Angewandte Medienmacht: Digitale Kommunikation und Möhren
Veröffentlicht: März 21, 2011 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik | Tags: carrotmob, digitale kommunikation, Köln, möhren, medienmacht, minipaprika, schweinebäckchen, szechuan 2 KommentareDer Begriff der Autopoiesis ist ein hübscher, Selbstreferentialität jedoch im eigentlichen Sinne meine Sache nicht. Dennoch durchbreche ich heute einmal mein Prinzip der Abschottung dieses privaten Blogs von anderem, dem Gelderwerb geschuldeten Tun. Und verlinke mich selber:
Gestern war meine Küche im übrigen Schauplatz der ersten Schweinebackenverarbeitung meines Lebens. Das Ergebnis war großartig:
Geschmorte Schweinebäckchen mit gebratenen Minipaprika und Szechuan-Bandnudeln – Rezept folgt.

Schweinebäckchen
Matzen, Bochum
Veröffentlicht: März 20, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik 5 KommentareMatzen ist nicht nur ein Ortsteil der Eifel-Metropole Bitburg, sondern auch die eingedeutschte Bezeichnung (jiddisch: mátzes) der traditionellen ungesäuerten Brote, die gläubige Juden gemeinhin an Pessach (2011: 19.-26. April) essen, in Erinnerung des Auszugs von „Gottes Volk“ aus Ägypten. Lang ist’s her – und doch ist die Befreiung von Sklaverei in der Levante aktuell wie zu Zeiten Ramses II.
Seit Mitte letzen Jahres betreibt die jüdische Gemeinde in Bochum ein Restaurant gleichen Namens. Eher ein Bistro, mit entsprechend ungezwungenem Ambiente, offen, lebhaft und doch intim, ist es als Teil der Synagoge Treffpunkt der zumeist dem osteuropäischen Raum entstammenden Gemeindeglieder und – um es vorweg zu konstatieren – neuer kulinarischer Stern am Ruhrgebietshimmel. Aufmerksam geworden durch den Bericht eines dortigen Bloggers war der Ausflug in die Stadt mit der etwas anderen Königsallee („wo das Herz noch schlägt“) Genuss, erfreuliche Rückbesinnung und Ärgernis zugleich.

Freundlicher Gruß mit Matzen, Hefebrötchen und Hommos
Um mit dem Negativen zu beginnen: Der dekorative wie sinnfreie Einsatz von Grünzeug auf Tellern ist in meinen Augen meist eine lässliche Sünde. Doch warum Küchenchef Dimitri Markmann unter jede seiner grandiosen Mezze substanzlose Salatblätter packt, ist unverständlich, ja ärgerlich. Bei den vorzüglichen Auberginenröllchen – mit Frischkäse, saurem Gemüse und einer Fischmousse gefüllt – die zusammen mit einem in Quarkölteigkörbchen gefüllten, fein abgeschmeckten Auberginenragout serviert wurden, geht dadurch einiges an Präzision verloren. Reduktion auf dem Teller hätte ich mir auch bei den mit mariniertem Gemüse gefüllten Blinzen, die mit delikat sauer eingelegten Champignons auf den Tisch kamen, gewünscht. Schließlich hätte der „Jiddische Vorschmack“ auch optisch durch ein „Weniger“ statt „Mehr“ in der Anrichtung gewonnen. Geschmacklich, kochtechnisch und texturell war das jedoch ein grandioser Auftakt, zu dem ich mir im Übrigen einen spannenden halbtrockenen israelischen Riesling als Begleitung wählte. Das lokale Fiege-Pils passt aber auch perfekt.

Was ich im Matzen aß
Die Hauptspeisen konnten das Niveau nicht ganz halten. Dennoch war alles gut, was uns die nette Nachwuchsbedienung servierte. Der „Gefillte Fisch wie bei jiddischer Mama“ wurde von zu kühlen Bratkartoffeln und lauwarmen, säuerlichen Gemüsen begleitet und war eine 1a Fischfrikadelle. Von zarter Konsistenz und schlüssiger Aromatik waren es gebratene Teile (mit einem Rest Fischhaut unterlegt) – ich bevorzuge die klassisch pochierte Variante. Hinter dem Namen „Jarkoye“ vergarg sich ein kräftiges Rindsragout im Pflaumensugo, eine Art jiddisch Gulasch. Hierzu hätte ein Pilaw gut gepasst, doch auch die Standardbeilagen Kartoffeln und Sauergemüse störten nicht. Als letztes Erwähnung finden soll der Tscholent, ein Shabbattopf aus Gemüse, Rindfleisch und Graupen, der ob seiner deftigen Wucht nicht in eine Menufolge passte, aber durchaus winterlichen Charme versprühte.
Aufgrund der späten Stunde (und auch dem limitierten Angebot geschuldet) verzichteten wir auf’s Dessert. Gut genährt, wohl gelaunt und in der Gewissheit, diesen besonderen, direkt neben dem Planetarium gelegenen, Ort nicht das letzte Mal besucht zu haben, machten wir uns auf den Heimweg. Da ich chauffiert wurde, hatte ich die Muße, Geoff Berners Lied vom glücklichen, Gott verdammten Juden anzustimmen.
Muurejubbel, Apfelessig und Julia A. Noack
Veröffentlicht: März 12, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Musik, Niederrhein 8 KommentareIch esse alles außer gekochten Möhren! Gut, die Nummer mit den 1000jährigen Eiern im Zug von Da Nang nach Nha Trang war auch schwierig – aber Kochkarotten gehen gar nicht. Dieser süßliche, leicht muffige Geschmack samt zerfallender Konsistenz evoziert in mir stets eine Ahnung von Vergänglichem, Verwesung. Kindheitstrauma ist ein Gericht namens „Möhren durcheinander“ – ein Eintopf mit Kartoffeln und Rindsbeinscheibe, der ohne Gewürze auskommt und sich als eine Art orangebrauner Matsch präsentiert. Als Kleinkind bin ich zudem einmal ein Möhrchengläschen tragend die Kellertreppe hinuntergefallen und hatte dann die Glasscherben in der Hand stecken und die Pampe im Gesicht. Das nur als Erklärungsansatz.
Allerdings sind Möhren regionales Nationalgemüse und der Ort, in dem ich wohne, für eigene Züchtungen bekannt und für das in der Überschrift genannte Gericht. Und da ich selten locker lasse – auch nicht bei eigenen Defiziten – versuche ich es Hin und Wieder mit einer kulinarischen Konfrontationstherapie. Also wurde die heutige Begegnung mit Söötelsche Muure (vielleicht waren es auch Lobbericher) auf dem Markt zum Anlass genommen, das traditionelle Rezept nachzuempfinden.

Gelbe rheinische Möhren
Ein gutes Stück hoher Rippe samt Knochen kurz in kochendes Wasser halten und dann in neuem Topf mit kaltem Wasser bedeckt mit einer Petersilienwurzel und einer Zwiebel aufsetzen. Wenn die Flüssigkeit zu kochen beginnt, die Hitze zurückschalten und eine Stunde mit einem Lorbeerblatt sowie einigen Pfeffer- und Pimentkörnern simmern lassen. Nun grob gewürfelte gelbe Möhren und ein bis zwei mehligkochende Kartoffeln (heute: Marabelle) zugeben, nach einer weiteren halben Stunden salzen. Den Herd ausschalten und das Ganze mindestens 20 weitere Minuten ziehen lassen – eigentlich wäre dies nun der Moment, reichlich Liebstöckel beizufügen, doch gibt der Garten noch nichts her. Stattdessen Lauchgrün. Das Finishing ist simpel, aber entscheidend: Einen Esslöffel Kempener Apfelessig in einen großen Suppenteller, darauf zwei Kellen Jubbel und etwas gehackte Petersilie. Letztere ist für’s Auge – ersterer für den Möhrenfeind. Denn drei Faktoren machen diese Speise für mich genießbar. Das Ergebnis ist mehr klare Suppe mit Einlage als Eintopf, die apfelige Säure vertreibt alles Modrige – und die Tatsache, dass gelbe Möhren deutlich weniger aromatisch sind als orangefarbene.

Söötelsche Muurejubbel
Die Niederrheinerin Julia A. Noack ist mit ihrer bisweilen spröden Vortragskunst und der leicht brüchigen Stimme eine perfekte popkulturelle Vertreterin ihrer Heimatregion, auch wenn sie inzwischen in Berlin wohnt und wirkt. Momentan übrigens auf Deutschlandreise.
Schweinhack mit Wirsing und Möhre (Mandu revisited)
Veröffentlicht: März 3, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Weltweit | Tags: koreanisch, mandu, Möhre, Radicchio, Schweinhack, Wirsing 4 KommentareAm Tag der großen Mandu-Produktion kam nach den mittäglichen Mul Mandu abends dies hier auf den Tisch:

Koreanisches Zweierlei vom Schweinehack mit bittersüßem Radicchio
Neben den klassischen Nudeltaschen enstanden aus dem üppigen Rest der Füllung Asia-Bouletten. Hierzu habe ich lediglich ein Ei beigemengt und Tischtennisball große Kugeln in Panko gewälzt und fettgebacken. Ein guter Kontrast entstand beim Verzehr: Prinzipiell dasselbe (teigummantelte Fleischklopse) schickte die Geschmacksphantasie beim Beißen und Kauen und Schlucken in völlig verschiedene Richtungen. Krosse Kruste gegen seidigweiche Hülle – ein feiner Zweikampf, der unentschieden endete. Wie ich auf die Idee kam, geschmorten und mit Tamarindenmus, Thai-Chili und Ketjap Manis gewürzten Radicchio dazu zu reichen, weiß ich nicht. Eine situativ perfekte Idee – deren Wiederholung jedoch in den Sternen der angewandten Küchenanarchie steht.
Song of the day: Kyla La Grange – Courage
Mul Mandu
Veröffentlicht: Februar 28, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Weltweit | Tags: ingwer, korea, mandu, nudeln, teigtaschen 8 KommentareAls altgedienter Connaisseur asiatischer Kochkunst und relativ frischgebackener Eigentümer einer italienischen Nudelmaschine war das kürzliche Stolpern über ein Mandu-Grundrezept Stimulanz genug, mich einmal selbst an diesen koreanischen Teigwaren zu versuchen. Es folgte eine ruhige, ausufernde Arbeit. Meditativ. Das Kneten. Das Kurbeln. Füllen, verkleben. Brühe bereiten, Mandus garen. Stundenlanges Tun. Für einen kurzen Moment voll Genuss. Gut.

Mandus in klarer Ingwer-Hühnerbrühe
Wo ich abwich von der Vorgabe von Miss Boulette:
Mehr Wasser (180 ml); dem Teig gönnte ich vor dem Ausrollen 2-3 Stunden Ruhe, zum Entspannen; keine Halbmonde; kein Tofu (vergessen).
Was ich mit den anderen, dutzenden Teigtaschen machte und mit der dann immer noch überreichlich vorhandenen Fülle und dem Radicchio, den ich dazu gekauft hatte, beschreibe ich beim nächsten Mal. Dies hier verdient einen puren Post!

Mandu - ohne Rotstich. Stattdessen mit etwas Sojasauce.
Lauwarme, geräucherte Forelle und erbsgrüne Schifflein
Veröffentlicht: Februar 27, 2011 Abgelegt unter: Gedankenstrom, Kulinarik, Musik, Niederrhein | Tags: Forelle, geräuchert, Laurie Anderson, Pancake Breakfast, pea green boat, Portland 2 KommentareAm Anfang war kein Wort, sondern eine Photographie.

Forellengerippe
Zugegeben, keine massentaugliche Ästhetik, auch eher ein kunsthistorisches Zitat als schöpferischer Akt – aber immerhin verbunden mit der Gewissheit, dass dies Tier sein Leben gab mit einem gewissen Nachhall. So sei hier einer sonntäglichen Wanderer-Einkehr-Mahlzeit ein Denkmal gesetzt.
Im Buchenholz lauwarm geräucherte Forelle aus eigenem Teich wurde gereicht mit Reibekuchen und frischem Apfelmerettich – und zwar hier und so.

Geräucherte Forelle mit Reibekuchen
Auf seltsam verworrenem Wege landeten bei der Bildbetrachtung meine Gedanken bei der großen Artistin Laurie Anderson. Vielleicht, weil ich eine Textzeile von ihrem 1994er Album Bright Red im Ohr zu haben glaubte – in der es um das Gefühlsleben von Fischersleuten geht. Vermeintlich – denn der Song heißt eigentlich „Love among sailors“ und viel besser fand ich damals „Beautiful pea green boat“, wie ich mich jetzt wieder erinnerte. Dank einer kurzen Recherche in einer nicht ganz unbedeutenden Online-Videodatenbank bin ich dann mal wieder in meiner Lieblingshafenstadt Portland, Oregon, gelandet und bei der dort ansässigen Folktruppe Pancake Breakfast, die einen gleichnamigen Track auf der Setlist haben. Von Forelle zu Frühstück, Fischern zu Folkmusik – kulinarokultureller Assoziationsrahmen, hermeneutisch gezirkelt. Mahlzeit!
Dim Sum, Filmkunst und Jugo-Ska
Veröffentlicht: Februar 23, 2011 Abgelegt unter: Kulinarik, Niederrhein | Tags: brunnenstraße, düsseldorf, Dim Sum, dimsum, metropol, picco, trovaci, Yau Choi Lau 3 KommentareAufgrund akuter Beitragsabsenz zum eigentlichen Kernthema dieses Blogs heute also ein paar Sätze zu kulinarokulturellen Ausnahmeorten am Niederrhein. Wobei es sich fast schon um einen einzigen Ort handelt – liegen doch das beste Arthouse-Kino und der spannendste Chinamann dieser Region einander schräg gegenüber, in der Brunnenstraße in Düsseldorf. Das Filmtheater heißt Metropol, ist herrlich altmodisch, programmiert ambitioniert und existiert seit nunmehr über 70 Jahren. Der Chinese führt den Namen Yau Choi Lau und sein Etablissement schlicht und trefflich Dim Sum Bistro.

Dim Sum Bistro bei Nacht
Einschlägige Gourmetführer hatten den Meister schon in seiner letzten Station, dem Shanghai, reichlich mit Lobpreis bedacht. Nun macht er aus einer ehemaligen Imbissbude ein Vorspeisenparadies – wegen dieser Dim Sum lasse ich alle Tapas, Mezze, Antipasti stehen. Auch das an der längsten Theke der Welt eigentlich bevorzugte (und tatsächlich meist vorzügliche) Sushi ist deutlich weniger komplex. Was vor allem an der Zubereitungsart liegt, die die schonendste Erhitzung von hochwertigen Zutaten darstellt: Dem Dämpfen (Seltener werden die Dinger auch fettgebacken.).
Völlig bescheuert ist natürlich folgende Aussage auf der Website des Asiabistros: „…man kann sie (Dim Sum) leicht zubereiten oder als Fertiggericht im Asia-Shop oder exclusiven Lebensmittelabteilungen kaufen“. Denn nur frisch aus dem Dampf auf den Tisch sind die gefüllten Teiglinge eine Offenbarung. Mit dem richtigen Dip oder in sämiger Sauce gebadet präsentiert sich nach dem Stäbchenbalanceakt ein Texturengewitter allerfeinster Wucht. Ob Rettichkuchen, um riesige Garnelen gerollte frische Reisnudeln, Hühnerfüße in Sojasauce, Hefeklöße mit pilzlastiger Gemüsefüllung oder Seetangrollen mit Schweinefleisch – jeder Bissen ein Erlebnis, alle Kreationen Genuss. Und das ist nur eine Auswahl der traditionellen Gerichte.
Herr Lau bietet zudem „Kreative Dim Sum“ mit bisweilen wilden Mischungen – wer bei ihm einmal dampfgegarte Jakobsmuscheln aß, wird sie anders zubereitet fortan weniger mögen – und auch eine Reihe klassischer Hauptgerichte. Schweinerippchen und die hausgemachte Pekingente in Orangensauce sind hierbei Highlights. Im Kino wurde hernach „Picco“ gegeben – schwere, aber ordentliche Kost.
Dazu serviere ich mit Trovači Jugo-Ska aus der Landeshauptstadt mit Grillen am Rhein.
