

Seit 1999 betreibt die Familie Kolonko die traditionelle Gaststätte in ihrer heutigen Form. Vorne Schankraum mit Theke und Biertischen, nach hinten sich großzügig öffnende Brauhaushalle mit langen Tischen aus hellpoliertem Holz. Ein alter Braukessel dominiert den Raum, dem, wenn’s besonders voll ist, ein kleiner Saal zugeschlagen wird. Ein Biergarten ist vorhanden. Stimmiger Gesamteindruck, kein Schnickschnack, auch nicht zuviel überbordende Rustikalität. Was auch für die drei stets angebotenen Biere gilt (dazu werden regelmäßig Saisonspezialitäten wie Bockbiere kredenzt): Klarlinig, und doch nicht ohne Wucht. Neben dem – wie alle natürlich naturtrüb ausgeschenktem – Stefanus-Weizen, dass dem kulinarischen Ermittlungsteam eher etwas zu süß geraten ist, sind nach Exportart hergestellte Malzgetränke im Ausschank. Beide entsprechend mit überdurchschnittlichem Alkoholgehalt (bis 5,4 %) und weniger Hopfen als beispielsweise beim Pils. Das wirkt sich beim Hellen dann auch eher negativ aus, trotz der Verwendung von Bamberger Braugerste driftet der erste Eindruck eines sehr milden, süffigen Bieres mit jedem Schluck mehr in Richtung Beliebigkeit.

R.K. im Stefanus

R.K. im Stefanus

Umso überzeugender hingegen das Stefanus-Dunkel: Etwas mehr Bitterstoffe (Hallertauer Hopfen), stärker gemälzte Gerste, was Farbe und Geschmack nur gut tut. In einer Blindverkostung würde diese untergärige Spezialität glatt als Altbier durchgehen, jede Wette. Passend dazu ordern wir Klassiker aus der Brauhausküche, ergo diverse Teile vom Schwein, Rösti, Brat- und Ofenkartoffeln, Salate und eine Zwiebelsuppe. Fazit: Alles etwas überwürzt, die verschiedenen Kartoffelzubereitungen stimmig, das Fleisch zu lange zu hoher Hitze ausgesetzt.
Reichlich satt noch einige Biere im Raucherbereich in nahezu familiärer Atmosphäre. Wiederholungsfaktor: hoch.

www.zum-stefanus.de


Radtour zur Lüthemühle

Der Begriff „Ausflugslokal“ atmet den miefigen Charme der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts und evoziert Gedanken an in Kaennchen servierten Filterkaffee und totfritiertes, überteuertes Essen vor fragwürdig pseudoromantischer Kulisse. Dass das auch auf einem anderen, besseren Level funktioniert, versucht die Lüthemühle in Nettetal zu beweisen.

Das Freizeitverhalten von Menschen ist gewissen Moden und Trends unterworfen. Galt der aktive Aufenthalt in der heimischen Natur bis Ende des letzten Jahrtausends noch als ähnlich verführerisch wie die urdeutsche Kombination aus Bermudashorts, Wollsocken und Birkenstocksandalen, ist in den letzten Jahren Wandern (neudeutsch: Hiking), Walking, Biking, Skating und so weiter und so fort schwer angesagt. Gerade das Gebiet um die Netteseen ist seitdem wieder eine bevorzugte Destination, durchaus auch für urbane Klientel von Rhein und Ruhr. Nur suchte der Freizeitaktivist nach erfolgreicher Fitnesssteigerung gerne mal einen geeigneten Platz zur Einkehr. Oft vergebens.

Am Ablauf der Nette aus dem Ferkesbruch in Lobberich-Sassenfeld gelegen, blickt die Lüthemühle auf eine vielhundertjährige Tradition und eine seit 2006 zurück. Nach dem Abriss des baufälligen Altbestands ist mit viel Liebe zum Detail das neue Gasthaus und Hotel entstanden. Der herrlich weite und offene Innenraum wird vom Außenbereich mit Terassen und Reitställen noch übertroffen. Dort jedoch ist der Service bisweilen langsam, drinnen ist der Ablauf optimaler. Zumal wochentags in der Mittagszeit, wenn Reguläres von der Karte verbilligt offeriert wird, stets in prima Qualität.
Generell eher kritisch anzumerken: Das Getränkeangebot ist reichlich schlicht geraten. Zur durchaus ambitionierten Küche passt die schlechte Bierauswahl in keinster Weise. Völlig unverständlich, warum so viele Gastronomen sich mit mediokrem Industriebier begnügen und nicht Brauereien aus der Region vertrauen. Auch die Weinauswahl ist mau. Generell ein Highlight: Die Süßspeisen!

Die geschmacklichen Eindrücke im Detail: Die Tomatensuppe ist fruchtig, eventuell etwas zu kompakt, Leichtigkeit geht anders. Aber die Aromen sind stimmig und der Einstieg ist gelungen. Ein Antipastiteller schafft wider Erwarten echte Gaumenfreuden. Keine erkennbaren Konserven, Selbsteingelegtes von Zucchini, Tomate, Champignon, Paprika, dazu ein guter Schinken, der leider schon etwas zu lange aufgeschnitten war. Weiter geht es mit Roastbeef und Bratkartoffeln, ersteres gutes Handwerk, letztere so trocken, dass der Verdacht aufkommt, die Erstzubereitung liege schon einige Stunden zurück. Das Pflaumen-Zimt-Eis jedoch ist rundum gelungen, reisst alles wieder raus. Und wird kalorientechnisch der nun gutgelaunten Heimfahrt zum Opfer fallen.

www.luethemuehle.de


Bochum, Bier und Currywurst

Einige Tage in der heimlichen kulturellen Hauptstadt des Ruhrgebiets und die Erinnerung daran, dass da doch noch etwas war, kulinarisch gesehen, das erprobt werden wollte. Richtig, dieser Imbiss in Wattenscheid. Die Geschichte ist bekannt und ausreichend medial ausgewalzt, daher nur kurz:
Der Inhaber Raimund Ostendarp, geboren in Uedem am Niederrhein, war in jungen Jahren mittendrin im Spitzenköchehamsterrad. Bis zum Düsseldorfer Schiffchen von Jean-Claude Bourgueil, damals dreifach besternt, brachte er es während seiner Gesellenjahre. Und hatte vom Prätentiösen, oft unsinnig überambitionierten der Haute Cuisine mit 23 satt und genug, machte sich selbständig. Mit einer Pommesbude in Wattenscheid Heide.

Bochumer Str. 96, schräg gegenüber liegt das Gelände der alten Steinkohlenzeche Centrum, ein paar Häuser weiter eine Kneipe, die sich „Oma Hoelscher“ nennt und wo das frisch gezapfte Fiege Pils 1,20 EURO kostet. (Eines der besten, weil geschmacksvariantenreichsten Biere Pilsner Brauart außerhalb Tschechiens übrigens.) Der Profi-Grill. Was ein Name, klingt nach gutem deutschen Handwerk – und genau dies bekommt der Gast hier auch. Die Malocher und Kumpel sind zwar auch in diesem Teil des Ruhrgebiets ausgestorben – aber das Kolorit ist geblieben. Dies ist kein Nobelimbiss, wie es sie in hiesigen Metropolen zunehmend inflationär gibt. Wo die gepimpte Wurst zwar 4 EURO kostet – aber am Ende doch Wurst bleibt.

Bei Ostendorp wird die Currywurst für 2,20 verkauft. Und kommt frisch vom Metzger, genauso frisch die täglich eigens bereitete Tunke, nach nicht geheimem Rezept. Alternativ gibt es Frikadellen nach Kurt Kotzlowski oder das morgendlich geschnittene Schnitzel aus der Pfanne. An wenigen Tischen in der Bude oder im Stehen davor. Um diesen aus der Zeit gefallenen Ort im ebenso stimmigen Straßenbild zu genießen. Wie die Wurst, deren Soße ungewohnt schmeckt. Nach Tomaten und Gewürzen. Ohne Geschmacksverstärker, fruchtig und leicht scharf.
Einen weiteren Schluck Fiege auf Gastronomen wie diesen!


Der beste Bienenstich

Zum Glück hat er die Abnehmwelle und den Light-Produkte-Wahn überlebt: der gute alte Bienenstich. Und es gibt am Niederrhein noch Menschen, die ihn nach Omas Rezept zubereiten und begeisterten Genießern servieren. So zum Beispiel im Auffelder Bauerncafé in Oedt.

Was wenige wissen: Der Bienenstich ist eine althergebrachte rheinische Spezialität, fast so legenden-umrankt wie Himmel un Ääd oder Muurejubbel. Ein Entstehungsmythos geht so: Im 15. Jahrhundert fochten die Städte Andernach und Linz am Rhein einen Zollstreit aus. Andernach war von einer soliden Stadtmauer umgeben, an deren Türmen lauter Bienenkörbe hingen. Eines Morgens nun, als zwei Bäckergesellen gerade von dem Honig naschten, sahen sie die Linzer zum Angriff vorrücken. Gedankenschnell schleuderten sie ihnen die besagten Nester entgegen und schlugen die Aggressoren so in die Flucht. Um dieses Ereignis zu feiern, kreierten sie einen besonderen Kuchen und erfreuten ihre Mitbürger damit. Der Bienstich war geboren.

Was nun unterscheidet einen guten von einem mediokren Süsstück? Wie bei allen eigentlich einfachen Rezepturen kommt es einzig auf die Güte der Grundprodukte und deren präzise Verarbeitung an. Ein simpler Boden aus süssem Hefeteig, darauf ein Belag aus frischem, selbstgemachtem Pudding – und als Krönung gleichsam ein Dach aus einer krossen Butter-Zucker-Mandel-Masse. Ein profaner Blechkuchen eigentlich – und doch die hohe Schule des Spiels mit Konsistenzen und Texturen.

Nun bringt der Verzehr des Bienenstichs jedoch in der Regel ein Etikette-,  zumindest doch ein Geschicklichkeitsproblem mit sich. Das Durchstechen der Mandelkruste gelingt nur mühsam, gleichzeitig quillt die Creme allseits ins Freie. Da behilft sich die Chefin hier mit einer pragmatischen Lösung: Zur Kuchengabel wird auch ein Steakmesser gereicht;  schick ist das nicht, doch unbestritten zielführend. Wie so vieles andere übrigens auch im vielleicht besten, zumindest aber ambitioniertesten Bauernhofcafe am linken Niederrhein.

www.auffelder-bauerncafe.de


Spargel süßsauer

Mitte April, die Spargelsaison beginnt. Leider werden am Niederrhein jedoch fast ausschließlich die weißen Stangen kultiviert, den aromatischeren grünen sucht man hier zumeist vergebens. Also wird nach der morgendlichen Radtour zum lokalen Erzeuger – und einem Abstecher zur nächsten Fischtheke, um Zanderfilet zu fangen – ein Blitzrezept entwickelt, dass den Gaumen dennoch fordert.

Was das vornehme Gemüse und den Fisch zusammenbringen soll – und dabei auch noch eine Kartoffel pro Person involvieren kann – ist die Idee eines leichten Senfschaums. Dazu eine Schalotte in Butter weichen, mit einem kräftigen Schuss Weißburgunder vom Mittelrhein veredeln und Gemüsebrühe hinzufügen, aufkochen und eine ebensolche Menge Sahne sowie nach Belieben scharfen Düsseldorfer Senf einrühren, leise simmern lassen. Kurz vorm Servieren wieder erwärmen aufmixen und reichlich feine Schnittlauchrollen eintauchen.

Der am frühen Morgen gestochene Spargel wird sorgfältigst geschält, längs halbiert und in streichholzlange Stücke geteilt. Möglichst dünne Stangen verwenden. Wenig Olivenöl und Butter in einer weiten, beschichteten Pfanne erhitzen und den Spargel braten, bis er zu bräunen beginnt. Mit etwas Zucker bestreuen, leicht karamelisieren und mit dem Saft einer Pampelmuse ablöschen. Pfeffern und Salzen und solange weiter auf dem Herd lassen, bis die Flüssigkeit fast zur Gänze verdampft ist.

Die in der Zwischenzeit gekochten Kartoffeln abgießen, den leicht mehlierten Fisch auf der Hautseite kross braten, einmal kurz wenden, leicht salzen. Nun die Teller komponieren: eine Kartoffel halbieren und parallel ausrichten,auf der Gegenseite das Gemüse in eine runde Form bringen. Mit dem Zander eine Brücke bauen (Hautseite gen Himmel), unter der der Senfschaum fließt. Dazu ein Glas des bereits geöffneten Burgunders und der Frühling kann kommen.

www.nettespargel.de/erzeuger/schroemges.html